Skip to main content

Full text of "Ruth Erzählung"

See other formats


Ruth; 
Erzählung 


1 


I. lothog' 
Scllevue 


Ruth. 


verlag der J. G. Cotta'ſchen Buchhandlung Kachjolger in Stuttgart. 


Andreas: Salome, Lou, Ruth. Erzählung. 
Bourget, Paul, Das gelobte Land. Roman. 
Ebner ⸗Eſchenbach, m. v., Erzählungen. 

— — Bozena. Erzählung. 2. Auflage. 

—,— Margarete. 3. Auflage. 

Sulda, £., Die Sklavin. Schauſpiel. 2. Aufl. 
—,— Das verlorene Paradies. Schauſpiel. 


—„— Ter Talisman. Dramat. Märchen. 12. Aufl. 


-„— Lebensfragmente. Zwei Novellen. 
—,— Die Kameraden. Luſtſpiel. 2. Auflage. 
Bött, Emil, verbotene Sruͤchte. Luſtſpiel. 
Zeyſe, Paul, Neue Novellen. 7. Auflage. 
Hopfen, Hans, Der letzte Hieb. 2. Auflage. 


Junghans, S., Schwertlilie. Roman. 2. Aufl. 
Kirchbach, W., Miniaturen. Fünf Novellen. 


Lindau, Rudolf, Martha. Roman. 
madach, E., Die Tragoͤdie des Menſchen. . Aufl. 


Mauthner, Sritz, Hypatia. Roman. 2 Auflage. 


Petri, Julius, Pater peccavi! Roman. 


Pohl, Emil, Dafantafena. Drama. 3. Auflage. 


Schunſui, Tamenaga, Treu bis in den Tod. 


Sudermann, 5., Srau Sorge. Roman. 29. Aufl. 


— Geſchwiſter. Zwei Novellen. 13. Auflage. 


. 

—— Der Katenfteg. Roman. 23. Auflage. 
—,— Im Zwielicht. 17. Auflage. 

—,— Jolanthes gochzeit. Erzählung. 17. Aufl. 
—,— Es war. Roman. 17. Auflage. 

—,— Sodoms Ende. Drama. 16. Auflage. 
—,— Die Ehre. Schauſpiel. 15. Auflage. 


Heimat. Schauſpiel. 16. Auflage. 


—,- Schmetterlingsſchlacht. Komödie. 5. Aufl. 


Telmann, K., Trinacria. Siziliſche Geſchichten. 


Wereſchagin, W., Der Kriegskorreſpondent. 


Widmann, J. V., Touriftennovellen. 
—,— Jenſeits von Gut und Böſe. Schauſpiel. 


Wilbrandt, A., Der Dornenweg. Roman. 3. Aufl. 


—,— Novellen aus der Heimat. 3. Auflage. 

—,— Hermann Ifinger. Roman. 3. Auflage. 
—„ — Meiſter Amor. Roman. 2. Auflage. 
—,— Die Oſterinſel. Roman. 2. Auflage. 
—.— Der Meifter von Palmyra. 4. Auflage. 
Wildenbruch, E. v., Schweſter⸗Seele. 8. Aufl. 


Geh. M. 3.50. Geb. M. 
Geh. M. 3.— Geb. M. 
Geh. M. 3.50. Geb. M. 
Geh. M. 3.— Geb. M. 
Geh. M. 2.— Geb. M. 
Geh. M. 2.— Geb. M. 
Geh. M. 2.— Geb. M. 
Geh. M. 2.— Geb. M. 
Geh. M. 2.— Geb. M. 
Geh. M. 2.— Geb. M. 
Geh. M. 1.50. Geb. M. 
Geh. M. 3.50. Geb. M. 
Geh. M. 2.50. Geb. M. 
Geh. M. 4.— Geb. M. 
Geh. M. 4.— Geb. M. 
Geh. M. 5.— Geb. M. 
Geh. M. 3.— Geb. M. 
Geh. M. 3.50. Geb. M. 
Geh. M. 3.— Geb. M. 
Geh. M. 2.— Geb. M. 
Geh. M. 3.— Geb. M. 
Geh. M. 3.50. Geb. M. 
Geh. M 3.50. Geb. M. 
Geh. M. 3.50. Geb. M. 
Geh. M. 2.— Geb. M. 
Geh. M. 2. — Geb. M. 
Geh. M. 5.— Geb. M. 
Geh. M. 2.— Geb. M. 
Geh. M. 2.— Geb. M. 
Geh. M. 3.— Geb. M. 
Geh. M. 2.— Geb. M. 
Geh. M. 4.— Geb. M. 
Geh. M. 2.— Geb. M. 
Geh. M. 4.— Geb. M. 
Geh. M. 2.— Geb. M. 
Geh. M. 3.50. Geb. M. 
Geh. M. 3.50. Geb. M. 
Geh. M. 4.— Geb. M. 
Geh. M. 3.50. Geb. M. 
Geh. M. 4. — Geb. M. 
Geh. M. 3.— Geb. M. 
Geh. M. 4.— Geb. M. 


—+ Sn beziehen durch die meiſten Buchhandlungen 


Ruth. 


Erzählung 


von 


Lou Andreas -Salomé. 


Stuttgart 1895. 


Verlag der J. G. Lotta'ſchen Buchhandlung 
Nachfolger. 


Alle Rechte vorbehalten. 


Druck der Union Deutſche Verlagsgeſellſchaft in Stuttgart. 


Muschka 


gewidmet. 


1. 


In der Morgenſtille war nichts vernehmbar als 
das helle, langgezogene Trillern der kleinen Buchfinken 
im jungen Birkenlaub. Die breite, ungepflaſterte Straße, 
die ſich, nicht weit von der ruſſiſchen Hauptſtadt, in der 
Richtung der finnländiſchen Bahnlinie ins flache Land 
erſtreckte, lag einſam im Frühnebel da. Dann holperte 
ein Leiterwagen, mit einigen Möbelſtücken bepackt, ſchwer— 
fällig des Weges; der Fuhrmann kletterte von ſeinem 
Sitz, warf den kurzen Schafspelz von den Schultern, und, 
im roten Hemde neben ſeinen beiden magern Gäulen 
hergehend, ſtimmte er eine Volksweiſe an, die ſchwer— 
mütig in den Vogelgeſang hineinklang. 

Hinter den Birken tauchte hie und da ein Landhaus 
auf, meiſt ein Holzbau, mit geſchloſſenen Fenſterläden und 
bretterverſchlagener Balkonthür; oder es ſchimmerte ein 
Garten hervor, in dem man eifrig beſchäftigt war, das 
Winterlaub zuſammenzukehren und die Beete für den 
Sommer in ſtand zu ſetzen. Aber erſt nach Beginn der 
ſtädtiſchen Schulferien wurde es in dieſer Gegend lebendig. 

Der Möbelwagen hielt vor einem Hauſe, das ganz 
abſeits, weit entfernt von jeder Nachbarſchaft, zwiſchen 
niedrigem Weidengebüſch und etwas feuchtem Wieſengrund 


wi en 


lag. Es war nicht ſonderlich groß, beſaß aber den 
ſchönſten Garten von allen. Die Frühlingsbäume, die 
es umſtanden, breiteten einen zarten, bräunlichen Schleier 
darüber, und rings über den verwitterten Lattenzaun 
drängte ſich der Flieder in hellgrünen Blattknoſpen. 

„Die Pforte von außen aufſtoßen!“ ſchrie eine ver— 
gnügte Stimme in gebrochenem Ruſſiſch dem Fuhrmann 
entgegen, und gleich darauf kam ein halbwüchſiger Knabe 
durch den Garten gelaufen. Langſam bewegte der Wagen 
ſich über den Kiesweg bis hinter das Haus, wo einige 
Stufen zur offenen Terraſſe mit der Eingangsthür empor— 
führten. 

Eine ältliche Magd, mit einer ſonderbaren Frieſen— 
haube auf dem Kopf, wartete ſchon unten, griff kräftig 
mit an und ließ die abgeladenen Möbelſtücke in dem 
Wohnzimmer niederſetzen, das mit ſeinem breiten Fenſter 
auf die Terraſſe hinausſah. Im Wohnzimmer ſtand die 
Thür zu einem kleinern Nebengemach auf, das bereits 
vollſtändig eingerichtet zu ſein ſchien. Von den Sachen, 
die man, beim Auszug aus der Stadtwohnung, im ge— 
mieteten Landhauſe vorrätig gefunden hatte, war offenbar 
alles Beſte und Bequemſte hier zuſammengetragen worden, 
um Ordnung und Gemütlichkeit zu ſchaffen. 

An der Thür, auf einem deckenumhangenen Ruhe— 
bett, lag eine bleiche, nicht mehr junge Frau, deren 
feine Geſichtszüge jedoch Spuren ungewöhnlicher einſtiger 
Schönheit zeigten. Unter halbgeſenkten Augenlidern folgte 
ſie aufmerkſam jeder Bewegung der Kommenden und 
Gehenden. 

Da vernahm ſie von der Terraſſe her eine Stimme, 
bei der ein Lächeln durch die großen blauen Augen ging. 


TE 


„Erik!“ rief fie bittend, „komm doch her zu mir. 
Komm doch her.“ 

Er ſtand vor dem Terraſſenfenſter, in dunkler 
Morgenjoppe, die Hände in deren Seitentaſchen verſenkt, 
zwiſchen den Zähnen eine Cigarette. Auf den Zuruf 
ſeiner Frau wandte er ſich um und ging über den Flur 
in das Zimmer. 

Ihr ſchien immer: ein Strom von Leben käme mit 
ihm, wenn er ſo zu ihr trat. 

„Nun, Bel,“ ſagte er heiter, „du ſollſt ſehen, jetzt 
bricht die Sonne durch den Nebel, und dann trage ich 
dich in den Garten hinaus. Deinen großen Liegeſtuhl 
haben wir ſchon dort hinten am Springbrunnen auf: 
geſtellt.“ 

Sie ſchüttelte den Kopf. 

„Ich habe keine Ruhe draußen, ſolange hier alles 
noch in ſolcher Verwirrung iſt. Wie mag es nur in 
deinen Zimmern ausſehen, Erik? Seitdem wir geſtern 
herkamen, habt ihr nur für mich geſorgt. Ach, weißt 
du, das iſt das Schlimmſte: im ganzen Leben wird nichts 
mehr recht ordentlich werden. Alles wird herumliegen.“ 

„Aber, Bel!“ verſetzte er ſpottend, „welchen Sinn 
hätte es auch ſonſt, aufzuräumen? Was ſind das für 
Sorgen und Schmerzen!“ 

Doch Klare-Bel ſtimmte in den ſcherzenden Ton 
nicht mit ein, ſondern ſah betrübt vor ſich hin. Da fügte 
er ungeduldig hinzu: „Damit mußt du dich ernſtlich ab— 
finden. Nicht immer wieder davon anfangen. Sicherlich 
biſt du dazu geſchaffen, als die peinlichſte aller Haus— 
frauen hinter der blitzendſten aller Theemaſchinen zu ſitzen, 
und mußt nun ſtatt deſſen, jahraus, jahrein, daliegen 


a 


und es unthätig mit anſehen, wie deine beiden männ⸗ 
lichen Hausfrauen, Jonas und ich, es ſorglos treiben. 
Das iſt ſchwer, ich weiß. Es iſt ſchwer, ſein Talent zu 
unterdrücken. Aber es kann dir nicht erſpart werden, du 
mußt es endlich überwinden.“ 

„Jonas könnte mir darin faſt wie eine Tochter ſein, 
Erik, wenn du nur wollteſt.“ 

„Daß er wie eine Tochter iſt? Nein, natürlich will ich 
das nicht. Wie kannſt du nur ſolchen Unſinn ſagen, Bel.“ 

„Es iſt kein Unſinn, Erik. Du biſt ſo ſtreng gegen 
ihn, und daher iſt er gegen dich oft ſchüchtern, geht nicht 
recht aus ſich heraus. Aber mir zu dienen macht ihm 
Freude, — auch in den häuslichen Dingen. Kannſt du 
mir dieſe Freude nicht laſſen?“ 

„Nein,“ ſagte er kurz, „nicht ſo, wie du es meinſt. 
Ich wünſche nicht, daß er verweiblicht wird. An mir iſt 
es, dir zu dienen —“ 

Er brach ab, weil die Magd hereintrat; fie wollte 
den Fuhrmann ablohnen. 

Erik legte Geld auf den Tiſch, der, noch ſtaubig, in 
die Mitte der Stube geſetzt worden war. 

„Dies iſt das Trinkgeld, Gonne. Nein, es iſt nichts 
darauf herauszugeben. Wenig genug für viel Arbeit.“ 

Als ſie hinausgegangen war, blickte er mit einem 
unterdrückten Lächeln in den Geldbeutel und dann zu 
ſeiner Frau hinüber. 

„Wir haben entſetzlich viel Geld, Bel. Natürlich. 
Wer ſollte es uns auch in dieſem Winkel abnehmen. 
Nicht wahr?“ 

„Ach, Erik, das kann doch gar nicht ſein. In dieſem 
„Winkel! haben wir uns eins der teuerſten Landhäuſer 


8 


ausgeſucht. Ich habe ja nichts dagegen zu ſagen gewagt. 
Aber wenn du wüßteſt, wie es mich im ſtillen drückt. 
Denn du biſt es ja, der ſeine ganze Kraft aufwenden 
muß, um das viele Geld zu verdienen.“ 

„Meine ganze Kraft aufwenden!“ wiederholte er 
langſam, „wie ſchade iſt es doch, Bel, daß es nicht wahr 
iſt. Ich glaube faſt, das wäre ſo ſchön, daß ich's ſogar 
umſonſt thäte! Es dürfte dann freilich nicht bei den paar 
armſeligen Schulſtunden bleiben. — Nein, du, in dieſem 
heiligen Lande vergeſſe ich bald, daß ich überhaupt Kraft 
aufzuwenden habe. Und da wollen wir uns doch wenig— 
ſtens des Lebens freuen, wenn — ich Geld habe. Sind 
wir nicht ganz eigens dazu vor einem halben Jahr hier— 
her gepilgert?“ ö 

Sie hörte nicht die Ironie aus ſeinem Ton heraus. 

„Nun ja, Erik, es iſt nur gut, daß dir immer alles 
zu leicht und zu wenig ſcheint,“ ſagte ſie, „du haſt eine 
ſolche merkwürdige Friſche. Aber ich wüßte doch wahr— 
haftig nicht, wo du beim beiten Willen noch mehr Schul: 
ſtunden hineinſtopfen könnteſt?“ 

Ein Zug von Pein ging über ſein Geſicht. Er ant— 
wortete nicht, ſondern kehrte ſich ab und lehnte ſich in 
das breite Fenſter des Wohnzimmers. Jonas war aus 
dem Garten hereingekommen, blieb neben dem Vater 
ſtehen und blickte hinaus. 

Draußen kämpfte der letzte Nebel gegen die Mai— 
ſonne; man konnte in der Tiefe des Gartens einzelne 
Obſtbaumgruppen unterſcheiden, in deren Mitte ein zu— 
ſammengebrochener Springbrunnen ſtand. Im Hinter— 
grunde ſchloß ein kleines Gehölz von Birken, Pappeln 
und Weiden, an denen noch die Kätzchen niederhingen, 


— 10 Re 


die Ausſicht ab. Näher zum Hauſe ſtreckten ein paar 
mächtige Ulmen ihre Zweige bis über das Dach. 

Süß und laut ſchlug den beiden am Fenſter die 
erſte Nachtigall des Jahres entgegen. Einen Augenblick 
lauſchten ſie ſtumm. 

Wie die Geſichter von Vater und Sohn einander 
ſo nahe gerückt waren, fiel die Aehnlichkeit zwiſchen ihnen 
auf; ſie trat noch ſtärker dadurch hervor, daß Erik ſich 
bartlos trug. Derſelbe blonde Kopf, breit ausgebaut in 
Stirn und Schädelform, dieſelbe ein wenig ſtumpf ab— 
ſchließende Naſe und derſelbe große, im Sprechen und 
Lachen ſehr ausdrucksfähige Mund. Aber dieſe ein wenig 
groben Züge bedurften ſichtlich mancher Jahrzehnte, um 
durchgeiſtigt und feſſelnd zu wirken. Eriks Züge waren 
beredt geworden in all jenen feinen Linien und Schatten, 
die ihnen erſt ſeeliſchen Reiz verliehen, als die Jugend 
von ihm ging. Jonas dagegen beſaß noch ein friſches 
Apfelgeſicht, das in ſeiner vollendeten Harmloſigkeit ihn 
oft minder geweckt erſcheinen ließ, als er wirklich war. 
Schön konnte man an ihm nur die großen Blauaugen 
der Mutter finden, und deren blendende Haut, die nur 
das Krankenlager an ihr entfärbt hatte. 

Klare-Bel lag ſtill und blickte auf ihre beiden liebſten 
Menſchen. In ihren Gedanken ſah ſie Jonas ſchon heran— 
gereift zu der hochgewachſenen Geſtalt ihres Mannes; ſie 
glaubte im Knaben ihn wiederzuerkennen, ſo wie er da— 
mals war, als ſie ihn kennen lernte und er um ſie warb. 
Es war ja auch gar keine ſo bedeutende Anzahl von 
Jahren, die ihn damals von Jonas' Alter unterſchied — 
einundzwanzig Jahre zählte Erik erſt, als ſein Knabe ihm 
geboren wurde. Sie fühlte jedesmal eine kleine Regung 


111 


von Stolz, wenn ſie daran dachte. Hatte er ſich doch toll 
genug in ſie verliebt, um ſie, mitten in ſeiner leicht— 
lebigen Pariſer Studentenzeit, friſchweg vom Fleck zu 
heiraten! Er, der begabte, ehrgeizige, früh weltmänniſch 
geſchulte Mann band ſich an ſie, das einfache Kinder— 
fräulein, das nur der Glücksfall einer günſtigen Stellung 
aus ihrer kleinen holländiſchen Vaterſtadt Haarlem in die 
vornehmen Geſellſchaftskreiſe von Paris geführt hatte. Die 
fremden Kinder an der Hand, hatte ſie bewundernd in den 
Salon gelugt, in dem er verkehrte. Später gingen ſie von 
Paris nach Deutſchland und nach England und lebten ein 
paar Jahre von dem ganz geringen Vermögen, das ſchnell 
verbraucht war. Eriks Studien waren breit angelegt 
geweſen, ſie ſollten Geiſtes- und Naturwiſſenſchaften gleich— 
mäßig umfaſſen, aber als Jonas zwei Jahre alt wurde, 
da galt es, ſich mit eiſernem Fleiß zu konzentrieren und 
abzuſchließen, um Brot zu erwerben. Eine kleine Lehr— 
ſtelle bot ſich ihm, ganz aus der Welt, weit draußen im 
Meer, auf einer frieſiſchen Inſel. Klare-Bel freute ſich 
im Grunde, daß ihre verrückte, glückliche Studentenehe in 
ſo ſtille, geordnete Verhältniſſe mündete, aber für Erik 
that es ihr leid. Denn erſtens war er ſicherlich zu viel 
Größerem berufen, als zu dieſem abhängigen Stillleben 
für Weib und Kind, und dann konnte ſie ihn ſich auch 
gar nicht anders vorſtellen, als im ungeheuren Rahmen 
einer Weltſtadt und im vollen Verkehr mit einer ge— 
bildeten, raffinierten Geſellſchaft, die ihn fortriß, und die 
er fortriß. Wie ſie ihn zuerſt unter den einfachen Men— 
ſchen des Volkes daſtehen ſah, kam er ihr vor wie ein 
verzauberter Prinz. Aber ſie kannte ihn und zweifelte 
nicht: irgendwie werde er auch ſchon die Leute ver— 


zaubern, bis ſie ſeinen prinzlichen Anſprüchen beſſer ent: 
ſprächen. 

Zu ihrer Verwunderung kam es jedoch ganz anders. 
Erik lehrte niemand ſeine Art, wohl aber nahm er die 
der Leute an. Bald ſah man ihn ebenſo oft im Schiffer— 
wams und in Lederhoſen, wie in ſeiner frühern Kleidung. 
Seine Umgebung färbte ſo ſtark auf ihn ab, daß er 
geradezu echt in der Farbe erſchien. Aber die Folge 
war, daß er ſeine Umgebung beherrſchte. Er gab ſich 
nicht, wie Bel geſürchtet, Grübeleien über ſeine weit— 
ausſchauenden, ehrgeizigen Wünſche hin, vielleicht war er 
eine zu aktive Natur dazu. | 

Was es nur gab, raffte er zuſammen, um ſich in 
der Gegenwart voll zu bethätigen, und an die Zukunft, — 
an die glaubte er ſo feſt, wie ein Kind an Gott. 

Klare-Bel richtete ſich ein wenig höher auf in ihren 
Kiſſen und ſtützte den Kopf in die Hand. Weiter als 
bis hierher dachte ſie niemals. 

Ein Glanz froher Erinnerung lag auf ihrem Ge— 
ſicht, der es verjüngte. Die kunſtvoll geordneten Locken, 
die, ſtatt jeder feſten Friſur, dies Geſicht umrahmten, 
trugen noch dieſelbe wunderhübſche Goldfarbe wie damals. 
Nur am Hinterkopf waren ſie durch das lange Liegen 
dünn geworden, ja, dort hatte ſich ſogar eine ganz kleine, 
verheimlichte Glatze gebildet. 

„Jetzt müſſen wir in die Schule wandern, Jonas,“ 
bemerkte Erik und wandte ſich vom Fenſter. 

„Gehſt du heute zu den Mädchen, Papa?“ fragte 
der intereſſiert. 

„Ja. Aber deshalb brauchſt du mich nicht wieder 
am Thorweg der Mädchenſchule abzuwarten und dort 


— 13 — 


herumzulungern,“ verjegte Erik mit einem Seitenblid, 
der Jonas verlegen machte. Ohne ein Wort zu er— 
widern, trollte dieſer ſich aus der Stube. 

„Jonas fängt früh an! Er artet dir nach, Erik!“ 
ſagte Klare-Bel lächelnd, und als ſtände es mit ihren 
Worten in irgend einer Gedankenverbindung, griff ſie 
zwiſchen allerlei Sachen, die auf einem niedrigen Tiſchchen 
neben ihrem Ruhebett ſtanden, einen geöffneten Brief 
heraus. „Hier liegt noch die Einladung. Wenn du 
wirklich abſagen willſt, vergiß es nicht heute in der 
Stadt, oder gehſt du perſönlich vor?“ 

Er ſtreckte die Hand nach dem Brief aus und überflog 
ihn flüchtig. Es war eine kurze Einladung, unterſchrieben: 
Warwara Michailowna. Erik kniff das Papier zerſtreut 
in kleine Falten und warf es auf den Tiſch. 

„Ich möchte dich wohl was fragen, Erik.“ 

„Ja, Bel?“ | 

„Sage mir: gehſt du vielleicht nur deshalb nicht 
mehr in dieſen ganzen Kreis, weil ſie dir gefährlich ge— 
worden iſt?“ 

Er fing an zu lachen. n 

„Nein, Bel, darüber kannſt du ruhig ſein.“ 

„Aber hat ſie dich nicht doch einen Augenblick recht 
ſtark gefeſſelt?“ 

„Das hat ſie wohl. Das gelingt doch wohl jeder 
ſo reizenden koketten Frau.“ | 

„Junge Witwen hält man immer für kokett. Von 
Warwara würde ich es nicht denken. Glaubſt du das 
von ihr?“ 

Er ſah ſeine Frau verwundert an. 

„Ja, natürlich. Alle ſchönen Frauen ſind es. Auch 


u a. > 


iſt ihr nicht der geringſte Vorwurf daraus zu machen. 
Das gehört zu ihnen, wie die Schönheit. Das Gegenteil 
wäre faſt ſtilwidrig. — Und es iſt gut, — vielleicht ein 
Grund, warum die Schönheit keinen tiefern Schaden 
anſtiftet. Adieu, Bel: es iſt Zeit für uns zum Bahnhof.“ 

Sie hielt ihm das Geſicht zum Kuſſe hin. Wie er 
ſich aber zu ihr niederbeugte, umfing ſie ſeinen Hals mit 
beiden Händen und hielt ihn einen Augenblick, zu ihm 
aufſchauend, feſt. 

Er hielt geduldig ſtill. 

„Du!“ ſagte ſie lachenden Mundes, ließ ſich küſſen, 
und ließ ihn los. 

Erik und Jonas waren ſchon fortgegangen, und 
Gonne räumte eifrig und geräuſchvoll in den Stuben auf, 
als Klare-Bel noch über das letzte Geſpräch nachſann. 
Sie war wahrhaftig nicht grübleriſch und verſonnen an— 
gelegt; alles andre eher. Aber wenn man ewig ſo ſtill— 
liegen mußte, immer auf dem Rücken, und die Augen an 
der geweißten Zimmerdecke, ſo geriet man zuletzt auf alles 
mögliche, und auch auf das Nachdenken. An ſich ſelbſt 
dachte nun Klare-Bel eigentlich nie, ſtets nur indirekt. 
Sie kannte im Grunde nur drei ernſtliche, ſozuſagen 
hauptſächliche Gedanken, die Sammlung heiſchten: Erik, 
Jonas, und die gefürchtete Unordnung im Haushalt. Aber 
es war merkwürdig, wie viel man aus den dreien machen 
konnte, wenn man ſie geſchickt kombinierte. Man hätte 
meinen können, es ſeien tauſend. 

Erik hatte vorhin alſo geſagt: die Schönheit ſtifte 
keinen tiefern Schaden an. Ja, das war gewiß ein rechtes 
Glück. Denn Erik war ſehr empfänglich für die Schön— 
heit. Schon, als ſie noch geſund herumging, beunruhigte 


u, IR, = 


es fie. Sie ſelbſt war glücklicherweiſe ſehr ſchön, aber 
ſie war blond, und ihr ſchien es, als ob die Braunen ihn 
ebenfalls intereſſierten. Gewiß hatte er ſich ungezähltemal 
etwas verliebt. Aber nur ein einziges Mal erſchrak ſie, — 
ſchrak förmlich auf aus aller bisherigen Freude. Während 
des zweiten Jahres auf der Inſel. Da fing er an, ſie 
ſo viel allein zu laſſen; manchmal war es ihr, als ob ſie 
ihm nicht mehr wie ſonſt genüge. Er wurde auch wort— 
karger. Und endlich — ja endlich that ſie dann, was 
er nie im Leben erfahren durfte: ſie ging ihm heim— 
lich nach. 

An einem weichen, dunkeln Aprilabend war's. Das 
Meer lag regungslos, und am Himmel ſtand das erſte 
Frühlingsgewitter. Sie ſah ihn aus einem kleinen Hauſe, 
hart an der Düne, heraustreten und an ihr vorbei, in 
Gedanken verloren, heimgehen. In dem Häuschen wohnte 
die merkwürdigſte Frau auf der ganzen Inſel. Bei allen 
ſtand ſie in hohem Anſehen, wegen ihres Verſtandes, 
wegen ihrer Haltung in ſchweren und wechſelvollen Schick— 
ſalen, wegen eines ſeltenen Schatzes von Weisheit und 
Erfahrung, aus deſſen Fülle ſie ſchöpfte, wenn ein feiner, 
liebevoller Menſchenkenner ſie zum Sprechen brachte. 

Es war Frau Larſen, eine lahme, ſechzigjährige Frau. 

Seit dieſem Abend hegte Klare-Bel ein unbegrenztes 
Vertrauen zu ihrem Mann. — 

Erik verbrachte die erſten Morgenſtunden mit Jonas 
in deſſen Gymnaſium; gegen Mittag begab er ſich in die 
große Hauptſchule für Mädchen, die ziemlich entfernt lag. 

Er war in eine vorüberfahrende Pferdebahn ein— 
geſtiegen, und an einer der letzten Halteſtellen ſprang ein 
Kollege zu ihm ein. Dieſer ſah erhitzt aus, behielt nach der 


Begrüßung den Hut in den Händen und fächelte ſich mit 
dem Taſchentuch. f 
„Wie geht es, Herr Matthieur?” fragte er Erik, 
haſtig atmend, „hier in der Stadt iſt der Mai ſchon un— 
erträglich, — wirklich, — wenigſtens im Gehen. Und 
dabei wagt man nicht, den Sommerüberzieher abzulegen; 
jeden Augenblick erwartet man wieder von der Newa her 
einen eiſigen Windſtoß. Ohne Uebergänge, ohne Normal— 
temperatur. Ein mörderiſches Klima.“ 

Er begleitete ſeine Worte mit ſo vielen Geſtikula— 
tionen, daß man den Eindruck empfing, er werde ſich nie 
im Leben wieder abkühlen. Erik betrachtete mit raſchem 
Blick den ihm gegenüberſitzenden, ungefähr gleichalterigen 
Mann, auf deſſen entblößtes, bereits ſtark gelichtetes 
Haupthaar die grelle Maiſonne wie ſpöttiſch von draußen 
hereinſah. 

„Ob das meine Zukunft hier iſt? — der Mai unerträg— 
lich!“ dachte er, und ſagte laut: „Ich muß geſtehen, ich 
habe eine Schwäche für dieſen ruſſiſchen Frühling. Er 
mag unartig ſein, vielleicht launiſcher und gefährlicher wie 
jeder andre, aber dafür iſt er ein Wunder. Er zögert 
ſo lange und kommt dann ſo unerwartet und ſo unwahr— 
ſcheinlich ſchön, daß man ſeinen Augen nicht traut.“ 

„Ja, ja. Wenn man Augen dafür behalten kann. 
Ich reiſe nach Schulſchluß immer nach Deutſchland zurück 
und erhole mich von den ruſſiſchen Windſtößen und Ver— 
hältniſſen. Ich ſchreibe an einem Werk, — immer in den 
Ferien in Deutſchland. Das iſt meine Erholung. Da 
bleibt für den Sommer wenig übrig. So geht es uns 
eben allen — allen, die wir uns geiſtig überarbeiten 
müſſen.“ 


u. I 


Erik ſchwieg einen Moment, dann erwiderte er, wie 
wenn er einen ſtummen Gedanken beende, ruhig: „Ich 
weiß mich freilich nur ſehr zum Teil als Geiſtesarbeiter' 2 

„Ach, Sie meinen doch nicht, weil Sie da drüben, — 
weil Sie etwas lange in ländlichen Verhältniſſen —? 
aber ich bitte Sie, bei Ihrem Wiſſen und Ihrer Bega: 
bung! Warum ſollten Sie nicht auch noch ein Werk 
ſchreiben?“ 

Erik lachte. 

„Nein, jo meinte ich es nicht. Nicht daß ich drüben viel- 
leicht ein wenig verbauert ſein könnte. Nicht den Mangel 
an Büchern. Denn wir — der Lehrer vor allen Dingen, — 
arbeitet doch vorwiegend mit Menſchenmaterial. Wir ge— 
hören ſchon einigermaßen außerhalb der Gelehrtenſtube, 
ſcheint mir. Mitten in das Leben hinein.“ 

„Hm!“ machte der Kollege, „ich finde, an die Men: 
ſchen kommt man doch nur ſehr oberflächlich heran. Es 
bleibt wirklich nur die Schreibtiſcharbeit. Aber ſagen Sie 
doch mal: man ſprach davon, daß Sie vor ein paar Mo⸗ 
naten eine Reihe von Vorträgen haben eröffnen wollen? 
Was war es damit?“ 

Eriks Augen verdunkelten ſich. 

„Nichts war es damit!“ ſagte er kurz, „man hat mir 
den Saal verweigert.“ 

„Sehen Sie, — ſehen Sie! das kommt von Ihrer 
unbequemen Auffaſſung des Lehrerberufs außerhalb der 
Arbeitsſtube. Man fürchtet, daß Sie ein wenig lebhaft 
werden könnten. Wir gehen hier ja eben alle mit ge— 
bundenen Händen, — Sie wiſſen's doch! Aber mit Einem 
ſollten Sie ſich wirklich tröſten: es gibt hier ja gar keine 


Menſchen, unter denen irgend etwas zünden und wirken 
Lou Andreas⸗Salome, Ruth. 2 


u 0 


kann. Es gibt nur das Volk, zu dem wir weder ſprechen 
dürfen noch können, — und ein Publikum, das ſich amü— 
ſieren will.“ 

Er hatte ſich in Eifer geſprochen. Erik antwortete 
nicht. Die Pferdebahn hielt und beide ſtiegen aus. 

„Nun haben Sie noch neue Stunden an der Mädchen— 
ſchule übernommen?“ nahm ſein Begleiter das Geſpräch 
wieder auf, und wie er jetzt langſam einherſchritt und das 
Straßenpflaſter durch ſeine Brille fixierte, ſah er ebenſo 
ſchwerfällig und verſonnen aus, wie vorhin haſtig und 
zerfahren, „ja, da möchte man Sie am liebſten für alles 
ausnutzen! Sie hatten dieſe Klaſſe ja erſt im Herbſt an— 
zutreten.“ 

„Es war aber Not am Mann. Auch wollte ich die 
Mädchen kennen lernen, Fühlung gewinnen, ehe ich ſie 
im Herbſt ganz übernehme.“ | 

„Nun, Sie werden es ſatt kriegen. Willen Sie, 
dieſes Geſchlecht iſt entſetzlich! Und nicht das geringſte 
Talent für Mathematik unter ihnen. Auch nicht das ge— 
ringſte. Rechnen können ſie alle nicht.“ 

„Gott ſei Dank!“ ſagte Erik. 

„Nein, nehmen Sie es nicht humoriſtiſch. Als 
Mädchenlehrer verlernt man das Lachen. Unmöglich ge— 
fallen Ihnen die Backfiſche in Ihrer Klaſſe?“ 

„Hübſche Mädels!“ entfuhr es Erik beinahe; als er 
aber die faſt bekümmerte Miene ſeines Begleiters ge— 
wahrte, verſchluckte er es noch rechtzeitig und erwiderte nur: 
„Sie bringen doch Anregung, Abwechslung. Sehen Sie, 
hier in meiner Lederrolle: ein ganzer Stoß Aufſatzhefte. 
Das kurioſeſte Zeug. Sie gehen noch auf meinen Vor— 
gänger zurück; ich ließ ſie mir nur geben, um mich zu 


=: 8: su 


orientieren. Auch habe ich eine wirkliche Merkwürdigkeit 
darunter gefunden.“ 

„Da bin ich nicht neugierig!“ verſicherte der Kollege 
von der Mathematik und kniff die Augen zu, „wahrhaftig 
nicht. Aber Sie ſind ein beneidenswerter Menſch. Von 
Ihrem Vorgänger weiß ich, daß dieſe blauen Aufſatzhefte 
ihm bisweilen noch des Nachts Alpdrücken verurſachten.“ 

„Das war nur gerechte Strafe!“ meinte Erik lachend, 
während ſie einen hohen Thorbogen durchſchritten und in 
das Schulgebäude eintraten, „warum gab er auch Auf— 
ſatzthemata, wie zum Beiſpiel das letzte hier: ‚Ueber das 
Glück.. Arme Mädels, die da in ſchönem Deutſch be— 
ſchreiben ſollen, was ſie doch noch gar nicht genoſſen haben.“ 

Sie blieben vor dem breiten ſteinernen Treppen— 
haus ſtehen, das von der Flurhalle zu den Klaſſen em— 
porführte. 

„Deutſch ſchreiben lernen könnten ſie doch jeden— 
falls daran, und das iſt ja wohl der Zweck,“ bemerkte 
der Kollege ſteif, denn die letzte Bemerkung hatte ihm 
höchlich mißfallen, „Ihr Vorgänger hat gewiß an kein 
Glück gedacht, zu dem man die Schule verlaſſen haben 
muß. — Aber hier trennen ſich wohl unſre Wege. Ich 
meine: wörtlich.“ 

„Alſo auf Wiederſehen!“ 

„Wünſche beſte ‚Anregung‘.” 

Erik ſtieg hinauf und ging durch den hohen Hallen— 
gang, an welchem die Klaſſenzimmer lagen. Er öffnete 
eines derſelben und blickte auf ſeine Uhr. Noch war die 
Frühſtückspauſe nicht vorüber. Die meiſten Mädchen hatte 
der Maiſonnenſchein in den großen Schulhof gelockt; man 
konnte ſie durch das offene Fenſter unten paarweiſe herum— 


Zu Di 


gehen und jpielen ſehen. Dicht unter dem Fenſter, an 
das er ſich ſetzte, ſtand der Brunnen mit einer Holzbank; 
dort machte es ſich eine Gruppe halberwachſener Mädchen 
bequem, — das Kichern und Schwatzen drang deutlich bis 
zu Erik herauf. 

In den umliegenden Klaſſen und auf dem Gang war 
es ganz ſtill; ſelten nur klappte eine Thür oder wurde 
ein Ruf laut. Auf den zur Hälfte niedergelaſſenen Fenſter— 
rouleaur brütete die Sonne und einzelne Brummfliegen 
ſurrten um ein paar Brotkrumen auf den ſtaubigen 
Pulten. 

Erik hatte die blauen Hefte hervorgezogen und blätterte 
darin, wobei er jedoch von Zeit zu Zeit einen Seufzer 
ausſtieß. Im Grunde waren dies wirklich recht lang— 
weilige Schulhefte. Solch ein Backfiſch iſt intereſſant, ohne 
Zweifel, er iſt als Menſch, als Weib, als Backfiſch inter: 
eſſant, und eine Welt für ſich; aber von alledem kommt 
in den Schulaufſatz nichts hinein. Kein Wunder! Iſt 
es nicht ſchließlich ebenſo mit allen geſchriebenen Büchern 
der Welt? Iſt nicht der kleinſte Ausſchnitt des wirklichen 
Lebens tauſendmal reicher, aufſchlußgebender? 

Er ſtand auf und warf einen Blick auf die lachende, 
ſchwatzende Mädchengruppe am Brunnen. Diejenigen, 
welche er von ſeinem Standort ſehen konnte, gehörten 
ſicher ſeiner neuen Klaſſe an, hatten alſo die langweiligen 
Aufſätze auf dem Gewiſſen. Er verzieh ſie ihnen, wäh— 
rend er ſie ſo anblickte, — dieſe friſchen Geſchöpfe, die 
noch das Vorrecht beſaßen, ohne Schönheit ſchön zu ſein. 
Es waren ganz beſtimmte Typen unter ihnen leicht zu 
unterſcheiden, obgleich ſie verſchiedenen Nationalitäten an— 
gehörten. Drei Sprachen ſchwirrten durcheinander. Er 


— 21 


unterſchied am deutlichſten den mehr hausfraulichen und 
den mehr weltlichen Typus. Beide beſaßen etwas An— 
ziehendes, — ſowohl dieſer ſchelmiſche Blick, der ſo weib— 
lich ahnungsvoll unter den ſorgfältig gekrauſten Stirn— 
löckchen hervorlugte, als auch der ſanfte, ſittſam ſtille 
Augenaufſchlag unter dem Madonnenſcheitel. Das eigent— 
lich kindliche Genre war unter dieſen Backfiſchen faſt gar 
nicht mehr vertreten. Und vielleicht deshalb auch ſo wenig 
Urtypiſches im ganzen, wenig Individuelles, — man konnte 
ſie ſchon klaſſifizieren, ſie waren ſchon feſt geprägt durch 
ihre Umgebung, in der ſie erzogen wurden, in der es aber 
keine geborenen Erzieher und Menſchenfiſcher nach Eriks 
Ideal gab, ſondern nur gewöhnliche Amts- und Standes— 
perſonen. 

Unwillkürlich ſuchte ſeine Hand zwiſchen den Heften, 
als wünſche er ſich ſelbſt Lügen zu ſtrafen. Ja, hier ſtand 
die „Merkwürdigkeit“ unter den Aufſätzen, — etwas höchſt 
Individuelles jedenfalls. 

Anſtatt des vorgeſchriebenen Titels „Ueber das Glück“ 
trug er die Ueberſchrift „Seligkeit!“ — und wie ein 
Sehnen und Jauchzen klang dem Leſenden etwas von 
dieſer Ueberſchrift aus jeder Zeile entgegen. Er war nicht 
in vernünftiger, oder doch wenigſtens korrigierbarer Proſa 
geſchrieben, ſondern in Verſen, — in gänzlich unkorrigier— 
baren und wilden Verſen, in denen die Sprache Reißaus 
genommen hatte. Trotzdem wirkten dieſe Verſe, ſo fehler— 
haft ſie hingeſchrieben waren. Oder vielmehr: hingeträumt. 
Denn im Grunde glich dieſes einem unklaren Traum, 
einem bloßen Gedankenſtammeln, einem Sichauflehnen 
gegen Wort und Logik, aber es ſteckte eine mit ſich fort— 
reißende Gefühlsmacht darin. Man wurde im höchſten 


22 — 


Grade ungeduldig bei der Lektüre, aber man wurde auch 
vom ungeduldig drängenden Wunſche überfallen, dem, der 
hier träumte und ſtammelte, mit Gewalt die Zunge zu 
löſen, daß er Aufſchluß gäbe über ſeine Seele. Solche 
Verſe mochte die heilige Thereſe als Kind gedichtet haben, 
ehe ſie ihre Viſionen auf Gott bezog, dachte Erik. Welche 
von denen im Hof mochte das ſein? 

Einzelne Worte tönten laut und erregt zu ihm herauf 
und riſſen ihn aus dem Leſen auf. Er hörte eine von 
den Mädchenſtimmen mit größter Energie ſagen: „Er 
muß unglücklich ſein. Ich will es ſo. So unglücklich 
wie nur möglich. Sonſt thue ich es nicht.“ 

„Nein, nein, dagegen bin ich ganz!“ rief eine andre 
in mitleidigem Ton. 

„O, ich wäre ſchon dafür,“ ſuchte eine dritte zu ver— 
mitteln, „wenn es nur für eine Weile iſt. Denn ſpäter, 
da heiratet ſie ihn ja dafür.“ 

„Heiratet?“ fragte die erſte Stimme erſtaunt, „nein, 
ich denke nicht daran! Er iſt und bleibt unglücklich, ſage 
ich euch. Ein für allemal. Aber heiraten werde ich ihn 
nicht.“ 

Erik fiel das Heft aus der Hand. Er ſtützte ſich auf 
das Fenſterbrett und ſah vorſichtig hinab. Er hätte gern 
gewußt, wie das grauſame Geſchöpf ausſah, das den Un— 
glücklichen lebenslang gemartert wiſſen wollte und ihn nicht 
einmal heiratete. 

Aber ſie ſaß offenbar dicht an der Hausmauer und 
war von den andern ſo umſtellt, daß Erik ſich nicht tiefer 
hinabbeugen konnte, ohne von unten her geſehen zu werden. 
Er erblickte nur zwei ſchmale, weit vorgeſtreckte Füße in 
ausgeſchnittenen Schuhen und dunkeln Strümpfen. 


Jetzt zwitſcherten alle jo durcheinander, daß man 
nichts verſtand. 

Dann ſagte ein bildhübſcher, dunkelhaariger Backfiſch, 
während er herzhaft in einen Apfel hineinbiß: „Ich finde 
es wirklich komiſch von dir. Denn wozu haben wir ihn 
ſonſt mit ſo vielen und beſondern Eigenſchaften aus— 
geſtopft, wenn du ihn doch nicht nimmſt? Er hat doch 
das Allerbeſte abbekommen. Wenn er nur edel und un— 
glücklich ſein ſoll, ſo hätte er auch gewöhnlicher bleiben 
können, — meint ihr nicht?“ 

„Laß ſie doch, Wjera, du ſollſt ſehen, ſie hat im ſtillen 
ſchon wieder etwas Neues vor, — vielleicht was viel 
Schöneres,“ meinte ein kleines, blondes Mädchen in zier— 
lich geſtickter Latzſchürze, „und wenn ihr ſie nicht in Ruhe 
laßt, ſo ſagt ſie es uns am Ende nicht.“ 

„Haſt du was? Haſt du was? Iſt es ſchön?“ ſchrieen 
ſie erwartungsvoll. 

„Es iſt nichts für euch! Aber von allen die aller— 
ſchönſte Märchengeſchichte!“ erklärte die Angeredete an der 
Hausmauer, „kennt ihr die Verſe von Uhland?“ Und 
ſie begann mit einer weichen Stimme zu deklamieren: 


„In Liebesarmen ruht ihr trunken, 
Des Lebens Früchte winken euch; 
Ein Blick nur iſt auf mich geſunken, 
Doch bin ich vor euch allen reich. 


Das Glück der Erde miſſ' ich gerne, 
Und blick', ein Märtyrer, hinan, 
Denn über mir, in goldner Ferne, 
Hat ſich der Himmel aufgethan.“ 
Sie lauſchten mit ganz feierlichen Geſichtern, bis die 
letzten Worte, gedämpft, in einer Art von ſchwärmeriſcher 
Andacht, verklangen. 


„Huh!“ ſagte die hübſche dunkle Wjera, ordentlich 
ergriffen, und eine zweite fügte beſiegt hinzu: „Ja, dann 
freilich —“ 

Aber die, welche deklamiert hatte, lachte nur. Sie 
lachte ſo von innen heraus, ſo friſch und mit ſo über— 
zeugenden Trillern in der Kehle, daß Erik oben an ſeinem 
Fenſter beinahe angefangen hätte, mitzulachen, und ſich 
plötzlich mit ihr wie im Bunde fühlte. Auch von den 
Mädchen begannen einige zu kichern. Aber die meiſten 
verſtimmte es. 

„Du haſt gar keinen Lebensernſt!“ ſagte die Erſte 
der Klaſſe ſtrafend, eine andre aber behauptete ſogar: 
„Sie hat kein Herz. Sie verlacht ihre eigene Sache, und 
uns mit.“ 

Nur das blonde niedliche Mädchen ſchien ſich zärt— 
lich an die Lachende zu ſchmiegen und erinnerte ſie: 
„Du haft doch verſprochen, uns den ‚Unglüdlichen‘ end: 
lich zu zeigen. Willſt du es heute auf dem Heimweg 
thun?“ 

„Ja, das will ich. Denn ich will ihn euch überlaſſen. 
Macht ihn ſo glücklich, als ihr wollt.“ 

„Alſo denkſt du an einen andern?“ 

Die Glocke, die zum Klaſſenbeginn läutete, unterbrach 
das Geplauder in dieſem kritiſchen Augenblick. Arm in 
Arm ſchlenderten ſie gemächlich ins Schulgebäude hinein. 
Die ſchmalen Füße aber lagen noch ausgeſtreckt in der 
Sonne. 

„Jetzt muß ich ſie ſehen können,“ dachte Erik und 
beugte ſich mit ernſtem Geſicht vor. Das Geſpräch der 
Mädchen hatte ihn ganz betroffen gemacht. 

Und er ſah ſie. 


Gegen die grau getünchte Hausmauer nachläſſig zurück— 
gelehnt, die Arme hoch über dem Kopf verſchränkt, ſaß ſie 
auf einem umgeſtülpten Regenfaß, das, in dieſem beliebten 
Brunnenwinkel, gelegentlich als Sitzbank benutzt wurde. 
Sie trug das entſchieden aſchblonde, glanzloſe Haar offen, 
ſo daß es, weich und lockig, in einiger Verwirrung, ihr 
über Bruſt und Schultern fiel. Das tiefrote Bändchen, 
welches es wohl am Hinterkopf zuſammenhalten ſollte, 
war hinabgeglitten und bewegte ſich leiſe im Luftzug. Es 
war der einzige bunte Punkt und Schmuck am Bilde. 
Denn die ganze ſchmächtige Geſtalt ſteckte in einem loſen, 
graublauen Gewande, das keinerlei Aehnlichkeit mit den 
hübſch gearbeiteten Kleidern, Miedern, Schleifen und 
Schürzen der andern aufwies. Ueber den ſchmalen Hüften 
durch einen einfachen Ledergürtel kittelartig geſchloſſen, 
ließ es zwiſchen den weichen Falten kaum den zarten 
Anſatz der Bruſt erkennen und verlieh dem Mädchen etwas 
ſonderbar Knabenhaftes. Aber darüber erhob ſich ein 
unregelmäßiges Geſichtchen, das geradezu anſteckend in 
ſeinem ausgelaſſenen Uebermut wirkte. Wie ſie ſo daſaß, 
den Oberkörper zurückgebogen, die ziemlich dunkeln Augen 
leuchtend erhoben, die Lippen, wie in beginnendem Ge— 
lächter oder wie in verlangendem Durſt, halb geöffnet, 
ſo daß unter der zu kurzen und ſtark geſchweiften Ober— 
lippe die weißen Zähne hervorſchauten, — da machte ſie 
den Eindruck, als bäume ſie ſich auf in überſchäumender 
Lebensluſt, bereit, jeden Augenblick jauchzend über alle 
Stränge zu ſchlagen, — faſt unwillkürlich dachte man ſich 
einen Thyrſusſtab in die hinaufgeſtreckten verſchlungenen 
Hände, — und der Bacchusknabe war fertig. 

Als ſie ſich raſch und unvermittelt aufrichtete und 


2 


ins Haus ſprang, erhob ſich Erik aus ſeiner vorgebeugten 
Stellung am Fenſter und raffte haſtig ſeine Hefte zu— 
ſammen. Während er den Weg in ſeine Klaſſe antrat, 
kam ihm ein Lachen über ſeine eigene Verdutztheit. Zwei 
Lämmer in ſeiner Herde gehörten jedenfalls nicht dem 
langweiligen Durchſchnitt an: die heilige Thereſe, und dann 
dieſer arge Schlingel und Taugenichts. 

Im Hallengang war es inzwiſchen von allen Seiten, 
in allen Ecken lebendig geworden, und einige Minuten 
lang ſchwirrte es dort durcheinander gleich einem Mücken— 
ſchwarm in der Maiſonne. Dann ſchwächte der Lärm 
ſich ab, die Klaſſenthüren fielen ins Schloß; hie und da 
eilte noch ein Nachzügler an ſeinen Platz; einzelne Lehrer, 
ſämtlich in ihrem dunkelblauen Frack, der an dieſen Schulen 
vorgeſchriebenen Uniform, ſchritten grüßend aneinander 
vorüber oder blieben, ein paar Worte wechſelnd, im Gange 
ſtehen. In Eriks Klaſſe war alles ſchon mäuschenſtill 
und in ſchönſter Ordnung beiſammen, als er mit belebtem 
Geſichtsausdruck hereintrat. Einen Augenblick lang ließ 
er, auf dem Katheder ſtehend, ſeinen Blick über die blonden 
und braunen Mädchenköpfe ſchweifen, die faſt alle mit 
lebhaften und aufmerkſamen Augen zu ihm aufſchauten. 
Obgleich er erſt zum zweitenmal auf dieſem Platz und 
ſeinem jungen Auditorium gegenüberſtand, fühlte er doch 
ſchon ſehr deutlich die Stimmung der Sympathie, die ihm 
aus allen dieſen Augen entgegenleuchtete. Er verdankte 
ſie ſeinem eigenen Entgegenkommen. Denn die da merkten 
recht wohl das thatſächliche Intereſſe, das er ihnen als 
Lehrer zubrachte, — den Blonden wie den Braunen, den 
Klugen wie den Dummen, den Willigen wie den Wider— 
ſpenſtigen. Welche Fehler er auch beſitzen mochte, einen 


wenigſtens beſaß er nicht: ſeinen Unterricht als eine leb— 
loſe Pflichtmaſchine zu abſolvieren. 

Erik ſchob die blauen Hefte an den Rand des Katheder— 
pultes und ſagte, ſich niederſetzend: „Die Hefte können 
wieder verteilt werden. Sie ſind zum größern Teil 
recht bedauerlichen Inhalts. Hoffentlich lautet die Fort— 
ſetzung viel beſſer. In Bezug auf einen Aufſatz darin 
möchte ich aber eine Erkundigung einziehen.“ 

Er ſchlug den Deckel des oberſten Heftes zurück und 
fragte, den Namen ableſend: „Wer iſt Ruth Delorme?“ 

Die Aufgerufene ſchien dieſe Frage erwartet zu haben; 
ſie hatte ſich bereits erhoben, ehe ihr Name von ſeinen 
Lippen fiel. 

Er richtete einen beſtürzten Blick auf ſie. Es war 
der Bacchusknabe aus dem Schulhof. 

Jetzt freilich machte ſie den kurioſen Eindruck nicht 
mehr ſo ganz. Das ordentlich zuſammengenommene Haar 
und der „Klaſſenernſt“ auf ihrem Geſicht ſtörte ihn, — 
vielleicht auch, daß fie die Augen niedergeſchlagen hatte. 
Am liebſten wäre Erik ihr mit der Hand über das Ge— 
ſicht gefahren, wie um eine Maske abzuſtreifen, damit er 
darunter die wirkliche Ruth zu ſehen bekäme. Aber das 
wäre dann der mutwillige, lachende Junge von vorhin 
geweſen, — und das deckte ſich ſo wenig mit der Vor— 
ſtellung, die der Aufſatz von ihr weckte. Das wunder— 
liche Geſchwätz der Mädchen am Brunnen fiel ihm ein. 

„Unmöglich!“ entfuhr es ihm. 

Sie ſah verwundert auf. 

„Doch!“ ſagte ſie. 

„Das kann ſie! ſie kann Verſe machen!“ riefen einige 
Stimmen. Man konnte es ihnen anhören, wie ſtolz ſie 


us DB: 


auf dieſe Schwarzkunſt waren, und wie intereſſant fie das 
unerwartete Intermezzo fanden. 

„Verſe, — das iſt ja möglich,“ gab Erik zurück, 
„auch ſind ſie keineswegs ſchön. Ganz im Gegenteil. 
Aber ein Schulmädchen —“ 

Er brach etwas verlegen ab und ärgerte ſich. Die 
Bemerkung war auch gar zu einfältig. Schulmädchen 
waren ſie ja alle, und eine von ihnen mußte es doch 
geweſen ſein. Mußte? Da kam ihm ein Gedanke: viel: 
leicht iſt es gar kein ſelbſtändiger Aufſatz? 

Er blätterte im Heft zurück. „Es iſt noch ein früherer 
Aufſatz darin. Etwas Litterarhiſtoriſches. Der fällt ſtark 
dagegen ab. Lauter mühſam nachgezogene Linien — und 
falſche Linien. Es geht die Sage, daß bei den Aufſätzen 
nicht immer fremde Hilfe verſchmäht wird. Sollte das 
nicht die Löſung des Rätſels ſein?“ 

Während er aber noch ſprach, war er ſchon über— 
zeugt, daß er ſich irrte, und daß ſie ſogleich auftrotzen 
und mit beleidigtem Stolz behaupten werde, ihr habe 
niemand geholfen. 

Jetzt ſchüttelte ſie auch wirklich den Kopf und ſagte: 
„Mir hilft niemand.“ 

Aber wieder ſchaute er betroffen auf. Wie klang 
das! Gerade ſo, als habe ſie unter Thränen geſagt: „Ich 
bin ja ſo mutterſeelenallein!“ Ein ſtiller Ton war darin, 
der ihn rührte, — etwas ſo ganz Neues, Unerwartetes, 
das er wieder mit dem übrigen nicht zuſammenreimen 
konnte. 

Es litt ihn plötzlich nicht mehr auf dem Katheder, 
in der ruhigen Haltung des Lehrers. Ein zwingendes 
Gefühl von Intereſſe fand gleichſam ſeinen Ausdruck 


DON. 


darin, daß er herabſtieg und zu ihr hintrat an die Bank, 
in die Mitte der übrigen. 

Als er dicht vor ihr ſtand, ward er ſich einer Ueber— 
eilung bewußt und kehrte, wenn nicht zum Platz, ſo doch 
zur Rolle des Lehrers zurück. 

„In der Aenderung des Titels und der Anwendung 
von Verſen liegt eine auffallende Abweichung vom Vor— 
geſchriebenen; hier galt wohl eine Ausnahme, die mein 
Vorgänger machte?“ fragte er. 

„Er zog ſie vor! ſie durfte thun, was ſie wollte!“ 
ſchrieen einige. 

„Sie gehört nicht mehr zur Schule! Sie kommt nur 
zu einigen Stunden!“ riefen andre. 

„Ich gehe bald fort,“ ſagte Ruth. 

„Fort? Vom Ort?“ fragte er, und ein brennendes 
Bedauern überfiel ihn. 

Sie hob die Augen. 

„Nein. Nur aus den Stunden.“ 

Wie beider Blicke ſich trafen, ſah er ihr Geſicht auf— 
leuchten. Nicht nur die Augen thaten's, das Leuchten 
ging über Stirn und Augen, wie ein Lächeln, obſchon 
ſie ernſt blieb. Der „Klaſſenausdruck“ fiel von ihren 
Zügen wie ein vorgehaltener Schleier. 

Er gab ihr einen Wink, daß ſie ſich ſetzen möge. 

„Das iſt ſehr ſchade,“ meinte er dann, ein paarmal 
auf und ab gehend, und es war ihm ſelbſt nicht klar, 
für wen es eigentlich ſchade ſei, ob für den Lehrer, oder 
für die Schülerin, oder für beide. Doch ſetzte er raſch 
hinzu: „Es iſt zu früh. Ein Zeichen von Reife iſt der 
Aufſatz nicht.“ | 

Dann richtete er, mit dem Aufnehmen des Unter: 


=; By, 5 


richts, keine Bemerkung mehr an fie, vermied es auch 
während der Stunde ihren Namen aufzurufen, obgleich 
es ihn beſchäftigte, daß ſie fortgehen wollte. Aber er 
begriff, daß dieſes lebhafte Intereſſe an einem merk— 
würdigen Kinde, wenn es auch ausſchließlich den Erzieher 
in ihm reizte, von ihm ſelbſt erſt völlig beherrſcht werden 
und in ihm ſelbſt ſich erſt völlig geklärt haben mußte, 
ehe daran zu denken war, ihm vor einigen Dutzend neu— 
gieriger Mädchenaugen nachzugeben. Er kannte ſehr wohl 
die üblichen Schwärmereien für den Lehrer, zweifelte auch 
nicht daran, daß auch er bereits Gegenſtand ſolcher 
Schwärmereien ſei, hielt aber doch möglichſt daran feſt, 
daß ſein eigenes Benehmen ihn nicht verriete, wenn ein— 
mal eine kleine Schülerin Eindruck auf ihn machte, — 
was doch unvermeidlich geſchah unter Menſchen von Fleiſch 
und Blut. 

Ruth ſaß ſtill auf ihrem Platz und folgte ſeinen 
Worten und Bemerkungen mit verträumten Augen. Sie 
war eine ziemlich zerſtreute Schülerin, und ſo nahm ſie 
auch jetzt im Grunde nichts von dem auf, was er vor— 
trug, ſondern merkte ſich nur die Art, wie er vortrug, 
und die ihm eigentümliche Gebärde der Hand dabei. Daß 
er ſchmale, nervige Hände von edler Form beſaß, daß 
ſie aber leicht gebräunt waren, wie bei einem, der ſich 
viel der Luft und Sonne ausgeſetzt hat, merkte ſie, — 
und es kam ihr wie ein Widerſpruch vor, der ſie be— 
ſchäftigte. Die breite, etwas ſteile Linie ſeiner Schultern 
prägte ſich ihr ein, wie ein Bild, und dann, daß ihm das 
Haar beim Sprechen in einem ſtraffen, kleinen Büſchel 
in die Stirn fiel, und er es ſtets mit einem kurzen Ruck 
zurückwarf, wobei der Kopf ein wenig hochmütig oben 


blieb. Es war kurzgehaltenes, ſchlichtes, dichtes Haar, 
und es ärgerte ſie förmlich, daß es ſich nirgends ein 
klein bißchen locken wollte, — nur ein bißchen; in Ge— 
danken ließ ſie ihm lange Locken wachſen; die ſahen aber 
drollig aus, und ſo ſchnitt ſie ſie ihm wieder ab. 
Darüber mußte ſie lachen; ſie hätte faſt laut aufgelacht, 
und der Sicherheit halber ſtützte ſie den Mund auf die 
Hände. 

Aber bei alledem ſah ſie nicht aus, als ob ſie ſich 
in loſem Mutwillen mit ſolchen Aeußerlichkeiten beſchäftige, 
ſondern als ſinne ſie angeſtrengt und ganz in ſich vertieft 
einem ſchwierigen Problem nach. So hatte ſie ſchon 
neulich, in ſeiner erſten Stunde, dageſeſſen, von ihm un— 
bemerkt. | 

Ruth machte noch immer dasſelbe verträumte, nach: 
denkliche Geſicht, als nach Beendigung des Unterrichts 
ein ganzer Schwarm von Mädchen ſich zum Heimgehen 
um ſie drängte. Sie hatten dieſen Augenblick kaum er— 
warten können, denn nun ſollte Ruth ihnen ja den „Un— 
glücklichen“ zeigen, der aller Phantaſie beherrſchte. Arm 
in Arm, hintereinander, und mit den Ranzen ſchlenkernd, 
gingen ſie lachend und ſchwatzend die Straße hinab und 
bogen in den Newsky Proſpekt ein, Ruth vorauf und 
ohne auf ſie zu achten. Einige ſahen ſich vorſichtig um, 
ob ihnen auch niemand folge, auf den Wegen, die Ruth 
ſie führen ſollte; aber die Straße war ziemlich menſchen— 
leer, nur ein paar Dienſtmädchen, die den Verwöhnteſten 
den Schulſack trugen, folgten in beſcheidener Entfernung, 
und hinter dieſen ſah man Erik herankommen. 

„Eigentlich iſt die Ruth doch eine Glückliche!“ ſagte 
die hübſche Wjera zu ihrer Nachbarin, „daß ſie ſolche 


SEE. 


Geſchichten treiben kann. Ich glaube, ihre Verwandten 
kümmern ſich gar nicht darum. Ja, es iſt ganz anders, 
wenn man noch Eltern hat.“ 

„Pfui, ſchäme dich!“ empörte ſich das Mädchen, das 
neben ihr ging, und ſtieß ſie mit der Frühſtücksbüchſe in 
die Seite, „es iſt doch ein ſchreckliches Unglück, ſeine 
Eltern ſo früh zu verlieren. Die arme Ruth! Denke 
nur, wo fie von ganz klein auf ſchon alles geweſen iſt, 
— in Belgien und Deutſchland, und immer unter faſt 
Fremden.“ 

„Ja, da kommt man eben auch weit herum,“ be— 
harrte der gemütloſe Backfiſch, „ſogar in einer Schweizer 
Penſion iſt ſie geweſen. Und gerade da möchte ich ſo 
gern hin.“ 

„Sogar in einem Glaspalaſt hat ſie einmal ge— 
wohnt,“ behauptete eine von ihnen etwas unſicher. 

Ein ſchallendes Gelächter erhob ſich. 

„Ja, im Traum! Das iſt doch nur ein Märchen, 
das ſie erzählt hat. Höre nur, Ruth, das hält ſie für 
Wirklichkeit!“ 

„Da kommt er!“ ſagte Ruth mit einemmal. 

Das Wort fiel wie ein Schrotkorn in einen Haufen 
lärmender Spatzen. Im erſten Augenblick ſtoben ſie faſt 
auseinander, aber dann ſammelten ſie ſich wieder, räuſ— 
perten ſich, zupften an ihren Kleidern, reckten die Hälſe, 
und die meiſten von ihnen wurden rot. 

„Hier, der Blonde.“ 

„Nein! Der Herr im Cylinderhut.“ 

Es war keiner von beiden. Ruth blickte ernſthaft 
geradeaus, und einem Herrn ins Geſicht, der auf ſie zu— 
ſchritt. Ein junger, brünetter Mann, im hellen Sommer— 


3 


überzieher, mit etwas verlebten Zügen, einem kleinen 
Schnurrbart und mandelförmigen Augen. 

Er ſchien wie geſchaffen zum Helden der Tragödie, — 
darüber waren alle einig. Aber während ſie ihn noch 
anſtarrten, wie ein Meerwunder, paſſierte vor ihren Augen 
das Ungeheuerliche, woran ſie eigentlich doch nicht im 
Ernſt geglaubt hatten: Ruth grüßte ihn; ganz ernſthaft 
grüßte ſie ihn, ohne eine Miene zu verziehen, aber doch 
ſo wie einen alten Bekannten. 

Ein halbes Lächeln glitt über ſein Geſicht; er hatte 
ſie feſt fixiert, jetzt griff er eilig an den kleinen runden 
Filzhut und grüßte wieder. Ziemlich vertraulich that 
er das. 

Die hübſche Wjera ſchrie faſt auf vor Ueberraſchung 
und Vergnügen; ſie war feuerrot geworden, und um ihrer 
Herzensbewegung Herr zu werden, mußte ſie ihre Be— 
gleiterin unwillkürlich in den Arm kneifen. Ein paar von 
den andern aber hielten ſich von der Gruppe etwas ge— 
trennt, ſie genierten ſich ſichtlich, gingen verlegen neben 
dem Trottoir auf dem Straßendamm einher und ſchlugen 
die Augen nieder. Doch fand der heldenhafte Unbekannte 
noch eine beträchtliche Anzahl unter ihnen, die mit Augen 
und Mienen das Spiel fortſetzten. Während er mit ganz 
verlangſamten Schritten an ihnen vorüberging, flogen 
Blicke und Lächeln zu ihm hinüber, empfingen deutliche 
Antwort und wurden wiederholt. Ein paar Köpfe drehten 
ſich auch noch nach ihm um, und auch er wurde nicht 
müde, zurückzuſehen. 

„Nein! Das iſt aber zu arg!“ brach eine von den 
Sittſamen auf dem Straßendamm los, „es iſt geradezu 
ſündhaft!“ 


Lou Andreas⸗Salomé, Ruth. 3 


— 34 — 


„Ach, du liebe Tugend! Wir ſind es ja gar nicht 
geweſen, die angefangen haben. Ruth hat es gethan. 
Sie hat ihn gegrüßt. Wenn ſie jetzt auch ſo gleichgültig 
drauf los geht, als ginge es ſie nichts an.“ 

„Ja, was ſchadet es denn auch?“ verteidigten meh— 
rere ihr Benehmen etwas betreten. 

„Gewiß ſchadet es, — abgeſehen davon, daß es ſünd— 
haft iſt,“ behauptete die Sittſame, „haſt du nie gehört, 
daß man nicht geheiratet wird, wenn man ein Verhältnis 
gehabt hat?“ 

„Ja, ſie hat ganz recht; es bringt uns in Verruf,“ 
half ihr eine zweite, „und der da würde euch gewiß nicht 
heiraten, bildet euch das ja nicht ein. Er kann euch ja 
auch gar nicht alle heiraten!“ ſetzte ſie ſchlagend hinzu. 

Einzelne ſuchten zwiſchen den Streitenden zu ver— 
mitteln. 

„Es iſt doch alles nur Unſinn. Eine bloße Phan— 
taſiegeſchichte. Alſo laß doch! Morgen in der Frühſtücks— 
pauſe ſpielen wir mit verteilten Rollen weiter, dann iſt 
wieder eine von uns der edle Unglückliche, und alle Ge— 
fahr iſt vorbei.“ 

„Nein, nun iſt es keine bloße Phantaſiegeſchichte mehr. 
Du hätteſt ihn uns nicht zeigen ſollen, Ruth.“ 

Dieſe zuckte ungeduldig die Achſeln. 

„Das kann ich nicht ſo trennen. Wenn wir's ſpielen, 
leben wir's ja auch. Aber macht es doch, wie ihr wollt,“ 
ſagte ſie zerſtreut. 

„Nein, erſt mußt du es weiter ausdenken. Eigentlich 
iſt es auch ſehr luſtig. Gerade als ob man zweimal lebt: 
einmal zu Hauſe und in der Schule — und dann noch 
einmal ganz wo anders, wo alles gerade ſo iſt, wie man 


u 


es ſich ausdenkt. — Aber dieſen Weg wollen wir lieber 
nicht wieder gehen.“ 

„Ach, ſeid ihr Feiglinge!“ rief Wjera dazwiſchen, 
die ſich bis jetzt am Streit nicht beteiligt hatte, weil ſie 
ſich noch mit dem „Unglücklichen“ zu thun gemacht, der 
irgendwo an einer Straßenecke ſtehen geblieben war, „ich 
finde dieſe Geſchichte tauſendmal intereſſanter, als all 
die Phantaſtereien drum herum. Was hat man denn 
von denen? Sie amüſieren uns nur, weil man uns ein— 
geſperrt hält!“ 

Ueber ihrem Hin- und Herreden beachteten ſie es 
gar nicht, daß fie an Ruths Wohnung am Iſaaksplatz 
angelangt waren, das heißt, daß die meiſten von ihnen 
ſich recht beträchtlich von ihrem eigenen Heim entfernt 
hatten. Sie liefen gewohnheitsmäßig mit, wie eine 
Hammelherde, Ruth ſelbſt aber war geradeswegs nach 
Hauſe gegangen. Jetzt blieb ſie zaudernd ſtehen und 
kämpfte zwiſchen der Luſt, nach einer Seitenſtraße umzu— 
biegen, und der Nötigung, zur gewöhnlichen Stunde bei 
ihren Verwandten einzutreten. Bis zu Tiſch blieb noch 
viel Zeit, einen Vorwurf zog ſie ſich nicht zu, und was 
ihr jetzt vorſchwebte, war ſüß und lockend gleich einem 
Frühlingsmärchen. 

Aber es gab da etwas andres, das ſie zurückhielt: 
wenn ſie jetzt hineinging, ſo blieb ſie, wie immer, gänz— 
lich unbemerkt und unbeachtet im ganzen Hausweſen; 
wenn ſie dagegen bis zum ſpäten Mittageſſen fortblieb, 
ſo wurde ſie vielleicht bemerkt, befragt, beläſtigt. Und 
das entſchied. 

Wie eines jener kleinen Inſekten, welche zum Schutz 
vor feindlichen Mächten die Farbe des Holzes oder des 


17 


= 26 


Laubes annehmen, auf dem ſie ſitzen, ſo verhielt ſich, 
halb unbewußt, auch Ruth gegenüber ihrer Umgebung. 
Es war ihre Art, ſich zu wehren. 

Ruth löſte ſich aus der ſchwatzenden Mädchengruppe 
und verſchwand hinter den hohen Thürflügeln eines um— 
fangreichen ſteinernen Gebäudes, vor dem ein Soldat 
Wache ſtand. Eine Abteilung des Kriegsminiſteriums lag 
darin, nebſt mehreren großen Kronswohnungen, von denen 
Ruths Onkel, der Staatsrat war, eine inne hatte. 

Ihr Verſchwinden gab das Signal zum allgemeinen 
Aufbruch. Jetzt erſt erſchraken manche über die lange 
Verſäumnis und ſuchten laufend eine Pferdebahnlinie zu 
. erreichen oder unterhandelten mit den Droſchkenkutſchern, 
welche ſofort, laut ſchreiend und ſich gegenſeitig nach Mög— 
lichkeit unterbietend, ſie umringten. 

Bis morgen vermißten ſie Ruth nicht mehr; ſie 
hatten ſich ausgezeichnet unterhalten, ſich ordentlich echauf— 
fiert! Morgen, wenn ſie nach neuer Nahrung begierig 
wurden, kam ſie wieder. 


* * 
3. 


Erik war den Mädchen nur einen kleinen Teil des 
Weges gefolgt, denn er hatte noch in einem Knaben— 
gymnaſium und in einer Privatſchule Stunden zu geben. 
Dann ging er in ſeine Stadtwohnung hinauf, die ge— 
räumig und freundlich, aber vier Treppen hoch lag: da— 
für konnte man aus den Fenſtern die Newa überſchauen, 
durch deren blaue, mächtige Wogen noch der Ladogaſee 
ſeine letzten Eisſchollen trieb. Sie ſchimmerten durchſichtig 
im blendenden Maiſonnenſchein. Ueber ſeine Ausſicht freute 
Erik ſich täglich von neuem. 


— 37 — 


Nach Schulſchluß pflegte er hier vorzuſprechen, allerlei 
zu erledigen und eingelaufene Briefe mitzunehmen, denn 
die Landpoſt galt als unzuverläſſig. Heute war er kaum 
eingetreten, als es klingelte. 

Er öffnete die Thüre und blieb mit einem Lächeln 
neben derſelben ſtehen. 

„Warwara Michailowna!“ ſagte er. 

„Was iſt denn das?“ fragte ſie, raſch um ſich 
blickend, „ſchon auf dem Lande? umgezogen? allein 
hier? Ich wußte es nicht! Dann haben Sie alſo meinen 
Brief — —?“ 

„Ich habe ihn geſtern hier vorgefunden,“ verſetzte 
er, ſie in die angrenzende Wohnſtube führend, wo die 
Polſtermöbel ſchon ihre Sommertoilette empfangen hatten 
und in ihren weißen Leinwandhülſen gleich Geſpenſtern 
herumſtanden. Unter dem runden Sofatiſch war der 
Teppich entfernt worden, und ein leichter Geruch von 
Kampfer ſchwebte in der Luft. 

„Ich wollte mir Ihre Antwort lieber ſelbſt bei Ihnen 
holen — oder bei Ihrer Frau!“ ſagte Warwara Michai— 
lowna und ließ ſich in einen der weißbezogenen Seſſel 
ſinken, „trotz Staub und Sonne bin ich alſo da. Ich muß 
wiſſen, weshalb Sie nicht kommen wollen.“ 

Sie ſah wunderhübſch aus in der gewählten Ein— 
fachheit ihrer Frühjahrskleidung, mit ihrem reizenden 
Mund und mit der Melancholie in den tiefdunkeln Augen, 
die einen ſo pikanten Gegenſatz zu ihrem munteren Weſen 
bildete. 

„Ich danke Ihnen!“ erwiderte Erik und blickte ſie 
an, „aber Sie nehmen mir in der That die Antwort 
ſchon von den Lippen: ich wollte wirklich nicht kommen. 


y4 


— 38 — 


Mich eine Zeit lang ganz auf dem Lande vergraben. — 
Dort können wir ja, wenn Sie erſt hinausgezogen ſind, 
ſo poetiſch Fangball ſpielen und Croquet. — Ich bin 
dieſen Winter gar zu ſtark ins Geſellſchaftstreiben ge— 
raten.“ 

„Und was ſchadet das? Fragen Sie nur Klare-Bel, 
ob ſie Sie nicht auch im Geſellſchaftsrock am liebſten ſieht? 
Der Salon iſt Ihr natürliches milieu. Sie ſind nun 
einmal kein ſolcher deutſcher Bär und Philiſter, wie ſie 
mitunter mit goldenen Brillen und blonden Vollbärten 
zu uns kommen! Erſt ſeit einigen Generationen hat ſich 
Ihre Familie dort niedergelaſſen — an der frieſiſchen 
Grenze irgendwo, — franzöſiſche Emigranten, — weiß 
ich's nicht gut?“ 

„So weit wollen Sie den Beweis herholen, daß ich 
in Geſellſchaft gehen ſoll?“ 

Sie lachte und ſtieß beluſtigt den Elfenbeingriff ihres 
Sonnenſchirms gegen die Tiſchplatte. 

„Sie ſind ein Spötter. Ich wollte nur ſagen: bilden 
Sie ſich nicht ein, daß Sie zum Schulmeiſter geboren 
ſind. Trotz der blauen Uniform da, die Sie noch an— 
behalten haben, — die Ihnen übrigens gut ſteht, weil es 
ein Frack iſt. Sie ſind zum Weltmann geboren. Wenn 
Sie uns — mondains — meiden, thun Sie ſich ſelbſt 
weh. — — Ich weiß es. Lachen Sie nicht.“ 

„Ich lache ja nicht. Sie ſind ſehr ſcharfſichtig, 
Warwara Michailowna. — Vielleicht zu ſehr.“ 

Sie ſchüttelte den Kopf. 

„Sie würden unſrer verwöhnten Geſellſchaft nicht ſo 
gut gefallen, wenn Sie nicht ſelbſt ein wenig von ihr 
berauſcht würden. Habe ich nicht recht?“ 


11 


„Nun, nehmen wir alſo an, ich will nicht berauſcht 
werden,“ ſagte Erik und kreuzte die Arme; „daß gerade 
Sie als Verſucherin kommen, iſt freilich ſchlimm für mich. 
Ein Glück, daß die Saiſon zu Ende geht.“ 

Sie machte einen ſchmollenden Mund. 

„Ich weiß ſchon. Mich halten Sie für die Inkarna⸗ 
tion weltlicher Oberflächlichkeit.“ 

Er widerſprach nicht. 

Einige Augenblicke lang ſchwiegen ſie beide, und 
zwiſchen ihnen lag, unmöglich zu überhören, Warwaras 
ſtumme Frage: „Bin ich es, die dich berauſcht?“ 

„Sie ſind ein Egoiſt,“ ſagte ſie dann aufblickend, 
„ſonſt hätten Sie bemerken müſſen, daß Sie ſich irren. 
Wiſſen Sie nicht, weshalb ich Sie ſo gern da habe, mitten 
unter den Menſchen? Weil ich gerade ebenſogut fühle wie 
Sie, daß dieſes Treiben im Grunde eitel und hohl iſt, — 
inhalteleer, — und es mich dennoch berauſcht — wie 
Sie. Ihre Anweſenheit war alſo die eines Leidens— 
genoſſen für mich. Hand aufs Herz! ſind wir nicht ſo 
etwas wie Leidensgenoſſen? Wir haben eine gemeinſame 
Verſuchung.“ 

Er blickte ſie feſt an. Sie ſprach raſch, ein wenig 
erregt, mit dem weichen, klingenden Tonfall, den er an 
den Slaven ſo einſchmeichelnd fand. Ihr ſelbſt war es 
in dieſem Augenblick nicht ganz klar, ob ſie mit ihm 
kokettierte, oder ob ſie nicht vielleicht ehrlicher mit ihm 
ſprach, als je mit ſich allein. Es ſchien ihr wirklich 
manchmal — und beſonders in den ſeltenen Stunden des 
Alleinſeins, — als triebe ein verwandter Zug ſie zu ein— 
ander. Und dann war ihr Erik intereſſant: als Menſch. 
So, wie unter lauter Satten ein Hungriger intereſſant iſt. 


Unter den Geſellſchaftsmenſchen ihrer Umgebung kam 
er ihr vor wie einer, der ungeduldig auf Beute ausgeht, 
und, weil er die ihm gemäße dort nicht findet, ſeinen 
Hunger mit Naſchwerk zu betäuben ſucht. 

„Alſo: Kameradſchaft in einer gemeinſamen Ver— 
ſuchung!“ ſagte Erik wegblickend — „vielleicht ein Wett— 
kampf, wer ihr beſſer erliegt?“ 

Sie erhob ſich, um zu gehen. 

„Sie haben vielleicht recht zu ſpotten, und es würde 
nur ſentimental klingen, wenn ich antworten wollte: nein! 
mehr als das, — eine gemeinſame Sehnſucht,“ entgegnete 
ſie, dicht neben ihm, der ebenfalls aufgeſtanden war, „Sie 
haben tauſendmal recht. Wir haben ja nie ein ernſtes 
Wort miteinander geſprochen. Und ein Mann braucht 
keinen Bundesgenoſſen. Er kann's allein.“ 

Sie ſprach ganz ernſt, es klang beinahe echt, und was 
ſie ſprach, ſtimmte ſo eigentümlich zu der Schwermut der 
dunkeln Augen. Eine Minute, — eine verſchwindende 
Minute lang, fühlte Erik, wie ſeine Phantaſie ihm etwas 
vorgaukelte. Eine Sehnſucht brach heiß in ihm auf, über 
die der Verſtand lachte, — und ein wilder, herriſcher 
Wunſch, den lachenden Verſtand unter die Füße zu treten 
und einen ſchönen Selbſtbetrug wahr zu machen. 

Ohne genau zu wiſſen, was er that, hatte er die 
Hand ausgeſtreckt; es war eine faſt befehlende Bewegung, 
wie ein: „Bleib!“ Er ſah nichts mehr deutlich, er empfand 
nur die Nähe dieſer ſchmiegſamen Geſtalt, dieſer Augen, 
von denen Sehnſucht ausging. 

Und plötzlich küßte er ſie mit geſchloſſenen Augen 
auf den Hals und die Wange. Nicht tändelnd, verſuchend. 
Raſch, heftig, faſt gewaltthätig. 


Zr Al: 


Er murmelte halb unverſtändlich: „Mach es wahr! 
mach es wahr! laß mich nicht aufwachen! Suchteſt du 
mich?“ 

Bei ſeinen bewußtloſen Küſſen überfiel Warwara ein 
plötzlicher Schreck. Sie war ſelbſt berauſcht geweſen, einen 
Augenblick lang, aber die Wucht, mit welcher er darauf 
einging, ernüchterte ſie ebenſo raſch. Durch die momentane 
Erregung ſeiner Sinne hindurch ſpürte ſie etwas von dem 
tiefinnerſten Hunger und der Sehnſucht in ihm, an die 
ſie unvorſichtig gerührt hatte. Nicht wie eine Dreiſtigkeit, 
die erſtaunt oder verletzt, empfand ſie ſeinen Kuß, ſondern 
wie eine lähmende Gefahr für Leib und Seele, die zu 
verſchlingen droht, was ihr zu nahe gekommen iſt. 

Mit einer heftigen Bewegung hatte ſie ſich freigemacht. 

Ihr Blick lief über ihn hin. Eigentlich ſollte er ihr 
wie ein Kind vorkommen, das ſo erfüllt iſt von Lebens— 
verlangen und ungeduldiger Erwartung, daß es nicht 
mehr zu ſpielen vermag. Es zerbricht gewaltſam das 
dargebotene Spielzeug, um zu ſehen, was dahinter iſt, 
und bleibt mit enttäuſchtem Geſicht ſtehen. 

Das wollte ſie nicht. Lieber noch geſpielt haben, 
als zu ernſt genommen werden, — ſo ernſt, daß ihr Inneres 
bloßgelegt und an unmöglichen Illuſionen gemeſſen würde. 
Sie fürchtete ſich vor dem enttäuſchten Geſicht. 

Erik mißverſtand die Heftigkeit ihrer Bewegung. Aber 
ſie weckte auch ihn. Er hatte ja nur einen Augenblick 
vergeſſen, daß ſie ſpielte. — Seine Erregung verflog ſo— 
fort. Nur etwas Spott blieb in den Augen und um den 
Mund zurück. Spott über ſich ſelbſt. 

Die Luft im Zimmer war zum Erſticken ſchwül. Faſt 
ungehindert ſchien die Sonne durch die dünnen, weißen 


=: 


Fenſtervorhänge, und mißtönend klang von der Straße 
der Lärm der Droſchken und Pferdebahnen herauf. 

Warwara war langſam in den Vorflur gegangen, 
und Erik geleitete ſie an die Hausthür. Sie wechſelten 
kein Wort miteinander. 

Erſt an der Thür wandte ſie ſich um zu ihm und 
maß ihn mit einem ſonderbaren Blick, den er nicht ver— 
ſtand. Bedauern lag darin, aber auch Ablehnung, eine 
kleine Ueberlegenheit über ihn, den Mann, und dann 
noch etwas, wie ein ganz leiſes Eingeſtändnis: „Ich möchte 
wohl die ſein, die du brauchſt, und die dich ſättigen könnte, 
du Wilder. Aber ich bin's nicht.“ 

„Ich nehme an: Sie kommen nicht,“ bemerkte ſie 
dabei zerſtreut. 

„Mit Ihrer Erlaubnis: nein!“ entgegnete er, und 
ſann dem Blick nach. 

Die Thür fiel ins Schloß. — 


Ruth war pünktlich um vier Uhr, zur feſtgeſetzten 
Mittagsſtunde, im Speiſeſaal erſchienen, der, hoch und groß, 
mit dunkeln Mahagonimöbeln ausgeſtattet, in der Mitte 
einer Flucht von Gemächern lag. Sie hatte ihren äußern 
Menſchen ſo glatt gebürſtet und geſtriegelt, wie der Onkel, 
die Tante und die Couſine ſich zu tragen pflegten, und 
ſaß ſchweigſam auf ihrem Platz am Tiſch, den ein Diener 
in weißbaumwollenen Handſchuhen geräuſchlos bediente. 
Während des Eſſens, das die Beteiligten in ausgiebigſter 
Weiſe beſchäftigte, blieb die Unterhaltung recht einſilbig. 
Der Onkel liebte keine langen Tiſchgeſpräche, und ſeine 
Frau hatte genug damit zu thun, ihn mit den richtigen 
Stücken zu verſorgen. 


— 43 — 


Erſt als die Mundſpüler von grünem Glas, die kein 
Menſch benutzte, vor jeden einzelnen niedergeſetzt waren, 
und vor der Tante die ſilberne Kaffeemaſchine ſtand, auf 
der ſie den Kaffee immer eigenhändig bereitete, wurde es 
ein wenig lebhafter bei Tiſch. Darauf ſchien Ruth nur 
gewartet zu haben. Sie erhob ſich leiſe von ihrem Sitz 
und wollte verſchwinden. 

„Gehſt du ſchon auf dein Zimmer, mein Kind?“ 
fragte die Tante, „dann ſieh dich mal darin um. So 
unordentlich, ſo wenig zierlich ſollte es bei keinem jungen 
Mädchen im Zimmer ausſehen.“ 

Ruth machte eine Armeſündermiene. „Ich will 
wunderſchön aufräumen,“ ſagte ſie eilig; „darf ich dann 
bis zum Thee noch einmal fortgehn?“ 

„Bis zum Thee? Iſt es denn etwas ſo Dringendes?“ 

„Es iſt etwas Dringendes,“ ſagte Ruth. Der Onkel 
ſah auf. 

„Zu wem willſt du denn gehn? Es iſt wohl jemand 
aus der Schule?“ 

„Ja,“ erklärte Ruth und rieb ungeduldig den Thür— 
griff, den ſie ſchon in der Hand hielt. 

„Sage dem Diener, daß er dich begleitet und dort 
auf dich wartet.“ 

Der Onkel blickte ihr nach, wie ſie leiſe die Thür 
hinter ſich ſchloß. 

„Ein merkwürdig bequemes Ding iſt ſie doch,“ meinte 
er dann, ſeine Cigarette anzündend, „ich kenne niemand, 
der weniger verlangt und ſich weniger bemerkbar macht 
als ſie.“ 
„Weil man ihr alles gewährt,“ ergänzte die Tante 
mit ihrer etwas hohen Stimme, die den baltiſchen Accent 


a, 


noch unangenehmer hervortreten ließ. Sie war eine 
Baroneſſe aus Livland. 

„Alles? nun weißt du, ein andres Kind würde nicht 
ſo zurückhaltend ſein. Sie weiß zum Beiſpiel: dies iſt 
die Stunde des intimſten, ungeſtörteſten Beiſammenſeins, 
— und immer geht ſie fort. Aber mit knapp ſechzehn 
Jahren handelt man doch nicht aus Takt.“ 

„Nein, das thut ſie auch nicht. Du idealiſierſt Ruth 
immer. Sie liebt uns einfach nicht genug, um ſich enger 
an uns zu ſchließen. Manchmal denke ich: ſie iſt vielleicht 
herzlos.“ 

„Aber Mathilde! wie kannſt du dem kleinen Ding 
etwas ſo Böſes nachſagen! Lies mal den letzten Brief 
aus Belgien, wie ſie ſie da in der Penſion loben und 
zurückverlangen.“ 

„Ja, das kennt man, mein Lieber. Sie war ein 
einträglicher Penſionär. Und dann ſind ſie dort katho— 
liſch. Wie kann man ihnen trauen? Ich bin es gerade, 
die deswegen für Ruths Ueberſiedlung zu uns geweſen iſt. 
Wir ſind doch ſchließlich verantwortlich für ſie. Dafür, 
daß ſie in Zucht und Ordnung aufwächſt. Was hat 
man davon, daß ihre Verwandten dort von vlämiſchem 
Adel ſind? Die Anſichten ſind doch die Hauptſache. 
Und die Leute dort kennt man nach der Richtung gar 
nicht.“ 

Der Onkel ſchwieg mit verdrießlichem Geſicht. Er 
wußte, daß für ſeine Frau alle Menſchen außerhalb der 
kleinen baltiſchen Provinzen „dieſe Leute“ waren, — 
während für ihn, gerade umgekehrt, die Welt erſt jenſeits 
der ruſſiſchen Grenze anfing. Ihm kam nicht nur die 
beſchränkte provinzielle Exkluſivität feiner Frau lächerlich 


vor, ſondern ſogar auch ihr baltiſches Heimatsgefühl. Mit 
ſeinem franzöſiſchen Namen und den ſowohl deutſchen 
wie ſlaviſchen Elementen in ſeiner Familie fühlte er ſich 
dermaßen als Kosmopolit, daß er nie eine Gemüts— 
beziehung zu irgend einem Lande und Volke beſeſſen hatte. 
Er ſchalt und klagte nur deshalb nicht über Rußland, 
wie die meiſten ſeinesgleichen, weil er dies für unvor— 
nehm hielt. i 

„Ruth würde jetzt gewiß nicht von hier fortgehen 
mögen, Mama,“ bemerkte die Tochter, „jetzt, wo ſie ſo 
gut wie erwachſen iſt. Nirgends kann man doch ſo gut 
in die Welt eingeführt werden wie hier.“ 

„Aber mir ſcheint, das will ſie gar nicht,“ verſetzte 
der Onkel lächelnd, der ſeine hübſche Tochter ſehr gern 
in Geſellſchaften begleitete, „ſie hat ja ohnehin ſo viel 
Welt und Menſchen geſehn und macht ſich nichts daraus. 
Gott ſei Dank alſo, daß wir mit ihr nicht noch einmal 
dieſelben Umſtände haben werden, wie ſeit einem Jahre 
mit dir, Liuba.“ 

„Nun biſt du wahrhaftig im ſtande und ſetzeſt 
dein eigenes Kind für Ruth herab,“ ſagte ſeine Frau 
nervös, die kein Gehör für einen ſcherzenden Ton be— 
ſaß, „laß ſie doch nur in Gottes Namen nach Belgien“ 
reiſen!“ 

„Nein!“ entgegnete er ärgerlich, drehte ſeinen Stuhl 
vom Tiſch ab, ergriff eine Zeitung und vergrub ſich hinein. 
Als eine der unangenehmſten Eigenſchaften an ſeiner 
Frau war ihm ſtets ihre unleugbare Vortrefflichkeit er— 
ſchienen, gegen die es niemals einen Appell gab, aber bei— 
nahe noch unangenehmer erſchien ihm dieſer gänzliche 
Mangel an Humor. 


—., Ab 


Die Stunde des „intimſten, ungeſtörteſten Beiſammen— 
ſeins“ war gründlich verdorben. — 

Ruth freilich ahnte nicht, daß ſie von ihrem leeren 
Platz am Tiſch den unſchuldigen Störenfried ſpielte, 
ja, ſie hatte im Augenblick vielleicht faſt vergeſſen, in 
welchem Lande der Erde, ob in Belgien oder Rußland 
oder Deutſchland oder ſonſtwo ſie ſich befinde. Die 
Hände auf dem Rücken verſchränkt, den Kopf ein wenig 
geſenkt, ging ſie raſtlos in ihrer Stube auf und ab, und 
dabei trug ihr Geſicht den Ausdruck angeſtrengteſten Nach— 
denkens, wie vorhin auf der Schulbank während des 
Unterrichts. Ihre Wangen waren heiß und lebhaft ge— 
rötet, und von Zeit zu Zeit ſchüttelte ſie den Kopf, als 
könne ſie mit ihren Gedanken nicht recht ins reine 
kommen. ö 

Nach einer Weile blieb ſie ſtehen, ſtrich ſich das 
Haar aus der Stirn und entſann ſich ihres Verſprechens, 
„wunderſchön aufzuräumen“. Damit ging es außer— 
ordentlich raſch. Jedes einzelne Ding, das herumlag, 
wurde in die ihm zunächſtgelegene Schublade befördert, 
und als dies gewiſſenhaft geſchehen war, zeigte es ſich, daß 
im Zimmer verblüffend wenig Gegenſtände übrig geblieben 
waren, die man nach der Vorſchrift der Tante „zierlich“ 
hätte ordnen können. Es war ein ganz wohnliches kleines 
Zimmer, mit hübſchen Möbeln, einem rotſamtenen Eck— 
ſofa und ſogar einer Nippesetagere, auf der ein gläſerner 
Mops ſtand. Aber es trug nicht das Gepräge ſeiner Be— 
ſitzerin, ſondern das einer gut eingerichteten Hotelſtube. 
Weder Arbeiten noch Liebhabereien plauderten etwas über 
das Weſen derjenigen aus, die hier ſchlief und lernte und 
träumte. Es hatte den Anſchein, als ſage Ruth täglich 


u. MR 


auch zu dieſer Umgebung, wie vorhin in der Schule: „Ich 
gehe doch bald fort.“ 

Als Ruth fertig war, griff ſie haſtig nach einem 
weichen engliſchen Wollbarett von leichter grauer Strickerei, 
ſetzte es wie eine Knabenmütze auf den Kopf und rief 
den Diener aus der Dienerſtube neben der Küche. Dieſer 
ſaß in ſeinem geblümten Zitzhemde, die Meſſer putzend, 
rittlings auf einer Bank und ſang dazu, ſo daß die Meſſer 
im Takte flogen. Es war ein junger Tatar, ſehr ge— 
wandt und, als Mohammedaner, muſterhaft nüchtern. 
Beten, ſingen und ſchlafen waren ſeine liebſten Beſchäfti— 
gungen. Wie er Ruth rufen hörte, ſchlüpfte er eilig in 
ſeine dunkle Livree und öffnete ihr die Hausthür. 

Sie ließ ſich von ihm bis zum finnländiſchen Bahn— 
hof begleiten; dort entließ ſie ihn. 

„Jetzt kannſt du zu deinen Bekannten gehn, Baſil,“ 
ſagte ſie zu ihm, als er mit gezogenem Hut an der 
Waggonthür ſtand, „aber um neun Uhr mußt du mich 
hier wieder erwarten.“ 

Er nickte verſtändnisvoll mit dem kurzgeſchorenen 
Kopf, der oben eine kreisrunde, glatt ausraſierte Stelle 
zeigte, ſah aber dabei ſeine kleine Herrin etwas beſorgt 
an. Er wollte gern zu „ſeinen Bekannten“ gehn, aber 
unerhört kam es ihm vor, ſie ſo ſchutzlos in die weite 
Welt hinausfahren zu laſſen, namentlich gegen Abend, wo 
es ſo viele Betrunkene auf den Straßen gab. 

„Dürfte ich nicht um die Erlaubnis bitten, mitzu— 
fahren?“ fragte er und kämpfte mit dem heroiſchen Ent— 
ſchluß, freiwillig auf ſein Vergnügen zu verzichten. 

Ruth lachte über ſein pfiffiges Tatarengeſicht, das 
eben jetzt faſt treuherzig ausſah, und ſchüttelte den Kopf. 


u. A, 


„Wo ich jetzt hingehe, darf niemand mitgehen!“ jagte 
ſie feierlich. 

Während der Fahrt blickte ſie ungeduldig hinaus, 
wie eine, die froh iſt, alles hinter ſich zu laſſen; die kurze 
Strecke kam ihr lang vor, als führe ſie wirklich weit — 
weit, in eine ganz andre Welt. Aber als ſie dann am 
kleinen Stationsgebäude ausſtieg und ſich nach dem rich— 
tigen Wege durchfragen mußte, da wurde ihr bänglich zu 
Mut. Was ihr vorgeſchwebt hatte, — zwingend, un— 
widerſtehlich, — war ein ganz beſtimmtes Traumbild, 
und ſolange nur ihre Phantaſie daran herummalte, ſchien 
alles ſich ihr von ſelbſt zu verwirklichen. Das Wirk— 
lichkeitsbild aber, das ihr jetzt fremd entgegentrat und 
in den Traum eingriff, verſchüchterte ſie; es wäre eigent— 
lich ſchöner geweſen, wenn alles ſich auch noch weiter 
ſo von innen heraus geformt hätte, wie man es ſich eben 
träumen läßt. 

Die bange Empfindung nahm nicht ab, ſondern zu, 
wie ſie endlich dem Hauſe nahe kam, das ſie ſuchte. Es 
war ihr, als erwache ſie plötzlich und befinde ſich todes— 
allein in wildfremder Gegend. Eine förmliche Angſt 
überfiel ſie vor lauter Schüchternheit und wie gelähmt 
blieb ſie am Gartengitter ſtehen. 

Da lag das Haus vor ihr; eine Magd fegte auf 
dem breiten Kiesweg vorn die Strohhalme zuſammen, 
die bis auf die Straße verſtreut waren, und daneben 
ſtand ein Knabe, den Hut im Nacken, und ſah zu. Der 
mußte ſie ſicher gleich bemerken. Am liebſten wäre ſie 
wieder umgekehrt. 

„Die Augen zumachen — fortlaufen!“ dachte ſie 
ſehnſüchtig. Aber das durfte ſie nicht. Ihren eigenen 


8 


Willen durfte ſie ganz gewiß nicht hinterdrein im Stich 
laſſen. 

Da ſang eine Nachtigall im Fliedergebüſch am Zaun. 

Und leiſe — leiſe, mit werbendem Klang, lockte aus 
der Tiefe des Gartens die zweite. 

Ruths Augen ſchweiften am Hauſe vorbei über den 
Garten und blieben entzückt darauf haften. 

„Der Frühling!“ ſagte ſie jauchzend, ganz laut. 

Sie hatte ihn noch gar nicht geſehen in dieſem Jahr. 
Nun erſt ward ſie ſich deſſen bewußt, daß ſie doch ſoeben, 
auf dem Wege vom Bahnhof, unter grünenden Birken 
gegangen war, und daß im Graſe am Wegrand weiße 
Anemonen ſtanden. Jetzt kam es ihr vor, als ſei das 
nur ſo ein wenig Frühling geweſen, der von den Men— 
ſchen, die aus dieſem Garten traten, unterwegs verſtreut 
wurde. Aber hier war der Frühling zu Haus, von hier 
mußte er kommen; und nun ſtand ſie dicht am Gitter, 
hinter welchem er blühte. In dem rotgoldenen Duft, 
den die Sonne darum wob, ſchaute er mit der eben auf— 
brechenden Obſtblüte und dem zarten Laub der Bäume 
wie ein Märchen hinter dem alten Hauſe hervor. Da 
einzutreten, das war faſt, als ob man aus einem Traum 
gar nicht herauskam. 

Jonas hatte ſich neugierig der Gartenpforte genähert, 
an der jemand ſtand, von dem er nicht recht wußte, ob 
es ein Mädchen ſei. 

„Ich möchte hier herein!“ ſagte Ruth bittend. — 

Erik und Klare-Bel ſaßen an dem noch nicht ab— 
gedeckten Mittagstiſch im Wohnzimmer an der Terraſſe, 
und wie immer erzählte Erik ſeiner Frau lebhaft und 


mitteilſam von den kleinen Begebenheiten des 8 
Lou Andread-Salome, Ruth. 


zur SE: 


Voll Humor ſchilderte er ihr die Mädchenſchule und Ruth. 
Warwaras Beſuch in der Stadtwohnung erwähnte er nur 
flüchtig. 

Da kam Jonas atemlos ins Zimmer geſtürzt. 

„Papa! da iſt jemand, der dich ſprechen will. Ruth 
heißt ſie. Ich habe ſie in dein Arbeitszimmer geführt.“ 

„Aber Jonas!“ rief ſeine Mutter, „wie konnteſt du 
das nur thun! Da drin muß es ja noch ſchauderhaft 
ausſehen! Bringe ſie doch herüber, Erik! bitte, bringe 
ſie lieber herüber! Wenn Gonne nur abräumen möchte!“ 

Erik hörte es nicht mehr. Er war ſchon fort. 

Als er raſchen Schrittes über den Flur in ſein 
Zimmer trat, ſtand Ruth mitten in demſelben, etwas 
vornübergeneigt und die Hände feſt gegen die Bruſt ge— 
drückt. Der erſte Eindruck, den er empfing, war wieder 
der des Scheuen, Vereinſamten, wie in dem Augenblick, 
wo ſie ſo ſtill geſagt hatte: „Mir hilft niemand!“ Wie 
er ſie ſo daſtehen ſah und ſie ihm mit großen, bangen 
Augen entgegenblickte, erinnerte ſie in keinem Zuge mehr 
an den ausgelaſſenen Jungen im Schulhof. 

Erik kam nur undeutlich die Vorſtellung davon, daß 
man im Fall eines unerwarteten Beſuches zunächſt einen 
Stuhl anbietet und irgend etwas Freundliches ſagt. 
All dies Gethue kam ihm wie zu einer andern Welt ge— 
hörig vor, — jedes konventionelle Wort vergaß er dieſer 
ſchüchternen, kindlichen, ſichtlich aufs tiefſte ergriffenen 
Geſtalt gegenüber. Es war, als ſtände ſie auf einer 
einſamen Inſel, am weiten Meeresſtrande, ganz allein 
vor ihm — ein Kind aus dem Volke — und ringsum 
nichts als ein paar ſchwebende Möwen über ihren 
Köpfen. 


Ganz unwillkürlich, aus dieſem Eindruck heraus, fand 
er nur das Wort der Freude: „Kommſt du zu mir?“ 

Das „Du“ wirkte wie eine Erlöſung auf ſie. Es 
ſchien ihr in dieſer Einfachheit ein Zauberwort, das die 
fremde, herzbeklemmende Wirklichkeit mit einem Schlage 
verwandelte, — ſie umwandelte zur traumhaften Verwirk— 
lichung deſſen, was Ruth erſehnt und erſonnen hatte. 

Sie machte einen Schritt auf Erik zu, ein heller 
Ausdruck flog über ihr ganzes Geſicht, und die Hände 
feſter gegen die Bruſt preſſend, deren Herzklopfen ihr den 
Atem benahm, ſagte ſie kindlich: „Danke!“ 

Er hatte ſich auf einen der umherſtehenden Stühle 
geſetzt und faßte ihre Hände in den ſeinen zuſammen. 
Die Hände zitterten, und es fiel ihm auf, wie blaß und 
ſchmächtig ſie ausſah, wenn nicht der Ausdruck übermütiger 
Lebensluſt, den er an ihr geſehen, darüber wegtäuſchte. 

„Fürchteſt du dich?“ fragte er, und ſein Blick ruhte 
auf dem ſchmalen Geſichtchen. 

Sie nickte ganz leiſe mit dem Kopfe, und noch immer 
zitterte ſie, wie ein Vogel, auf den eine fremde Hand 
ſich legt. 

„Du fürchteſt dich doch nicht vor mir, zu dem du 
kamſt? Sage mir, weshalb du kamſt.“ 

Sie nahm ihre Mütze vom Kopf und beſann ſich. 
In Gedanken durchlief ſie die ganze Entſtehungsgeſchichte 
ihres Entſchluſſes, vom erſten Schuleindruck an, — aber 
die ließ ſich ja, ſo weitläufig und verworren wie ſie war, 
ganz gewiß nicht wiedererzählen. Sie verſuchte, die 
Hauptſache herauszuholen. Aber nun vergaß ſie alles. 
Es war rein unmöglich. 

Und plötzlich brach Ruth in Thränen aus. 


„Mein liebes Kind!“ ſagte er ſanft, und ſtrich ihr 
das loſe, lockige Haar aus der Stirn, das über das ge— 
ſenkte Geſicht gefallen war. Dann nahm er ihre Hände 
wieder in die ſeinen. 

„Haſt du Vertrauen zu mir?“ fragte er. 

„Ja!“ ſagte ſie leiſe. 

„Unbedingtes?“ 

„Ja!“ ſagte ſie wieder. 

„Dann darfſt du weder zittern noch dich fürchten. 
Verſuche jetzt einmal ganz feſt, es zu bezwingen. Ganz 
feſt, hörſt du? Es wird ſchon gehn.“ 

Sie machte eine Anſtrengung, das nervöſe Beben, 
das durch ihren Körper ging, zu unterdrücken. Er wartete 
ruhig einige Augenblicke, bis es ihr gelungen war. Dann 
beharrte er auf ſeiner erſten Frage: „So. Und nun 
ſage mir, weshalb du kamſt. Sage es, ſo gut du kannſt. 
Verſuche es nur. Ich werde dir helfen.“ 

Sie ſeufzte und begann unſicher: „Ich komme nun 
bald nicht mehr in die Schule —“ 

„Nein. Ich weiß. Und —?“ 

„Und da mußte ich hierher.“ 

Sie brach ab, wie um ihre Gedanken zu ordnen, 
dann fügte ſie ſchüchtern hinzu, mit einem rührenden Aus— 
druck: „Ich bin ja allein!“ 

Erik wurde es warm bis ins innerſte Herz. Nie 
noch meinte er eine ſo tiefe, ſo heilige Zärtlichkeit em— 
pfunden zu haben, wie dieſem Kinde gegenüber. Der 
Wunſch, ſich ihr zu widmen, die Hand auf ſie zu legen, 
wie auf etwas, das ihm zugehörte, ward plötzlich ſo ſtark 
in ihm, daß er ihn unwillkürlich als bereits erfüllt nahm 
und kein Hindernis gelten ließ. 


— 53 — 


„Möchteſt du hierher gehören, Ruth?“ fragte er. 

„Ach ja!“ rief ſie lebhaft, und dann ſagte ſie mit 

Inbrunſt: „Immer!“ 
Ihr Geſicht hatte ſich verändert, die Augen ſahen 
jetzt ganz dunkel aus und lachten aus den naſſen Wim— 
pern. Sie hätte ſo gern wieder geſagt: „Danke!“ Denn 
es lag der Inbegriff all ihres Denkens und Fühlens in 
dem Worte ausgeſprochen. Aber ſie ſcheute ſich, es zu 
wiederholen. 

Erik ſah ernſthaft vor ſich nieder, als erwäge er 
nachdenklich einen Plan. ö 

„Nach dem Verlaſſen der Schule würdeſt du wohl 
noch mancherlei Unterricht erhalten,“ bemerkte er, ſie zur 
Wirklichkeit zurückführend, „wenigſtens wäre das in hohem 
Grade wünſchenswert. Möchteſt du ihn bei mir nehmen?“ 

Sie nickte eifrig. 

„Gut. Wir würden alſo miteinander arbeiten,“ — 
und in leichtem Tone ſetzte er hinzu: „ſehr viel arbeiten, 
Ruth! Wirſt du das auch wollen? In dem Aufſatz da, 
— der hat uns ja zu einander geführt, nicht wahr? — nun, 
da ſteht faſt ebenſoviel zum Erſchrecken wie zum Freuen. 
Einen ſo ungeordneten kleinen Kopf, mit ſo krauſen, 
wilden, unfertigen Einfällen und Vorſtellungen habe ich 
noch gar nicht geſehen. Glaubſt du das wohl?“ 

Sie lächelte nur und ſah ihn vertrauensvoll an, als 
ob ſie dächte: „Du wirſt es ſchon ordnen und entwirren!“ 

Er blickte ſchweigend auf ſie hin, und wieder erſchien 
ſie ihm wie ein ſcheuer, kleiner, mattgeflogener Vogel, der 
ſich hilflos verflattert hat, und ſich mit einemmal in 
einem weichen Neſte findet. 

Draußen zögerte die Maiſonne am Himmel, und 


dl SE 


durch den feinen Nebel hindurch, der von den feuchten 
Wieſen jenſeits des Gartens aufſtieg, fielen ihre Strahlen 
beinahe rot, wie flüſſiger Purpur. Die beiden noch vor— 
hangloſen Fenſter gingen direkt auf den Hintergarten 
hinaus. 

Ein herber, friſcher Duft nach Birkenknoſpen wehte 
mit dem lauen Abendwind ins Zimmer, und unermüdlich 
tönte das inbrünſtige Locken der Nachtigallen. 

Während Erik auf Ruth ſchaute, kam ihm eine 
ſtörende Erinnerung. 

„Erzähle mir doch,“ ſagte er unerwartet, „was denn 
das für ein Mann war, den du auf der Straße grüßteſt?“ 

Sie errötete etwas und wurde verlegen, aber um 
ihre Mundwinkel zuckte es dabei, wie von verhaltenem 
Mutwillen. Auf den Wangen erſchienen verräteriſch zwei 
Schelmengrübchen. 

„Ich — — — ach, der! Den kenne ich ja gar 
nicht.“ | 

„Aber er ſah dich doch jo an, als ob ihr euch recht 
gut kenntet. Wie kam denn das?“ 

„Ja, das kam ſo,“ begann ſie mit einem Seufzer, 
und überlegte, „— es iſt wirklich nicht leicht zu erzählen. 
Ich habe ihn mir ausgeſucht, aber er weiß ja nichts 
davon.“ 

„Ausgeſucht? Aber, liebes Kind, das kann doch 
kein Menſch verſtehen,“ ſagte er ungeduldig, „nimm dich 
beſſer zuſammen, Ruth! ſprich deutlicher. — Nun?“ 

„Ich will ja!“ rief ſie eingeſchüchtert, „es iſt bloß 
ſo ſchwer! Es war eine bloße Geſchichte, — die wir 
untereinander ſpielten, — im Schulhof, in der Frühſtücks⸗ 
pauſe, — und da mußte jemand vorkommen, der ungefähr 


jo ausſah. Und da — habe ich mir dieſen ausgeſucht, 
weil es ſchöner geht, wenn man dabei an einen leben— 
digen Menſchen denkt.“ 

„Aber was ſollte er denn davon denken? Zum Bei— 
ſpiel ſchon davon, daß du ihn zuerſt grüßteſt?“ 

„Das mußte ich ja thun! Wie ſollte er ſonſt wiſſen, 
was er zu thun hatte? Ob er grüßen durfte?“ | 
„Und wenn er nun auf der Straße mit dir an: 
gebunden hätte? Haſt du denn das nicht überlegt?“ 

Sie ſah erſtaunt auf. 

„Das durfte er ja gar nicht. Das hätte gar nicht 
in ſeine Rolle gepaßt. Er mußte edel und unglück— 
lich ſein.“ | 

Erik entfuhr ein kurzer Laut. Seine Augen blickten 
ernſt, faſt beſorgt auf ſie. | 

„In eurem kindiſchen Spiel — ja. Aber in der 
Wirklichkeit?“ fragte er langſam. „Kannſt du deine Ge— 
danken nicht beſſer in Zucht nehmen? Kannſt du das nicht 
auseinander halten? Das mußt du können, Ruth! Und 
nun ſage mir, was du gethan hätteſt, wenn er aus der 
eingebildeten Rolle gefallen wäre?“ 

Sie dachte nach. 

„Dann hätte ich die Augen zugemacht und wäre 
fortgelaufen.“ 

„Wärſt du denn dadurch unſichtbar geworden, daß 
du die Augen zumachſt?“ | 

„Ich? Nein! aber doch er. Denn dann hätte ich 
ja einen andern ſuchen müſſen.“ 

„Einen andern?!“ 

Sie nickte. 

„Es gibt ihrer viele!“ verſicherte ſie treuherzig. 


0 


„Und das hätteſt du wirklich gethan? Beſinne dich 
mal! Wäre es dir wirklich auch dann noch nicht klar 
geworden, wie kindiſch und dreiſt dein Benehmen war?“ 

Ruth ſah unglücklich aus. Offenbar machte er ihr 
einen Vorwurf. Sie dachte nach, was er nur damit 
meinen könnte? Sie konnte nicht begreifen, was dieſer 
fremde Mann, außerhalb ſeiner Rolle, ſie kümmern ſollte? 

„Ich brauchte ihn, und da nahm ich ihn mir!“ rief 
ſie mit kläglichem Geſicht. 

Erik ſtand auf und ging ein paarmal durchs Zimmer. 
Dann blieb er vor Ruth ſtehen, die ſich auf die Kante 
ſeines Stuhles geſetzt hatte. 

„Sage mir, gibt es mehr ſolcher fremder Menſchen, 
die du auf der Straße grüßeſt?“ 

„Ja. Alle Straßen ſind voll davon.“ 

„— Männer —?“ fragte er zögernd. 

„Auch Männer. Ich brauche immer friſche für die 
Schule. Auch Frauen, Kinder, alte Leute.“ 

„Was meinſt du damit, daß du Männer ‚für die 
Schule“ brauchſt?“ 

„In den Geſchichten für die Mädchen muß immer 
einer vorkommen. Am liebſten einer mit einem kleinen 
Schnurrbart. Aber ich habe auch andre Geſchichten, — 
viel, viel ſchönere, — wunderſchöne,“ fügte fie lebhaft 
hinzu, — „und die mit Kindern ſind mir die liebſten.“ 

„Erzählſt du die den Mädchen in der Schule nicht?“ 

Sie ſchüttelte den Kopf. 

„Sie finden ſie nicht ſchön!“ ſagte Ruth traurig. 

Er ſetzte ſich zu ihr auf einen Lederſeſſel, der am 
Fenſter ſtand, und neigte ſich ein wenig vor. 

„Willſt du ſie künftig mir erzählen?“ fragte er ernſt, 


a 


ae IB ee 


„aber alle, ohne eine Ausnahme. Und ohne einen Winkel, 
in den ich nicht hineinſehen könnte. Ich muß alles wiſſen 
und hören, was durch dieſen phantaſtiſchen, unnützen Kopf 
geht. Wir wollen einen ordentlichen Vertrag machen: 
du ſollſt ſie auch niemand ſonſt mehr erzählen. Nur 
mir. Immer, mit allem hierher kommen. Du wollteſt 
ja hierher gehören. — Wirſt du es bedingungslos und 
gehorſam thun?“ 

Ihre Augen waren groß und dankerfüllt auf ihn 
gerichtet; er konnte es an ihrem Geſicht ſehen, wie die 
Gedanken in ihr vergebens nach Ausdruck rangen, aber 
er hatte dennoch keine Ahnung davon, mit welch einem 
innern Jubel ein neues Glück ihr aufging. Sie wollte 
es ihm ſo gern ſagen, aber in ihrem wortarmen Gefühl 
verſtummte ſie ſtatt deſſen gänzlich, und plötzlich, als 
müßte ſie ſich anſtatt des Wortes wenigſtens durch die 
Gebärde helfen, glitt ſie nieder vom Stuhl und kniete 
bei Erik hin, — wie auf einen ihr nun zugewieſenen 
Platz, erwartungsvoll, mit einem Blick wie ein Kind 
um Weihnachten. 

Sie fühlte ſich ſo glücklich. Zu Hauſe. Geborgen. 
Von hier aus mußte alles Gute kommen. 

Er ſtrich ihr leiſe über das Haar. „Alſo höre unſern 
Vertrag zu Ende,“ ſagte er in dem ruhigen Tone, unter 
dem ſie ganz ſtill wurde und lauſchte, „wenn du mir deine 
Geſchichten ſchenkſt, dann ſchenke ich dir auch etwas. Du ſollſt, 
ſoweit es an mir liegt, nicht in deiner eigenen Phantaſie 
ſtecken bleiben, ſondern mit klarem Blick ſo weit ſchweifen 
lernen, wie das Leben — das wirkliche, herrliche Leben — 
reicht. Und, wenn es auch anfangs Anſtrengung von dir 
verlangen ſollte, meinſt du nicht, daß ich dich damit etwas 


m: /BUB 


Schöneres lehren werde, als du bisher dir geträumt und 
zuſammengedichtet haſt?“ 

„Ach ja!“ rief ſie ſehnſüchtig, als ſtrecke ſie ver— 
langend beide Hände nach etwas Erwartetem aus, — 
„das iſt ſie ja: von allen die allerſchönſte Märchen— 
geſchichte!“ 

Ihm fiel der Ausdruck auf, weil ſie ihn ſchon im 
Schulhof den Mädchen gegenüber gebraucht hatte. 

„Gerade das ſagteſt du ja, als du heute morgen 
den Mädchen erklärteſt, daß du etwas Neues vorhabeſt. 
Was war es denn?“ 

Zu ſeinem Erſtaunen fuhr Ruth zuſammen, und 
ſenkte den Kopf. 

Erik ſah betroffen aus. 

„Was war es!“ fragte er ſtreng. 

„Ich kann es nicht jagen,“ verſicherte fie ſcheu, 
„bitte, bitte nicht.“ 

Er faßte ihre Hand hart im Gelenk, ſo daß es ſie 
ſchmerzte. 

„Wenn es etwas iſt, was dir ſo ſchwer fällt, aus— 
zuſprechen, dann iſt es um ſo notwendiger, daß du es 
ſagſt. Ich muß es wiſſen, — jetzt gleich, Ruth.“ 

Sie verſuchte, die ſchmerzende Hand aus der ſeinen 
zu ziehen, und als es ihr nicht gelang, ſenkte ſie das 
Geſicht noch tiefer, ſo daß es ſich an ſeinem Rockärmel 
faſt verſteckte. 

Er bog ihren Kopf zurück und ſah ihr in das 
Geſicht. Es war über und über in Glut getaucht. 

„Es hilft nichts, ſich zu verſtecken,“ ſagte er un— 
erwartet ſanft, „du wirſt mir immer nachgeben müſſen, 
mein Kind. Mach es kurz!“ 


> I 


Ihre Hände ſchlangen ſich nervös auf ſeinen Knieen 
ineinander, dann hob ſie ſie mit einer bittenden Gebärde 
zu ihm auf. 

„Es war nur, — ich hatte alle dieſe Geſchichten auf 
einmal ſo ſatt; alles ſtockte auf einmal, — nichts mochte 
ich mir weiter ausdenken. So ſchön ich es mir auch 
ausdachte, mit ſo vielen Menſchen drin ich es mir auch 
ausdachte, — ich blieb immer allein. Die Menſchen grüßten, 
und gingen vorüber. Und da — da kam eine ſolche Sehn— 
ſucht, — ſeit vier Tagen ſolche Sehnſucht. Ich konnte 
nicht mehr ſpielen. Nie mehr.“ 

„Sehnſucht — wohin?“ fragte er halblaut. 

„Hierher!“ ſagte ſie mit leiſer Stimme und wandte 
den Kopf hinweg. 

Er ließ ihn frei, ließ zu, daß ſie ihn wieder an 
ſeinem Rockärmel verſteckte. 

Beide Arme hatte er um ſie geſchlungen. 


I; 


Erik ſaß bei Ruths Onkel und Tante im Empfangs— 
ſalon, hielt Hut und Handſchuhe auf den Knieen und 
blickte nachdenklich darauf nieder, während er dem Ge— 
ſpräch der beiden zuhörte. 

„Ich finde, mit deiner Reiſe ſtimmt es gut zuſammen, 
Mathilde,“ ſagte der Onkel jetzt, „denn während du mit 
Liuba in Wiesbaden biſt, iſt Ruth gerade ſo ganz un— 
beaufſichtigt hier. Ich weiß ohnedies nicht, was die Kleine 
mit den langen Ferien anfangen ſoll, da in dieſem Jahr 
die meiſten Bekannten nicht aufs Land, ſondern ins Aus— 
land gehen.“ 

Erik beſaß ein ſcharfes Auge für die Außenſeite von 
Menſchen und wurde ſtark durch dieſelbe beeinflußt. Der 
Onkel, mit ſeinem aſchblonden, ſchon etwas graugemiſchten 
Haar und Bart, mit den ſchmächtigen Schultern ſeiner elegant 
gebauten Geſtalt und mit ſeinen frauenhaft feinen Händen, 
gefiel ihm recht gut. In Ton und Haltung erinnerte er 
ein wenig an Ruth. Dagegen empfand Erik gegen die 
Tante eine ausgeſprochene Antipathie. 
| „Solche Beſuche bei allerlei Bekannten auf dem 

Lande wären jetzt auch durchaus keine geeignete Beſchäf— 
tigung für Ruth,“ bemerkte er aufblickend; „ſie muß zu 


u U, 


thun haben, — wirkliche Arbeit und Anſtrengung muß 
ſie haben. Selbſt körperliche oder geiſtige Ueberanſtrengung 
wäre noch beſſer als Mangel an Beſchäftigung. In dieſen 
Jahren braucht man ſtarke Nahrung, und Ruth braucht 
ſie am meiſten.“ 

„Siehſt du; was ſage ich immer?“ fiel die Tante 
ein, und nickte ihrem Mann bedeutſam zu; „ich ſage 
immer: man läßt ſie viel zu viel gewähren. Aber du 
haſt das immer am bequemſten gefunden.“ 

„Lieber Gott! was wollteſt du denn auch mit ſolchem 
kleinen Frauenzimmer anfangen,“ verſetzte der Onkel be— 
gütigend, „man konnte ſie doch nicht etwa anſtellen, Stuben 
zu ſcheuern?“ 

„Nein, weißt du, lieber Louis! das brauchſt du mir 
wirklich nicht vorzuhalten, — es iſt ja gerade, als ob ich 
Ruth Dinge verrichten ließe, die ſich nur für den niederſten 
Dienſtboten ſchicken!“ ſagte ſeine Frau, die ſcherzende 
Uebertreibung unerbittlich ernſt nehmend, „aber ein wenig 
ſich im Häuslichen umſehen, — das hätte Ruth ganz wohl 
können. Liuba wird ja auch dazu angehalten. Es iſt 
doch nun einmal der Beruf der Frau.“ 

Erik betrachtete mit ſchlecht verhehltem Spott in den 
Augen die große, ſtattliche Erſcheinung der Tante, an der 
es ihm charakteriſtiſch für ihr ganzes Weſen vorkam, daß 
die ihr gewohnten guten Formen des äußeren Benehmens 
einen gewiſſen Mangel an natürlicher Grazie nicht ver— 
decken konnten. 

„Was das anbetrifft,“ unterbrach er ſie ungeduldig, 
„ſo brauchen Sie ſich dieſer Verſäumnis wegen nicht weiter 
anzuklagen. In einem ſo von allen Seiten bedienten 
Haufe bleibt die ſogenannte ‚häusliche Hilfe‘, beſtehe fie 


se 


nun im Blumenbegießen oder Kaffeekochen, im beiten Fall 
eine gleichgültige Spielerei, — im ſchlimmern Fall weckt 
ſie die Einbildung, man habe etwas geleiſtet. Dagegen 
hätte ich gegen das Stubenſcheuern nicht viel einzuwenden.“ 

Der Onkel lachte erfreut auf. „Jetzt haben Sie es 
aber mit meiner Frau gründlich verdorben!“ drohte er 
ſcherzend, „aber ich muß bekennen, daß ich gar nicht be— 
greife, warum ſie alle beide ſo verſeſſen darauf ſind, 
Ruth ins Joch zu ſpannen. Natürlich habe ich nicht das 
Geringſte gegen den Unterricht, den Sie vorhin als 
wünſchenswert vorſchlugen, — im Gegenteil, es freut mich 
für die Kleine. Aber ich möchte Sie doch bitten, das 
mit dem Stubenſcheuern auch nicht einmal ſymboliſch aus— 
zuführen. Nicht ins Geiſtige zu übertragen. Machen Sie 
es nur nicht zu ernſthaft. Ruth iſt es ſo gewohnt, umher— 
zulaufen und in ihrer Faulheit vergnügt zu ſein.“ 

„Ich glaube, Sie täuſchen ſich,“ entgegnete Erik in 
beſtimmtem Ton, „Ruth iſt weder faul noch vergnügt. 
Sie iſt es gewohnt, ſich in einem ſelbſtgemachten Traum— 
daſein vollſtändig zu erſchöpfen. Sie iſt dadurch zum Teil 
ihrem Alter vorausgeeilt, zum Teil aber auch hinter ihrem 
Alter zurückgeblieben. Ich habe noch nie eine ſo ungleiche 
Entwicklung geſehen. Wenn dieſelbe nicht rechtzeitig auf⸗ 
gehalten wird, ſo läuft Ruth Gefahr, an ihrer Phantaſie 
geiſtig zu erkranken.“ 

Der Onkel ſchüttelte verwundert den Kopf. 

„Das iſt doch kurios,“ ſagte er, „ich habe Ruth ſtets 
für ein höchſt praktiſches kleines Frauenzimmer gehalten. 
Von Phantaſie war doch nie eine Spur an ihr zu be— 
merken. Alles was ſie ſagt, iſt ja ſo direkt und nüchtern. 
Und am liebſten ſagt ſie gar nichts. Sie ſollten nur wiſſen, 


— 63 — 


wie nüchtern ſie in allem iſt, wo die jungen Mädchen 
ſonſt ihre Phantaſie ſitzen haben! Das hat mir ſtets ſo 
gut gefallen. Da kann Liuba gar nicht mitkommen.“ 

Seine Frau ſah ihn verletzt an. 

„Glücklicherweiſe nicht!“ beſtätigte ſie etwas erregt, 
„Liuba würde nicht umhergehen, wie in einen grauen 
Sack gekleidet, bloß weil es ſo am bequemſten iſt. Und 
überhaupt, — denken Sie nur, neulich höre ich, wie 
meine Tochter zu Ruth jagt: ‚paß nur auf; wenn du ein 
Jahr älter biſt, dann wirſt du ſchon wiſſen, was ſchön 
und häßlich iſt, und wirſt am Spiegel fragen: Wie ge— 
fall' ich ihm?“ — — Mein Gott, Sie wiſſen ja, wie 
junge Mädchen ſo untereinander reden! Aber was ant— 
wortet Ruth darauf? Sie lacht nur, und dann fragt ſie 
erſtaunt: ‚Warum nicht lieber: wie gefällt er mir?“ 

In dieſem Augenblick ging die Thür auf, und Ruth 
trat ein. 

Sie kam aus ihrem Zimmer, ohne eine Ahnung, daß 
ſie Beſuch vorfinden würde. Als ſie ſo unerwartet Erik 
erblickte, fuhr ſie zurück und wurde glühend rot. Dieſe 
plötzliche Anweſenheit ſeiner Perſon inmitten der Ihrigen, 
die ihr ſo fern ſtanden, — die unerwünſchte Vermiſchung 
eines ſie ganz erfüllenden Bildes mit der Umgebung, die 
ſie mied und floh, machte einen ganz ſeltſamen Eindruck 
auf ſie. Etwa ſo, wie wenn eine Traumgeſtalt aus herr— 
lichen Phantaſien ins wirkliche Leben niederſteigt, um ein 
banales Geſpräch zu führen; — etwa ſo, wie wenn man 
das Intimſte, was nicht einmal Worte beſitzt, in die Sprache 
des Pöbels überſetzt findet. 

Daß Erik herkommen, daß er ſich überhaupt mit 
ihren Verwandten auseinanderſetzen mußte, das fiel ihr 


— 64 — 


nicht im geringſten ein. Er hätte das ſchon ſo einrichten 
müſſen, daß es eine Angelegenheit aus einer andern Welt — 
aus ihrer Welt blieb. Lieber noch wäre ſie dann des 
Nachts, heimlich, und auf bloßen Füßen bis zu ihm hin— 
gelaufen. 

Entſetzlich rot und linkiſch ſah ſie aus, wie ſie ſich 
da, verlegen und mit ſcheuem Geſicht, in die Thürſpalte, 
drückte. Aber nicht Verlegenheit empfand ſie, ſondern 
eine unentwirrbare Miſchung von Zorn und Scham, — 
Scham darüber, daß etwas Zartes, ihr Zugehöriges, vor 
fremden Augen herumgezeigt und beſprochen wurde. 

„Nun, Ruth, benimmt man ſich ſo?“ bemerkte die 
Tante verweiſend, „kannſt du nicht näher kommen?“ 

Da that ſie etwas Wunderliches. Sie hob beide Hände 
vor die Augen, und ſo, mit ſcheuklappenartig verdecktem 
Geſicht, ging ſie, wie ein Kind, das ſich vor fremden Gäſten 
fürchtet, durch das Zimmer bis vor den geſchnitzten, runden 
Sofatiſch, um den ſie ſaßen. 

Der Onkel lachte, ſeine Frau ſchüttelte mißbilligend 
den Kopf und ſagte ſtrafend: „Ein ſo großes Mädchen!“ 

Erik, der bei Ruths Eintreten den Kopf nach ihr 
gewandt hatte, blickte ſie ſchweigend und aufmerkſam an. 
Als ſie dicht neben ihm ſtand, hob er die Hand und zog 
ihr die Hände vom Geſicht fort. „Warum willſt du mich 
heute nicht anſehen, Ruth?“ fragte er ſie. 

Sie antwortete nicht. Noch war ſie ſehr rot und 
hielt die Augen zu Boden geſenkt. Dieſes „Du“, das er 
zu ihr ſagte, und das ſie geſtern ſo dankbar hingeriſſen 
hatte, verletzte ſie heute beinahe. Es klang ganz anders — 
hier, an dieſer Stelle, — es klang wie die Anrede, die 
man einem Kinde gegenüber wählt, das unter lauter Er— 


= BE: 


wachſenen daſteht. Ja, ſie ſtand ihm und den andern 
gegenüber, und ſie verhandelten da über ſie, als wäre 
ſie verraten und verkauft, — als handle es ſich gar nicht 
um ihre — ihre eigene, eigenſte Angelegenheit. 

Durch Erik fühlte ſie ſich verraten und verkauft. 

„Sie lernen ja Ruth von einer liebenswürdigen 
Seite kennen,“ meinte der Onkel, noch immer lächelnd, 
„aber ſie iſt nicht ſo ſchlimm, wie es ausſieht. Was iſt 
dir nur in die Krone gefahren, Kleine? Verlegen hab' ich 
dich noch nie geſehen.“ 

Erik, der ſie unverwandt anſah, ſuchte jetzt die Auf— 
merkſamkeit von ihr abzulenken. 

„Wir wollen ſchon mit einander zurechtkommen,“ 
ſagte er mit warmer Stimme und wandte ſich an den 
Onkel mit einer Frage wegen Tag und Stunde des ge— 
planten Unterrichts. ö 

Ruth ſtand teilnahmlos daneben, ohne die Wechſel— 
reden der andern zu beachten. Nur die Röte wich all— 
mählich von ihrem Geſicht und machte einem Ausdruck 
verhaltener Traurigkeit und Enttäuſchung Platz. Sie 
blickte nicht auf, ſondern ſtudierte eingehend das glänzende 
Muſter des Parkettfußbodens. 

Da, als Erik ſchon Miene machte, ſich zu verab— 
ſchieden, hörte ſie ihren Onkel ſagen: „Alſo, wenn es 
Ihnen wirklich kein zu großes Opfer iſt, erwarten wir 
Sie jedesmal hier, am Nachmittag, nach Ihren Schul— 
ſtunden!“ 

„Nein!“ warf Ruth plötzlich laut dazwiſchen. Es 
war, als ob ſie aufwachte. Erſtaunt und blitzend gingen 
ihre Augen vom einen zum andern; „hierher? das iſt 


ja ein Irrtum. Ich werde hinauskommen.“ 
Lou Andreas⸗Salome, Ruth. 5 


— 66 — 


Alle ſahen ſie verwundert an, als ſie das ſo kate— 
goriſch, ohne eine Spur von Befangenheit erklärte. Erik 
aber erhob ſich raſch. 

„Das iſt am Ende wirklich das Beſſere,“ ſtimmte er 
ihr unwillkürlich bei, „und wenn Ruth den Weg nicht 
ſcheut und den Abend dann bei uns verbringen will, 
ſo wäre es in der That während dieſer Sommertage 
vorzuziehen.“ 

Er ſprach nicht mehr mit ganz der gleichen, über— 
legenen Sicherheit wie vorhin, ſondern etwas haſtig. Ein 
ſchwacher Reflex von dem, was Ruth jo peinigend und 
ſtörend an der Situation berührt hatte, ſchien jetzt auch 
auf ihn überzugehen, als ahne oder begriffe er plötzlich 
ihre zornige Scheu. Als er ihre Augen ſo vorwurfsvoll 
und mit einem unkindlichen, faſt ſtrengen Blick auf ſich 
gerichtet ſah, da kam es ihm ſelbſt mit einemmal ſonder— 
bar vor, daß er ſie anderswo um ſich hatte haben wollen, 
als in ſeinem eigenen, ſtillen Zimmer, — dort, wo ſie zu 
ihm gekommen war. Beinahe hätte der Zufall es ſo gefügt. 
Aber ſie ließ keinen Zufall zu. Klar und zwingend wie 
eine Viſion ſtand vor ihren Augen, was ſie ſich erſehnt 
und erträumt hatte. 

Während Erik mit ihrem Onkel das Zimmer verließ, 
und die Tante hinausging, blieb Ruth regungslos ſtehen, 
die Hände auf dem Rücken, den Kopf gebückt, wie immer, 
wenn etwas ſie ſehr beſchäftigte. Im Flur hörte ſie die 
Hausthür gehen, dann einen raſchen Schritt auf der 
ſteinernen Treppe. Darauf wurde es ganz ſtill. 

Sie ſah das Zimmer wie durch einen Schleier, über— 
ſchüttet von blendendem Sonnenlicht, das durch die hohen 
Blattgewächſe und Palmengruppen in beiden Fenſterecken 


— 67 — 


hindurchſchimmerte und an den vergoldeten Rahmen der 
Gemälde aufblitzte, die ſchon einen dünnen Tüllbezug 
gegen Staub und Licht erhalten hatten. 

Ruth ging langſam auf den Stuhl zu, auf dem Erik 
vorhin geſeſſen hatte. Sie ſetzte ſich hin, legte beide Arme 
auf den Tiſch und den Kopf darauf. 

Und dann fing ſie an bitterlich zu weinen. — 

Bei Tiſch, zu Mittag, beobachtete der Onkel Ruth 
nachdenklich. Es hatte ihm ſo ſehr imponiert, daß Erik 
alles zu ergründen ſchien, was in ihr vorging. Da ſaß 
ſie nun ſo ſchweigſam. Freilich konnte man nicht wiſſen, 
woran ſie dachte. Aber das konnte dieſer Lehrer doch 
auch nicht. Er war doch kein Hellſeher. 

„Woran denkſt du eigentlich den ganzen Tag?“ fragte 
Onkel Louis plötzlich ärgerlich. 

„Ich? An gar nichts!“ verſicherte ſie mit einem ver— 
wunderten Blick. 

„Aber an irgend etwas mußt du doch denken. Das 
thut ja jeder Menſch. Woran dachteſt du zum Beiſpiel 
jetzt eben?“ 

„Jetzt eben dachte ich an Großpapa,“ ſagte Ruth. 

Darüber freute ſich ihr Onkel und ſah ſie freundlich 
an. Er hatte ſeinen Vater unendlich lieb gehabt. 

„Du warſt erſt fünf Jahre, als deine Eltern ſtarben, 
und du damals hierher kamſt; erinnerſt du dich denn 
ſeiner noch?“ 

Sie nickte, und vor ihrem Blick tauchte die erſte 
ganz bewußte und deutliche Erinnerung aus ihrer Kindheit 
auf: eine Generalsuniform, ein ſchneeweißer, großer 
Schnurrbart, und darüber zwei gütige blaue Augen — 
Kinderaugen eigentlich. 


on SB u 


„Einmal hob er mich aus dem Bett — er jah jo 
ſchön aus, mit Bändern und Sternen, und blitzte über 
und über, — und da kam ſeine brennende Cigarette an 
meinen bloßen Arm. Ich ſchrie ſehr. Und da kamen 
ihm Thränen in die Augen — aber wirkliche, große 
Thränen, ſo daß die Augen ganz voll davon ſtanden. 
Und dann drückte er mich an ſich und küßte mich, — auf 
den Arm und den bloßen Hals und das Geſicht und 
den ganzen Körper. — So war Großpapa. — Jetzt 
würde ich mir gern den Arm abbrennen laſſen, wenn er 
mich nur noch einmal ſo küſſen wollte!“ fügte ſie wild 
hinzu. 

Man ſah, wie es in ihr gärte. Großpapas Zärt— 
lichkeit hatte ſie nie vergeſſen können. 

„Haſt du Bilder und Andenken von ihm?“ fragte 
der Onkel und dachte darüber nach, was er ihr ſchenken 
könnte. 

Sie ſchüttelte den Kopf. 

„Keine Bilder. Nur ein Knallbonbon. Das brachte 
er mir einmal vom Kaiſer mit. Von einem Galadiner. 
Ich glaubte ſo beſtimmt, es müßten goldene Kleider drin 
ſein. Aber Großpapa meinte, es wären nur Kleider von 
dünnem Seidenpapier mit einem kleinen Rand von Flitter— 
gold. Da habe ich das Bonbon lieber nicht knallen laſſen. 
Ich habe es noch. — Und ſo ſind eigentlich noch immer 
goldene Kleider drin.“ 

Dem Onkel kam ein Lächeln. Erik imponierte ihm 
lange nicht mehr ſo ſehr. Großpapas Küſſe, Knallbon— 
bons, goldene Kleider und Kleider aus Seidenpapier 
— das waren doch ſicherlich normale und harmloſe Phan— 
taſien eines Kinderkopfes. — 


00. 


Als Ruth am nächſten Nachmittag zu ihrer erſten 
Unterrichtsſtunde fortging, zupfte Onkel Louis ſie tröſtend 
am Ohrläppchen und raunte ihr zu: „Du! wenn du ihm 
weglaufen ſollteſt, ſo nehme ich dich in Schutz!“ — 

Aber als Ruth diesmal am Gartenzaun des Land— 
hauſes ſtand, kam ihr nicht, wie neulich, der Gedanke an 
Weglaufen. Sie zauderte auch nicht mehr ſo lange ein— 
zutreten, ſondern ſtieß die Pforte auf und ging geradeaus 
— nicht hinten die Terraſſe hinauf und in das Haus, 
ſondern weiter, in die Tiefe des Gartens, der ſie das 
erſte Mal ſo gelockt hatte. 

Dort ſtand Jonas bei den Sibel emſig 
beſchäftigt, Raupen zwiſchen den kleinen Blättern heraus— 
zuſuchen. Eigentlich waren noch gar keine Raupen da. 
Aber er konnte es nicht erwarten, ſie abzuleſen. 

Als er Ruth herankommen ſah, riß er den breit— 
randigen Strohhut vom Kopf und machte ein verlegenes 
Geſicht, denn der Sonnenwärme wegen hatte er die Jacke 
abgeworfen. 

„Papa iſt im Hauſe!“ bemerkte er dienſteifrig und 
bückte ſich nach ſeiner Jacke, die auf dem Raſen lag. 

„Ja! Er ſtand am Fenſter,“ beſtätigte Ruth, und 
lehnte ſich gegen den dicken Stamm einer alten Ulme. 

Darauf wußte er nichts zu entgegnen, und ſo 
ſchwiegen ſie beide einige Augenblicke. 

„Wie wunderſchön!“ ſagte Ruth dann, ganz in ihren 
Frühling verſunken, und breitete beide Arme nach den 
mächtigen, leiſe ſchwankenden Aeſten empor, die über ihr 
rauſchten. 

Jonas ſah angeſtrengt in die Höhe, gewahrte aber 
nichts. 


0 


„Wo iſt das ſchöne?“ fragte er verwundert. 

„Dieſe kleinen, drolligen Ulmenblätter! Die andern 
Bäume haben ſchon viel größere Blätter. Aber dieſe 
ſitzen noch ſo zuſammengedrückt in den Knoſpen — und 
alle miteinander an den Zweigſpitzen, — als getrauten 
ſie ſich nicht. Oder als guckten ſie frierend nach den 
braunen, klebrigen Hülſen, die ſie ſchon heruntergeworfen 
haben. Sieht es nicht aus, als wären ſie in lauter kleinen 
Sträußchen auf dem Baum verſtreut? Es ſieht aus, als 
wären ſie ihm nur ſo angeflogen. Und als könnten ſie 
wieder wegfliegen.“ 

„Sie fliegen aber nicht weg,“ verſicherte Jonas und 
wandte ſich wieder ſeinen vermeintlichen Raupen zu. 

„Nein. Nur dieſe hier thun es,“ bemerkte Ruth und 
ſtreckte ihre Hand gegen den Kirſchbaum aus, von dem 
unter Jonas' unvorſichtiger Berührung die zarten Blüten— 
blätter auf ihren Arm niederſchwebten. 

„Dies hier ſind gute Kirſchen. Hoffentlich von den 
roten, durchſichtigen,“ meinte Jonas, „denn die eſſe ich 
am liebſten. Sonſt haben wir faſt nur Apfelbäume und 
gewöhnliche Holzbirnen.“ 

„Sie ſehen ebenſo ſchön aus,“ entgegnete Ruth; 
„wenn man am Gitter ſteht, ſieht es aus wie ein Märchen. 
Aber ſpäter werden ſie ſo grün und natürlich wie die 
andern Bäume. Nur kleiner.“ 

„Das muß ſo ſein,“ erklärte Jonas gleichmütig, 
„ſonſt würde der Raſenplatz ja niemals rechten Schatten 
kriegen. Und der iſt das Beſte vom Sommer. Denn 
gerade hier, am Springbrunnen unter den Obſtbäumen, 
liegt meine Mutter im Ruheſtuhl. Und ſie kann die viele 
Sonne nicht vertragen.“ 


Zar 


Ruth ſah ihn mit Intereſſe an. Es kam ihr als 
etwas Beſonderes vor, daß er ſich ſeiner kranken Mutter 
wegen über die Bäume und den Schatten freute und die 
grünen Blätter beſſer fand, als all die wunderſchönen 
weißen Blüten. Die Schulmädchen, die ſie kannte, be— 
ſaßen zwar meiſtenteils auch Mütter, aber die pflegten 
geſund zu ſein, und nie hatte ſie gehört, daß ſie ſich derent— 
wegen auf den Sommer freuten, ſondern immer nur 
wegen der Ferien. Und dann waren es Mädchen. Dies 
hier aber war ein Junge. 

Sie betrachtete Jonas genauer, und er gefiel ihr 
ſehr gut. Und auch er ſah jeden Augenblick zu ihr 
hinüber, und auch ſie gefiel ihm über die Maßen. 

„Iſt ſie ſehr krank?“ fragte ſie nach einer Weile 
zaghaft. 

„Nicht ſehr. Sie kann nur nicht aufſtehen, — ſchon 
viele Jahre nicht;“ belehrte er ſie, „wenn ſie das thun 
will, dann nimmt Papa ſie in die Arme und trägt ſie. 
Das kann er ſo prachtvoll. Manchmal hat ſie auch 
Schmerzen, und weint. Und dann muß Papa immer 
bei ihr ſein, und das hilft ihr.“ 

Ruth wandte unwillkürlich den Kopf dem Hauſe zu, 
wo die kranke Frau lag, und wo er war, der ſie trug, 
und der ihr half, wenn ſie Schmerzen hatte. 

„Hinter dieſem Fenſter,“ ſagte Jonas und wies mit 
der Hand über die Terraſſe nach dem Wohnzimmer; „da 
iſt eben ihr Stuhl der Sonne wegen hereingetragen 
worden.“ 

Aber im breiten Rahmen des geöffneten Fenſters 
war nur Eriks Geſtalt zu ſehen, der ihnen den Rücken 
zukehrte. Und nun wandte er ſich langſam um. 


— "ERRRERE 


Ruth löſte fih ein wenig haſtig vom Stamm, an 
dem ſie lehnte. „Jetzt will ich hineingehen,“ ſagte ſie. 

Nachdem Erik von der Straßenſeite her Ruth in den 
Garten hatte treten ſehen, war er wirklich an das Fenſter 
des Wohnzimmers gegangen und hatte von Zeit zu Zeit 
nach der Obſtbaumgruppe hinübergeblickt, wo ſie mit Jonas 
ſtand und plauderte. 

Klare⸗Bel lag neben dem Fenſter, mit einer müh— 
ſamen und kunſtvollen Handarbeit beſchäftigt, die darin 
beſtand, an einer ſchadhaft gewordenen Damaſtſerviette 
das Muſter nachzuziehen. Man nannte dieſe Arbeit in 
Holland „Maazen.“ Und wer es ernſt damit nahm, der 
wollte das „Maazen“ bis auf das Ausbeſſern der Strümpfe 
und Unterjacken erſtreckt wiſſen. 

„Kommt Ruth noch immer nicht herein?“ fragte ſie 
nach einer langen Pauſe. 

Er zog die Uhr. 

„Nein. Noch fehlen einige Minuten an der Zeit,“ 
bemerkte er einſilbig. 

„Das iſt doch eigentlich kein Grund, nicht hereinzu— 
kommen, wenn ſie einmal da iſt. Aber vielleicht ſteht ſie 
viel lieber im Garten und plaudert mit Jonas, als daß 
ſie im Zimmer ſitzt und lernt, Erik. Das iſt am Ende 
auch ganz natürlich.“ 

Er ſchwieg und blickte mit einem Ausdruck von Un— 
geduld auf ihre Handarbeit nieder. Erik konnte das 
„Maazen“ nicht leiden. Er behauptete, es verdürbe die 
Augen, und ſogar den Charakter. 

„Bitte, hör' jetzt einen Augenblick mit dem Sticheln 
auf,“ ſagte er und nahm ihr einfach die Nadel aus der 
Hand, „ich weiß nicht, — das Zeug macht nervös.“ 


ae N 


Dann ſah er aber doch wieder auf die Uhr. 

Ihm war die Ahnung gekommen, daß es doch nicht 
ſo ganz von ſelbſt gelingen werde, beſtimmende Macht 
über Ruth zu gewinnen, wie er es ſich an jenem wunder— 
ſamen Maiabend gedacht. Sie wollte durch keine un— 
erwartete oder unerwünſchte Bewegung ſeinerſeits in ihrem 
ſelbſtändigen Traumleben geſtört werden, und erhob ſie 
ihn auch zum Helden ihrer „allerſchönſten Märchen— 
geſchichte“, ſo mußte er ſich dabei doch ganz ſtill ver— 
halten und auf alle ihre Intentionen eingehen, — ſonſt 
entglitt ſie ihm leiſe wieder, ſo leiſe und traumhaft, wie 
ſie in ſein Leben gekommen war. 

Das durfte nicht ſein; der Erzieher in ihm litt es 
nicht, daß ihm mißlinge, was er ſich mit Ruth vor— 
genommen hatte. Er wußte: er würde nicht eher ruhen, 
als bis er ihren Willen ganz in der Hand hielte. Aber 
welch eine zarte Hand wollte er dann für ſie haben! 

Neben dieſen pädagogiſchen Erwägungen erfüllte ihn 
eine ungeduldige Freude. Freude über den Kampf, der 
ihm mit Ruth bevorſtand. Erik, der andre weit beſſer 
zu erforſchen verſtand, als ſich ſelbſt, ahnte gar nicht, 
wie ſtark ſich unter dem Deckmantel des Pädagogen ein 
jugendliches, herrſchſüchtiges Verlangen in ihm regte. 

Er wandte ſich dem Garten zu. 

„Jetzt kommt ſie!“ ſagte er, und wirklich, es klang 
wie ein Seufzer der Erleichterung. 

Seine Frau unterdrückte ein Lächeln und nahm ihre 
Arbeit wieder auf. „Nun, viel Erfolg, Erik! Vergiß 
nur nicht, daß wir um neun Uhr den Thee nehmen. 
Du wirſt ſie hungrig und durſtig machen, denke ich mir.“ 

Er war über den Flur in ſeine Arbeitsſtube ge— 


Hi, 


gangen und öffnete ſchon von innen her die Thür, als 
Ruth kam und anklopfen wollte. 

„Endlich!“ bemerkte er, während ſie eintrat, „weißt 
du, Ruth, was meine Frau ſoeben meinte? Sie meinte, 
du ſeieſt gewiß viel lieber mit Jonas draußen im Garten, 
als bei mir hier in der Stube. Was ſagſt du dazu?“ 

Sie blickte ihn unſicher an und ſetzte ſich auf ſeinen 
Wink in den Lederſeſſel, der am Fenſter ſtand. Dann 
erwiderte ſie mit niedergeſchlagenen Augen: „Ich bin doch 
gekommen, weil ich wollte, — nur weil ich's wollte. Daß 
Jonas auch hier iſt, wußte ich doch gar nicht. Das iſt 
ja nur Zufall. Den fand ich hier.“ 

Er wußte nicht gleich, was ihn an der Antwort, die 
keine war, überraſchte. Sie betonte ausſchließlich, daß 
ſie ganz aus freien Stücken hier ſei. Auf einen Ver— 
gleich ließ ſie ſich vorſichtshalber gar nicht ein. 

„Wenn es in der Folge nur nicht umgekehrt kommt, 
mein liebes Kind,“ ſagte er, an ſeinen Schreibtiſch tretend, 
und legte einige Hefte und Bücher zurecht, „denn mit 
Jonas plaudern oder im Garten umhergehen wirſt du ja 
in der Folge nur, wenn du ‚willit‘, das heißt, wenn 
Stimmung und Laune dir zufällig danach ſtehen. Hier hin— 
gegen, wo du freiwillig hergekommen biſt, kann es doch 
nicht ganz ſo bleiben. Hier wird dich notwendigerweiſe 
etwas feſt Beſtimmtes erwarten, das vom Augenblick und 
ſeinen Stimmungen unabhängig iſt. Alſo auch etwas, 
wovon du manchmal denken wirft: ‚ganz jo möchte ich's 
nicht, — ganz ſo meinte ich's nicht, — dies da ſoll an— 
ders ſein, — das da ſoll heute nicht da fein‘. Sit es 
nicht ſo?“ 

Sie ſchwieg hartnäckig und machte ein verſchloſſenes 


Geſicht. Es war ihr wirklich ungefähr das durch den 
Kopf gegangen, was er da ſagte. Aber daß er das 
wiſſen konnte, kam ihr ſehr unangenehm vor. 

Er blieb bei ihr ſtehen und nahm ihr die Wollmütze, 
die ſie aufbehalten hatte, vom Haar. 

„Nun, Ruth, geſtern haſt du mich nicht anſehen 
wollen, und heute willſt du mich nicht anreden. Hältſt 
du ſo unſern Vertrag? Und ich hoffte beſtimmt, daß du 
mir viel erzählen würdeſt. Viel — alles. Alle deine 
ſchönſten Geſchichten.“ 

„Nein,“ erklärte Ruth, „nie und nimmer. Ich will 
nichts erzählen. Ich will alles für mich allein behalten.“ 

„Du Geizhals!“ ſagte er und lachte, „das iſt ſehr 
ſchlimm. Iſt es nicht ſchlimm, wenn man einen zu Gaſte 
geladen hat und dann die Hausthüre vor ihm zuſchlägt? 
Aber zum Glück kannſt du das gar nicht mehr, Ruth. 
Haſt du mir nicht deine Geſchichten geſchenkt? Haſt du 
das vergeſſen? Nun ſind ſie mein Eigentum. Ich kann 
mit ihnen machen, was ich will. Ich kann ſie dir aus dem 
Kopf herausnehmen und für mich ganz allein behalten.“ 

„Ach nein!“ fiel ſie etwas lebhafter ein und griff 
unwillkürlich nach ihrem Kopf, „das geht ja gar nicht. 
Es geht nicht, wenn ich nicht will.“ 

„Du ſprichſt ſo viel von deinem Willen, Ruth. Und 
daß du nur hier biſt, weil du gerade willſt. Aber weißt 
du denn eigentlich auch, wozu du es willſt?“ 

Sie ſtutzte und blickte auf. Als ſie nicht gleich eine 
Antwort fand, fügte er hinzu: „Ich weiß es für dich: 
du wollteſt eben dieſen Willen klären und erziehen laſſen 
von jemand, der dich lieb genug dazu hat. Alles Lernen 
iſt nur ein Mittel dazu.“ 


8 


Ruth legte ihre Hände an die Seitenlehnen des 
Seſſels, und ihr Geſicht wurde noch ablehnender. „Wie 
wenn fie ein Viſier vorgelegt hätte!“ dachte Erik, fie be- 
trachtend. Aber hinter dieſem Viſier arbeitete eine 
ſteigende Erregung in ihr. Die paſſive Stimmung, in 
der ſie heute hergekommen war, hielt unter Eriks An— 
drängen nicht ſtand, aber noch weniger vermochte ſie den 
Traum und das ſeltſame Glück des erſten Abends wieder 
zu erhaſchen. Sie verſchloß und verbarg ſich daher in— 
ſtinktiv vor ihm, wie vor einer Macht, die man ſich erſt 
genau anſehen muß, ehe man ſich mit ihr einläßt. 

„Alles iſt heute anders!“ murmelte ſie. 

„Es wird immer anders ſein, als du es dir will— 
kürlich ausmalſt,“ entgegnete er in ruhigem Ton, „und 
das ſoll es auch, Ruth! Es ſoll zu ernſt ſein für ein 
bloßes Spiel der Phantaſie. Siehſt du, auch ich habe 
mir etwas Schönes erſonnen und geträumt, das ich in 
dir verwirklicht ſehen möchte. Ich verſprach dir doch: für 
die Geſchichten, die du mir erzählen wollteſt, ſollteſt du 
eine durch mich erleben. Die Allerſchönſte — ſagteſt 
du nicht ſo? Mit dem Erzählen mußt du es nun halten, 
wie du willſt, aber mit dem Erleben wirſt du es halten, 
wie ich will. Es war mein Geſchenk für dich. Und wenn 
du heute auch nichts davon wiſſen willſt, ſo wirſt du es 
doch trotzdem annehmen müſſen.“ 

Ruth wurde unruhig. Sie kannte nur zwei Sorten 
Menſchen, und daß ſie Erik in keiner von beiden unter— 
bringen konnte, ängſtigte ſie. Die eine Sorte beſtand 
aus ihrer jeweiligen täglichen Umgebung, die ihr meiſtens 
ſtörend oder gleichgültig war und wirkungslos an ihr 
abglitt; die andre beſtand aus den fremden Menſchen, 


die fie, wie Schattenbilder, aus der Ferne betrachtete, und 
denen ſie die äußere Anregung zu ihren Phantaſtereien 
entnahm. Zu denen konnte Erik nicht gehören, denn die 
thaten nur, was ſie wollte, — ſie waren ja nur, was 
ſie wollte. Er hingegen war eine Wirklichkeit, die auf 
ſie eindrang. Sie konnte ihn aber auch nicht abwehren, 
wie ſie die Ihrigen von ſich abwehrte, denn es war etwas 
da, was ſie mächtiger reizte und anregte, als es alle 
Schattenbilder zuſammen gethan. 

Sie ſah ihn ſcheu an. 

„Ich will lieber ein andres Mal kommen,“ bat ſie 
leiſe, „ich kann heute nicht lernen. Ich kann's nicht.“ 

„Doch! doch!“ entgegnete er beſchwichtigend, „du 
kannſt es. Und im Grunde willſt du es auch. Aber wir 
können nicht in jedem Augenblick den Kampf darum von 
neuem aufnehmen. Der muß ein für allemal entſchieden 
werden. Du oder ich, Ruth! Einer von uns beiden muß 
gehorchen.“ | 

Da ſprang Ruth plötzlich auf und ſagte undeutlich: 
„Dann kann ich auch fortbleiben.“ 

Es war ihr ganz ſpontan, wider alle Ueberlegung, 
entfahren. Aber nun half es nichts. Nun war es heraus. 

Erik ſah, wie ſie ganz blaß und über ſich ſelbſt er— 
ſchrocken daſtand, und ein heftiges Mitleid mit ihr erfaßte 
ihn. Ihm kam es vor, als habe er ſie mißhandelt, und 
ſein Blick wurde ſehr weich. 

Aber er dachte nicht daran, dieſer weichen Regung 
nachzugeben. Er wünſchte, die entſcheidende Situation ſo 
ſcharf als möglich zum Austrag zu bringen. Am Ge— 
lingen zweifelte er nicht. Und voll Freude fühlte er: 
war es erſt überſtanden, jo konnte er alle Strenge in die 


78 — 


Rumpelkammer werfen. Dann war er Ruths für alle — 
alle Zeit ſicher. 

„Gewiß kannſt du fortbleiben,“ beſtätigte er ruhig, 
„wenn es ſich für dich wirklich nicht um mehr gehandelt 
hat, als um einen ſolchen Zeitvertreib, wie ihr ihn unter 
euch im Schulhof treibt. Weißt du noch, was du von 
dem Fremden ſagteſt, den ihr in euer kindiſches Spiel 
hereingezogen habt? ‚Wenn er mir nicht gepaßt hätte, wenn 
er aus der Rolle gefallen wäre, die ich ihm zugewieſen, 
dann hätte ich mir einfach einen andern ſuchen müſſen, — 
ich hätte die Augen zugemacht und wäre fortgelaufen.“ 
Iſt es hiermit ebenſo oder auch nur annähernd jo, — — 
dann laufe nur fort.” — 

Während er ſprach, fühlte er beſtändig das große 
Mitleid. Sie ſah nur ein einziges Mal auf, und wie 
ſie ſeinem weichen Blick begegnete, da war es, als ginge 
ihre paſſive Abwehr in eine Art von Angriff über, — 
als ſuche ſie nach einer Waffe, nach irgend etwas, was 
ſie von ihrem Leiden befreien, ihm weh thun und ihr 
Macht geben könne. Ihm fielen die Worte ein, die ſie 
vom Fremden gebraucht hatte: „Ich brauchte ihn eben, 
und da nahm ich ihn mir!“ 

Ruth langte nach ihrer Wollmütze, die auf dem 
Schreibtiſch lag, und drückte ſie zwecklos in den Händen 
zuſammen. 

„Ich will nach Hauſe gehen!“ wiederholte ſie, und 
zitterte am ganzen Leibe. 

„Wie du willſt.“ 

„Alſo adieu,“ ſagte ſie, und ging langſam, wie ge— 
lähmt, der Thüre zu. 

„Adieu, mein Kind.“ 


— 79 


Sie hatte Mühe, den Thürgriff zu finden und nieder— 
zudrücken, ihre Hände waren kalt und gehorchten ihr nicht. 
Als aber die Thür offen ſtand, und ſie in den Flur 
hinaustrat, da blickte ſie beim Schließen der Thür mit 
brennenden Augen ins Zimmer zurück. 

Erik ſaß auf dem von ihr verlaſſenen Lederſeſſel am 
Fenſter. Er hatte den rechten Arm auf die Lehne des— 
ſelben geſtützt und die Hand über die Augen gelegt. 

Und plötzlich überfiel Ruth das Bewußtſein: daß all 
ſein Herrſchenwollen im Grunde doch nur ein Dienen— 
wollen ſei. Plötzlich überfiel es ſie: daß er eben jetzt 
leide, — um ſie leide, die ihn verletzt hatte. 

Es traf ſie mit einem Schmerzgefühl, aber dieſes 
Gefühl war ſeltſam und berauſchend: es lag Triumph 
darin. Es war ein Schmerz, der ſich wie ein Glück 
anfühlte. 

Noch immer zitterte ſie am ganzen Körper, aber nicht 
mehr in der Angſt der Flucht. Sie hatte mitten in der 
Angſt ihrer Flucht Halt gemacht, ſich gegen den Feind 
gekehrt und ihn beſiegt geſehen. 

Wer Ruth über den Flur gehen ſah, der konnte 
meinen, ſie ſei trunken. — 

Um neun Uhr — Gonne hatte bereits den Thee und 
die geröſteten Brotſchnittchen auf den Tiſch gebracht — 
kam Erik endlich in das Wohnzimmer herüber. 

„Es iſt doch nichts vorgefallen?“ fragte ſeine Frau 
mit einem Blick in ſein Geſicht, „Ruth iſt ja ſchon ſo 
bald fortgegangen. Und ich dachte doch, daß ſie mit uns 
bleiben ſollte?“ 

„Für heute war es beſſer jo,“ verſetzte er, und Klare: 
Bel fragte nicht weiter. 


— 80 — 


Aber Jonas that es ſtatt ihrer. 

„Ruth habe ich ganz ungeheuer gern,“ verſicherte er, 
„kommt ſie bald wieder her, Papa?“ 

„Bald!“ ſagte dieſer. 

„Denke dir nur, ſie wollte es mir nicht ſagen,“ 
plauderte Jonas weiter, „ich habe ſie nämlich noch im 
Garten geſprochen, wie ſie fortging. Da ſah ſie ſo kurios 
aus, Papa, ihre Augen waren ſo groß und glänzten 
ſo, — ſie ſah aus, als ob ſie gerade was geſchenkt be— 
kommen hätte.“ 

„Was geſchenkt?“ wiederholte Erik, und ſetzte das 
Theeglas, das er zum Munde führen wollte, hart auf 
das Tiſchtuch nieder. 

„Ja, ganz gewiß, gerade ſo ſah ſie aus. Aber ſie 
antwortete mir nicht, und dann, am Gitter, da bat ſie 
mich um ein Glas Waſſer.“ 

„Es iſt ihr doch nicht unwohl geworden?“ fragte 
Klare-Bel beſorgt. 

„Nein, aber ſie zitterte ordentlich. Das Waſſer habe 
ich ihr vom Brunnen geholt. Und dann iſt ſie fort— 
gegangen. — Ich habe ihr aber noch lange nachgeſehen,“ 
fügte Jonas hinzu. 

„Gewiß warſt du zu ſtreng mit ihr, Erik,“ ſagte 
Klare⸗Bel, „ich konnte es dir ſchon anſehen, wie du hin— 
übergingſt.“ 

„Zu ſtreng? Aber, Bel, dann ſieht man doch nicht 
aus, als ob man etwas geſchenkt bekommen hätte.“ 

Er ſprach in leichtem Ton, doch beſchäftigte ihn, 
was Jonas erzählt hatte. Es war etwas Neues, Un— 
erwartetes, worin er ſich nicht gleich zurechtfinden konnte. 
Daß ſie trotzte und ſelbſt, daß ſie weglief, begriff er ganz 


Ele 


gut und rechnete damit. Aber dies hier begriff er nicht. 
War es denn möglich, daß ſie gern, — mit Freude, 
fortging? — — Und daß ſie nicht wiederkam? — — 

Während ſie noch beim Thee ſaßen, zog draußen ein 
ſchweres Gewitter herauf. Klare-Bel blickte ängſtlich nach 
dem Fenſter, durch das man die dunkle, ſchwarzgelbe 
Wolkenbank am Himmel ſtehen ſah. Ein Sturmwind 
fuhr durch die Baumkronen, ſchüttelte und beugte ſie; der 
Tagesſchein, den die lange Maihelle noch über den Garten 
gebreitet hatte, verſchwand unvermittelt. Und gleich 
darauf praſſelte, unter grellzuckenden Blitzen und ge— 
waltigen Donnerſchlägen, ein heftiger Platzregen nieder. 

„Bitte, laßt doch die Fenſter ſchließen! bitte, Jonas, 
iß nicht mehr! Ach, Erik, der Donner!“ ſagte Klare-Bel, 
die vor jedem Blitz die Augen ſchloß. 

Erik ſtand auf, blieb einen Augenblick am Fenſter 
ſtehen und ſchaute in den Aufruhr hinaus, dann ſchloß er 
es und kehrte zu ſeiner Frau zurück. Die Gewitterangſt 
war etwas, das ſie überkommen hatte, ſeitdem ſie hilflos 
dalag. Als junge Frau kannte ſie dergleichen nicht, und 
Erik würde es an ihr auch wohl nicht geduldet haben. 
Jetzt hatte er Geduld damit. 

„Wenn man eine Lampe anzünden könnte! Es iſt 
ſo dunkel geworden auf einmal. Und dann iſt der Blitz 
ſo furchtbar hell, Erik!“ 

„Gonne braucht keine Lampe hereinzubringen,“ er— 
widerte er lächelnd und legte ſeine Hand über ihre Augen; 
„biſt du nun nicht geborgen, Bel?“ 

Sie nickte dankbar und drückte ihr Geſicht gegen 
ſeine Hände. 

Es war ein arges Gewitter. Unaufhörlich folgten 


Lou Andreas⸗Salomé, Ruth. 6 


5 


ſich Blitz und Schlag. Auf Augenblicke ſah der Garten 
aus wie unter bengaliſcher Beleuchtung, und im bläulichen 
Schein konnte man die vom Sturm losgeriſſenen Blätter 
und Blüten in tollem Wirbel durcheinander fliegen ſehen. 

Wenn der Donner beſonders gellend krachte, fuhr 
Klare⸗Bel jedesmal zuſammen. 

Ob Ruth wohl ſchon au Haufe war, ehe es los— 
ging?“ fragte ſie. 

„Längſt. Sie muß zu Hauke geweſen ſein, ehe wir 
uns zu Tiſch ſetzten,“ beruhigte er ſie, „und der Diener 
wird ſich freuen, daß er ſie bei dieſem Unwetter nicht zu 
holen braucht.“ 

Es währte noch eine ganze Weile, ehe Blitz und 
Sturm auch nur ein wenig nachließen, und der grob— 
körnige Regen mit ſchwächerem Ton auf das Dach nieder— 
trommelte. 

„Nun, Bel, jetzt wird es beſſer,“ ſagte Erik und 
nahm ſeine Hand von ihrem Geſicht. Er öffnete wieder 
das Fenſter, durch das die abgekühlte Abendluft jetzt friſch 
und gewürzig hereinſtrömte. 

Jonas ſtand vor dem Fenſter auf der regenumſprühten 
Terraſſe und blickte, über deren Brüſtung gebeugt, in den 
verwüſteten Garten hinaus. Ein großer Ulmenaſt war 
quer über den Kiesweg geſtürzt, die Obſtblüte hatte den 
Aufruhr in der Natur mit dem Leben bezahlen müſſen. 

„Nun ſind ſie wahrhaftig davongeflogen, alle mit 
einemmal, die weißen Blüten,“ rief Jonas bedauernd, 
„ſo wie Ruth es geſagt hat! wie leid wird es ihr thun. 
Sie fand ſie ſo ſchön. Aber dort oben wird es ſchon 
wieder blau, Papa.“ 

„Gott ſei Dank!“ meinte Klare-Bel, „ſolche Auf— 


83 — 


regung und Verwirrung draußen iſt ſchrecklich. Man wird 
förmlich mit hineingeriſſen.“ 

„Ja, das iſt nichts mehr für dich, meine Arme,“ 
ſagte Erik, „es gab aber Zeiten, wo du ſolche Gewitter— 
ſtürme und dazu das Brüllen des Meeres aushalten mußteſt, 
ohne daß ich bei dir war.“ 

„Das war auch entſetzlich, Erik, ganz entſetzlich war 
es,“ verſicherte ſie zuſammenſchaudernd, „damals, als du 
mit den Leuten hinausfuhrſt, wenn ein Schiff in Gefahr 
war. Und das eine Mal, weißt du, wo du ganz allein 
es warſt, der den Niels und die andern dazu beredete. 
Denn die hatten ja auch Frau und Kind. Aber das haſt 
du immer jo gut gekonnt: die Leute bereden. „Es wird 
gehen!" ſagteſt du ihnen, und da glaubten fie dir.“ 

„Du glaubteſt mir ja auch, Bel, wenn du allein 
zurückbleiben mußteſt, und wenn es dir ſchien, als ginge 
das nicht.“ 

„Ja, Erik. Manchmal dachte ich, der Schreck würde 
mich töten. Aber dann ſagteſt du jo zuverſichtlich: ‚Wenn 
ich nach Hauſe komme, naß und müde, Bel, dann muß 
ich da doch meine Frau finden und den kleinen Jungen, 
und beide vergnügt und geſund.“ Nun, und da mußte es 
wohl ſo ſein.“ 

Er ſchwieg. Vor ſeinem Blick ſtand eine Sturm— 
nacht, in welcher er, aus wirklicher Lebensgefahr heim— 
kehrend, ſeine Frau gefunden hatte, wie ſie, das Kind 
neben ſich, mitten in der kleinen Stube auf den Knieen 
lag und laut betete. 

Einen Augenblick lang war er faſt beſtürzt auf der 
Schwelle ſtehen geblieben, denn noch nie hatte er ſie 
beten ſehen. Als ſie heirateten, waren ihm unter ihren 


4. 


3 = 


Sachen ein paar Andachtsbücher in die Hände gefallen, 
und wie ſie ihn darin blättern ſah, fragte ſie ihn: „Glaubſt 
du an das, was darin ſteht?“ Er hatte mit ernſten Augen 
aufgeblickt und geantwortet: „Nein, Bel.“ Seitdem war 
dieſer Gegenſtand nur noch ein einziges Mal, nach Jahren, 
im Geſpräche wieder berührt worden, und da war es 
ihm mit innerem Staunen aufgegangen, daß ſeine Frau, 
ohne es auch nur ſelbſt recht zu merken, ihren Glauben 
gar nicht mehr beſaß. Auf ſeine Frage, wie denn das 
geſchehen ſei, hatte ſie mit ihrem freundlichen Gleichmut 
verwundert erwidert: „Ja, Erik, wenn es doch gar nicht 
ſo iſt, — was kann es dann noch nützen, daran zu 
glauben?“ 

Und als er nun in jener Sturmnacht in ſeinen hohen 
Schifferſtiefeln und ſeinem naſſen Wollwams hereintrat, 
da hörte ſie auf zu beten und ſtreckte ihm mit einem 
Freudenſchrei beide Arme entgegen. Er hob ſie von den 
Knieen auf und küßte ſie. „Thuſt du das, Bel, wenn 
ich nicht bei dir bin?“ fragte er ſie leiſe. 

„Wenn du nicht bei mir biſt, Erik!“ ſagte ſie weinend, 
„denn dann, ſcheint mir immer, muß ich es thun!“ 

Damals trug ſie ſich mit dem zweiten Kinde. Kurz 
darauf that ſie den gefährlichen Sturz, der ihr die Geſund— 
heit koſtete, und das Kindchen wurde tot geboren. 

Als Gonne mit einer brennenden Lampe hereinkam, 
fuhr Erik aus ſeinen Gedanken auf. 

„Ich möchte jetzt zu mir hinübergehen,“ bemerkte er 
und küßte ſeine Frau auf die Stirn, „ich habe noch Schul- 
arbeiten für morgen. Sobald du müde wirſt, mußt du 
mich rufen laſſen.“ 

Bei Erik im Zimmer war es ſchon faſt dunkel. Nur 


2 AB „SE 


von ein paar roſenroten Wölkchen, die ſich von der großen 
Wolkenmaſſe losgewunden hatten und nun mit heiterm 
Leuchten ſelbſtändig auf einem breiten Stück Himmelsblau 
herumſchwammen, fiel ein ſchwacher Schein durch die 
Fenſter. Man konnte in ihm den Schreibtiſch, den Bücher— 
ſchrank, das alte lederbezogene Sofa an der Längswand 
ziemlich deutlich erkennen. 

Erik ſtutzte und blieb auf der Schwelle ſtehen. 

Er hatte einen Augenblick klar zu ſehen geglaubt, 
daß auf dem Lederſeſſel am Fenſter Ruth ſäße. An Hallu— 
cinationen konnte er doch nicht leiden. 

Mit einem Gefühl des Aergers über ſich ſelbſt ſchloß 
er hinter ſich die Thür und ergriff von einem Nebentiſch 
einen Leuchter, um Licht zu machen. 

Da fuhr er zuſammen und ſetzte den Leuchter wieder 
hin. Auf dem Seſſel ſaß wirklich jemand. 

„Ich bin es!“ ſagte eine klägliche Stimme. 

„Ruth!“ rief er laut. 

Sie war es. Durchnäßt bis auf die Haut, in Kleidern, 
von denen das Waſſer ſchwer auf den Fußboden herab— 
tropfte, und die an einer Seite zerriſſen niederhingen. Ihre 
Zähne ſchlugen hörbar aneinander. 

Erik hatte ſie in ſeine Arme geriſſen und betaſtete 
ſie beſorgt und erregt, mit liebkoſenden Händen, — Bruſt 
und Arme und das verworrene Haar, das ſo eng und 
feucht um ihr kaltes Geſichtchen klebte. 

„Wann — wann, — von wo biſt du gekommen? 
Warſt du denn nicht zu Hauſe?“ 

„Ich war nicht zu Hauſe,“ ſagte ſie zaghaft und 
ſchmiegte ſich froſtbebend an ihn; „ich bin vom Stadt— 
bahnhof wieder zurückgefahren. Und hergelaufen. Gerade 


==, Br 


als es losging. Ich will nicht nach Haufe,” fügte fie 
flehend hinzu, „mich friert ſo!“ 

„Mein Liebling, du ſollſt nicht nach Hauſe! Du 
ſollſt hier bleiben! Aber wie lange mußt du hier ſchon 
ſitzen? Wie konnteſt du das nur thun? Und es hat dich 
doch niemand an der Thür auf der Terraſſe läuten hören?“ 

„Ich habe nicht geläutet. Ich ſchämte mich. Ich bin 
hier in das Fenſter geklettert. Aber es ging ſchwer,“ 
geſtand ſie, und Mund und Augen lachten übermütig zu 
ihm auf. a 
„Und dann? Wenn ich nun gar nicht mehr hier 
hereingetreten wäre?“ 

„Dann hätte ich die ganze Nacht hier ſitzen müſſen!“ 
erklärte ſie ſchaudernd und rieb den Kopf an ſeinem Arm 
wie eine naß gewordene Katze. Und dann ſagte ſie 
ganz leiſe: „Denn vor den andern konnte ich es nicht 
ſagen. Und doch mußte ich es ſagen. Deshalb kam ich 
ja zurück! Ich mußte ſagen: Ich will alles thun, was 
ich ſoll.“ 

Eine Viertelſtunde ſpäter war Jonas nach dem Bahn— 
hof geſchickt worden, um ein Telegramm an Ruths Onkel 
aufzugeben, daß ſie draußen übernachten müſſe. Ruth 
ſelbſt wurde wohlverpackt in Jonas' Bett gelegt, welches 
Gonne eilig für ſie hergerichtet hatte. Dann bekam ſie 
heißen Thee zu trinken und fiel in einen unruhigen 
Schlummer. 

Jonas fühlte ſich ſehr ſtolz, als er bei ſeiner Rück— 
kehr hörte, daß er Ruth das wichtigſte Möbel, das der 
Menſch beſitzt, ſein Bett, abgetreten habe. Und voll Be— 
geiſterung ſtreckte er ſich an dieſem Abend in Eriks Arbeits— 
ſtube auf dem alten Lederdiwan aus, deſſen Polſterwerk 


an Härte und unbegreiflichen Beulen nichts zu wünſchen 
übrig ließ. Auch war Jonas zu aufgeregt, um bald ein— 
zuſchlafen, und alle Augenblicke guckte er durch die Thür— 
ritze und fragte, was denn Ruth jetzt wohl mache. 

Sie fieberte heftig und ſprach im Halbtraum wild 
und wirr durcheinander. 

„Der Sandkuchen,“ hörte Erik ſie mehrmals ängſt— 
lich ſagen, „er drückt mich ſo. Er iſt immer größer und 
größer geworden. Ich fürchte mich. Er verſchlingt mich. 
Und anfangs war er ſo weich und klein und ſo wunder— 
ſchön zum Kneten!“ 

Erik wachte bei ihr, bis der Morgen aufſtieg. 

Sie warf ſich ruhelos in den Kiſſen umher, und immer 
wieder ſprach ſie mit ſich ſelbſt in abgeriſſenen Sätzen. 
Aber wie ihm ſchien, waren es keine eigentlichen Fieber— 
phantaſien, ſondern ſie enthielten einen deutlichen Zu— 
ſammenhang. Es kam ihm der Gedanke, daß ſie vielleicht 
oft ſo mit ſich ſelbſt ſpräche, ohne daß ein Menſch es 
hörte, und daß jetzt das Fieber vielleicht nur den gewalt— 
ſamen Anſtoß gegeben habe, es unbewußt vor Menſchen— 
ohren zu thun. 

Er konnte ihren Worten entnehmen, daß ſie ſich fort— 
während noch mit dem Gewittergang beſchäftigte. Manch— 
mal erwähnte ſie dieſen in einer Weiſe, als habe ſie ihn 
gar nicht ſelbſt gemacht, ſondern als ſei ſie gegen ihren 
Willen des Weges geſchoben worden, — mit Gewalt hinaus— 
getrieben in Sturm und Blitz und Donnerſchläge. Sie 
ſah ſich auf dem einſamen, dunkeln Weg dahingehen, 
während Hagel und Wind ihr entgegentoſten, und ihre 
Füße im tiefen, durchweichten Lehmboden ſtecken blieben. 

Und damit vermiſchte ſich dann ein andres Fieber— 


8 


bild: der Verſuch vor etwas fortzulaufen, ohne es zu 
können, wie es wohl im Traume geſchieht. 

„Ich laufe und laufe, und bleibe immer am Fleck!“ 

klagte ſie unruhig, und das Fieber nahm zu, wenn ſie 
daran dachte. 
Am nächſten Morgen war Ruth fieberfrei. Als Erik, 
zu ſeinem Schulgang fertig angekleidet, zu ihr hereintrat, 
ſaß ſie aufrecht im Bett, in einem Nachtjäckchen von Klare— 
Bel, das ihr zu kurz und zu weit war, und blickte ihm 
mit ſchüchternen Augen entgegen. 

Auf der Bettdecke lagen Blumen verſtreut, die Jonas 
in aller Frühe hereingeſchickt hatte. Sogar ein paar faſt 
unverſehrte Zweige von ſeinem Kirſchbaum waren dabei. 
Er hatte ſie mit Todesverachtung abgeriſſen. 

„Muß ich nun nach Hauſe?“ fragte Ruth ängſtlich. 

„Nein, mein Liebling. Du ſollſt hier doch nicht nur 
krank liegen, ſondern auch geſund umherſpringen. Meine 
Stube wartet ja noch auf dich. Wollten wir nicht zuſammen 
arbeiten?“ 

„Ja!“ ſagte ſie eifrig und machte eine Anſtrengung, 
wie um aufzuſtehen, ſo daß die Blumen von der Decke 
glitten. 

„Aber, mein liebes Kind, doch nicht jetzt im Augen— 
blick. Später!“ 

„Später!“ wiederholte ſie gehorſam, indem ſie ſich 
zurücklehnte und die Augen ſchloß. 

Erik faßte nach ihrem Handgelenk und prüfte den Puls. 

„Wenn ich heute von der Stadt nach Hauſe komme,“ 
bemerkte er dazwiſchen, „dann finde ich dich im Garten, 
im Sonnenſchein, und ganz geſund. Nicht wahr?“ 

„Ja,“ ſagte ſie folgſam, ohne die Augen zu öffnen. 


— 89 — 


Aber auf ihrem Geſicht lag ein Ausdruck von Leiden oder 
Kummer, der ihn beunruhigte. 

Er beugte ſich zu ihr nieder und ſtrich ſanft das 
Haar aus ihrer Stirn. ö 

„Aber nicht nur geſund, Ruth,“ fügte er hinzu, 
„ſondern auch froh! Nicht dieſen in ſich gekehrten, ver— 
ſchloſſenen Ausdruck! Du darfſt dich nicht wieder ſo ſcheu 
vor mir zuſchließen, mein Kind. Biſt du denn nicht mehr 
gern bei mir? Thut es dir nicht wohl, hierher zu ge— 
hören?“ 

Sie ſchlug die Augen auf und blickte ihn voll an. 

„Es iſt, als ob ich ins Meer geſtürzt wäre,“ ſagte fie. — 

Erik ging früher als ſonſt fort, um noch vor Beginn 
ſeiner Schulſtunden bei Ruths Verwandten vorſprechen zu 
können. Er traf ſie beim erſten Frühſtück. Baſil ließ 
ihn erſt auf ſeinen ausdrücklichen Wunſch, etwas zaudernd, 
in den Speiſeſaal eintreten, wo die Tante, im Morgen— 
häubchen, ſich noch hinter dem Samowar befand. Sie zeigte 
ſich ein wenig befremdet über den allzu frühen Beſuch. 
Der Onkel, ſchon im Begriff, wie allmorgendlich, ins 
Miniſterium hinunterzugehen, ſaß in Militärbeinkleidern 
und eleganter geſchloſſener Joppe beim letzten Glaſe Thee. 
Er ſprang auf und kam Erik mit lebhaften beſorgten 
Fragen nach Ruth entgegen. Erik erzählte, wie ſie auf 
dem Heimweg umgekehrt, ins Gewitter geraten und vor 
Aufregung krank geworden ſei. 

„Das kleine Ding!“ äußerte der Onkel in zärtlich 
beſorgtem Ton; er warf ſich im ſtillen vor, daß er Ruth 
eigentlich dazu aufgemuntert habe, „wegzulaufen“. „Wie 
ſchlimm muß das für ſie geweſen ſein! Schon wenn Ruth 
einmal unerwartet vom Warmen ins Kalte gerät, da 


— 90 — 


ſchaudert ihr die ganze Haut, und ſie zittert. Und dann 
kann ſie ſich auch ſo ganz entſetzlich fürchten.“ 

Liuba kam herein, begrüßte Erik und ſchenkte ſich 
mit ſchlafgeröteten Augen Thee ein; ſie war in Geſellſchaft 
geweſen und ſpät aufgeblieben. 

„Ja, Courage hat Ruth mal nicht,“ beſtätigte ſie, 
„als wir ihr einmal eine Raupe auf den Hals ſetzten, 
fiel ſie in Krämpfe.“ 

Erik blickte mit beſtürztem Geſicht auf. 

„Hat ſie dazu Anlage gezeigt?“ fragte er langſam. 

„Aber nein, ſonſt niemals!“ erwiderte der Onkel 
ärgerlich, „es iſt ſchon Jahre her. Dreizehn Jahre war 
ſie wohl alt. Es war irgendwo in der Schweiz. Ruth 
trug ein dünnes Sommerkleid mit bloßem Halſe. Es 
war ſehr ſchlecht von euch, fie jo zu erſchrecken, Liuba. 
Du ſollteſt lieber davon ſtill ſein.“ 

„Wir haben uns doch nichts Böſes dabei gedacht,“ 
ſagte Liuba, „warum ſaß ſie auch immer ſo ganz ver— 
ſonnen und vertieft herum, ſo ganz wie ein Stein, der 
weder ſieht noch hört. Es ſtörte das Spiel der andern. 
Und da, wie nichts ſie aufwecken wollte, ſetzten wir eine 
Liguſterraupe auf ihre Halskrauſe. Aber die Raupe kroch 
in den Halsausſchnitt hinein. Ruth ſchrie nicht einmal 
auf. Sie fiel um.“ 

„Die Hauptſache habt ihr vergeſſen,“ bemerkte die 
Tante, — „das, was die unartigen Mädchen entſchuldigt 
und Ruths Schreck erklärt. Ruth war nämlich als Kind 
feſt überzeugt davon, daß in den Raupen, Schlangen 
und allem Gewürm der leibhaftige Böſe ſitze. Sie ſteckte 
überhaupt immer voll von gottloſen Ammengeſchichten. 
Weiß Gott, wo ſie die auflas. In ſolchen Dingen iſt 


— 91 — 


Ruth immer jo merkwürdig kindiſch geweſen, und auch 
geblieben. Sie hat dasſelbe Grauen unvermindert noch 
heute.“ 

„Aber es iſt ihr ſeitdem alles aus den Augen ge— 
räumt worden, was ſie daran erinnern könnte,“ ſagte der 
Onkel zu Erik. 

„Das hätte es nicht dürfen,“ entgegnete dieſer be— 
ſtimmt, aber ſein Geſicht war ſehr nachdenklich geworden. 
„Man kann mit Ruth nicht behutſam genug, aber gleich— 
zeitig auch nicht feſt genug umgehen, wenn man ihr 
nützen will.“ | 

Er erhob fih, um Abſchied zu nehmen. 

Der Onkel ſchwieg einen Augenblick, zerdrückte ſtehend 
ſeinen Cigarettenreſt auf dem Aſchenbecher und ſagte dann 
plötzlich herzlich zu Erik: „Wiſſen Sie, — ich bin froh, 
ordentlich froh bin ich, daß die Ruth bei Ihnen iſt.“ 

„Ich wünſche nichts lieber, als daß ſie mir bleibt!“ 
entgegnete Erik einfach. 

„Ja, ſehen Sie,“ fuhr der Onkel fort, indem er 
dicht an ihn herantrat, „ich glaube, gerade bei Ihnen 
iſt das kleine Ding endlich einmal vor die rechte 
Schmiede gekommen. Nach all ihren Irrfahrten. Und 
vor die rechte Schmiede, das heißt faſt ſo viel wie: nach 
Hauſe.“ | 

„Aber, ich bitte dich,“ fiel die Tante, unangenehm 
berührt, ein, „nach deinen Worten muß jeder denken, Ruth 
ſei hier mißhandelt worden.“ 

„Ach, wieſo denn mißhandelt,“ ſagte er verdrießlich, 
„nein, gut behandelt, natürlich, wie ſollte es denn anders 
ſein? Aber wozu ſollen wir's leugnen: Sie wiſſen ſich 
beſſer um ſie zu kümmern, als wir es verſtehen. Neulich 


92 


fühlte ich's ſchon, heute weiß ich's ganz deutlich. Ich 
freu' mich ja auch an ihr, — ja, das thu' ich, weiß 
Gott, — aber im übrigen: das Kind hat nichts davon. 
Das iſt es nur, was ich meine.“ 

„Nun ja,“ lenkte die Tante ein, „Sicherlich müſſen 
wir Ihnen dankbar ſein. Aber ſprich nur nicht ſo ſünd— 
haft. Es klingt ja geradezu ſo, als ob du Ruth los ſein 
wollteſt. Grüßen Sie das liebe Kind von mir. Und wenn 
ſie erkranken ſollte, komme ich ganz beſtimmt hinaus und 
pflege ſie.“ 

Erik verſprach, das „liebe Kind“ zu grüßen, das er 
ihr am liebſten nie wiedergegeben hätte. Er ging mit 
dem Onkel fort und erwog einen Plan, für den er ihn 
zu gewinnen hoffte. Sie waren beinahe Freunde ge— 
worden. — 

Als Ruth im Laufe des Vormittags aufſtand, ſah 
ſie Klare-Bels langen Stuhl ſchon am ſteinernen Spring— 
brunnen aufgeſtellt. Ein Stück geſtreiftes Segeltuch, das 
man zwiſchen den Obſtbäumen angebracht hatte, ſchützte 
ſie vor der Morgenſonne. 

Nach dem Gewitter ſchien ſich das Laub ringsum 
wie durch einen Zauber entfaltet zu haben. Der Garten 
ſtand ordentlich grün da, und die letzten Blätter drängten 
ſich aus der Knoſpe. Ruth ging langſam durch den Garten 
hin, und mit Entzücken hefteten ſich ihre Augen auf die 
friſche, ſonnenwarme Schönheit um ſie her und auf die 
kranke Frau, die inmitten derſelben ruhte. 

„Guten Morgen, Ruth!“ rief Klare-Bel ihr ent— 
gegen und ſtreckte liebreich die Hand nach ihr aus, „will— 
kommen, mein liebes Kind! Du weißt wohl, wer ich bin? 
Ich konnte nicht zu dir kommen, als du die Nacht krank 


93 


dalagſt. Ich bin froh, daß du wieder geſund biſt, und 
daß du nun zu mir kommen kannſt.“ 

Ruth ergriff die kleine, weiche Hand, der man es 
anſehen konnte, wie rund und roſig, mit Grübchen über 
den Knöcheln, ſie geweſen ſein mochte. Und, einem raſchen 
Gefühle folgend, beugte ſie ſich nieder und küßte die Hand. 
Sie blickte Klare-Bel mit einer Art von Ehrfurcht an, 
wie den koſtbarſten Gegenſtand hier im Hauſe. 

„Erik und Jonas ſind in der Stadt,“ ſagte Klare— 
Bel, „ich liege jetzt ganz allein hier. Willſt du mir ein 
wenig Geſellſchaft leiſten, Ruth?“ 

Ruth nickte, noch immer ohne zu ſprechen; ſie war 
wie berauſcht vom Frühling und von dem ſtarken, friſchen 
Duft, den alles um ſie herum ausſtrömte. Am liebſten 
hätte ſie aufgejauchzt. 

„Ich werde hier ſitzen bleiben,“ erklärte ſie und 
kauerte ſich mit emporgezogenen Knieen auf den bemooſten 
Steinrand des Springbrunnens, aus deſſen geborſtener 
Waſſerurne über ihr ein langes, dünnes Schlinggewächs 
ſich ſchlangengleich herunterrankte; „denn hier iſt es am 
allerſchönſten in der ganzen Welt!“ 

„Sie übertreibt alles!“ dachte Klare-Bel, ſie heimlich 
betrachtend, fühlte ſich aber in dieſem Augenblick doch 
angenehm berührt. „Am Meer iſt es jetzt noch viel 
ſchöner, Ruth,“ ſagte ſie, „da, wo wir früher gewohnt 
haben, — auf der kleinen Inſel weit draußen. Biſt du 
ſchon einmal am Meer geweſen?“ 

„Ja, mehreremale,“ verſetzte Ruth, „aber viel lieber 
wäre ich gerade da geweſen, wo Sie gewohnt haben, — 
auf der kleinen Inſel. Aber ich wußte damals nichts 
davon. Nein, ich wußte es nicht.“ 


— 


>. 0: 


Es kam ihr ſichtlich ganz wunderbar und eigentlich 
unbegreiflich vor, daß ſie jemals nichts davon gewußt 
haben ſollte. Klare-Bel fand, ſie ſpräche ganz wie ein 
Kind: etwas ſo Selbſtverſtändliches mit einem ſo ernſten 
und bewegten Geſicht. 

„Und Sie wiſſen alles darüber!“ ſetzte Ruth mit 
demſelben Ausdruck hinzu, „alles, ganz ſo wie es war. 
War es wunderſchön?“ 

Klare⸗Bel war nicht redſeliger Natur; fie ſprach ebenſo 
wenig, wie Erik viel ſprach. Aber ſie bekam große Luſt, 
ſich mit Ruth zu unterhalten. 

„Soll ich dir davon erzählen?“ fragte ſie und ſah 
ſie lächelnd an. 

„Ja!“ ſagte Ruth dringend, und ein Gefühl, mächtiger 
als nur Neugier, trat in ihren Blick, „aber alles! wie die 
Menſchen waren, und das Leben, und das Haus, und das 
Meer, und auch die Schulkinder.“ 

Klare-Bel fand, daß man mit dem Hauſe anfangen 
müſſe. Und nachdem ſie beſchrieben, wie dörflich-klein und 
doch wie wunderbehaglich es geweſen ſei, trotz ſeiner niedri— 
gen Balkendecke und der ſchmalen Fenſterſcheiben, die von 
der Salzluft immer beſchlagen waren, — kam ſie auf die 
Menſchen zu ſprechen, die dort aus- und eingingen. Viele 
Menſchen waren das, — ein ganzes Volk ſchien es Ruth, — 
und immer ſcharte Klare-Bels Erzählung ſie um den einen, 
den ſie in den Mittelpunkt ſtellte, um den einen, der mit 
ihnen alles teilte und alles that, und den das jüngſte 
Kind und das älteſte Weib mit dem gleichen Lächeln 
grüßten. 

Ruths Augen blitzten. Was Klare-Bel erzählte, das 
glaubte ſie wahrzunehmen, zu ſchauen, mitzuerleben; ſie 


en En 


ergänzte unbewußt das Bild bis zur greifbarften Deutlich: 
keit, indem fie es mit den Goldfarben übermalte, die 
Klare-Bel ſelbſt ihr auf die Palette rieb. Und um dieſes 
ganze Bild hörte ſie unabläſſig das gewaltige Meer don— 
nern und ſchäumen. 

Sie roch die Salzluft und fühlte den feinen Meerſand 
unter den Füßen knirſchen; mit nachdichtender Schnellig— 
keit folgte ihre Phantaſie den Andeutungen der Frau, 
die gar nicht wußte, wie liebevoll ſie idealiſierte, was 
ſie Ruth beſchrieb. 

Als Klare-Bel geendet hatte, atmete Ruth tief auf 
mit lebhaft geröteten Wangen. 

„O wie herrlich Sie erzählen,“ rief ſie dankbar; 
„ich möchte nichts andres thun, als Ihnen den ganzen 
Tag zuhören. Den ganzen Tag. Ach, das möchte ich 
auch erleben! Wie ſchön muß es geweſen ſein!“ 

„Das war es auch,“ beſtätigte Klare-Bel zufrieden, 
der es ſelbſt noch nie ſo ſchön erſchienen war, wie heute 
während ihrer eigenen Erzählung. Von ſich ſelbſt hatte 
ſie bisher noch gar nicht geſprochen, nur von Erik. Aber 
auf Ruths Ausruf fügte ſie mit dem Stolz der Frau, die 
ſich ihr Glück liebend verdient hat, hinzu: „Schön und 
auch ſchwer, Ruth. Denn es iſt ſchwer, mit ſo vielen 
teilen zu müſſen, die alle von demſelben Rat und Bei— 
ſtand und Teilnahme wollen und ihn immer in Anſpruch 
nehmen, — ihn immer fortnehmen. Es iſt nicht leicht, 
man muß beſcheiden werden. Das würdeſt du erſt lernen 
müſſen.“ 

„Das?“ ſagte Ruth verdutzt, „nein, das möchte id) . 
lieber nicht. Das hatte ich mir dabei gar nicht aus— 
gewählt. Aber ſo unter den Menſchen ſtehen und alles 


= ‘OR. Zus; 


können, als ob man ein Hexenmeiſter wär' — das muß 
herrlich ſein. Es muß ſein, als ob man plötzlich viele 
Menſchen auf einmal wäre — und dann auch noch mehr, 
als fie alle zuſammen.“ 

Klare-Bel ſchwieg betroffen. Sie fühlte recht wohl 
die enthuſiaſtiſche Bewunderung in Ruths Ton heraus, 
aber ſie konnte nicht begreifen, wie dieſer Enthuſiasmus, 
weit davon entfernt, dem Bewunderten dienen zu wollen, 
ſich einfach egoiſtiſch an deſſen Stelle wünſchte. 

Ruth vertiefte ſich inzwiſchen ganz in das Bild, das 
ſie ſich ausgemalt. Nach einer kurzen Pauſe hob fie 
wieder an: „Und das war doch nur ein Dorf. Eine 
ganz gewöhnliche Inſel. Ringsherum Waſſer, ſo daß da 
alles aufhörte. Es hätte aber etwas noch viel Größeres 
ſein können, nicht wahr? Vielleicht mit noch viel mehr 
Menſchen darauf. Ich weiß nicht recht, wie. Aber ich 
denke mir: ſo ſtark ſein, — und dann etwas Gewaltiges 
thun dürfen. Es braucht nicht beim Dorf zu bleiben.“ 

Klare-Bel berührten dieſe Worte wunderlich. Sie 
dachte im ſtillen, das ſei es vielleicht ſo ungefähr geweſen, 
was ihr Mann einſt gewünſcht und erhofft habe. Da— 
mals, als alles um ſie her noch Zukunft und Hoff— 
nung war. 

„Es wäre am Ende auch nicht beim Dorf geblieben,“ 
meinte ſie und ſah Ruth an, „daran waren nur die Ver— 
hältniſſe ſchuld. Er hatte früher ſo große Pläne. Ach, 
was hatte er alles für Pläne! Aber dann kam das Un— 
glück, daß ich liegen mußte. Und es kamen die Aerzte, 
die Reiſen, die Operationen. Zuletzt kamen die Schulden. 
Da war es mit den Plänen aus. Das hat alles ſchrecklich 
viel Geld gekoſtet, Ruth. Und ganz umſonſt.“ 


— 97 — 


Ruth blickte aus weitgeöffneten Augen auf die Frau, 
die das ſo ruhig ſagen konnte. 

„Ich könnt's nicht überleben!“ ſtieß ſie entſetzt wider 
Willen hervor. 

„Ach, mein liebes Kind! Das denkt man, wenn 
man noch ſo jung iſt wie du. Dann aber lernt man, 
ſich in das Schickſal und ſeinen Willen fügen. Sogar 
in das Schwerſte: ſtillzuliegen und nicht mehr mit eigenen 
Händen ſorgen zu dürfen für das Behagen derjenigen, 
die man liebt. Denn das iſt das Allerſchwerſte, Ruth.“ 

Es klang ſo ſanft und liebevoll, wie ſie das auf 
Ruths unbeſonnenes Wort ſagte. Keine einzige Klage 
hatte ſie für ſich ſelbſt. Sie beklagte es nur, den andern 
nicht mehr dienen zu können. 

Aber Ruth fand, es ſei beinahe gleichgültig, ob 
man in einem ſolchen Fall den andern noch dienen 
konnte. Was ſie ſo entſetzte, war die Vorſtellung, durch 
ein derartiges Unglück die Urſache zu werden, daß ein 
Andrer, Starker, Geſunder aufhören mußte, ſeiner Sache 
zu dienen. 

Es verwirrte ſie ganz, daß die ſanfte kranke Frau 
ihr gar nicht leid that. Sie hatte das Gefühl: dieſe würde 
ihr ſchon leid thun, wenn ſie nur erſt Zeit hätte, an ſie 
zu denken. Aber ſie mußte immer an Erik denken. Und 
ſie empfand Mitleid mit ihm, ſtürmiſches Mitleid bis zum 
Weinen. 

Klare⸗Bel lag gerade ausgeſtreckt und blickte mit 
ihren ruhigen blauen Augen in den klaren blauen Himmel 
hinauf. Sie dachte an das Glück, wie ſie es hätte be— 
halten mögen, — ſo klar und blau und ruhig, wie der. 

„Das wünſchte ich dir,“ ſagte ſie zu Ruth, 5 ganz 


Lou Andreas⸗Salomé, Ruth. 


us OR u 


verſtummt war, „einmal jo von ganzem Herzen jemand 
dienen zu dürfen, den du lieb haft. Dazu geſund zu 
ſein, und ſchön und gut und klug obendrein! Gleichviel, 
ob er dann großes oder kleines in der Welt vollbringt, — 
daran liegt's nicht! Das Lieben und das Dienen iſt doch 
das Schönere. Namentlich für uns Frauen. Es iſt viel 
ſchöner, als derjenige zu ſein, dem es gilt. Das brauchen 
wir nicht zu beneiden.“ 

„Ach nein!“ rief Ruth lebhaft, „es kann ja gar 
nicht möglich ſein, daß es das Schönere iſt. Der, dem's 
gilt, hat es beſſer. Sonſt hätte Gott es ja ſchlechter als 
die Menſchen!“ 

Klare-Bel warf ihr einen erſtaunten Blick aus den 
blauen Augen zu, — einen tadelnden Blick. Aber ſie 
wußte nicht, was ſie darauf erwidern ſollte. Man mußte 
wirklich ziemlich viel Nachſicht haben mit Ruth. Klare— 
Bel fühlte ſich nur ſicher, ſo lange Ruth zuhörte. Sie 
hörte ſo hübſch zu. Aber ſobald ſie ſprach, mußte man 
ſich verwundern und eigentlich auch ärgern. Die war 
ſicher mehr für Erik geſchaffen als für ſie. Er würde 
wohl aus ihr klug werden. Denn das war ja ſeine 
Spezialität. 

Inzwiſchen war Jonas, luſtig pfeifend, von der Straßen— 
ſeite her in den Garten getreten, und man ſah ihn, 
den Schulranzen auf dem Rücken, zwiſchen den Bäumen 
im Hauſe verſchwinden. Als er wieder zum Vorſchein 
kam, war der Ranzen abgeworfen, und in der Hand hielt 
er ein mächtiges Butterbrot, in das er hineinbiß. 

Er lief auf ſeine Mutter zu, küßte ſie, ſtreckte Ruth 
die Hand hin und jagte: „Du, — Sie — haben —,” 
ſtockte und wurde rot. 


et SD, ae 


„Du!“ entſchied Ruth ernſthaft und betrachtete ihn. 

„Ja, nicht wahr?“ meinte er fröhlich und nahm 
neben ihr auf dem Rande des Springbrunnens Platz, 
„denn jetzt ſind wir ja Hausgenoſſen. Eigentlich Geſchwiſter. 
Nicht wahr, Mama? Und Altersgenoſſen auch. Wie alt 
biſt du denn?“ 

„In elf Monaten ſiebzehn,“ ſagte Ruth. 

„Ich bin erſt ſechzehn,“ geſtand er betreten, aber 
dann klärte ſich ſein Geſicht auf, — „das heißt jetzt. 
Aber in elf Monaten längſt nicht mehr. Sogar ſchon 
eher. Jetzt ſollteſt du ein Stück Butterbrot mit mir 
eſſen, denn es iſt noch eine gute Stunde, bis wir 
Mittag bekommen,“ fügte er hinzu und brach, im leb— 
haften Drang ſein Brot mit ihr zu teilen, es in zwei 
Hälften. 

„Ich mag nicht eſſen,“ ſagte Ruth und lachte über 
ſeinen Eifer. | 

„Dann biſt du gewiß noch krank!“ behauptete er, 
„aber das war auch ein rechtes Glück, weißt du, denn 
ſonſt wärſt du ja gar nicht bei uns geblieben. Es war 
eine gute Idee von dir, ſo im Gewitter herumzulaufen. 
Denk nur! wo du ſo bequem gleich bei Papa hätteſt 
ſitzen bleiben können.“ 

„Ja. Wenn ich ſitzen geblieben wäre, wäre ich auch 
fortgegangen,“ bemerkte Ruth tiefſinnig. 

Jonas konnte ſich dieſen Fall nicht ganz klar machen, 
und jo ſagte er ſchnell: „Komm mit mir in das Gehölz, 
Ruth. Du kennſt es noch gar nicht. Da ſind ſo viele 
Neſter. Und mitten hindurch fließt ein kleiner Bach nach 
dem Wieſengrund zu. Wir können leicht hinüberklettern; 
der Zaun iſt nur niedrig.“ 


— 100 — 


„Nein,“ erwiderte ſie, „gehe nur hinter das Gehölz. 
Ich muß jetzt hier bleiben.“ 

„Was willſt du denn hier thun?“ 

„Ich muß nachdenken.“ 

„Nachdenken?“ 

Jonas ſah ſie etwas verdutzt an; es ſchien ihm 
jedoch eine Beſchäftigung zu ſein, die Reſpekt verlangte. 
So ſtand er ſeufzend auf und trollte ſich ins Haus, 
denn er wußte nicht recht, wie er ſich daran beteiligen 
könnte. 

Ruth merkte nicht, daß er ging. Sie blieb mit 
emporgezogenen Knieen ſitzen, die Arme auf die Kniee, 
und das runde Kinn auf die geballten Hände geſtützt, 
wie auf zwei Säulen. So blickte ſie angeſtrengt vor 
ſich auf einen einzigen Fleck im Graſe, wo eine weiße 
Gänſeblume ſtand, und dachte mit Hingebung nach, gleich 
einem indiſchen Derwiſch. Sie wußte ganz genau, wo 
ſie ſtehen geblieben war, als Jonas kam und ſie auf— 
hören mußte. 

Klare:Bel lag ſtill und hatte die Augen geſchloſſen. 
Die Mittagsſonne ſtrahlte warm über den Bäumen, kein 
Lüftchen bewegte das duftende Laub. Ein paar gelbe 
Schmetterlinge flatterten naſchend um die Frühlingsbeete, 
und zu Ruths Füßen zirpten die Heimchen laut und eifrig 
ihr Lied. 

Ruth verſank tiefer und tiefer in ihren Mittags— 
ſonnentraum. Wie in goldenen Lichtwellen wob er ſich 
um die Geſtalt, die Klare-Bels Erzählungen vor ihr 
heraufbeſchworen hatten. Ein unklares Verlangen, halb 
Demut, halb Forderung, bemächtigte ſich ihrer, dieſe Ge— 
ſtalt ſo lichtvoll, ſo ſchattenlos als möglich zu ſehen, — 


— 16 


in einem warmen Glanze, der ſie unter allen andern 
Weſen hervorhob. Warum? das wußte Ruth nicht. 

Aber das wußte ſie: in dieſem Licht ſahen die wirk— 
lichen Menſchen, die ſie ſonſt kannte, noch viel ſtörender 
und ſinnloſer aus als bisher, — faſt als ob es nur 
lauter Leiber wären, in denen ſo gut wie nichts drin— 
ſteckte. Und die phantaſtiſchen Schattenbilder, die ſie ſich 
nach eingebildeten und fremden Menſchen ſo ſchön ent— 
warf, wie ſie wollte, und wieder wegwiſchte, wann ſie 
wollte, — die ſahen viel ſchattenhafter aus als bisher, 
ordentlich dünn waren fie geworden, und ſo durchſichtig, 
daß man meinen konnte, es ſeien nur Irrwiſche von 
Gedanken. 

Ruth durchwanderte ihre ganze Welt wie der Schöpfer 
am ſechſten Tage, fand aber nur das Chaos wieder. 
Und mitten darin den einzigen, wenn er wollte, alles 
beſeelenden Menſchen, den zu geſtalten Phantaſie und 
Wirklichkeit zuſammenſchmolzen. Es war, als ſtände er 
ihr ganz allein gegenüber in dieſer einſamen, phantaſtiſchen 
Welt ihrer Träume, — der erſte Menſch am ſechſten 
Schöpfungstage, unerkannt noch, und ein Wunder. Mit 
innerm Staunen ſtand ſie ſtill vor ihm, als müſſe ſie 
fragen: „Wer biſt du? Wie kommſt du hierher? Wie darfſt 
du hier herrſchen?“ Er beſchäftigte ihre Gedanken ſo ſtark, 
er ſetzte ſie ſo ſtark in Erſtaunen, daß ſie darüber ſich 
ſelbſt aus ihren Gedanken verlor und nur ihn anſchaute. 
Es ſchien ihr notwendig, daß er etwas Beſonderes, Merk— 
würdiges, ganz außer allem Vergleich Stehendes ſei, wenn 
ſie ihn da dulden ſollte. 

Und wieder erhob ſich das unruhige Verlangen in ihr, 
Glanz auf Glanz, Licht auf Licht auf ihn zu häufen. 


— 102 — 


Nachdem Ruth lange Zeit ſtumm dageſeſſen hatte, 
richtete ſie ſich aus ihrer zuſammengekauerten Stellung 
auf und ging langſam an die Gartenpforte. Die Arme 
über dem Zaun verſchränkt, ſchaute ſie die Straße hinab, 
die Erik entlang kommen mußte. Er kam bald. Sein 
erſter Blick fiel auf ihr Geſicht und blieb aufmerkſam 
und forſchend darauf haften. Sie ſah ziemlich blaß und 
ſchmal aus nach der Fiebernacht, aber der leidende Aus— 
druck von heute Morgen war völlig aus ihren Kinder— 
zügen verſchwunden. Ein neuer Ausdruck, offen und ver— 
langend, der Erik wohlgefiel, lag in ihren Augen. 

Er nickte ihr mit einem Lächeln zu. Sie ſprachen 
nicht miteinander, nur Ruths Hand ſchlich ſich leiſe in 
die ſeine. Hand in Hand ſah Klare-Bel ſie auf ſich 
zukommen. 

„Wie lange haſt du heute in der argen Sonne auf 
mich warten müſſen, meine Arme!“ ſagte er zu ſeiner 
Frau, „nun ſollſt du auch keinen Augenblick länger da— 
liegen.“ 

Damit ſchob er ihren Stuhl in die Nähe der Terraſſe, 
hob ſie heraus und nahm die kleingewachſene Geſtalt ſo 
behutſam in die Arme, wie man ein Kind an der Bruſt 
bettet. 

„Du allzuleichte Laſt!“ ſcherzte er und ſah heiter 
und belebt aus. 

Klare-Bel lachte vor lauter Vergnügen und hatte 
die Arme um ſeinen Nacken geſchlungen. 

Ruth griff nach einem herabgeglittenen Kiſſen und 
folgte ihnen die Stufen hinauf. Am liebſten hätte ſie 
ihnen den ganzen Stuhl nebſt Zubehör nachgetragen, um 
dasſelbe zu thun, was Erik that. Das Mitleid, das ſie 


’ — 103 — 

während Klare-Bels Erzählungen mit ihm empfunden hatte, 
war in ts verflogen, — und an deſſen Stelle blieb 
die Bewunderung ſtehen. Es kam ihr jetzt ganz natürlich 
vor, daß die kranke Frau ſich nicht als Laſt und Hindernis 
auf dem Wege des geſunden Mannes fühlte, ſondern 
daß ſie lachte und ihre Hände um ſeinen Nacken ſchlang. 

Als Ruth ihren Platz bei Tiſch einnahm, vergaß ſie 
ganz, daß es heute zum erſtenmal geſchah, und daß fie 
erſt 1 hatte weglaufen wollen. Sie fühlte ſich als 
ein längſt hierher gehöriger Hausgenoſſe, — zufrieden 
und ohife weiteres eingereiht unter die übrigen. 

„Von deinem Onkel bring' ich dir was mit,“ ſagte 
Erik, der ſie zu Mittag neben ſich geſetzt hatte, „nämlich 
die Erlaubnis, ſo lange hier zu bleiben, als du willſt. 


ch denke, wir antworten ihm vorläufig: den ganzen 
Sommer. Was meinſt du?“ 


Sie nickte nur und ſah glücklich aus. Wenn er aber 
nicht unabläſſig auf ſie geachtet und ihr ſelbſt vorgelegt 
hätte, ſo würde ſie lieber keinen Biſſen gegeſſen haben. 

Als ſie beim Kaffee waren, und die Kinder hinaus— 
liefen, blickte Erik ſeine Frau an und fragte: „Und nun, 
Bel, wie gefällt ſie dir?“ 

„O Erik! mir gefällt ſie gut für dich! Denn ſie hat 
etwas ſo Unverſtändliches, finde ich. Das iſt gerade was 
für dich. Was zum Raten.“ 

„Sie iſt ein ſcheuer Vogel,“ ſagte er mit einem 
Lächeln, „und es iſt noch nicht gewiß, ob ich ſie einge— 
fangen habe. Eine falſche Bewegung, — und ſie fliegt 
mir fort.“ 

„Ja, Erik, das denke ich mir nun wieder ungeheuer 
angreifend. Es macht doch unſicher. Förmlich ſchwind— 


= Hol: 


lich würde es mich machen. Wie ein konfuſes Stick— 
muſter.“ 

„Unſicher? Nein, Bel, im Gegenteil. Man wird ſich 
wieder deſſen bewußt, was man vermag, — ob man's 
vermag. Man ſammelt die Kraft, — die vergeſſene, ein— 
geroſtete. Und ſo kommt man endlich wieder zur großen 
Sicherheit des Lebens und zum alten Glauben an ſich 
ſelbſt.“ 

„Ja, ja, Erik. Wenn nur alles gut geht.“ 

Er ſtand auf und legte herzlich ſeinen Arm um ihre 
Schultern: „Sorgenmütterchen! nur ein einziges Mal: 
laß die Sorgen, die grauen! Mir iſt froh. Du ſollſt 
es noch ſehen: an dem Mädel wächſt mir mein Meiſter— 
ſtück!“ 

Sie ſeufzte und gab ihm im ſtillen ganz recht. Daß 
er Ruth zu ſich nahm, das war ungefähr ſo, wie wenn 
ein Gelehrter eine recht unentzifferbare Handſchrift irgend— 
wo ausgräbt, — meinte ſie; an der lieſt er dann lieber 
und eifriger herum als am beſtgeſchriebenen Buch. Es 
war nun einmal nicht anders: darin ſteckte ſein Talent 
und ſein Beruf. 

Erik ging fort; er wollte noch nach dem Bahnhof, um 
zu veranlaſſen, daß Ruths Gepäckſtücke durch einen Bauern— 
wagen herübergeſchafft würden; der Onkel hatte ſie bereits 
herausgeſchickt. 

Klare-Bel lag und dachte nach. Sie zwang ſich dazu, 
an die Zeit zu denken, die ſie ſonſt immer in ihrer Er— 
innerung zurückſchob. Es war doch ſchön, daß Erik wieder 
ſo froh ſein konnte und ſo voll von ſanguiniſchen Hoff— 
nungen. Das war doch beſſer und natürlicher für ihn, 
als dieſe langen, langen Leidensjahre, in denen nur der 


— 105 — 


eine Gedanke ihn erfüllte: wie ſeine Frau wieder geſund 
zu machen ſei. 

Ein einziger jahrelanger Kampf, — ein ſchmerzens— 
reicher, gräßlicher. 

Namenloſes hatte Klare-Bel aushalten müſſen um 
ſeiner Hoffnungszähigkeit willen, die nicht nachließ, nichts 
unverſucht ließ, die noch ans Unmögliche anrannte, und 
mit unermüdlichem Trotz den alten Kampf immer wieder 
aufnahm. Es war nicht leicht, denn wegen einer geringen 
Herzſchwäche durfte bei Klare-Bel die Narkoſe nicht an— 
gewendet werden. Aber immer wieder wußte er ſie zu neuem 
Wagnis, neuer Qual zu überreden und mit ſeinem un: 
begrenzten Einfluß zu zwingen. Er war in dieſem Kampfe 
zum Arzt geworden; was er früher aus Luſt und natür— 
licher Begabung nebenher betrieben, wurde ihm Beruf. 
Seine ganze, ungeteilte Kraft warf er hinein: er wollte 
es nicht glauben, nicht dulden, daß ein einziger blöder 
und blinder Zufall auf Lebenszeit das Glück verſchütten 
könne. 

Und nun, da er's glauben und dulden mußte, war 
es doch hart, alles das umſonſt geopfert zu haben, woran 
noch ſeine Hoffnungen gehangen hatten. Und wenn Ruth 
ihm nur eine davon zurückgab, wollte Klare-Bel ſie lieben. 
Es war ja nicht mehr als eine kleine, ſpäte und unſchein— 
bare Blume für einen ganzen Strauß, den das Leben 
ihm ſchuldig geblieben. 

Noch nie war das Klare-Bel ſo klar geworden, wie 
heute, ſeit dem Geſpräch mit Ruth am Springbrunnen 
im Garten. 

Jonas kam herein und ſetzte ſich an das Fußende 
ihres Ruhebetts. Er griff nach einem Bund Garn, das 


— 106 — 


Klare⸗Bel abzuwickeln begonnen hatte, und hielt es ihr 
auf den Fingern. 

„Wird Ruth nun bei uns bleiben, Mama?“ fragte er. 

„Jawohl. Du hörteſt es doch. Freut es dich nicht?“ 

„Ueber alles freut es mich. Nur werde ich mich 
jetzt ſo ganz umſonſt anſtrengen.“ 

„Wie meinſt du das, mein Kind?“ 

„Ich meine: Papa wird Ruth ganz gewiß viel lieber 
haben als mich. Ganz gewiß. Sie iſt ſehr klug, — meinſt 
du nicht?“ 

„Das kann ich unmöglich wiſſen. Aber was iſt das 
für ein Unſinn, Jonas. Weil Papa dich lieb hat, will 
er ja, daß du dich mehr anſtrengſt und beſſer vorwärts 
kommſt.“ 

„Ach, Mama, ich ſtrenge mich ſchon an ſo ſehr, wie 
ich kann. Ich komme ja auch vorwärts. Aber Papa iſt 
ſo ſchwer zufrieden zu ſtellen. Er iſt der ſtrengſte Lehrer 
bei uns. Sie fürchten ihn alle. Aber ich am meiſten. 
Von mir verlangt er am meiſten.“ 

„Darüber ſollteſt du froh ſein. 
keine Eiferſüchteleien, Jonas; hörſt du?“ 

Da lachte er über das ganze Geſicht, ſcheinbar völlig 
unmotiviert, ſo daß er wirklich einfältig ausſah. 

„Nein, Mama, das thue ich gewiß nicht. Wenigſtens 
nicht ſo, wie du es meinſt. Aber wenn es Ruth einfallen 
ſollte, — Papa lieber zu haben als mich — —“ 

„Aber Jonas!“ 

Er ließ das Garn vom Finger gleiten, ſo daß es 
faſt in Verwirrung geriet. 

„Verzeih, Mama. Ich bringe es gleich wieder in 
Ordnung. — Weißt du, du hatteſt eben ganz recht, als 


Mach nur jetzt 


— 107 — 


du ſagteſt, ich ſolle nur froh ſein, daß Papa ſo viel ver— 
langt. Das denkt ſich nämlich Ruth angenehmer, als es 
iſt. Sie wird das noch merken. Und ich werde nie etwas 
Unangenehmes von ihr verlangen.“ 

„Du biſt wirklich ein recht dummer und unnützer 
Junge!“ ſagte Klare-Bel ärgerlich und ſah ſich ihren 
Sprößling genauer an. Er machte ein ganz treuherziges 
Geſicht. Das Lachen hatte ſich in die Winkel der Augen 
verkrochen. „Wenn Papa ſo was hörte. Und da wunderſt 
du dich noch, wenn Papa Ruth dir vorziehen ſollte.“ 

„Ich wundere mich ja gar nicht, Mama. Das kann 
ich ihm doch nie im Leben übelnehmen. Wie ſollte Ruth 
ihm denn nicht beſſer gefallen als ich?“ 

„Wo ſteckt Ruth nur eigentlich?“ 

„Sie iſt oben in die Giebelſtube gelaufen, wo Gonne 
noch herumwirtſchaftet. Um ſich ihre Wohnung ſelbſt 
herzurichten, ſagt ſie.“ 

Als Erik vom Bahnhof zurückkam, und Ruths Kopf 
oben aus dem offenen Fenſter herausſchaute, ſtieg er zu 
ihr hinauf. Das kleine, nach hinten zu abgeſchrägte Ge— 
mach war ſchon in Ordnung. Außer dem heute beſchafften 
Bett und einer großen Holzkiſte, die durch zierlich gekrauſte 
und gefaltete Mullvorhänge beinahe das Ausſehen einer 
wirklichen Waſchtoilette bekommen hatte, gab es jedoch hier 
noch nicht viel zu ſehen. Ein Geruch von Seife und 
friſch aufgenommenem Oelanſtrich machte ſich bemerklich. 

Ruth ſaß auf dem ſchmalen Fenſterbrett, zu deſſen 
Seiten ſchon kleine weiße Gardinen niederhingen; die 
Leiter lehnte noch daneben. Ein leichter Wind bewegte 
die Zweige der großen alten Ulme vor der Terraſſe, ſo 
daß ſie am Fenſter auf und nieder ſchwankten und faſt 


— 108 — 


Ruths Geſicht berührten. Man ſah von hier oben nur 
in die Wipfel der Bäume, und das, fand Ruth, ſah luſtig 
aus: wie ein grünes rauſchendes Gewoge, von dem man 
ſich einbilden konnte, es ſchwebe in der Luft, ohne Stamm 
und Wurzel. Wie viele Vögel mochten im Sommer 
darin niſten! Und unter dem vorſpringenden Dach, gleich 
über dem Fenſter, klebten zwei vorjährige Schwalbenneſter. 

Als Erik auf die Schwelle trat und die Einrichtung 
des Zimmers bemerkte, fing er an zu lachen. 

„Es iſt wahrhaftig ein richtiger Karzer, wie gemacht 
für böſe Kinder, die eine Strafe abbüßen ſollen,“ ſagte 
er und blieb im Rahmen der Thür ſtehen, „oder für 
Durchgänger, die man mit Gewalt einſperren muß. Meinſt 
du nicht, Ruth?“ 

„Nein. Es iſt ſehr ſchön!“ verſetzte ſie mit Nach— 
druck und nahm es faſt übel, daß er ihre Wohnung ver— 
ſpotten konnte; „es iſt nur noch nicht fertig, und das iſt 
das ſchönſte. Wenn ich drin bin, wird es von ſelbſt 
fertig. Es iſt ſehr ſchön. Ganz ſo, wie ich es haben will.“ 

„Das iſt freilich die Hauptſache, meine kleine Königin,“ 
gab er lächelnd zu und kam zu ihr ans Fenſter; „als 
wir zuerſt aus dem Auslande angereiſt kamen, da ſahen 
die Stuben in unſrer Stadtwohnung auch nicht viel beſſer 
aus. Und es gefiel mir auch ganz gut. Man konnte ſo 
ganz von vorn und nach eigenem Ermeſſen anfangen.“ 

Sie wandte ſich halb nach ihm um und ſah ihn mit 
Intereſſe an. 

„Ach ja!“ ſagte ſie, „aber außerdem muß es doch 
ſchrecklich ſchwer geweſen ſein, — da von der kleinen Inſel 
weg — und hierher; weg vom Meer und von all den 
vielen Leuten?“ 


— 109 — 


Er hatte ſeine Hände auf ihre ſchmächtigen Schultern 
gelegt und zwang ſie mit ſanftem Druck nach dem Rücken 
zu, denn es machte ihm heimlich Sorge, daß ſie ſich ſo 
gern vornüberneigten. 

„Warum ſchwer?“ fragte er dabei mit ſeiner ruhi— 
gen Stimme, „hier gibt es ja auch Buben und Mädchen 
genug zu unterrichten, — ſchlimme kleine Mädchen mit 
ganz ſchlimmen Aufſätzen, wie du weißt.“ 

„Ach, — die!“ ſagte ſie im Tone tiefer Verachtung 
und zuckte mit den Achſeln, „die ſind's nicht wert.“ 

„Auch du?“ fragte er zweifelnd und ſah ſie auf— 
merkſam von der Seite an. 

„Ja, auch ich,“ meinte ſie treuherzig. 

„Du biſt ja ungeheuer demütig heute,“ bemerkte er, 
„allzu demütig, Ruth. Das iſt nicht gut.“ 

„Warum iſt nun das auch wieder nicht gut?“ fragte 
ſie zerſtreut. 

„Weil es nicht aus dir ſelbſt herauskommt, Mädel. 
Nicht aus deiner Natur. Es iſt, wie wenn jemand eine 
Stellung feſthalten wollte, für die er ſich verrenken muß. 
Das ſollſt du nicht thun.“ 

Sie erwiderte nichts darauf, vielleicht hörte ſie kaum 
hin. Ihre Gedanken waren auf etwas andres gerichtet, 
das ſie nicht anzubringen wußte. Nach einer kleinen 
Pauſe ſagte ſie leiſer: „Sie ſehen ſo froh aus. In den 
Augen — und überhaupt. Warum?“ 

„Weil ich dich wieder habe, mein Kind,“ entgegnete 
er ernſt. 

„Mich! aber all die andern?“ 

„Wen denn, Ruth?“ 

Nun hielt ſie es nicht länger aus. 


— 110 — 


„Ich meine: bloß Buben und Mädchen zu unter— 
richten, die es gar nicht wert ſind, und ſonſt nichts! An— 
ſtatt etwas ganz andres thun zu dürfen, etwas viel, viel 
größeres, — ſo groß wie ein Meer mit allen Schiffen 
darauf,“ verſuchte ſie es auseinanderzuſetzen und neſtelte 
dabei, ohne es zu merken, erregt an ſeiner Uhrkette. 

Er ſah erſtaunt auf ſie nieder. 

„Phantaſierſt du, Kind? Du ſollſt dem nicht ſo nach— 
geben,“ ſagte er eindringlich, „was haſt du eigentlich zu— 
ſammengedichtet? Du mußt es klar ſagen können. Nun?“ 

„Es iſt ja etwas Wirkliches!“ rief ſie ſchüchtern, „es 
iſt gar keine Phantaſie. Wir ſprachen im Garten darüber, 
— am Vormittag.“ 

„Mit meiner Frau?“ 

Ruth nickte. 

„Sie hat mir erzählt. Von früher und von jetzt. 
Sie erzählt ſo wunderſchön! Ganz wunderſchön erzählt ſie.“ 

„So. Thut ſie das? Aber was hat ſie dir denn 
erzählt?“ fragte er, und ſein Blick war forſchend und 
geſpannt. 

„Alles. Und da, — ja, da ſchien es mir ſo ganz 
entſetzlich, — ſo ganz unmöglich ſchien es mir, daß nichts 
daraus geworden iſt. Aus all den großen Plänen nichts 
geworden,“ ſagte ſie leidenſchaftlich, und ihre Finger um— 
klammerten die Uhrkette, als müßte ſie irgend etwas zer— 
brechen, „nichts als eine Schulſtube. Und daß es immer 
ſo bleiben ſoll. Es kann ja nicht ſo bleiben.“ 

Sie ſprach beinahe zornig, und in ihren Augen 
ſtanden große Thränen. 

Erik antwortete nicht gleich. Seine Hand hob ſich 
und ſtrich ſanft hin über ihr loſes weiches Haar, und 


— 111 — 


als Ruth aufblicken wollte, da glitt die Hand tiefer und 
legte ſich leiſe über die fragenden Augen. Er ſchaute 
über ſie weg, hinein in die grünen rauſchenden Baum— 
wipfel, und kämpfte eine Erregung nieder. Ihm war 
ſeltſam zu Mute. Er wußte, daß das, was Ruth em— 
pfand, nicht von ſeiner Frau kam; weder die leidenſchaft— 
liche Auffaſſung, noch die phantaſtiſche Unklarheit des Be— 
dauerten war ſeiner Frau möglich. Noch nie, ſeit er ſich 
verheiratet, hatte er zu einem Menſchen, hatte ein Menſch 
zu ihm von den Enttäuſchungen ſeines Lebens geſprochen. 
Und da ſtand ſie nun, die ihn ſeit vier Tagen kannte, in 
Zorn und Gram und Thränen und härmte ſich um dieſe 
Enttäuſchungen, als ſeien es ihre eigenen. 

Als mehrere Minuten in Schweigen verſtrichen, bückte 
Ruth den Kopf tiefer, und ihre Hand ſank von ſeiner 
Uhrkette. 

„Ich will es gewiß nie wieder ſagen!“ ſagte ſie leiſe, 
abbittend. 

Er griff heftig nach ihrer Hand und preßte ſie in 
der ſeinen zuſammen. 

„Du ſollſt mir immer alles ſagen, alles, was dich 
beſchäftigt,“ verſetzte er ruhig, aber ſeine Stimme klang 
verändert und gedämpft, „niemals ſollſt du Gedanken, 
die dich aufregen, vor mir verbergen, — und nun gar 
Kümmerniſſe, mein Kind, — ſolche kindiſchen und phan— 
taſtiſchen Kümmerniſſe.“ 

Dann lehnte er ſich gegen das Fenſterbrett, vom 
Licht abgekehrt, das Geſicht im Schatten. N 

„Ich will dir eine Geſchichte erzählen, Ruth; ſoll ich?“ 

Sie nickte gehorſam, ohne den geſenkten Kopf zu 
heben; man konnte ſehen, daß ihr an dieſer Geſchichte 


— 112 — 


nicht allzuviel lag, und daß ſie ſich als Kind behandelt 
fühlte. 

„Es war einmal ein Mann,“ begann er, „den ge— 
lüſtete es ſehr, ein großes, weites Feld zu bebauen, — 
ein Feld, wohl ſo groß wie ein Meer. Denn er wußte, 
der Boden war gut, und nur der Arbeiter gab es noch 
wenige, — viel zu wenige. Aber es kam anders, als er 
es ſich gewünſcht hatte, und an dem großen Felde durfte 
er ſo gut wie gar nicht mitarbeiten. Nur ganz fern, in 
einem äußerſten Winkel desſelben, wies man ihm ein 
kleines Stückchen Erde an, wo er Kohl pflanzen konnte 
und Kartoffeln. Nur eben genug, um zu leben.“ 

Sie hatte längſt die Augen mit aufblitzendem Ver— 
ſtändnis zu ihm aufgeſchlagen. Groß, ungeduldig hingen 
ſie an ſeinen Lippen. Ihre ganze Seele war in dieſen 
Augen. 

„Und da —?“ fragte fie atemlos. 

„Und da,“ fuhr er fort, „fand er eines Tages unter 
feinen Kohl- und Kartoffelſtauden eine fremdartige kleine 
Pflanze. Von irgendwoher mochte ihr Samenkörnchen in 
dieſen Boden gefallen ſein. Es war nur ein unſcheinbarer, 
zarter Trieb, dem man noch nicht anſehen konnte, was 
darin ſteckte. Aber vielleicht konnte er ſich einmal zum 
Bäumchen auswachſen. Und wenn das gelang, — wenn 
ein guter Gärtner an dieſem Bäumchen unabläſſig ſeine 
Dienſte that, und wenn das Bäumchen ſich willig behandeln 
und biegen, pfropfen und beſchneiden ließ, — dann, — 
ja, dann konnte es am Ende ſeltnere Früchte tragen, als 
irgend etwas, was ſonſt auf dem Feldwinkel wuchs.“ 

„Bin ich das Bäumchen?“ fragte ſie naiv und glitt 
leiſe vom Fenſterbrett. 


— 13 — 


Er antwortete nicht, aber er zog fie näher an ſich, 
ſo daß ihr Haar ſeine Schulter berührte. Auf ihrem 
Geſicht lag ein Ausdruck, der kein Lächeln war und kein 
Ernſt, und doch wie ein geſteigerter Abglanz von beiden, 
der einer Ekſtaſe glich. Er erinnerte Erik plötzlich an 
jenen Aufſatz mit der Ueberſchrift: „Seligkeit!“ Zum 
erſtenmal erinnerte ihn dieſes ſchmale Kindergeſicht mit 
den beredten Augen und den geſchweiften Lippen an die 
Verſe im Schulheft. 

„Möchteſt du ein ſolches Bäumchen für den Gärtner 
werden, Ruth?“ fragte er ſie mit geſenkter Stimme. 

Sie atmete tief auf. 

„Noch lieber möchte ich der Gärtner werden,“ ſagte 
ſie unerwartet, „aber es iſt vielleicht faſt dasſelbe.“ 


Lou Andreas⸗Salomé, Ruth. 8 


III. 


Jeden Morgen, ganz früh, noch ehe das Haus wach 
wurde, fanden Erik und Ruth ſich im Studierzimmer zu— 
ſammen. Sie ſtanden beide ein paar Stunden zeitiger 
auf als ſonſt, um es zu können, und jeden Morgen nahm 
er mit ihr ihre Arbeit für den Tag durch, der er ſie 
dann allein überließ. 

Es war immer dasſelbe Bild: Ruth war immer ſchon 
da, und ſtand, ihn erwartend, ins offene Fenſter gelehnt. 
Sie horchte auf die kleinen Buchfinken draußen und zu— 
gleich, ob ſein Schritt nicht über den Flur käme. Ge— 
wöhnlich ſah ſie ein bißchen blaß und bange aus, denn 
ſo übermütig froh ſie auch tagsüber vor Erik ſein konnte, 
— als Lehrer fürchtete ſie ihn. Und auch jetzt noch, wenn 
ſie ſeinen Schritt im Flur vernahm, überfiel ſie, wie am 
allererſten Abend, das Herzklopfen und die alte Schüch— 
ternheit. 

Es war immer dasſelbe: ohne daß ſie ſich nach ihm 
umwandte, trat Erik dicht an ſie heran, bis ihr Rücken 
gegen ihn gelehnt war, dann ſchloß er ihre beiden Hände 
in den ſeinen zuſammen, ſo daß ſie wie eingefangen 
war zwiſchen ſeinen Armen. Es lag für ſie darin nicht 
nur eine Liebkoſung, ſondern auch etwas zugleich Be— 


— 15 — 


ſchwichtigendes und Zwingendes, unter dem fie unwillkürlich 
ſtillhielt und ſich ſammelte. Und dann, ohne Zeitverluſt 
oder überleitende Geſpräche, nahm er ſie ſofort nüchtern 
und ernſthaft vor. So ging der Morgengruß unmerklich 
in die Morgenarbeit über. 

Als Erik heute morgen die Thür zu ſeinem Zimmer 
öffnete, blieb er einen Augenblick überraſcht ſtehen. Vor 
den Fenſtern waren die weißlackierten Innenläden ge— 
ſchloſſen worden, ſo daß die graue Regenluft draußen 
nur durch die Ritzen hereinſchauen konnte; ein einzelnes 
Licht brannte mit trübem Schein auf dem Schreibtiſch. 
Vor demſelben ſaß Ruth, umgeben von Heften und 
Büchern, und ſchrieb, ohne auch nur aufzublicken. 

Erik ſagte nichts. Er ſchlug einen Laden zurück und 
öffnete das Fenſter, ſo daß Luft und Licht in breitem Strom 
eindrangen, dann kam er an den Schreibtiſch und blies 
das Licht aus, während Ruth verwirrt emporfuhr. 

Er beugte ſich zu ihr nieder, nahm ihr Geſicht zwiſchen 
ſeine Hände und blickte ſie aufmerkſam an. 

„Du haſt geweint. Worüber?“ 

Sie errötete und zauderte einen Augenblick. 

„Ich mag nicht dumm ſein!“ rief ſie dann außer 
ſich mit ſprühenden Augen. 

Er lachte. 

„Du biſt nicht dumm. Habe ich das geſagt? Wenig— 
ſtens nicht hoffnungslos. Solange ich dich nicht aufgebe, 
brauchſt du es auch nicht zu thun.“ 

Er rückte ihren Stuhl vom Tiſch ab und nahm ihr 
die Feder aus der Hand. 

„Aber du darfit nicht nachts aufſtehen und arbeiten. 
Nie ohne mein Wiſſen. Das iſt Unfug. Wenn ich 


— 116 — 


abends deine Arbeiten durchgeſehen habe, dann ſollſt du 
aufhören.“ 

„Die Sonne hörte auch nicht auf,“ ſagte Ruth, „fie 
ſchien hell faſt die ganze Nacht durch. Im Gehölz rief 
ein Kuckuck; die Droſſeln vor meinem Fenſter unterhielten 
ſich. Da kam ich leiſe her.“ 

Erik griff über ihre Schulter nach dem Heft, in dem 
ſie geſchrieben hatte, aber Ruth hielt es zögernd und 
ſchüchtern feſt. Man konnte ihr anſehen, daß ſie in ihrer 
Erregung beinahe litt. 

„Ruhig!“ ſagte er eindringlich und entfernte ihre 
Hand vom Heft. 

Schweigend las er darin eine Zeit lang, während 
Ruth mit gefurchter Stirn daſaß, die Hände im Nacken 
verſchränkt und ganz blaß. 

Dann legte er ihre Arbeit vor ſie hin. 

„Das haſt du gut gemacht,“ bemerkte er, „hat es 
dir Mühe und Ueberwindung gekoſtet?“ 

„Ja,“ geſtand ſie ehrlich, ohne ihre Haltung zu ver— 
ändern, „aber es ſchadet nichts.“ 

„Nein. Es ſchadet nichts. Siehſt du das nun ſelbſt 
ein? Es konnte nichts helfen, mit dir zu treiben, was dir 
lieb und leicht iſt; durch das, was deinen kleinen phan— 
taſtiſchen Kopf am härteſten anmutet, durch das, was ihm 
am ſchwerſten fällt, gerade da muß er hindurch.“ 

Er löſte ihre im Nacken verſchlungenen Hände und 
behielt ſie in den ſeinen. 

„Ich weiß, daß es manchmal ein harter Zwang 
war,“ ſagte er, „und du dein eigenes Weſen unter— 
drücken mußteſt; es that weh, nicht wahr? Aber es 
mußte ſein. Und nun, — nun bekomme ich dich allmäh— 


— 117 — 


lich gerade ſo, wie ich dich haben will, Mädel. Iſt es 
nicht ſchön?“ 

„Wunderſchön iſt es!“ rief ſie, mit leuchtenden Augen 
ſich nach ihm zurückwendend, „das denke ich ja immer dabei, 
wenn es mir ſchwer fällt! Ich ſuch's zu vergeſſen und 
denke mich nur hinein: wie wunderſchön muß es ſein, 
jemand, der ganz anders iſt, gerade ſo zurecht zu kriegen, 
wie man ihn haben will!“ 

Ein Schatten von Enttäuſchung ging durch Eriks 
Augen. 

„Nur daran denkſt du dabei, Ruth? Und ich glaubte, 
dich ſelbſt ſolle es glücklich machen.“ 

„Das thut es ja eben!“ erklärte ſie erſtaunt und 
ſtand auf. 

„Was willſt du nun heute morgen thun? Wir wollen 
in den Garten gehen. Es regnet nicht mehr. Oder meinſt 
du, daß du ſchlafen könnteſt?“ 

Sie ſchüttelte lachend den Kopf. 

„Ich möchte nicht, daß du ſpäter allein bleibſt, ohne 
Beſchäftigung und Morgenfriſche,“ ſagte Erik; „arbeiten 
ſollſt du nicht. Vielleicht ſollteſt du mit mir zur Schule 
kommen. Noch immer warten die Mädchen auf deinen 
verſprochenen Beſuch. Und in ein paar Tagen iſt Klaſſen— 
ſchluß. Es wird dich ablenken und zerſtreuen. Und wenn 
es dich ermüdet, deſto beſſer.“ — 

Gonne hatte auf der Terraſſe den Frühſtückstiſch ge— 
deckt, und Klare-Bel lag ſchon neben demſelben in ihrem 
Stuhl, als Erik, Ruth und Jonas, erſt auf wiederholte 
Rufe, aus dem Garten herankamen. Jonas ſah ganz er— 
hitzt aus, und der Strohhut ſaß ihm im Nacken; in ſeiner 
rechten Hand trug er einen hohen Eimer, den er von 


— 118 — 


Gonne erbeutet hatte und jetzt auf die Stufen, die zur 
Terraſſe führten, niederſetzte. Eine wohl zwei Fuß 
lange, ſtahlfarbene, bläulich glänzende Schlange wand 
ſich darin. 

„O pfui, Jonas!“ rief Klare-Bel entſetzt, „wie magſt 
du nur ein ſo greuliches Tier herbringen! Könnte ſie uns 
nicht alle totbeißen, Erik?“ 

„Das kann ſie nicht. Es iſt eine Ringelnatter,“ ver— 
ſetzte er lächelnd. n 

„Aber eine prachtvolle, Mama! ich fand ſie hinter 
dem Gehölz, da wo der kleine Bach ſich im Wieſengrund 
verläuft,“ ſagte Jonas voll Stolz und Bewunderung; daß 
er einen ſolchen Fund that, war ihm ein ganz unerwartetes 
Landvergnügen, er hatte eigentlich nur auf Raupen ge— 
rechnet, und höchſtens auf eine Blindſchleiche. 

Ruth beteiligte ſich nicht an der Unterhaltung über 
die Schlange, die Jonas gar nicht aufhören konnte zu 
bewundern, während ſie Kaffee tranken. Seitdem ſie im 
Garten Jonas mit dem Eimer in der Hand begegnet 
waren, verhielt Ruth ſich ganz ſtill. Sie hatte heimlich 
gehofft, Klare-Bel würde gegen die Schlange proteſtieren, 
aber die erkundigte ſich ja nur danach, ob das Tier wohl 
jemand totbeißen könnte. Und das war an einer ſolchen 
Schlange doch wohl das Geringſte, fand Ruth. 

Jetzt gelang es der Ringelnatter, nach mehreren ver— 
geblichen Verſuchen, ſich auf dem Boden des Eimers auf— 
zurichten, ſie wiegte rhythmiſch ihren Oberkörper und guckte 
mit ihren kleinen klugen ſchwarzen Augen die Anweſenden an. 

Klare-Bel blickte zufällig auf Ruth, deren Glieder 
ein Zittern durchlief, und die die halbgefüllte Taſſe nieder— 
ſetzte und erblaßte. 


— 19 — 


„Wirf das Untier fort, aber ſchnell, Jonas,“ ſagte 
ſeine Mutter raſch, „ſiehſt du denn nicht, daß Ruth ſich 
ängſtigt?“ | 

„Nein, laſſe fie nur da,“ fiel Erik ruhig ein, der 
Ruth die ganze Zeit über beobachtet hatte, „darauf ſoll 
keinerlei Rückſicht genommen werden.“ 

Dann wandte er ſich in leichtem Ton an ſie: „Liuba 
hat mir erzählt, daß du einmal wegen einer ähnlichen 
Kleinigkeit umgefallen biſt. Strafe ſie Lügen.“ 

„Hat Liuba geſagt: wegen einer Kleinigkeit?“ fragte 
Ruth erſtaunt. „Es war keine Kleinigkeit. Es war etwas 
Fürchterliches, — kalt und grauſig, — was ſo gewaltſam 
von außen kam, — ſo, wie wenn man einen um— 
bringt.“ 

„Um Gottes willen!“ bemerkte Klare-Bel, „was kann 
denn das nur geweſen ſein?“ 

„Eine kleine Raupe!“ entgegnete Erik ſpottend. 

Ruth wollte wahrheitsgemäß verbeſſern: „Eine 
große Raupe,“ aber ſicherer erſchien es ihr, nicht noch 
ausdrücklich zu beſtätigen, daß es nur eine Raupe ge— 
weſen war. 

„Paß mal auf,“ rief Jonas, „ich werde das Pracht— 
tier zähmen; Ringelnattern ſind zutraulich und verſtändig, 
man kann ſie gern um den Hals winden. Dann ſpielen 
wir ‚Schlangenbändiger‘. Haſt du je ſchon etwas ſo 
Schönes gehört? Ich bin der Schlangenbändiger. Da 
brauchſt du dich gar nicht zu fürchten. Du ſiehſt nur zu 
und — und bewunderſt mich.“ 

Erik lachte und griff ihm ins kurzgeſchorene Blond: 
haar. 

„Stopf deiner Eitelkeit den loſen Mund,“ warnte 


— 120 — 


er, „denn ſchon iſt die Zeit ganz nah, wo Ruth ſich nicht 
mehr mit der Zuſchauerrolle begnügen wird. Wo ſie 
ſelbſt, freiwillig, aus eigenem Antriebe, an die Schlange 
herantritt, ſie in die Hand nimmt und ſich auf den Körper 
hinaufkriechen läßt.“ 

Ruth hatte vergeblich verſucht, ihn zu unterbrechen. 

„Ich! Wann wird das ſein?“ fragte ſie, ganz 
außer ſich vor Erſtaunen. 

„Wann? vermutlich ſchon bald.“ 

„Nein! Nie!“ verſicherte Ruth, noch ganz faſſungslos 
über ſeinen Irrtum, „ich würde mich ja immer fürchten.“ 

„Das würdeſt du wohl. Aber das iſt noch kein Gegen— 
grund. Es kommt vor, daß man ſtärker iſt als die eigene 
Furcht, und daß man ſie totſchlägt.“ 

„Nun, Erik, das iſt ein ſtarkes Stück,“ ſagte Klare— 
Bel halblaut. 

Jonas ſah verdutzt aus, daß ſein Vater ſo etwas 
im voraus wiſſen konnte, was doch Ruth ſelbſt noch nicht 
wußte. Aber er begriff, daß Erik ihr etwas Unange— 
nehmes geweisſagt hatte, denn ſie ſchauderte unwillkür— 
lich zuſammen. 

„Weißt du was?“ ſchrie Jonas ihr plötzlich zu, und 
der rettende Einfall verklärte förmlich ſein Geſicht. „Ich 
weiß einen Ausweg: — thu's eben nicht! Einfach! denke 
nur: du brauchſt es ja einfach nicht zu thun!“ 

Er mußte ſich von ſeinen Eltern auslachen laſſen, 
und das Geſpräch wandte ſich andern Dingen zu. 

Ruth ſaß regungslos da und blickte ſcheu nach dem 
Eimer. Wie gebannt, mußte ſie den länglichen, ſchilder— 
bedeckten, züngelnden Kopf anſehen, der ſich dort herüber— 
reckte. Es war, als grüße er ſie. Es war, als ſchaue 


— 121 — 


er nur gerade ſie an. Nur ſie ganz allein. Als ſei ſie 
ganz allein mit der Schlange. 

Die kleinen runden ſchwarzen Augen ſchienen ſich 
mehr und mehr zu erweitern, wie ein grauſiger Höllen— 
abgrund, in dem alles Unheimliche ſein Spiel trieb. Und 
hinter dem Kopf mit den Augen hing das ekle, ſchlüpfrige 
Gewürm und wand ſich ungeduldig. Es war ganz ge— 
wiß: die Schlange lauerte ſchon auf ſie. 

Sie ſah doch wirklich ſo aus, daß man das Schlimmſte 
von ihr denken konnte. a 

Ruth und die Ringelnatter maßen ſich mit den 
Blicken. 

Ruth errötete langſam, immer dunkler, ohne ein 
Wort zu ſprechen. 

Da, als Erik ſich vom Frühſtückstiſch erhob, und 
Jonas wieder in den Garten laufen wollte, ſprang Ruth 
haſtig auf und ſagte wild: „Dann lieber gleich!“ 

Die andern verſtanden ſie nicht recht, nur Erik, der 
ſie unausgeſetzt im Auge behalten hatte, entſchlüpfte ein 
Laut der Ueberraſchung. 

„Jetzt gleich?“ wiederholte er, „nein, mein Kind, 
das iſt weder gut noch notwendig. Es wäre eine eben— 
ſolche Uebertreibung wie das mit dem Nachtarbeiten. 
Und nach dieſer Nacht biſt du mir jetzt nicht feſt ge— 
nug dazu.“ 

„Ich bin feſt!“ verſicherte ſie faſt flehend, „aber 
warten kann ich nicht auf etwas ſo Grauſiges! Ich kann 
es nicht ſo heranſchleichen ſehen, — Tag für Tag, — 
immer näher, — immer gewiſſer; — mit einer Schlange 
zuſammenwohnen, vor der ich mich fürchte, — und die 
mit der ganzen Familie immer intimer wird, — — 


= 00 


und nur auf mich lauert, — nein, das kann ich wirklich 
nicht!“ | | 

Erik lachte, ſah aber dabei beſorgt aus. Dies kam 
ihm ganz unerwünſcht. 
| „Aber Ruth!“ ſagte er, „hat dich denn deine Phan— 
taſie mit Haut und Haar aufgefreſſen? Eine ſolche Klein— 
kinderangſt legt man am ſicherſten in allmählicher Ge— 
wöhnung ab. Mir iſt es lieber, wenn es allmählich 
geſchieht. Ueberlege es dir! Denn, wenn du darauf be— 
ſtehſt, gibt es kein Zurückweichen mehr! Dann kein Spielen 
und Verſuchen! Das würde ich nicht dulden. Deiner 
ſelbſt mußt du ſicher ſein.“ 

„Ja!“ behauptete Ruth, und die Stirn wurde ihr 
feucht. 

„Willſt du es trotzdem? Gut. Dann komm her.“ 

Erik beobachtete ſie mit geſpannter Aufmerkſamkeit 
und trat zugleich von hinten an ſie heran, damit ſie ſich 
mit dem Rücken gegen ihn lehnen mußte, wenn ſie etwa 
„umfiel“. 

Sie ſtand mit herabhängenden Armen da und machte 
ein entſchloſſenes, beinahe finſteres Geſicht. Als er ſich 
aber nach dem Eimer bückte, und ſie, dicht vor ſich, die 
Schlange in ſeiner Hand ſich winden ſah, überfiel ſie ein 
Schwindel. 

Unwilllürlich ſchloſſen und ballten ſich krampfhaft 
ihre Hände, denen ſie befahl, ſich nach dem glatten 
Wurm auszuſtrecken; ſie machte zuckend die Augen zu, 
und es fing an, ihr vor den Ohren zu ſauſen. 

Da hörte ſie Eriks ruhige Stimme: „Fürchteſt du 
dich ſehr?“ | 

Sie nickte faſt unmerklich. 


— 123 — 


„Dann wollen wir es laſſen, mein Kind.“ 

Ruth öffnete erwartungsvoll und groß die Augen. 

„Für immer?“ fragte ſie ſchnell. 

Er mußte lächeln. 

„Nein. Nicht für immer,“ ſagte er ruhig und freund— 
lich, „aber es eilt nicht.“ 

Sie nahm ſich zuſammen. 

„Dann jetzt gleich!“ murmelte ſie. 

Und ſie ſtreckte den Arm aus und nahm ihm die 
Schlange aus der Hand. Bei der erſten Berührung er— 
ſchütterte es ihren ganzen Körper wie ein elektriſcher 
Schlag, ſie warf den Kopf zurück und drängte ſich hilfe— 
ſuchend enger an Erik. Aber ihre Finger hielten dabei 
den langen, glatten Schlangenleib feſt umſpannt, und, 
ohne einen Laut über die erblaßten Lippen zu bringen, 
ſah ſie mit weitgeöffneten Augen zu, wie die Ringelnatter 
ſich an ihrem Arm hochſtreckte, ſich um denſelben herum— 
ſchob und den Kopf mit der feinen geſpaltenen Zunge 
wiegend zur Seite niederhängen ließ. 

Der Arm blieb ausgeſtreckt, als wäre er erſtarrt. 
Und Ruth machte ein Geſicht dazu, als ob ſie hingerichtet 
würde. 

„Bravo!“ ſagte Erik, der ſeine Hände ſchützend und 
ermutigend um ſie gelegt hatte, „auch das haſt du gut 
gemacht, Mädel.“ 

Als er ſie aber losließ und mit raſchem Griff die 
Schlange wieder in den Eimer ſchüttelte, da taumelte 
Ruth. 

„Nein, nein!“ rief er heiter, „du mußt nicht denken, 
daß du jetzt noch umfallen“ darfſt. Damit iſt es nun 
nichts mehr.“ Und er ſchob ihr einen Stuhl zu. 


— 124 — 


Aber Ruth beachtete den Stuhl nicht, ſondern ging, 
ohne aufzuſehen, mit unſicheren Schritten an Erik vor— 
bei, quer über die Terraſſe und in den Flur hinein. 
Dort, ſo weit von ihm entfernt wie möglich, ſetzte ſie 
ſich in eine Ecke, hinter den Mantelſtänder, verſteckte 
ihr Geſicht in den Mänteln, die dort hingen, und fing 
an zu weinen. 

Erik ſah ihr verwundert zu. 

„Aber Ruth, du Narr!“ rief er, und mußte doch 
lachen, „nun ſollteſt du froh ſein, und ſogar ſtolz. Was 
kann es nützen, hinterdrein zu weinen?“ 

Sie guckte hinter dem Mantelſtänder hervor und blickte 
ihn vorwurfsvoll an. 

„Ich thue mir ſo leid!“ ſagte ſie und weinte weiter. 

Jonas, der die ganze Zeit mit offenem Munde da— 
geſtanden, aber auf einen Wink ſeiner Mutter ſeine 
ſteigende Verwunderung für ſich behalten hatte, ſah auf 
dieſe Worte hin den Vater ebenfalls ſehr vorwurfsvoll 
an. Er lief in den Flur, um Ruth zu tröſten. 

Eine Stunde ſpäter fuhr Ruth aber dennoch mit ihm 
und Erik zur Stadt. 

Die Mädchen in der Schule warteten ſchon lange auf 
ihren Beſuch. Es intereſſierte ſie außerordentlich, daß 
Ruth jetzt bei Erik im Hauſe lebte, und in jeder Stunde 
erkundigten ſie ſich nach ihr bei Erik. Sie fanden, 
alles ſei plötzlich ſo nüchtern geworden. Nur eine kleine 
Partei, freilich die beſte, vermißte Ruth nicht. Das 
waren die Muſterſchülerinnen, die ſich jetzt vor ihren Aus— 
gelaſſenheiten ſicher fühlten und durch keine argen Einfälle 
mehr in Verſuchung geführt wurden. Aber die Stim— 
mung blieb flau, und als es nun, ſo kurz vor den Ferien, 


FE, 1) 


zu regnen anfing, da verdüſterten ſich die Geſichter auch 
der Fleißigſten. 

So gab es doch eine gewaltige Freude, als heute, 
in der Freiſtunde, Ruth wieder auf dem Schulhof erſchien, 
mit einem großen Regenſchirm, unter dem ihr Geſicht 
vergnügt hervorſchaute. Alle umringten ſie, und der 
Lärm wurde ſo ſchlimm, daß im Hinterhauſe die Leute 
aus den Fenſtern herabſchauten, um zu ſehen, was es 
gäbe, und warum die Schulvögel noch lauter zwitſcherten 
als ſonſt. 

Ruth war. von ihnen die einzige Stille. Als fie 
ſo mitten unter ihnen ſtand, von allen bedrängt, da 
kam es ihr vor, wie wenn ſie aus einer Weltferne zu 
ihnen zurückgekehrt ſei, und ſie wurde faſt ſchüchtern. 
All das Viele, was ſie zu erzählen hatte, all das Viele, 
worauf jene begierig waren, ſchmolz zu einem bloßen Blick 
und Lächeln zuſammen, und es blieb nichts, als auf ihrem 
Geſicht der Ausdruck von Kinderglück, der an ihrer ſtatt 
erzählte. 

Die Schülerinnen ſchoben ſich an der Hauswand an— 
einander, wo das überragende Dach ſie vor dem ſchwachen 
Sommerregen ſchützte, und wie damals, als Erik aus dem 
Klaſſenfenſter auf ſie niederblickte, fand Ruth ihren Platz 
wieder auf dem umgeſtülpten Waſſerfaß. 

Sie erſchien den Mädchen verändert, ohne daß dieſe 
ſagen konnten, wodurch. Denn wie ein Junge im Bluſen— 
kittel ſah ſie noch immer unter ihnen aus, und einen 
Zopf hatte ſie ja auch noch nicht bekommen. Daß ſie 
nicht ſprach, entging ihnen vollſtändig; der in ihnen ſelbſt 
aufgeſpeicherte Mitteilungsſtoff brannte auf den Zungen, 
und, anſtatt deſſen, was ſie von ihr erfahren wollten, er: 


fuhr Ruth binnen weniger Minuten das Schickſal einer 
jeden einzelnen, von damals bis heute, nebſt dem ganzen 
Gang der „öffentlichen“ Angelegenheiten. 

Das größte Ereignis ſtellten ſie ihr in Perſon vor. 
Das war eine Braut. Eine wirkliche Braut aus ihrer 
Klaſſe. Ein großes, blondes Mädchen von frauenhafter 
Geſtalt, mit ruhigen, freundlichen Geſichtszügen. Als 
Legitimation wurde ihr ein Ring von der linken Hand 
geſtreift und ſeine Inſchrift triumphierend vorgezeigt, — 
der glatte goldene Traureif fiel Ruth in den Schoß. 

Die Braut wehrte ſich nur ſchwach dagegen, ſo als 
Gemeingut behandelt zu werden. Sie war begreiflicher— 
weiſe mit ihren Gedanken längſt aus der Schule heraus 
und fühlte ſich mit deren Inſaſſen nur noch durch das 
unendliche Intereſſe verbunden, welches ihr, ihrem Liebſten 
und ihrem Glück wahrhaft glühend entgegengetragen wurde. 
Denn mit ihr betrachtete ſich ſozuſagen die ganze Klaſſe 
als mitverlobt und an den Mann gebracht. 

„Er iſt dunkelhaarig!“ erklärte das kleine blonde 
Gretchen, die beſonders zärtlich an Ruth hing, „ach, 
Ruth, ein ſolcher, wirklicher Bräutigam bleibt doch das 
Allerhöchſte. Denke dir nur, was man als Braut 
alles zu erzählen hat! Wenn wir ſo zuſammenſitzen, 
und ſie ſpricht von ihm und dem Leben und der Ehe 
und der Zukunft, dann meint man, daß man in einer 
Stunde mehr erfährt als in all den Schuljahren mit 
ihrem Kram.“ 

„Wieſo?“ ſagte Ruth, „ſie weiß ja ſelbſt noch 
nichts davon.“ 

Gretchen ſchwieg etwas betroffen. 

„Nun, du biſt auch nicht wenig proſaiſch geworden!“ 


— 127 


fiel eine andre ein und lachte, „ſie lieben ſich ja doch! 
Findeſt du denn das nicht wunderſchön?“ 

„Doch!“ ſagte Ruth und betrachtete nachdenklich den 
ſchmalen Goldreif in ihrer Hand; „vielleicht iſt es wunder: 
ſchön.“ Dann gab ſie ihn der Braut mit einem vollen 
Blick zurück und fügte hinzu: „Aber das Wunderſchöne 
daran läßt ſich ja doch nicht erzählen. Nicht wahr?“ 

Die Angeredete errötete etwas und ſah Ruth erfreut 
an. Sie fühlte ſich zum erſtenmal zu dem beglückwünſcht, 
was ſie ganz für ſich allein beſaß, als Braut, — was 
ſie mit den andern nicht gemein haben konnte. „Es wäre 
eigentlich ſchöner geweſen, nicht ſo viel und ſo ausführ— 
lich mit allen darüber zu ſprechen,“ dachte ſie plötzlich, mit 
Scham und Stolz. Und während ſie den Ring über— 
ſtreifte und Ruth anblickte, konnte ſie dem Gedanken 
nicht wehren: „Dieſe hier iſt gewiß die mächlte Braut.“ 

„Ja, Ruth, du haſt recht: zum Erleben mag es 
ſchmecken, zum Erzählen iſt es fade!“ rief die hübſche 
dunkle Wjera dazwiſchen, die ſchon immer zu den Kecken 
gehört hatte und ſich jetzt aus allen Kräften gegen das 
Uebergewicht der „Brautſchaft“ in der Klaſſe ſträubte, „was 
hatteſt du immer für herrliche Geſchichten und Abenteuer 
für uns auf Lager! Und jetzt: der reine Hausfrauen— 
zettel! Ich bin die einzige, die noch dem ‚Edlen, Un— 
glücklichen“ nachſteigt.“ . 5 

„Iſt der noch da?“ fragte Ruth. 

„Ja, ſtell dir nur vor,“ klatſchte eine an Ruths Ohr, 
„ſie macht förmliche Straßenbekanntſchaften. Es hat ſchon 
einen Verweis gegeben.“ 

„Laß dir nichts in die Ohren blaſen, Ruth,“ unter— 
brach die Geſchmähte ſie, „es iſt ja alles deine Schuld 


— 128 — 


und dein Vermächtnis! Warum biſt du auch fortgeblieben 
mit deinen ſchönen Freiſtundengeſchichten?“ 

Ruth hatte ihren Kopf gegen die Hausmauer ge— 
lehnt und ſah ſchweigend in den verregneten Hof. Ge— 
rade vor ihr erhob ſich ein hoher Schornſtein, deſſen 
Rauchſäulen jahraus, jahrein die Mauern ſchwärzten und 
ihren Ruß auf den Schulhof niederſtäubten. Gegenüber 
ſperrte die mächtige gelbe Wand des Hinterhauſes jede 
Ausſicht ab. Die Luft war ſchwül; ſie hatte es draußen 
im blühenden Juni gar nicht bemerkt. 

„Wie ein Gefängnis!“ dachte Ruth und ſagte laut: 
„Das mit den Geſchichten war ja nur ein Notbehelf. 
Phantaſtereien.“ 

„Wieſo ein Notbehelf?“ 

„Würdeſt du uns keine mehr erzählen?“ 

Sie ſchüttelte den Kopf. 

„Nein. Keine Phantaſiegeſchichten mehr. Nie mehr. 
Aber wenn man vor einer großen Mauer ſitzt, dann malt 
man ſich natürlich aus, was es hinter der Mauer gibt. 
Und wir wußten nichts, als daß es dahinter Männer 
gibt. Und da malten wir ſie uns mit lauter Männern 
aus. Ihr wolltet es ja ſo.“ 

„Nun, und was? Was gibt es ſonſt noch dahinter?“ 

„Weißt du jetzt etwas davon, was es da gibt?“ 

„O!“ ſagte Ruth nur, aber ihre Augen öffneten 
ſich groß und ſtrahlten alle an, wie zwei unergründlich 
verheißungsvolle Glücksgeheimniſſe, „dahinter gibt es das 
Leben.“ N | 

In ihrem Blick und Ausdruck lag etwas dermaßen 
Aufſtachelndes, die Neugier und das Verlangen Auf— 
reizendes, daß in dieſem Augenblick den meiſten ſelbſt der 


„Bräutigam“ ſchon etwas ſchal und abgeſtanden erſchien. 
In den Geſichtern prägte es ſich deutlich aus, daß ein 
neuer Hunger ſich geltend machte. 

„Wie kommt man denn über die Mauer?“ fragte 
die unternehmende Wjera. 

Ruth lachte. 

„Man klettert eben hinüber,“ ſagte ſie und lachte 
noch immer, „und dann geht man geradeaus, und nach 
rechts und nach links, ringsherum und nach allen Seiten. 
Bis man alt iſt.“ 

„Nehmt euch in acht!“ rief eine von den Muſter— 
ſchülerinnen warnend, „ſeht ihr denn nicht, wie ſie euch 
foppt? Gerade ſo machte ſie es immer mit euch. Sie 
ſpielt und phantaſiert, und dann lacht ſie uns aus, weil 
wir's ernſt nehmen.“ 

„Nehmt's nur für Ernſt!“ ſagte Ruth und gab ſich 
vergebliche Mühe, den Schalk zu zügeln, der ihr im 
Nacken ſaß. 

„Da ſollen wir wohl zu Herrn Matthieux gehen 
und ihn bitten, uns auch über die Mauer zu helfen?“ 

„Das könnt ihr ja thun.“ 

„Der hätte wohl gerade Luſt und Zeit dazu!“ 

„Die hat er gewiß,“ verſicherte Ruth; „und Luſt 
hat er auch. Er hat alles, außer den Menſchen, die 
dazu gehören.“ 

Sie ſahen ſich mit unſicheren und lächelnden Blicken 
untereinander an. Und dann auf Ruth, die gleichmütig 
daſaß, wie das verkörperte Behagen. 

Die Spannung wuchs. Dies hier ſchien ihnen ihre 
ſchönſte Geſchichte zu ſein. 

„Sage mal: iſt es auch gewiß, daß es n an⸗ 


Lou Andreas⸗ Salome, Ruth. 


— 130 — 


genehm iſt? Haſt du da auch gewiß nie etwas Unan— 
genehmes vorgefunden?“ fragte eine von ihnen vorſichtig. 

„Nie!“ behauptete Ruth, und es blitzte über ihr Ge— 
ſicht, als ihr beiläufig einfiel, daß ihre Augen ſeit geſtern 
noch nicht trocken geworden waren. 

Die dünnſtimmige Klaſſenglocke fing an zu bimmeln, 
und die Mädchen verließen den Platz am Brunnen. 

„Du könnteſt Herrn Matthieur ja mal für uns 
fragen,“ meinte die hübſche Wjera, „das koſtet nichts.“ 

„Warum?“ entgegnete Ruth; „es iſt eure Sache. 
Laßt es euch nur was koſten.“ 

In aufgeregtem Meinungsaustauſch drängten ſie dem 
Hauſe zu. Darüber blieb es unbeachtet, daß Ruth ihnen 
nicht folgte. Ueber der Spannung, die ſie hervorgerufen, 
war ſie ſelbſt vergeſſen worden. Als die Mädchen ſich 
dann nach ihr umſahen, um einen gemeinſamen Heimweg 
zu verabreden, war Ruth verſchwunden. Das letzte, was 
ſie noch von ihr vernahmen, war ein Gelächter. 

Erik brauchte an dieſem Vormittag nicht ganz ſo 
viele Stunden zu geben wie ſonſt, denn mehrere Privat- 
ſchulen hatten ſchon Ferien gemacht. So kam er bereits 
früh in ſeine Stadtwohnung hinauf, wo Ruth ihn er— 
warten ſollte. Noch war nichts von ihr zu erblicken. 
Erik erledigte, was es hier noch zu thun gab, und kleidete 
ſich um, froh, der heißen Uniform zu entrinnen. Als 
Ruth ſich dann immer noch nicht melden wollte, öffnete 
er etwas beunruhigt die Thür zum Wohnzimmer und 
ſchaute hinein. 

Da lag ſie und ſchlief. 

Sie hatte ihre kleinen Schuhe ausgezogen und unter 
einen Stuhl geſtellt. Dann hatte ſie ſich, mit empor— 


— 131 — 


gezogenen Füßen, auf dem weißen Leinwandbezug des 
Sofas zuſammengekauert. Den Kopf gegen das Seiten— 
polſter gedrückt, ſchlummerte ſie, mit ernſtem Geſicht und 
ſchlafgeröteten Wangen, feſt und eifrig, wie ein Kind. 

Die Müdigkeit mußte ſie beim Warten überfallen 
haben. 

Aus dem grauen Regenhimmel ſtahlen ſich durch die 
niedergelaſſenen Fenſtervorhänge einzelne Strahlenbündel, 
in denen der Staub in breiten Wellen flimmerte und 
zitterte, und huſchten über Ruths Geſicht. Ein leiſes 
Lächeln glitt mit den Sonnenſtrahlen über daſſelbe hin 
und blieb auf den Lippen ſtehen, wie im Traum. Dann, 
als die Sonne zudringlicher wurde, zog ſie ein paarmal 
Stirn und Naſe kraus, und endlich mußte ſie heftig 
nieſen. 

Das Lachen breitete ſich über ihr ganzes Geſicht. 
Lachend wachte ſie auf und hörte Erik lachen. 

„Iſt es Morgen?“ fragte ſie verwundert und ſetzte 
ſich auf. N 

„Nein. Es iſt Mittag. Warum biſt du denn den 
Mädchen ſo raſch weggelaufen? Sie fragten noch nach 
dir,“ ſagte er. 

Ruth rieb ſich die Augen. 

„Ach ſo, die Mädchen. Jetzt weiß ich ſchon,“ 
verſicherte ſie; „ja, mit den Mädchen iſt es nichts. 
Glaub's nicht. Aber mir iſt eingefallen: wenn man 
keine lebendigen Menſchen aufbringen kann, — dann 
gäb's am Ende auch noch ein andres Mittel.“ 

„Mädel! Schüttle den Schlaf ab. Träumſt du 
denn noch?“ 

„Nein, nein. Kein Traum,“ ſagte ſie eifrig, glitt 


mit den Füßen vom Sofa herunter, ſtützte die Arme auf 
den ſtaubigen Tiſch davor und drückte das Kinn auf die 
geballten Hände; „ich habe es mir nämlich ſo gedacht: 
wenn man zu den Menſchen ſprechen will, — in ſie hin— 
einwirken, — an ihnen was Großes ſchaffen, — und 
man findet nicht recht die richtigen Menſchen, die gut 
dazu paſſen würden, dann muß man es ſo machen: man 
muß ſich etwas ausdenken, was man ihnen vor Augen 
ſtellt, — ſo recht überzeugend und gewaltig vor Augen, 
bis ſie Luſt kriegen. Kann man das nicht? Warum 
nicht? Zu den Menſchen vom Allerſchönſten reden und 
nicht müde werden, — bis ſie Luſt kriegen.“ 

Sie ſprach raſch und belebt, mit wachen, glänzenden 
Augen, ſichtlich bemüht, ihm etwas deutlich zu machen, 
das ſie da, wie einen Traum, mitten aus ihrem Schlaf 
hervorgeholt zu haben ſchien. 

„Wer ſoll das thun?“ fragte er langſam, von ihrem 
Geſichtsausdruck wie gebannt, und trat heran an den Tiſch. 

„Sie ſollen es!“ rief ſie hell, „wer denn ſonſt? 
Sie haben mir immer geſagt: mit den Phantaſtereien 
iſt es nichts, aber das Leben iſt ſchön und weit. Ich 
glaub's ja! Aber nun weiß ich, wozu die Phantaſie— 
geſchichten gut ſind, — denn zu etwas ſind die auch gut. 
Dazu, daß man ſich ausdenken kann, was noch am Leben 
fehlt, und es hinzuthun. Am Leben und an den Menſchen. 
Nicht wahr?“ 

Während ſie ſprach, ging Erik im Zimmer auf und 
ab. Ihm ſchien, als lauſche er auf den kindlichen Aus— 
druck deſſen, was er nur künſtlich in ſich ſelbſt zurück— 
gedrängt hatte. Es kam wieder und redete mit Kinder— 
ſtimme zu ihm. Eine Reihe noch unklarer Pläne blitzte 


— 13 — 


ihm durch den Kopf. Alte und neue durcheinander. Sie 
hatten immer nach Geſtaltung verlangt. Und er, durch 
die Verhältniſſe enttäuſcht, hatte verſucht, ſie von ſich 
abzuſchieben, — zu vergeſſen. Im vergangenen Winter 
hatte er ſich in einen förmlichen Geſellſchaftsrauſch geſtürzt, 
um ſie zu vergeſſen. | 

Ruth ſaß und folgte ihm mit den Augen. 

„Jetzt denkt er ſich gewiß was aus!“ dachte ſie. 

Mehrere Minuten vergingen in Schweigen. Beide 
merkten nichts davon, daß die Luft im Zimmer dick und 
ſtaubig war, und ungezählte Mücken umherſchwirrten. 

Dann blieb Erik ſtehen, nickte zu ihr hinüber und 
ſagte heiter: „Danke dir, Mädel. Erinnerſt du dich, daß 
du mir etwas ſchenken wollteſt, was ich eigentlich nie be— 
kommen habe? Nun haſt du mir aus deinen Phantaſie— 
geſchichten heraus doch etwas geſchenkt. Zur guten 
Stunde.“ 

Sie ſprang vom Sofa und kam auf ihren Strümpfen 
lautlos zu ihm. 

Ja!“ ſagte ſie froh, „Sie wollten ſie mir aus dem 
Kopf herausnehmen und alle für ſich behalten. In den 
Kopf ſollte nur lauter Vernünftiges hinein. Sie ſagten 
damals: ‚Nun find alle deine Geſchichten mein Eigentum, 
und ich kann mit ihnen machen, was ich will.“ Und nun 
werden Sie etwas Schöneres damit machen, als ich's ge— 
konnt habe.“ 

Sie hob den Kopf mit einem Ausdruck ungeduldiger 
Spannung und Erwartung, und dann fügte ſie bittend 
hinzu: „Aber ich muß zuhören dürfen, wenn Sie ſich 
was ausdenken! Darf ich zuhören? Werden Sie es mir 
erzählen?“ 


— 134 — 


Erik blickte auf ſie nieder. So kindhaft kam ſie ihm 
vor, als ſie ſo in Strümpfen neben ihm ſtand. Da 
reichte ſie ihm noch nicht bis zur Schulter. 

Wie heute morgen am Schreibtiſch beugte er ſich zu 
ihr, nahm ihr Geſicht in ſeine Hände und ſah hinein in 
zwei ſtrahlende, glückliche, bittende Kinderaugen. 

„Wir werden es uns zuſammen ausdenken!“ ſagte er. — 

Klare-Bel hatte inzwiſchen Beſuch gehabt. Als Erik 
und Ruth nach Hauſe kamen, ſtand eine Equipage vor 
der Gartenpforte. Der Kutſcher wendete den leichten 
Wagen mit engliſchem Geſpann und ließ die Pferde 
ſich langſam, im Schritt, abkühlen. 

Warwara Michailowna ſaß bei Klare-Bel in deren 
kleinem, behaglichem Gemach neben der Wohnſtube. Sie 
war von ihrem erſt kürzlich bezogenen Landhauſe, das 
etwa eine Stunde entfernt lag, herübergekommen. 

Es waren meiſtens nicht nur konventionelle Beſuche, 
die ſie der kranken Frau machte. Sie kam gern, wie 
ſie auch gern empfangen wurde. Sie empfand es wohl— 
thuend an Klare-Bel, daß man deutlich fühlte: hier lag 
eine, der es wirkliches Vergnügen machte, einmal im 
Plauderton wieder etwas von der Welt draußen, von den 
Menſchen und der Geſellſchaft zu hören. Konnte ſie auch 
nie wieder in das geſellige Treiben zurückgelangen, ſo 
kannte ſie dergleichen doch recht wohl aus den erſten, be— 
glückenden Jahren ihrer Ehe und ſah es noch immer ein 
wenig im Glanze dieſer Zeit. Und da war es nun eigen— 
tümlich: wenn man zu ſo einer ſprach, dann ließ man 
unwillkürlich den ſchlechteſten Klatſch zu Hauſe. 

Klare⸗Bel ſelbſt erzählte zwar niemals viel. Aber 
Warwara wußte, daß es auch andern Bekannten gegen— 


— 135 — 


über nicht geſchah. Sie wußte: dies hier war wirklich 
eine Frau, die mit niemand intim zu ſein vermochte, als 
mit ihrem Mann. 

Was Warwara über Ruth und deren Anweſenheit im 
Hauſe erfuhr, feſſelte ſie im höchſten Grade und erregte 
ſie beinahe. Als aber nun Ruth ins Zimmer trat, war 
ſie enttäuſcht. 

Sie hatte unwillkürlich etwas Auffallendes erwartet. 

Vielleicht einen wilden, intereſſanten Jungen in 
Mädchenkoſtüm, vielleicht auch umgekehrt ein rührendes, 
liebliches Kind, das ſich ſchüchtern zurückzog, — jedenfalls 
etwas ganz Eigenartiges. Nicht ein blaſſes, wohlerzogenes 
Ding, das ſich für Warwaras im Salon geübten Blick 
von andern ſo jungen Mädchen durch nichts unterſchied, 
als höchſtens durch das geradezu Abgeſchliffene, Formſichere 
und Unbefangene ihres Weſens einer Fremden gegenüber. 

Nicht minder ſchnell war Ruth mit Warwara fertig: 
ſie nahm dieſe ganz als eine von vielen und gab auch 
ſich ſelbſt ſo, wie eine unter den vielen, aus denen die 
Geſellſchaft beſteht. 

Warwara zog ſie ein wenig ins Geſpräch und fragte, 
wo ſie erzogen worden ſei. 

„Ich war an verſchiedenen Orten,“ ſagte Ruth, 
„aber erzogen bin ich noch nicht.“ 

Man wußte nicht, war es beſcheiden oder übermütig 
gemeint? l 

„Wenn die nicht durchtrieben iſt!“ dachte Warwara 
bei ſich und muſterte ſie ſchärfer. 

Bald trat Erik dazu, eine heitere Unterhaltung in 
Gang bringend. Warwara erzählte vom Rückgang einer 
Verlobung, deren Anzeige erſt kürzlich auch hier ein— 


—— 188: > 


gelaufen war. Ein ſenſationeller Rückgang, denn die 
Braut hatte ſich während der kurzen Verlobungszeit ganz 
eilig in einen andern verliebt. 

Erik, der es nicht über ſich vermochte, die humoriſtiſche 
Seite dieſer Sachlage unbeachtet zu laſſen, lachte laut. 

Warwara ſah ſich nach Ruth um. Dieſe war hinaus— 
gegangen. 

„Zufällig? oder ein Kunſtgriff, um bei dieſem Ge— 
ſpräch nicht hinausgeſchickt zu werden?“ fragte ſie ſich, 
„oder iſt ſie wirklich ſo kindlich, daß ſie das gar nicht 
intereſſiert?“ 

Nachdem Erik über den betrübten Mienen der beiden 
Frauen wieder ernſt geworden war, ſagte er: „Ja, die 
armen Frauen! Wenn ſie ſich binden, haben ſie allen 
Grund zu beten: Lieber Gott, hilf, daß ich eine gute Frau 
werde. Denn ihr einziger Schutz gegen ſich ſelbſt liegt 
in der That im rein gefühlsmäßigen Fortdauern ihrer 
Liebe, — in der eigentlichen Gefühlstreue. Sie können 
natürlich auch aus Pflichtſtrenge feſthalten, aber das iſt 
dann ein verkümmertes Leben.“ 

„Sie meinen, der Mann bedarf eines ſolchen Gebetes 
nicht,“ bemerkte Warwara, ohne ihre Ironie zu verbergen. 

Er ſah ſie ganz unbefangen an. „Nein,“ ſagte er; 
„ich glaube, der Mann iſt in dieſem Punkt, wie in ſo 
vielen andern auch, durch ſeine Natur beſſer geſchützt. 
Nicht gegen die Untreue der Sinne. Nicht gegen den 
Wechſel des Liebesgefühls. Aber gegen das bewußte 
innere Loslaſſen desjenigen Weſens, an das er ſich ge— 
bunden, — nein: das er an ſich gebunden hat. Das 
iſt's!“ 

„Das iſt originell. Sie vindizieren da dem Manne 


— 137 — 


eine Kraft des Pflichtbewußtſeins, einen Edelmut des Mit: 
leids, den wir, — die Frauen, — nicht —“ 

„Ach nein, empören Sie ſich nur nicht. Kein Pflicht— 
bewußtſein: nur ein Glücksbewußtſein mehr, als ihr es 
habt. Keinen mitleidigen Edelmut: nur einen begehrlichen 
Hochmut, den ihr nicht beſitzt. Der Mann, der für immer 
ein Weib an ſich und auf ſich nimmt, genießt neben dem 
Liebesglück noch ein andres, ſpezifiſch männliches Glück:? 
er legt ſeine Hand bewußt auf dieſes ganze ihm zugehörige 
Daſein und jagt dazu: ‚Mein‘. Ihm bedeutet ſein Glück 
durch das Weib dreierlei: lieben mögen, — verantworten 
wollen, — herrſchen dürfen.“ 

Warwara ſchüttelte ſich. 

„Gott erhalte Ihnen Ihre Arroganz!“ ſagte ſie; „mir 
jedoch iſt wahrlich die Vorſtellung lieber, nach welcher die 
Frau des Mannes Königin iſt.“ 

„Sie ſehen, — ich ſage noch mehr: ſein Königreich,“ 
verſetzte er lächelnd, „daher gibt ſie ihn eher preis, als 
er fie. Für ſie gibt es eben ihm gegenüber Aufſtand, Em— 
pörung, Revolution, — was alles ganz heroiſch ausſehen 
und ſehr verführeriſch wirken kann. Für den Mann hin: 
gegen wäre untreues Preisgeben ſeines eigenſten Reiches 
etwas, was ihm wider die Scham geht.“ 

Warwara lachte ihm ins Geſicht. . 

„Und das ſind Sie, der für alle möglichen modernen 
Entwickelungskämpfe, und auch für die der Frauen, ſo gern 
eintritt!“ rief ſie; „es iſt eine ſchauderhafte Inkonſequenz 
und ein Selbſtbetrug obendrein! Denn wenn Sie ſich 
nun in eine ſolche entwickelte Zukunftsfrau verliebten, die 
nicht mehr ſo mittelalterlich denkt, und ſie nicht unter— 
kriegten?“ 


— 138 — 


„Das würde ich doch!“ ſagte Erik. „Sonſt würde ich 
mich vielleicht für ſie begeiſtern, ſie bewundern, fördern, 
als meinen Kampfgenoſſen achten, — aber lieben, — wie 
ſollte ich das? So wenig, als wenn ich ein Weib, oder 
ſie ein geſchlechtsloſes Weſen wäre. Ich kann mir vor— 
ſtellen, daß der Mann jede Herrſchſucht vollſtändig ablegt 
um einer Sache willen, die er über ſich ſtellt. In der 
Liebe — nie! Und ein Weib, das dieſem Inſtinkt nicht 
entgegenkommt, — wirkt nicht als Weib.“ 

„Und dieſer Widerſpruch ſollte in der Natur ſelbſt 
liegen? Nein, nur in eurem jahrhundertelang groß— 
genährten Dünkel,“ verſetzte Warwara entrüſtet und wandte 
ſich zu Klare-Bel: „Was ſagen Sie nur zu einem ſolchen 
Mann? Wir ſollten uns für alle Zukunft unter den Mann 
ſtellen, wenn wir lieben?“ 

Klare⸗Bel antwortete etwas unſicher: „Ich glaube, 
das thun wir, nicht weil wir unter ihm ſtehen. Sondern 
weil wir glücklich ſein wollen.“ 

Alle drei fingen an zu lachen. Warwara erhob ſich, 
um nach Hauſe zu fahren. 

„Nun ſollt' ich hiervon eigentlich genug haben,“ be— 
merkte ſie gut gelaunt zu Erik, „aber von meiner kleinen 
Nichte in der Mädchenſchule erfuhr ich, daß diesmal Sie 
bei dem feierlichen Schulſchluß die übliche große Rede 
halten werden. Da komme ich hin. Damit Sie doch 
wiſſen: Eine ſitzt da und verſpottet Sie. Und hübſch 
klingen wird es ſicher. Ich habe nämlich ſchon immer Ihre 
Toaſte in Geſellſchaften ſo gern gehabt.“ 

Erik mußte lachen. 

„Sie ſollten mich nicht ſo gewaltſam daran erinnern, 
daß unſre ſchönſten Reden für Toaſte genommen werden,“ 


—. 489, 


verſetzte er, „und daß faſt die einzigen aufmerkſamen 
Zuhörer, die wir außer den Schulkindern auftreiben können, 
die gelangweilten ſchönen Frauen unſrer oberflächlichen 
Geſellſchaft ſind.“ 

„Liebſte, jetzt ſind Sie Zeugin, daß ich mich zu rächen 
habe,“ ſagte Warwara gekränkt zu Klare-Bel; „ich möchte 
nur wiſſen, ob's ihm nicht weh thäte, wenn die ſchönen 
Frauen alle wegblieben. Ich glaube, dieſer Barbar würde 
dann Sie auf den Rücken nehmen und zur Zuhörerſchaft 
unter ſeine Schulkinder ſetzen, die ihn alle fürchten wie 
das Feuer.“ 

„Das wird wohl nie geſchehen,“ meinte Klare-Bel 
etwas betrübt. 

„Doch! doch! Kein Menſch kann in die Zukunft 
ſehen. Wir werden jetzt, auf Grund einer Konſultation 
mit dem Profeſſor, eine Behandlung meiner Frau durch— 
führen, die Wunder verſpricht,“ ſagte Erik zu Warwara 
und geleitete ſie an ihren Wagen. 

Jonas war ſpäter nach Hauſe gekommen, als Erik mit 
Ruth, und kam ſeltſamerweiſe erſt zum Vorſchein, als der 
Beſuch fortgefahren war, und man ſich ſchon zu Tiſch ſetzte. 

Die Zwiſchenzeit hatte er im hinterſten Winkel des 
Gartens unter den tropfenden Bäumen verbracht, im 
Kampf mit einem großen Entſchluß. Seine Ringelnatter 
war mit ihm, ſie hing ihm melancholiſch um den Hals, 
als wiſſe ſie ſchon, daß ihr etwas ſehr Unangenehmes 
bevorſtehe. Noch einmal hatte er ſie liebkoſend in die 
Arme genommen, ſie geſtreichelt und zärtlich an ſich ge— 
drückt, noch einmal in ihrem koſtbaren Beſitze geſchwelgt. 
Dann hatte er ſie totgeſchlagen. 

Um es zu thun, mußte er ſich Mut einſprechen und 


> MO 


jein Herz verhärten. Er mußte ſich vorſtellen, daß er wie 
ein neuer Herkules ſei, der die Heſione von einem Meer— 
ungeheuer erlöſt, oder noch lieber wie Perſeus, der ſich 
ſeine Andromeda erobert. Aber dieſe Vorſtellung verfing 
nicht recht. Seine arme Ringelnatter ſah gar nicht aus 
wie ein Meerungeheuer; Ruth verkannte ſie nur. Das 
Tier blickte ihn mit ſeinen ſchwarzen Aeuglein ſo beweg— 
lich an, und er hatte es ſo lieb. 

Da ging ihm ein altes Märchen tröſtend durch den 
Sinn, von einer Schlange mit einem Goldkrönlein auf 
dem Kopf; wer die totſchlug, dem verwandelte ſie ſich in 
eine liebreizende Prinzeſſin. Er wußte nicht mehr, ob es 
ſich genau ſo verhielt, aber es gefiel ihm. Und ſeine 
Prinzeſſin ſaß und wartete gewiß ſchon darauf. 

Nachdem Jonas den Mord vollbracht hatte, wandte 
er ſich mit rotem Geſicht ins Haus. Es war ein ganz 
ungeheures Opfer, fand er, was ſie da beide Ruth ge— 
bracht hatten, er und die Ringelnatter. Denn die Schlange 
blieb nun tot, und er hatte ſich über ſie faſt ebenſo ge— 
freut, wie über ein Reitpferd. 

Und nun ſprach Ruth bei Tiſch immer von den 
albernen Schulmädchen, die er nicht leiden konnte. Es 
ärgerte ihn, daß ſie heute in die Freiſtunde gelaufen war, 
denn bisher beſaß ſie an ihm ihren einzigen Spielgefährten, 
und in dieſem Punkte verſtand Jonas keinen Spaß. 

Noch ſaßen ſie beim Mittag, als ein Eilbote kam 
und ein Telegramm für Erik überbrachte. 

Erik erbrach es und überflog den Inhalt, dann ſchob 
er ſeinen Teller zurück und trat mit dem Papier ans 
Fenſter. Man ſah ihm an, daß es eine freudige und 
ihn bewegende Nachricht war, die er erhalten. 


— 141 — 


„Salt ein ganzer Brief! An der Grenze aufgegeben,“ 
ſagte er; „denke dir, Bel, mein alter Freund Bernhard 
Römer iſt hierher unterwegs. Siebzehn Jahre haben wir 
uns nicht geſehen. Oder noch länger? Damals waren 
wir beide noch Studenten! Erinnerſt du dich ſeiner?“ 

„O ja, Erik! Wie ſollte ich den vergeſſen! Denn 
mit ihm war es ja, daß du immer noch ſo große Zukunfts— 
pläne machteſt. Ihr wolltet alles am liebſten auf den 
Kopf ſtellen. Ja, ſo jung wart ihr damals. Was iſt 
Römer denn eigentlich geworden?“ 

„Er iſt Profeſſor der Medizin an der Heidelberger Uni: 
verſität. Schrieb mir noch manchmal in frühern Jahren.“ 

Ruth hatte aufgehört zu eſſen und ſah mit großen 
Augen zu Erik hinüber. Bei dem Wechſel in ſeinem 
Mienenſpiel und bei Klare-Bels Worten war es Ruth, als 
ſtiege plötzlich eine ganze, fremde und ferne Vergangenheit 
zwiſchen ihnen auf. Eine Vergangenheit, bei der ſie nicht 
zugegen geweſen war. Ueberhaupt noch nicht auf der 
Welt! Es ſchien ihr ganz unmöglich. 

„Wird er hier herauskommen?“ fragte ſie leiſe. 

„Das wird er leider nicht. Er reiſt nur durch. Sein 
Ziel iſt Moskau. Dort iſt irgend eine Aerzteverſamm— 
lung. Morgen früh am Bahnhof werde ich Näheres er— 
fahren. Ob er ſeine Frau wohl mitgebracht hat?“ 

„Zu einer Aerzteverſammlung?“ bezweifelte Klare-Bel. 

„Warum nicht? Ich glaube, ſie ſind in ihrem gei— 
ſtigen Leben eng verwachſen. Römer heiratete ſehr jung, 
die Frau machte ſeine ganze Sturm- und Drangperiode 
noch mit durch. Das gab ihrer ganzen Ehe den Charakter.“ 

„Haben ſie keine Kinder?“ fragte Klare-Bel, die dieſer 
Punkt beſonders zu intereſſieren pflegte. 


— 142 — 


„Ich glaube nicht.“ 
„Keine Kinder!“ wiederholte Klare⸗ ⸗Bel im Tone des 


Bedauerns. Nichts war ihr an ihrem Leiden jo hart er— 
ſchienen, wie der Umſtand, daß ſie nicht wieder Mutter 
werden konnte; „das iſt doch eine traurige Ehe, ſo zu 
zweien.“ 

„Soviel ich mich erinnere, haben ſie nicht immer 
zu zweien gelebt. Sie hatten wiederholt ein junges Mädchen 
bei ſich, das an der Univerſität ſtudierte.“ 

„An der Univerſität ſtudierte? Können junge Mädchen 
das?“ erkundigte ſich Ruth erſtaunt. 

Erik blickte ſie mit einem Lächeln an. 

„Jawohl. Solche junge Mädchen wie du,“ ſagte er; 
„es ſteht dem ja nichts im Wege, daß du eines der nächſten 
Hauskinder bei Römers wirſt. Haſt du Luſt dazu?“ 

Er ſagte es ſcherzend, aber der Blick, mit dem ſie 
ihm antwortete, war jo ernſt, daß er ihm im Gedächt⸗ 
nis blieb. 

Erik ſetzte ſich an den Tiſch zurück und plauderte 
mit ſeiner Frau von alten Zeiten. Jonas fand, nun 
könnte Ruth mit ihm hinausgehen, aber ſie blieb ſitzen 
und hörte zu. 

Draußen hatte es angefangen ſtärker zu regnen; 
Jonas lehnte in der Hausthür an der Terraſſe und ſchaute 
prüfend hinaus. Als Ruth endlich vom Mittagstiſch auf— 
ſtand und in den Flur trat, bemerkte er: „Wenn wir 
doch wenigſtens bei Regenwetter ‚Mann und Frau‘ ſpielen 
wollten. Das paßt ſo gut fürs Haus. Denn wenn die 
Sonne ſcheint, thuſt du es doch nicht. Und dann iſt es 
auch etwas, was du bei deinen albernen Mädchen nun 
einmal nicht haben kannſt.“ 


— 143 — 


„O doch!“ verſicherte Ruth und ſchwang ſich auf das 
Geländer der ſchmalen Holztreppe, die nach ihrem Giebel— 
ſtübchen hinaufführte, „das haben wir im Schulhof oft 
genug miteinander geſpielt.“ 

„Das muß aber eine ſchöne Wirtſchaft geweſen ſein, 
ohne einen wirklichen Jungen!“ meinte Jonas verächtlich. 
„Und ich möchte doch ſo viel lieber dein Mann ſein, als 
der Mann in all den Räubergeſchichten, bei denen ich mich 
immer ſo anſtrengen muß.“ 

„Aber ich möchte nicht deine Frau ſein,“ ſagte ſie 
kaltherzig und ſaß und ſchaukelte mit den Füßen, „und 
dann wäre das auch noch viel anſtrengender für dich. 
Sei doch froh, daß du bei allem jedesmal die Haupt— 
perſon und der Held biſt.“ 

„Nein, das biſt du eben immer!“ warf er ihr miß— 
mutig vor. 

„Nein, Jonas, das iſt beſtimmt nicht wahr. Du biſt 
es ganz allein. Warſt du nicht erſt geſtern der Egmont? 
Und neulich —“ 5 

„Ja, im Anfang!“ unterbrach er ſie gereizt; „aber 
wenn du mir alles immer erſt vorſagſt und womöglich 
auch noch vormachſt, dann bin ich es ja gar nicht in 
Wirklichkeit, ſondern nur du.“ 

„Ich kann doch nichts dafür, wenn du dumm biſt.“ 

Jonas ſchwieg gekränkt. Wenn ſie wüßte, wem ſie 
das ſagte; — wenn ſie wüßte, daß er freiwillig darauf 
verzichtet hatte, ihr ſeine Ueberlegenheit zu zeigen, ſie in 
Furcht zu verſetzen, ſie zum Bitten und Schmeicheln zu 
bewegen! Denn, hätten ſie „Schlangenbändiger“ geſpielt, 
da wäre er doch wohl der Herr geweſen. Und ſie war ſo 
dumm, ihm zu glauben, die Schlange ſei wirklich entſchlüpft. 


— 144 — 


Jonas brannte die Zunge, Ruth von ſeinem Opfer 
zu erzählen. Aber er fand, das verbiete ihm ſein Mannes— 
ſtolz. Lieber noch wollte er ſich die Zunge abbeißen, wenn 
die Schwatzluſt zu groß wurde. 

„War ich Egmont, ſo hätteſt du mein Klärchen ſein 
müſſen,“ ſagte er; „warſt du es etwa?“ 

„Nein, natürlich nicht. Dazu kam ich ja gar nicht. 
Denn allein hätteſt du ihn doch nie herausgebracht. Und 
er iſt doch das Wichtigſte, wie du dir denken kannſt. Das 
Klärchen kann man ſtreichen.“ 

„Ich habe aber keine Luſt, mich zu deinem Hampel— 
mann herzugeben! Sei meine Frau!“ ſchrie er ärgerlich 
und ſtampfte mit dem Fuß auf. 

Ruth war vom Geländer herabgeglitten. Sie ſtellte 
ſich ans niedrige Flurfenſter, an dem der Regen herunter— 
rieſelte, und drückte ihr Geſicht platt gegen das Scheiben— 
glas, ſo daß es ſich ſatyrhaft verzog. Wenn Jonas wütend 
wurde, dann überſchlug ſich jedesmal ſeine Stimme: ſie 
ſchwankte immer zwiſchen zu hoch und zu tief. Das brachte 
Ruth immer zum Lachen. 

Da riß Jonas ſeine Mütze vom Mantelſtänder und 
ſtürzte hinaus. 

„Lauf nur zu deinen albernen Mädchen!“ rief er 
grimmig, „ich bin ein Junge!“ 

Am Ende war Ruth gar nicht das Ideal einer Frau, 
wie er ſie brauchte. Andromeda hatte ſich bereit erklärt, 
ihrem Erretter als Sklavin durch alle Länder zu folgen. 
Ruth würde ſo etwas nie thun, es würde ihr gar nicht 
einfallen, — davon war er feſt überzeugt. 

Von der Terraſſe aus ſteckte Jonas ſeinen Kopf durch 
das offene Fenſter des Wohnzimmers und fragte, ob er 


— 145 — 


noch bis zum Abendthee einen Kameraden aufſuchen 
dürfe. 

Klare⸗Bel, die neben dem abgeräumten Tiſch lag 
und in Lenneps Novellen las, blickte bei ſeinen Worten 
verwundert auf. 

„Es iſt nur gut, daß er noch an ſo was denkt,“ be— 
merkte ſie, als ſein Kopf vom Fenſter verſchwunden war, 
„denn jetzt denkt er Tag und Nacht nur noch an das 
Mädchen, Erik.“ 

„Strohfeuer!“ verſetzte dieſer. 

Er ſtand und ſchaute verträumt hinaus. Seine Ge— 
danken weilten noch in der Vergangenheit. Seine Frau 
nahm den morgenden Tag nur als eine willkommene Zer— 
ſtreuung, und darüber freute ſie ſich für ihn. Ihm war 
es mehr als das. 

„Findeſt du, es ſchadet nichts?“ fragte Klare-Bel 
beſorgt: „aber du meinteſt doch ſelbſt, Jonas ſei flüchtig 
und zerſtreut im Lernen geworden.“ 

„Das iſt er wohl ein wenig. Aber was ihm an 
Schulweisheit vielleicht dadurch abgeht, erhält er tauſendfach 
wieder in glücklicher Anregung, die ſeine geiſtigen Kräfte 
belebt und aufſchüttelt. Das erſetzt ihm keine Schule.“ 

„Er iſt freilich noch wie ein Kind. Aber Jonas 
iſt anhänglich. Wenn er nun ſein Herz ſo ganz an ſie 
hängt —?“ 

„Dann laß ihm dieſe Erinnerung, Ruth begegnet 
zu ſein. Er kann es an nichts Beſſeres hängen, Bel.“ 

Sie ſchwieg darauf. Das holländiſche Novellenbuch 
entglitt ihren Händen. Sie faltete ſie im Schoß. 

„Wie hoch er ſie ſtellt!“ dachte ſie im geheimen 


erſchrocken. 
Lou Andreas⸗-Salomé, Ruth. 10 


— 146 — 


Es war ein ſtiller Tag, der nächſte. Weil Erik nicht 
nach Hauſe kam. Wie ausgeſtorben ſchien das Haus, weil 
man ſeinen Schritt und ſeine Stimme darin nicht hörte. 

Er würde wohl erſt mit dem letzten Nachtzug heim— 
kommen, meinte Bel. Nachts ließ er ſie gewiß nicht gern 
auf dem Lande allein. 

Jonas ſchlich übler Laune im Hauſe umher. Nach 
dem geſtrigen Streit fühlte er einen heftigen Drang nach 
einer ausgiebigen Verſöhnung nebſt darauf folgendem un— 
zertrennlichem Beiſammenſein. Aber dafür war Ruth 
heute nicht zu haben. Den Streit hatte ſie rein vergeſſen. 
Und auf alle ſeine Vorſchläge, etwas Gemeinſames zu 
unternehmen, entgegnete ſie nur ihr wohlbekanntes ſtereo— 
types: „Ich muß nachdenken.“ 

Und Jonas wußte ſchon, daß ſie dann für ihn ſo 
gut wie verloren war. 

Ruth dachte immerfort, unabläſſig über ein und das— 
ſelbe nach. Sie folgte in Gedanken Erik in die Stadt, 
an den Eiſenbahnzug, der ihm den Freund bringen mußte, 
und verſuchte, ſich in das Wiederſehen hineinzuverſetzen. 

Als Klare-Bel ihm am Morgen beim Weggehen zu— 
rief: „Adieu, Erik, amüſiere dich gut!“ da hatte Ruth 
beinahe betroffen aufgeblickt. Es kam ihr vor, als habe 
Erik etwas ſo Ernſtes und Herzbewegendes vor. Selbſt 
ſein Geſicht ſchien ihr ſeit geſtern verändert. Unter 
allem, hinter allem, was er in gewohnter Weiſe ſprach 
oder that, fühlte Ruth es heraus, wie eine ganze Welt 
von aufgeſtörten Erinnerungen unaufhörlich in ihm raunte 
und redete. Keine Erinnerungen aber, die amüſieren, — 
ſondern ſolche, die gewaltſam zurückzerren in eine Ver— 
gangenheit, von der die Gegenwart verdunkelt wird. 


— 147 — 


Auf dem Garten lag heute freundlicher Sonnenſchein. 
Klare-Bels Stuhl war auf die Terraſſe geſchoben worden; 
unten konnte ſie nicht bleiben, weil Erik fehlte, um ſie 
wieder heraufzutragen. Ein warmer Sommerduft ſtieg 
von draußen auf; Flieder und Goldregen waren am Ver— 
blühen, und auf den Beeten öffneten ſich die roten Roſen. 
Baumwipfel und Büſche drängten ſich jetzt ſo dicht in— 
einander, daß es faſt ſchon zu viel Laub und Schatten 
ums Haus gab. Der Sommer barg es ganz in ſeinem 
warmen Dunkel, und von der Straße geſehen nahm ſich 
der Garten jetzt aus wie ein großer grüner Farben— 
klecks. 

Als der Abendthee auf der Terraſſe getrunken wurde, 
fiel es Klare-Bel doch auf, daß Ruth wie geiſtesabweſend 
dabei ſaß. 

„Es iſt doch, als könnte ſie es gar nicht mehr er— 
tragen, daß Erik ſich mit andern Menſchen beſchäftigt 
als mit ihr; am liebſten würde ſie ihm keine Zerſtreuung 
mehr gönnen, dieſe arge kleine Egoiſtin,“ dachte ſie und 
fragte laut: „Aber, Kind, fehlt dir etwas? was machſt 
du nur für wunderliche Augen? Ich glaube gar, am 
liebſten wärſt du mit Erik dort?“ 

Ruth fing mit feinem Ohr den nicht ganz liebreichen 
Ton auf und ſah ſie ſchüchtern an. 

„Ich verſuche es, dort zu ſein!“ ſagte ſie zum un— 
ausſprechlichen Erſtaunen Klare-Bels. 

Dieſe zog ſich nach dem Abendthee bald in ihr kleines 
Gemach zurück, um ſich zeitig zur Ruhe zu begeben, denn 
ſie fühlte ſich ein wenig leidend. Vielleicht griff die 
neue Behandlung ſie an, die Erik ſeit kurzer Zeit mit 
ihr vornahm, und die er ihr auf viele Monate hinaus in 


— 148 — 


Ausſicht geſtellt hatte. Er fing wirklich ſchon an, wieder 
neue Hoffnung zu ſchöpfen. 

Gonne entfernte ſich, nachdem ſie ihre Frau ſorgſam 
gebettet, und Klare-Bel lag in ihrem ſtillen Zimmer allein, 
umgeben von all den zierlichen und ſaubern Sächelchen, 
die ſie bei ſich aufzuſtellen liebte. 

Sie lag und lächelte über ſich ſelbſt. War es nicht 
ſeit kurzem, als ob auch ſie, ganz leiſe — leiſe, heimlich, 
die neue Hoffnung hätſchele? Ein klein wenig nur. Die 
Hoffnung, doch noch einmal wieder geſund zu werden, 
Erik entgegengehen zu können auf ihren zwei geſunden 
Füßen. 

Es war ja gewiß nichts damit. Ein bloßer Wahn. 
Aber wenn er trog, dann würde Erik ſie ſchon darüber 
hinwegtragen, wie über die vielen, vielen frühern Ent— 
täuſchungen auch. Denn das hatte er gethan, — nicht 
gerade mit übermäßigem Bemitleiden und Schonen, aber 
mit ſeiner unaufhörlichen Gegenwart, mit ſeiner beſtän— 
digen energiſchen Einwirkung auf ſie. Und manchmal, 
da überkam ſie ganz deutlich das Gefühl: es war gut 
ſo, denn er brauchte das; nur in dieſem Bemühen über— 
wand er ſeine eigenen Enttäuſchungen. Seine ſtarke Be— 
einfluſſung andrer ſchien es zu ſein, durch die er immer 
wieder ſelbſt zur alten Sicherheit zurückkehrte. So oft 
konnte ſie es mit Verwunderung beobachten im täglichen 
Leben unter den Menſchen ſeiner frühern Umgebung, wie 
belebend es auf ihn wirkte, daß ſie von ihm Kraft und 
Belebung erwarteten. Das Alleinſein vertrug Erik wirklich 
ſchlecht. 

Die Zeit rückte vor, und immer noch lag Klare-Bel 
wach und träumte mit offenen Augen. Durch das ge— 


— 149 — 


öffnete Fenſter ſtrich weich und feucht die Luft, ganze 
Schwärme von kleinen Mücken mit ſich tragend; von 
fernher verklang leiſe das Lied der letzten Landarbeiter, 
die von nächtlicher Arbeit heimkehrten. Mit hellen Sonnen— 
augen ſchaute die Nacht ins Zimmer herein. 

Klare-Bel kamen ketzeriſche und ſogar übermütige Ge— 
danken, ſo daß ſie über ſich ſelbſt erſtaunen mußte. „Wer 
iſt nun ſtark,“ dachte ſie, „wenn der Starke wieder der 
Schwachen bedarf?“ Sie war ſicherlich ein ſchwaches 
Weſen, froh, wenn Erik ſie bei der Hand nehmen und 
führen wollte. Er aber, brauchte er denn nicht jemand 
um ſich, den er führen konnte, um ſelber froh und des 
Weges ſicher zu bleiben? Brauchte Erik alſo nicht ſie, 
wie ſie ihn? | 

Klare: Bel lächelte in der Einſamkeit der hellen 
Nacht, und inbrünſtig ſtreckte ihre Sehnſucht ſich ihm 
entgegen. — 

Wie ſie es vorausgeſehen, befand ſich Erik erſt 
Stunden ſpäter auf dem Heimweg. Er hatte mit vielen 
andern dem Freunde das Geleit bis zum Moskauer 
Bahnhof gegeben, und dann blieb man noch eine Weile 
zuſammen, — ein ganzer Haufen von Menſchen, von 
Fremden und Bekannten, mit denen der Abend in an— 
geregter Geſelligkeit verbracht wurde. Erik ließ ſich nicht 
mehr die Zeit, zu Hauſe vorzufahren, um ſich umzukleiden; 
er erreichte eben noch den letzten Nachtzug und fuhr aufs 
Land hinaus. 

Der lange Gang von der Station aus that ihm 
nach den verfloſſenen Stunden und Eindrücken wohl; die 
freie Nachtluft erfriſchte ihn. Kein Lufthauch bewegte 
ſich; am faſt taglichten Himmel ſtand blaß und glanzlos 


— 150 — 


der Vollmond; einzelne Wolken ballten ſich aufeinander, 
und von Zeit zu Zeit ſprühte ein feiner Regen nieder. 

Als er am Hauſe ankam, das unter den regungs— 
loſen Bäumen in der Nachthelle dalag, wich langſam die 
noch erregte Stimmung einem Gefühl ruhiger Freude, 
wieder daheim und bei den Seinen zu ſein. Bei dem 
Seinen! Auch Ruth gehörte jetzt dazu. Gehörte ihm zu. 

Er ſtieg leiſe die Stufen zur Terraſſe hinauf und 
warf einen Blick auf die Giebelſtube, wo ſie jetzt ſchlief 
und träumte. Da, als er faſt geräuſchlos die Hausthür 
aufgeſchloſſen hatte, knarrte die ſchmale Holztreppe, die 
vom Flur nach oben führte, unter einem leichten Fuß. 
Völlig angekleidet, nur das Haar ein wenig wirr um 
den Kopf, erſchien Ruth auf dem unterſten Treppenabſatz. 

„Aber, Ruth, was fällt dir ein? Wie konnteſt du 
aufbleiben? Schnell ins Bett!“ ſagte er. 

Er ſchalt, doch klang es ſehr herzlich. Empfand er 
doch ihr liebes Geſicht wie einen Willkommgruß. 

„War es ſchön?“ fragte ſie entgegen und blickte ihn 
mit großen überwachen Augen an, „ſollte ich denn dabei 
ſchlafen? Nein, das konnte ich nicht! denn ich war auch 
da, — immer mit da. War es ſchön?“ 

Er faßte nach der ſich ihm entgegenſtreckenden Hand 
und hielt ſie feſt. Alle Eindrücke des Tages, alle Er— 
innerungen, die von ihnen aufgewühlt worden, verflogen; 
er hatte den ganzen Menſchenſtrom hinter ſich gelaſſen 
und war nur noch ganz allein mit ihr. 

Was bedeutete ihm alle Anregung, ja, was aller ſo 
erſehnte Beifall oder Erfolg, nach dem er im Leben ge— 
geizt und gerungen, gegenüber dem zarten Lob, wie es 
aus Ruths kindlicher, gläubiger Hingebung an ihn redete? 


Wie ſchal und brutal erſchien ihm daneben alles, was 
von einer Menge ausging und ſich laut äußerte. Nur 
weſſen Sinne zu ſtumpf geworden für ſo feinen Duft, 
der mochte nach ſchärfern Würzen ſuchen. 

Dieſer Gedanke flog Erik durch den Kopf und dar— 
über vergaß er zu antworten. 

Er ſah gut aus im Geſellſchaftsanzug, den weiten 
Mantel loſe umgeworfen, regenbeſprüht, und darüber das 
belebte Geſicht. Wie ſie ſo einander gegenüberſtanden 
in der ſchweigenden Nacht, während die ganze Welt um 
ſie her im Schlummer lag, erſchienen ſie beide wie ge— 
ſättigt mit Leben; und etwas Verwandtes ſchien aus beider 
Ausdruck zu ſprechen, — verwandt über Alter und Ge— 
ſchlecht hinaus, — ein Lebenverlangendes, Lebenforderndes. 
Es war dasſelbe, was Erik ſo verwandt berührt und er— 
griffen hatte, als er Ruth zuerſt im Schulhof ſah, mit 
dem Uebermut in den Augen und den erhobenen Armen. 

Sie ſtanden und ſchwiegen, und um ſie her träumte 
die magiſche Helle, in der Abend und Morgen unmerklich 
ineinanderſchmolzen. 

„Hätte ich nicht fortgehen ſollen, Ruth?“ fragte er 
unwillkürlich und blickte ſie mit einem Lächeln an. 

„Doch! aber mich mitnehmen!“ entgegnete ſie, und 
im Klang ihrer Stimme verriet ſich die ganze Sehnſucht 
und Selbſtentrückung, in der ſie den Tag über umher— 
gegangen war. Erik verſtand ſie nicht ganz, er nahm 
die nachträgliche Bitte kindiſcher und thatſächlicher, als 
Ruth ſie meinte, aber Blick, Ton und Haltung drückten 
es ſo kindlich aus, daß ſie ſich in ſeiner Abweſenheit 
wie verloren gefühlt hatte, daß eine tiefe Rührung über 
ihn kam. f 


— 152 — 


Ihm ſchien, Ruth ſah wie verzaubert aus, — anders, 
lieblicher als ſonſt. 

Im Hauſe blieb es ganz ſtill, und beide frechen 
mit geſenkter Stimme. Nur durch die offen gebliebene 
Hausthür zog es ganz leiſe wie ein geheimnisvolles Raunen 
und Rauſchen, — ein Flüſtern, das draußen durch das 
niedrige Gebüſch ging, — die erſte Ankündigung des neuen 
Tages. 

„Es iſt Zeit!“ ſagte Erik aufſchreckend, „lege dich 
ſchlafen. Gute Nacht! Guten Morgen! Liebling.“ 

Und mit einer raſchen Bewegung zog er ſie an ſich, — 
feſt, ſo daß ſie an ſeiner Bruſt lag, und küßte ſie auf 
den Mund. 

Als er ſie ebenſo raſch wieder losließ, hatte Ruth 
ſeine Hand ergriffen und drückte ihre warmen Lippen 
darauf. 

Dann flog ſie geschwind die ſchmalen Stufen zu 
ihrer Giebelſtube hinauf. 

Erik öffnete die Mittelthür im Flur, die in das 
Zimmer von Jonas führte. Er mußte hindurchgehen, 
um ſein dahinter gelegenes Schlafzimmer zu erreichen. 
Dabei wachte Jonas auf. 

„Na, Papa, war es ſchön?“ fragte auch der und 
drehte ſich ſchlaftrunken auf die andre Seite; „hat es 
denn auch Champagner gegeben?“ 

Damit ſchlief er weiter. 

Erik ſtieß ein Fenſter auf und blickte in die lichte 
Ferne hinaus. Ein farbloſes, blaſſes, gleichmäßiges Grau 
breitete ſich in der Stube aus, und der dämmernde Morgen 
fing an, ſie mit herber Kälte zu erfüllen. 

Das leiſe Raunen und Rauſchen ſchlich nicht mehr 


— 153 — 


flüſternd am Boden hin, es hatte ſich höher erhoben. 
Es bewegte die Zweige der wilden Akazien, die dicht vor 
dem Fenſter ſtanden, und dann ſchwoll es machtvoll an, 
bis es in majeſtätiſchem Brauſen die alten Wipfel durch— 
klang, die vorhin lautlos gegen den hellen Nachthimmel 
ſtarrten. 

Wie ein Morgenchoral klang es, und — ganz leiſe, — 
verſuchend, wie im Halbſchlafe noch, fiel hie und da 
ein kleiner froher Vogellaut ein. Und bald darauf, gleich 
einem Aufjauchzen, ein lang gezogener unermüdlicher Buch— 
finkentriller. 

Erik hatte ſich zur Ruhe gelegt, aber mit wachen, 
lauſchenden Sinnen nahm er das Nahen des Tages auf, 
und es kam ihm vor wie eine geeignete Begleitung zu 
ſeinen Gedanken, die noch an Ruth hingen. Denn auch 
über ihnen lag eine zarte und halbverhüllte Stimmung, 
eine Morgentraumſtimmung, ſo ſchien ihm. 

Noch nie hatte ihn die Empfindung ſo gepackt wie 
heute, daß ſie ja unwiderruflich zu einander gehörten, 
daß ſie im Grunde gleichgeartet, gleichen Weſens ſeien. 
Und nun erſt meinte er ihre Bitte zu verſtehen: „Mich 
mitnehmen!“ Was er war, das wollte auch ſie ſein, denn 
nur in ihm erfaßte und ahnte ſie ſich ſelbſt. Der gleiche 
Lebensdrang ſchlummerte ſtark und freudig in ihnen beiden. 
Nur daß in ihr aus unbewußtem, unberührtem Natur— 
grunde hervorbrach, was in ihm bewußter Entſchluß, Ver— 
ſtand und Wille geweſen. Und daß in ihr mit reiner 
Flamme brannte, was in ihm die Berührung mit dem 
Leben mit Schlacken und Aſche vermengt hatte. 

Und über dieſen unklaren Gedanken fing Erik an 
zu ſchwärmen. 


— 154 — 


Der erſte Jubel der Vögel draußen legte ſich, und 
der Morgenwind ſchwieg ſtill. Wieder ragten die alten 
Bäume regungslos gegen den Himmel, durch deſſen Blau 
zerriſſene weiße Wolken ſchwammen. In einem breiten 
Goldſtrom flutete das Sonnenlicht durch das Gemach. 

Hinter Eriks geſchloſſenen Augenlidern malte es 
lächelnd roſige Farben. Im Sonnenſchein war er ein— 
geſchlafen. 

Er erwachte viel ſpäter als ſonſt und beſann ſich 
nicht gleich, weder auf den geſtrigen Tag, noch auf die 
Nachtſtunde. Irgend ein Traum, ein wunderbarer, von 
deſſen Vorgängen er aber nichts mehr wußte, hielt ihn 
noch feſt in Bann. Und offenbar aus dieſem Traum 
heraus kam ihm zwingend die ſeltſame Frage: „Iſt ſie 
ſchön? Ich weiß es nicht; ich glaube eher: nein. Aber 
ſie ſieht aus wie — Ruth. Es iſt ja Ruth.“ 

Und ihm ſchien, es könne nur eine ſolche geben. 

Er fühlte eine Miſchung von Glück und ſchmerzlicher 
Beklommenheit. 

Und blitzähnlich wurde er vollſtändig wach. 

Wie ein Schickſal, groß und ſchwer, ſtand vor ihm 
die Erkenntnis ſeiner Liebe. 

Noch nie hatte er über ſein Gefühl für Ruth nach— 
gedacht. Vielleicht, weil es überhaupt wenig ſeiner Natur 
entſprach, über ſich nachzudenken. Vielleicht aber auch, 
weil dieſes Gefühl einem leidenſchaftlichen Intereſſe am 
Menſchen, nicht am Weibe, entſprungen war. 

Plötzlich war das alles anders geworden. — 

Auf der Terraſſe ſaßen fie ſchon lange und warteten 
am Frühſtückstiſch auf Erik, als er endlich zu ihnen 
heraustrat. Klare-Bel bemerkte augenblicklich etwas Ver— 


— 155 — 


ändertes, Verſchloſſenes in ſeinem Geſicht, und ſie bewies 
es, indem ſie keine Frage an ihn richtete und von Gleich— 
gültigem zu reden begann. 

Erik jedoch erzählte unaufgefordert manches vom Zu— 
ſammenſein mit dem Freunde. Die Frau war wirklich 
auch dabei geweſen; ſie war eine Deutſchruſſin und beſaß 
Verwandte bei Moskau. 

Sie hatte Erik außerordentlich gut gefallen. Heiter, 
gütig, praktiſch, — ein kluger und reifer Menſch, ſagte 
er von ihr. 

Klare-Bel hörte nur mit halbem Ohre zu. Sie 
fühlte ſich ſonderbar beunruhigt und fand im ſtillen, daß 
Erik nach der geſtrigen Zerſtreuung ee überwacht 
und angegriffen ausſähe. 

Um ſo friſcher und heller ſah Ruth aus. „Wie an— 
geſteckt von der Morgenſonne,“ dachte Erik, während ſein 
Seitenblick ſie ſtreifte. Dabei konnte er ihr anſehen, wie 
ſie nur mit Mühe einen Witz darüber unterdrückte, daß 
er verſchlafen habe. Sie hatte nicht verſchlafen. Sie 
hatte den ganzen Frühmorgen im Garten umhergetollt. 

Mit der gemeinſamen Arbeit wurde es heute nun 
nichts. Haſtiger als ſonſt ſtand Erik auf, um zu gehen. 
Die Zeit drängte, und Jonas war ſchon fort. 

Erik konnte es kaum erwarten, daß das Haus weit 
hinter ihm lag, und er wieder mit ſich ſelbſt allein blieb. 
Aber dennoch war ihm weder zum Träumen noch zum 
Grübeln zu Mute. Nur nach einem verlangte es ihn 
dringend und ungeduldig, als hinge das Leben davon ab: 
voll und klar ins Auge zu faſſen, was ſeit wenigen 
Stunden wie ſein Schickſal vor ihm ſtand. Nur nach 
einem verlangte ihn: davor ſtillzuſtehen und den Blick 


— 156 — 


darauf ruhen zu laſſen, feſt und forſchend, wie auf einem 
fremden Antlitz. 

Darüber entſchwand alles andre, was ihn hätte be— 
ſchäftigen und beunruhigen können, völlig aus ſeinem Ge— 
ſichtsfeld. An allem, was bisher ſein Schickſal aus— 
gemacht und zwingend ſein Leben beſtimmt hatte, an 
allen innern und äußern Verhältniſſen, in denen er lebte, 
ſah er vorbei, — ganz gerade, ganz unverwandt auf den 
einen Punkt, ohne nach rechts oder links zu ſchauen. 
Für etwas andres blieb kein Blick, kein Raum, es blieb 
nur eine dunkle, trotzige Nebenempfindung: über Hinder— 
niſſe, und wären es Menſchen, geht's hinweg. — 

Ehe Erik ſich mit Klare-Bel verlobte, hatte ſie ihm 
einmal eine Photographie geſchenkt, auf der ſie ſich im 
Kreiſe ihrer ganzen Familie befand. Er ſteckte das Bild 
in einen Rahmen und legte zwiſchen Rahmen und Glas 
ein Blatt Papier, in das er eine nur Bels Geſtalt ent— 
ſprechende Oeffnung ausgeſchnitten hatte: ſo war er mit 
ihr allein. Ihre Sippe deckte er zu, weil ſie ihm nicht 
gefiel. | 

Erik war es ſich nur halb bewußt, daß er es jetzt 
ebenſo machte: mit ſeiner eigenen Familie, mit den Men— 
ſchen und Pflichten ſeiner täglichen Umgebung, ja, mit 
der geſamten Welt, die er in ſeinen Gedanken weglöſchte, 
bis nichts übrig blieb als eine unermeßliche leere Weite, 
eine Welteneinſamkeit, in der nur Ruths Bild vor ihm 
ſtand. 

Sie und er, allein miteinander, und Auge in Auge. 

Aber je länger er auf ſie hinſchaute, deſto ſtiller 
wurde ſein Blick. Was alle Hinderniſſe und Schranken 
in ihm wie außer ihm nicht an ſein Bewußtſein heran— 


— 157 — 


bringen konnten, das ging von dem fröhlichen Kinder— 
bilde ſelbſt aus. Alles harte und leidenſchaftliche Fordern 
in ihm wurde ſtill. 

Was liebte er denn an ihr, wenn nicht eben dieſes 
Kindhafte, in dem noch, geheimnisvoll und verheißungs— 
voll, die ganze Fülle der Möglichkeiten ruhte, — dieſes 
Keimende, Werdende, Zukünftige, das noch auf lange 
hinaus der ſchützenden Hülle bedurfte, — den zarten, koſt— 
baren Stoff, nach dem ſeine Hand ſich nur herriſch aus— 
geſtreckt, weil ſie allein ihm die edelſte Form geben wollte? 

Ihm fiel das Gleichnis vom Gärtner und ſeinem 
Bäumchen ein, das er Ruth einmal erzählt hatte. Es 
enthielt eine Wahrheit, es enthielt ſeine Liebe. Unſäglich 
liebte er in ihr ſeine Gärtnerkunſt und ſeine Gärtner— 
hoffnungen. 

Je länger Erik ſich aber ſo in das ihm vorſchwebende 
Bild vertiefte, um ſo weniger klärte ſich ihm ſein eigenes 
Gefühl. Er ſprach zu ſich ſelbſt nur noch mit geringer 
Ehrlichkeit. Unwiderſtehlich erhob ſich aus dem leiden— 
ſchaftlichen Begehren der Hang zu idealiſieren. All— 
mählich büßten in ſeiner Phantaſie er wie Ruth viel von 
ihrer Wirklichkeitsfarbe ein, und immer höher ging der 
Schwung der Gedanken. 

Während Erik glaubte, es ſei der Erzieher und 
Menſchengeſtalter in ihm, der in reiner Hingebung an 
einem Frauenbildnis meißele und dichte, damit es einſt 
Wirklichkeit werde, ſchwelgte und berauſchte ſich der Lie— 
bende an Ruths unähnlichem Idealporträt. — 

Ruth hatte inzwiſchen den Vormittag in einer Weiſe 
verbracht, die dieſen hochfliegenden Vorſtellungen nur 
wenig entſprach. 


— 158 — 


Anfangs überlegte ſie ein Weilchen, ob ſie die Ab— 
ſicht hege, ganz für ſich allein fleißig zu ſein. Nein, die 
hegte ſie entſchieden nicht. Am beſten hätte es ihr ge— 
paßt, jetzt Jonas da zu haben, aber der ſaß in der 
Schule und lernte, der Aermſte. So entſchloß ſie ſich 
denn, zu Gonne in die Küche hinunterzugehen. Denn 
lieber noch wollte ſie mit den Händen thätig ſein als 
mit den Gedanken, meinte ſie, und irgendwie lebhaft ſich 
bethätigen mußte ſie durchaus. War ihr doch froh, ſo 
vogelfroh, ſo gar nicht zum Stillſitzen und zum „Nach— 
denken“. Und dann war es auch ganz unterhaltend, mit 
Gonnes Eimern am Brunnen zu plantſchen. 

Gonne litt es glücklicherweiſe gut, wenn Ruth ihr 
ſo unerbeten mitten in die Arbeit ſprang. Da ſie nichts 
von der hierzulande üblichen Devotion beſaß, ſo betrachtete 
ſie es als eine Auszeichnung für Ruth, daß ſie ſich deren 
Hilfe gefallen ließ. Und Ruth nahm es auch nicht an— 
ders, und zum entſprechenden Dank ſang ſie ihr mit 
ihrer weichen ungeſchulten Stimme ruſſiſche Volkslieder 
zur Arbeit, und Gonne hörte tiefernſt zu. 

Erik fand bei ſeiner Heimkehr Ruth mit aufgeſchürztem 
Rock und zurückgeſtreiften Aermeln ſingend und ſeelen— 
vergnügt am Brunnen. Bei dieſem unerwarteten Anblick 
zerflatterte plötzlich das meiſte von dem, was er ſich zu— 
ſammengeſonnen und zurechtgelegt hatte; die verklärte 
Geſtalt ſeiner Phantaſie, um derentwillen er die wirk— 
liche Ruth am tiefſten zu lieben glaubte, war wie ver— 
ſunken. Eine ſtürmiſche Zärtlichkeit erfüllte ihn, ein 
heißes Verlangen, ſie an ſich zu ziehen, die ſchlanken 
waſſerüberſprühten Arme unter ſeiner Hand zu fühlen, 
die lachenden Lippen zu küſſen und das ſtets verwirrte 


Haar und den feinen von der Sonne ſchwach gebräun— 
ten Hals. 

Im Begriff an der Terraſſe vorüber zum Brunnen 
zu gehen, machte Erik plötzlich Halt, kehrte um und ging 
in ſein Zimmer. 

Dort, auf dem Schreibtiſch, lagen noch, unordentlich, 
Ruths Hefte und Bücher umher, die heute morgen um— 
ſonſt auf ihn gewartet hatten. Erik ſetzte ſich davor nieder 
und beugte den Kopf auf ſeine Hände. Das Blut hämmerte 
ihm in den Schläfen, und er drückte die Zähne gegen— 
einander. — — — 

Mußte Ruth fort? 

Er zwang ſich, den Gedanken zu Ende zu denken. 
Ihn überſchlich eine Ermattung, eine bleiſchwere Müdig— 
keit, die alles klare Denken umſchleierte. 

Halb mechaniſch blickte er über die Hefte hin, die 
aufgeſchlagen dalagen; ohne zu leſen, folgte er den ein— 
zelnen Buchſtaben, als enthielten ſie eine erlöſende Ant— 
wort. Es war eine raſche, in den Grundſtrichen harte 
Schrift, deren Züge alle feſt zuſammenhingen. Noch keine 
ausgeſchriebenen Rundungen, aber auch kein überflüſſiger 
Schnörkel. 

Ihm fiel wie von ungefähr auf: in Ruths Handſchrift 
lag im Grunde eine fremde Ruth. Nichts von ihrer 
Phantaſie, — ihrem Ueberſtrömen. Etwas merkwürdig 
Logiſches. 

Seine Blicke und Gedanken blieben darauf haften. 

Lag nicht vielleicht auch in ihr ſelbſt noch eine ihm 
fremde Ruth? Die noch nicht erwacht war, die er noch 
nicht kannte? | 

Da lachten ihre Augen durch das Fenſter. Ruths 


— 160 — 


Kopf erſchien zwiſchen den krauſen Ranken und Blättern 
des wilden Hopfens, der am Fenſterkreuz emporkletterte. 

„Soll ich arbeiten?“ fragte ſie. 

„Nein. Wir wollen auch Ferien machen. Wenig— 
ſtens für heute,“ ſagte er und ſtand auf, „weißt du, was 
es für eine Ueberraſchung gab, — in der letzten Stunde 
vor den Ferien, in der Mädchenſchule? Sie erhoben ſich 
alle und trugen feierlich eine Bitte vor. Was es war, 
ließ ſich nicht leicht herausbringen. Sie wußten es ſelbſt 
nicht genau. Sie wollten dasſelbe, was du gewollt 
haſt, ſagten ſie. Sie wüßten es nur nicht zu bewerk— 
ſtelligen.“ Ä 

Von Ruth kam nur ein Gelächter. Er hatte es 
ſchon in der Schule um ſich zu hören geglaubt. Ganz 
deutlich empfand er aus dem unerwarteten „Maſſen— 
erfolg“ den übermütigen Einfluß einer einzelnen heraus. 
Aber gerade dies hatte ihn heute aus ſeiner zerſtreuten 
Gleichgültigkeit geriſſen, ihn mit Wärme und Freude er— 
füllt. Aus dem Bilde der ganzen Klaſſe, aus der Ge— 
ſamtphyſiognomie all dieſer braunen und blonden Mädchen— 
köpfe, ſchaute ihm, wie aus einem Vexierſpiel, Ruths Ge— 
ſicht entgegen: mit einem Schalkslächeln um den Mund, 
aber auch mit unbegrenzter Hingebung in den Augen. 
Ganz ſo, wie ſie jetzt eben zwiſchen den Hopfenranken 
daſtand. 

„Aber nun wird Ernſt damit gemacht,“ bemerkte 
er und lehnte ſich ans Fenſter; „im Herbſt, wenn alle 
wieder zuſammenkommen. Vielleicht in Form von all— 
gemeinen Kurſen bei mir zu Hauſe. Vielleicht mit Be— 
teiligung Erwachſener. Ich weiß noch nicht, wie.“ 

Sie ſah ihn voll Intereſſe an. | 


— 161 — 


„Das iſt gut!“ ſagte fie eifrig und nickte, „je mehr, 
deſto beſſer. Aber alle werden nicht kommen dürfen, und 
manche werden bald wieder fortbleiben. Daß die Braut 
da iſt, nimmt vielen die Luſt zu ſo etwas fort.“ 

„Die Braut?“ 

„Ja. Denn da denken ſie nun, ſo ſchön könnten ſie 
es jetzt bald alle kriegen. Und dann hat ja all das andre 
keinen rechten Zweck mehr, meinen ſie. Denn ſie finden: 
Braut ſein, das ſei doch das Allerhöchſte. Darüber haben 
wir uns vorgeſtern im Schulhof unterhalten.“ 

Erik blickte auf ſie. 

„So. Und was haſt denn du dazu gemeint? Haſt 
du auch gefunden, daß es das Allerhöchſte ſei, und daß 
dann all das andre keinen rechten Zweck mehr hat?“ 

„Ich? Das kann ich ja gar nicht wiſſen. Wie ſoll 
ich wiſſen, wie es dann iſt? Aber ich brauche es doch 
auch gar nicht zu wiſſen. Denn ich kann niemals Braut 
werden,“ ſagte Ruth. 

Das Wort erſchütterte ihn in ſeiner nervöſen Er— 
regung. Er war ſo betroffen, daß er nicht gleich ant— 
worten konnte. Dann entgegnete er: „Wie kommſt du 
auf dieſen wunderlichen Gedanken? Wo haſt du dieſen 
Einfall her? Du biſt ein Kind, das nichts davon vor— 
ausſehen kann, wie ſein zukünftiges Leben ſich geſtalten 
mag. Und deine Phantaſie ſoll nicht damit ſpielen. Du 
ſollſt nicht damit ſpielen!“ wiederholte er mit plötzlichem, 
unmotiviertem Zorn. „Sage mir, wie du darauf ge— 
kommen biſt.“ 

„Es iſt von ſelbſt gekommen,“ ſagte ſie einfach, „ich 
habe nicht damit geſpielt. Es iſt gekommen, weil ich 


wußte: um Braut zu werden, muß man einen ne Bann: 
Lou Andreas⸗Salomé, Ruth. 


Und das kann ich ja nicht mehr. So lieb kann ich in 
der ganzen Welt nie mehr jemand haben.“ 

„Wie lieb, Ruth?“ 

Seine Stimme klang gedämpft und heiſer. 

Sie ſah ihn an mit ihrem offenen naiven Kinder— 
blick. Nie noch, meinte er, eine ſolche Unſchuld und 
Treuherzigkeit in einem Menſchenblick geſehen zu haben. 

„So lieb wie Sie,“ ſagte Ruth. 

Erik machte eine kurze Bewegung und, niederblickend, 
ſchob er die Hopfenranken zur Seite, die ſich überall feſt— 
neſtelten und anklebten. Die linke Hand, die in der 
Seitentaſche ſeiner Joppe lag, ballte ſich zur Fauſt. 

Ruth betrachtete ihn unverwandt, aber fie verſtand 
nicht den Ausdruck, der über ſein Geſicht ging. 

Da, wie Erik, faſt furchtſam, aufſchaute und die 
fragenden Augen vor ſich ſah, durchzitterte es ihn. Ihm 
kam es vor, wie wenn dieſer eine Blick und Augenblick 
über ihn enticheide. 

Er beugte ſich etwas vor, ergriff Ruths Hände und 
bedeckte damit ſeine Augen. 

„Weißt du, Mädel,“ ſagte er halblaut, „wenn du 
groß biſt, — denn jetzt biſt du doch nur erſt ein kleines 
Mädel, — aber wenn du längſt eigene und reife Vor— 
ſtellungen gewonnen haſt über alle dieſe Dinge, und viele 
andre noch, — dann — dann ſollſt du noch einmal zu 
mir kommen und mir ſagen können: daß du mich lieb 
behalten haſt. Und daß du von mir — von mir dein 
Beſtes haſt. Dein Eigenleben und deine Entwickelung. 
Deinen Glauben an deinen Selbſtwert und den Glauben 
an den Wert der Menſchen. Wer du dann biſt, Ruth, 
das wiſſen wir beide nicht; wer ich dann bin, das weiß 


u 763: = 


ich ja wohl: ein alter Mann. Aber ein alter Mann, 
der dafür gelebt hat, daß du, Mädel, ihm bleiben darfſt, 
was du ihm heute biſt: ſein Stolz, ſein Werk, ſein Kind 
und ſeine höchſte Hoffnung.“ 

Und er ließ ihre Hände los und verließ das Zimmer. 

Ruth ſtand noch draußen am Fenſter. Sie hatte die 
Arme aufgeſtützt und blickte ihm regungslos mit ernſtem 
Geſichte nach. 

An einem der nächſten Tage, um die Mittagsſtunde, 
füllte eine bunte Menſchenmenge den großen Mädchen— 
ſchulſaal. Eltern und Angehörige der Kinder, eine Flut 
von Neugierigen aus den obern Geſellſchaftsſchichten und 
viele, die Erik reden hören wollten, von dem die Mädchen 
zu. Hauſe ſo viel erzählten. 

Er ſtand auf der Tribüne im Hintergrunde des 
Saales und ſprach zu ihnen und ihren Kindern; er er— 
wähnte den Vorſchlag, den ſeine Klaſſe ihm gemacht, die 
Gemeinſamkeit des Lebens und Arbeitens über die Schule 
hinaus zu erſtrecken, und knüpfte daran ſeinen Lieblings— 
gedanken von der Notwendigkeit einer reichern Weiter— 
entwickelung für die Frau, als die Gegenwart ſie ihr 
außerhalb der Schuljahre gewähre. Ueber die Möglich— 
keit, eine lebensvollere, geiſteskräftigere Zukunft herauf— 
zuführen, ſprach er ihnen, und über die Zukunft der Frau, 
die, erſt geahnt und nur halbenthüllt, noch vor ihr liege, 
von der ſie aber Beſitz ergreifen könne in allem, was ihr 
Weſen der innern Entfaltung und Vollendung näher 
bringe. 

Und während er ſprach, dachte er an Ruth, der er 
nicht erlaubt hatte, mitzukommen; denn im Grunde war 
ſie es ja, von der er redete, zu der er redete. Sie war 


— 164 — 


es ja, die in ihm die Luſt wiedererweckt hatte, zu den 
Menſchen zu reden, und die Menſchen für ihn ſuchte, wie 
man für einen Armen Brot ſucht, damit er ſeinen Hunger 
ſtille. Und was er ſeinen Menſchen gab, entnahm er ihr: 
denn das Höchſte, was er von ihr erhoffte, das Schönſte, 
was er ſich in ihr träumte, legte er ſeinem Zukunftsbild 
unter, und dann erhob und verklärte er es zu allgemeinen 
Formen. 

Es war, wie wenn er eine überlebensgroße Geſtalt 
vor den gebannten Menſchenaugen aufrichtete, in der durch 
dieſe Größe die individuellen Züge unerkennbar wurden. 
Zu groß ſicherlich, für das wirkliche Leben, aber von einer 
Fülle und Wärme der Farben, die unwillkürlich mit fort— 
riß und ſich dem weiblichen Teil unter den Zuhörern 
gewaltig einprägte. 

So ſtand Erik und hielt eine Art von Selbſtverteidi— 
gung ſeiner Liebe, und die tiefe Bewegung, die in ihm 
war, verlieh einem jeden ſeiner Worte eine eigentümliche 
Wucht. 

Unter der Menge im Zuſchauerraum befand ſich auch 
Warwara, wie ſie es ihm vorhergeſagt. Sie blickte voll 
Intereſſe auf ihn. Ihr ſchien, als ſähe ſie vor ihren 
Augen entfeſſelt und entfaltet, was ſie, mit ihrem feinen 
Inſtinkt, immer ſchon dunkel und undeutlich geahnt, wenn 
ſie mit Erik zuſammen geweſen: daß er Gewalt über 
Menſchenſeelen beſaß, und daß er in Hunger und Sehn— 
ſucht nach ihnen lebte. Es war alſo das, was ſie zu 
gleicher Zeit ſo ſeltſam an ihm anzog und von ihm ab— 
ſtieß, — das, was ſie koketter erſcheinen ließ, als ſie war. 
Ihr fiel die Scene in ſeiner Stadtwohnung ein. Ja, ein 
Heiliger war Erik wohl ſicher nicht. Aber ſelbſt damals 


— 165 — 


hatte ſie mit Schrecken empfunden, wie ſuchend und ſehnend 
und ungeduldig er auf das Innerſte ging. Auf das, 
worin ſie ihn enttäuſcht hätte. Und das ließ ihre Eitel— 
keit nicht zu. 

Als ſie damals aus ſeiner Stadtwohnung nach Hauſe 
fuhr, hatte ſich ihr fortwährend ein ganz abſcheulicher Ver— 
gleich aufgedrängt. Sie konnte denſelben nicht verſcheuchen. 
Immer ſah ſie ein Weib vor ſich, das falſche Brüſte 
angelegt hat und ſich deshalb vor der Berührung des 
Mannes, den ihre Geſtalt feſſelt, hüten muß. Hatte ihre 
Koketterie nicht ganz ähnliche Gründe? Sie fürchtete die 
geiſtige und ſeeliſche Entblößung. Und die Arbeit an 
ſich ſelbſt. 

Es war aber wirklich ein abſcheulicher Vergleich. 
Und zum größten Erſtaunen ihrer Nachbarin errötete 
Warwara mitten im Vortrag. 

Nach dem Schluß desſelben, im Treppenhauſe, wo 
Warwara beiſeite trat, um nicht in die hinausdrängende 
Menge zu geraten, bemerkte Erik ſie und kam auf ſie zu. 
Seine Augen leuchteten ſo. Warwara war blaß. 

„Nun?“ fragte er lächelnd und ganz in ſeinem alten, 
leichten Ton ihr gegenüber, „fand der ‚Toaft‘ Gnade vor 
Ihren Augen? Vielleicht war es wirklich einer.“ 

„Wenn es einer war, ſo könnte ich wohl auf die 
eiferſüchtig — nein, aber neidiſch ſein, deren Wohl Sie 
da ausgebracht haben,“ verſetzte ſie, ebenfalls in ihrem 
gewöhnlichen Scherzton, aber ihr Geſicht blieb ernſt; 
„unſer Wohl iſt's nicht. Ich begreife jetzt, daß Sie 
anderswohin gehören wollen, als unter uns Geſellſchafts— 
gelichter.“ 

„Aber, Warwara Michailowna 


17 


ſagte er, von 


— 166 — 


ihrem Ausdruck frappiert, „warum nehmen Sie ſich 
nicht aus?“ 

Sie ſchüttelte den Kopf. 

„Aus Selbſterkenntnis. Ich hab' Sie heut verloren,“ 
entgegnete ſie und gab ihm die Hand, „alſo adieu, — 
nicht nur für heute. Ich verzichte auf Sie. Ich entlaſſe 
Sie. — Aber nun hören Sie: es iſt doch der Schul— 
rock, und nicht der Geſellſchaftsrock, der Ihnen am beſten 
ſteht.“ 

Erik ſah ihr nach, wie ſie langſam die breite Treppe 
hinunterſtieg. Aber als ſie ſeinen Augen entſchwunden war, 
vergaß er auch ſchon wieder, was ihm, durch den Scherz 
hindurch, heute an ihrem Weſen ſo aufgefallen war. 

Und ſein Blick glitt von ihr fort über die andern hin, 
die ihr folgten, über jung und alt, und vertiefte ſich in 
die Mienen der einzelnen mit dem Intereſſe, das der 
wechſelnde Ausdruck in den verſchiedenen Menſchengeſichtern 
ſtets in ihm hervorrief. 

Ja, nun begannen die Ferien, und die langen, nicht 
enden wollenden Sonnentage. Da würden ſeine Gedanken 
erſt recht hierher wandern, in die Schule. Einen andern 
Wirkungskreis gab es wohl nie mehr für ihn, — einen 
breitern. Er wollte auch keinen in dieſem Augenblick. 
Sein Ehrgeiz ſchwieg ſtill. Zu Kindern reden lernen 
wollte er, und die Großen zu Kindern machen, bis auch 
ſie empfänglich wurden, gleich denen, die da noch wachſen. 

Mit dieſen Gedanken verließ Erik das Schulgebäude. 

Er war ungeduldig, heimzukommen: er ſah eine 
Bank im Garten, hinten am kleinen Gehölz, unter den 
überhängenden Birkenzweigen, und Ruth ſaß darauf, und 
lauſchte, während er ihr von allem erzählte, was „er ſich 


— 167 — 


ausgedacht“. Zuſammen wollten ſie's ſich ja ausdenken, 
hatte er ihr verſprochen. 

Daheim ſein bedeutete jetzt nicht mehr bloß die Stille 
und das Behagen, aus denen ſeine unbefriedigte Thatkraft 
ruhelos und vergeblich in die Weite geſtrebt hatte. Daheim 
umfing ihn gerade ſeine liebſte Arbeit und Aufgabe, — da— 
heim fiel jetzt Innen und Außen, Ruhen und Wirken, 
Träumen und Schaffen in eins zuſammen. In Ruth war 
etwas, das machte ſein ganzes Weſen produktiv, erregte 
und vertiefte alle ſeine Kräfte, ſo daß leiſe von ihnen 
abglitt, was dem äußern Ehrgeiz angehört. 

Als Erik die Gartenpforte öffnete, ſah er auf dem 
Raſen, zwiſchen den Bäumen, ums Gehölz herum, eine 
wilde Jagd. Er ſah Ruth, Jonas — und noch einen. 
Einen mittelgroßen, etwas unterſetzten Mann mit kurzem 
dunkeln Vollbart und Brille. Der jagte ſich mit Ruth, 
und haſchte vergeblich nach ihr. Seine Stimme klang 
ſcherzend und lachend herüber. 

Es war Bernhard Römer. 

Nun wurde er Eriks anſichtig und kam heran. 

„Auf einen Tag und eine Nacht, wenn's recht iſt!“ 
rief er, ein wenig außer Atem, und fuhr ſich mit dem 
Taſchentuch über das kurzgeſchorene dichte braune Haar; 
„— und die Ruth nehme ich gleich mit fort, — das heißt, 
wenn ich ſie haſche. Dann ſoll ich ſie kriegen, haben wir 
ausgemacht,“ fügte er hinzu, während ſie ſich die Hände 
ſchüttelten, „das iſt ja ein reizendes Ding. Sieht aber 
noch aus wie ein Kind. Vierzehnjährig.“ 

„Sie iſt zart,“ ſagte Erik und ſtieg mit ihm die 
Terraſſe hinauf. 

„Zart? Muskulatur wie eine ſtählerne Feder. — Es 


— 168 — 


iſt ungerecht, daß du jie haft. Wir brauchen ein Haus: 
kind. Ihr habt ja den Jungen.“ 

„Biſt du ſchon ſo ſchnell zurückgereiſt? Und deine 
Frau?“ fragte Erik, ihn unterbrechend, und bot ihm einen 
Stuhl neben Klare-Bel, die auf der Terraſſe lag und 
lächelnd dem luſtigen Treiben zugeſehen hatte. 

„Ich mußte zurück. Und meine Frau? Ja, die wollte 
noch nicht zurück. Die Frauen ſind heutzutage entſetzlich 
ſelbſtändig. Sei froh, daß Bel dir nicht fortlaufen kann. — 
Meine Frau, die reiſt alſo herum und beſichtigt Suppen— 
anſtalten.“ 

„Suppenanſtalten?“ 

„Na ja. Und beſucht auch noch den verrückten Grafen 
in Jasnaja Poljana. Für ſo etwas intereſſiert ſie ſich 
nun einmal. Von Rechts wegen ſollte ich wohl meine 
hochwohllöbliche Profeſſur aufgeben und ein ruſſiſcher 
Bauer werden, der das Feld pflügt. Aber ein ſo edler 
Mann und Ehemann bin ich nun doch nicht.“ 

„Ich finde: ſehr,“ bemerkte Klare-Bel ſtaunend, „da 
Sie Ihrer Frau alles das erlauben.“ 

„Erlauben?“ Bernhard Römer lachte herzlich und 
ſetzte ſich zu ihr. „Meine liebe gnädige Frau, ich will es 
Ihnen nur geſtehen: ich habe gar nichts zu erlauben. 
Wiſſen Sie warum? Ich bewundere nämlich ein wenig 
meine unartige Frau. Bei uns zu Hauſe hat ſie auch ſo 
etwas wie Suppenanſtalten eingerichtet. Natürlich nur 
ſehr im kleinen, — ſagen wir lieber: im winzigen. — 
Aber nun will ich dir etwas ſagen, mein lieber Erik: 
wir haben einſt ſo im größten, im allergrößten, herrliche 
Pläne gemacht von Vervollkommnung des Lebens und der 
Menſchen, — aber meine Frau, die führt ſie im klein— 


— 169 — 


winzigen aus. Nur fie. Das iſt die Art, wie ſie ſich 
meine Pläne zu Herzen genommen hat, nachdem ich wohl— 
beſtallter und — wohlbeengter Profeſſor geworden bin. 
Daß ſie nur ſo wenig kann, hält ſie von nichts zurück. 
Das eben iſt Frauenhand und Frauenarbeit — mutige. 
Wir ſind Stümper dagegen.“ 

„Deine Frau iſt ſehr außergewöhnlich,“ bemerkte Erik, 
ich bin froh, ſie kennen gelernt zu haben. Aber entbehrſt 
du ſie denn nicht jetzt zu ſehr im Hauſe? Wie lange 
bleibt ſie noch fort?“ 

„Bis zu den Ferien. Den deutſchen Univerſitätsferien. 
Entbehren? Ja, — doch in der Arbeitszeit, da behelfe 
ich mich ſchon mit der Wirtſchafterin und ſchlecht bereitetem 
Kaffee. Denke mir halt dabei: 's iſt Arbeitszeit, Wochen: 
tag. Aber in den Ferien, — meinen Ferien, — da 
muß ich Sonntag haben. Da muß ich — muß ich meine 
Frau um mich haben.“ 

Klare⸗Bel ſah ihn erfreut an. Sie freute ſich über 
ſeine herzlichen Worte. Freute ſich, ihn wiederzuſehen. 
Kaum konnte ſie's glauben, daß er ſelbſt es war: der 
bartloſe Jüngling mit dem braunen Lockenkopf, — ſanfter 
als Erik, ſtiller, ein ſchwärmeriſcher Utopiſt mit einem 
kleinen Stich ins Phlegma und in den deutſchen Michel. 

Und während Erik ins Haus ging, vertieften ſie ſich 
von neuem in die alten Erinnerungen, wie ſie es ſchon 
heute morgen miteinander gethan. Und beide wurden 
warm beim Heraufbeſchwören der Jugend und empfanden 
beide mit uneingeſtandener Wehmut, daß die Jugend 
Vergangenheit war. 

Erik ſtörte ſie nicht. Er ſtand in ſeinem Zimmer. 
In erregter Stimmung. 


— 170 — 


Ruth mit Römer, — nicht mit ihm: er konnte das 
Bild nicht loswerden. 

Des Freundes Leben daheim ſtand ihm klar vor 
Augen. Ein ſeltenes Heim, — das ſeltenſte: eine voll- 
glückliche Ehe. Neben dem Mann die gleichaltrige Frau, 
in der, wie ein Stückchen ſeiner Jugend, das nicht ſterben 
wollte, die Friſche weiterlebte, die ihn vor dem Vertrock— 
nen in Profeſſorenweisheit und zufriedener Sattheit be— 
wahrte. Daher ſeine ewigfriſche Liebe zu ihr, daher für 
alles, was ſie plante, das offene Herz und die offene Hand. 

Dort würde Ruth haben, was ihr not that: in körper— 
licher, geiſtiger, praktiſcher Beziehung. Und indem ſie 
ihn verlor, eine mütterliche Freundin gewinnen, der er 
ſie blind anvertrauen konnte. 

Irgend etwas raunte Erik zu: „Gib ſie hin. Dort 
wäre die ſelbſtloſere Liebe. Schütze ſie vor dir ſelbſt.“ 

Seine Augen verfinſterten ſich, und um ſeinen Mund 
erſchien eine harte Linie. 

Nun ja, er geſtand es ſich ein: daß er ſelbſtlos Ruth 
dienen wollte, das war nur, um ſie zu behalten. Er hatte 
außer ihr nichts zu verlieren, was ihn ganz erfüllte. Er 
kämpfte um das Schönſte und um das Letzte, — das fühlte 
er. Und um das Höchſte: um ſich ſelbſt. 

Man ſagt oft: erſt der Zuſammenbruch des ganzen 
perſönlichen Glückes führe manchen zur wahren, menſch— 
lichen Größe, lehre ihn erſt, wahrhaft thatkräftig den 
andern zu dienen, auf andre zu wirken. 

Gewiß gab es ſolche milden Menſchen in der Welt. 
Aber galt es von ihm? Konnte er je zu ihnen gehören? 
Laut ſchrie es in ihm: Nein! Nein! 

Seine Kraft und ſein Glücksverlangen wollten ſich 


— 171 — 


nicht trennen. Miteinander verwachſen waren ſie von 
der Wurzel an. Glück brauchte er, um Menſch zu bleiben. 
Viel Glück, um gut zu bleiben. Er mußte es zu ſich 
zwingen in irgend einer Form, — und um jeden Preis. 

Um jeden? Gab es nichts, was ihn veranlaſſen 
konnte, einſt ſelbſt die Axt an die Wurzel zu legen? 

Bels Glück? Nein! Aber Ruths Glück. 

Er verſuchte, gewaltſam, den Gedanken fortzuſtoßen. 
Er ſetzte ſich an den Schreibtiſch und verſuchte, ein paar 
Aufzeichnungen auszuführen, die er ſich unterwegs für 
ſeine Winterpläne entworfen. Er verſuchte, ſich dabei die 
Mienen einzelner zu vergegenwärtigen, die er an der 
Treppe, im Vorbeigehen, ſtudiert, und in denen er den 
Ausdruck der Freude und der Anregung geleſen hatte. 

Aber die Gedanken verſchwammen, und die Geſichter 
verblaßten. Er ſah nur noch ein Chaos fremder, gleich— 
gültiger Phyſiognomien, — ohne Ausdruck, ohne Freude, 
ohne Blick. 

Unſchöne, an denen ſein Auge vorüberglitt, — hübſche, 
auf denen es teilnahmlos haften blieb. 


IV. 


Kurz und glühend, wie immer, war der ruſſiſche 
Hochſommer vorübergeflogen, und früh, mitten im Auguſt, 
niſtete ſich leiſe der Herbſt im Garten ein und verlöſchte 
mit ſeinen langen dunkeln Abenden die Sonne. Der 
Raſen ſah fahl und verſengt aus, und längs den Kies— 
wegen ſammelten ſich die erſten dürren Blätter. 

Gerade da, wo Klare-Bel in ihrem Stuhl am Rande 
des kleinen Gehölzes lag, konnte ſie an den Birkenzweigen 
über ſich in einen breiten goldgelben Fleck hineinſchauen, 
der täglich ein wenig zunahm. Und von Zeit zu Zeit 
ſank eines der entfärbten Blätter, drehte ſich in der Luft 
ein paarmal herum und flatterte zu ihr nieder. 

Gleich daneben ſtand ein Tiſch, roh aus ungeſchälten 
Baumäſten gezimmert, und zwei Bänke mit Rückenlehnen 
aus einem groben Flechtwerk von Weidenzweigen. Da ſaßen 
Erik und Ruth ſchon den halben Tag und arbeiteten. 

Klare-Bel konnte nicht begreifen, wie ſie das nur ſo 
ununterbrochen aushielten; manchmal ſchienen es ihr aller— 
dings nur Unterhaltungen und Geſpräche zu ſein, die ſie 
führten, aber ſie wußte, wie ernſt ſie es damit nahmen, 
und daß Erik mitunter die Nacht aufblieb, um ſeinen 
Unterricht vorzubereiten. 


— 173 — 


Gern lag ſie ſo und lauſchte darauf; nicht auf die 
Worte, aber auf die Stimmen. Denn darüber täuſchte 
ſie ſich nicht: nur in ſolchen Stunden noch klang Eriks 
Stimme gerade ſo froh wie früher. Und da war es 
wirklich gut, daß er ſein Zimmer jetzt förmlich mied und 
mit Ruth immer in ihrer Nähe ſaß, wo ſie ihn hören 
konnte. 

Oft dachte ſie dabei mit heimlichen Sorgen und 
Zweifeln an den erſten Tag im Juni zurück, den Erik 
mit Bernhard Römer und deſſen Frau in der Stadt 
verbracht hatte. Seit dem darauffolgenden Morgen blieb 
er verändert. Und mit dieſem Tage mußte es zuſammen— 
hängen. Aber den wahren Grund ſuchte ſie in der fernſten 
Vergangenheit: namentlich ſeitdem ſie den gemeinſamen 
Jugendfreund ſelbſt wiedergeſehen. 

Denn ſeitdem begriff ſie ganz gut, daß Erik vielleicht 
noch im ſtillen den alten Erinnerungen nachgehen mochte. 
Kehrten doch ſogar ihre eigenen Gedanken häufiger als 
je dorthin zurück, wohin es keine Rückkehr gibt. 

Die Jugend erſteht nicht wieder auf. 

Wenn es doch eine Freude gäbe, — dachte ſie ganz 
heimlich bei ſich, — eine große, gewaltige Freude, die ſie 
einmal über Eriks Leben bringen könnte, ſo daß er alles 
darüber vergäße! Aber ſie beſaß nichts, — ſie hatte 
immer nur jo Jagelegen, mit leeren Händen, und Opfer 
gekoſtet. 

Vor wenigen Tagen brachte Erik unerwartet den 
Profeſſor heraus, den er manchmal bei ihrer Behandlung 
hinzuzog. Sie war auf ihr Bett gelegt worden, und 
dann hatte Erik die in Angſt und Schmerz Zitternde ganz 
feſt in ſeinen Armen gehalten, bis qualvolle Minuten 


— 174 — 


überſtanden waren. Er ſelbſt war ganz blaß. Aber der 
Profeſſor wollte wiederkommen. 

„Muß es ſein, Erik?“ fragte ſie zagend. 

„Es muß ſein. Eine Aenderung iſt da,“ antwortete 
er ausweichend. 

Aenderung! vielleicht Geneſung! 

Ja, nur eine große, gewaltige Freude konnte es noch 
geben: wenn ſie ſelbſt auferſtand von ihrem Lager und 
zu ihm trat auf eigenen Füßen, — da mußte er wohl 
wieder froh werden. 

Und ſehnſüchtig ſchaute Klare-Bel in die durchſonnten 
goldgrünen Zweige, von denen ſich langſam die Blätter 
löſten. Und ihre Gedanken verträumten ſich. 

Als die Strahlen der Nachmittagsſonne ſchräger 
fielen, und die Schatten der Bäume anfingen, ſich zu 
dehnen und zu ſtrecken, verſtummten die beiden am Tiſch, 
und Ruth ſtand auf. | 

Das erſchien Klare-Bel jedesmal von neuem ganz 
eigentümlich bei dieſem Unterricht, daß immer Ruth es 
war, die ſeinen Schluß angeben ſollte. Erik wollte es 
ſo; nur dieſe ſelbſt konnte genau wiſſen, wann ihre volle 
Friſche und Empfänglichkeit nachließ. Er ſeinerſeits konnte 
nur ſeine ganze und ungeteilte Kraft in das hineinlegen, 
was er ihr gab, — und das that er. Er ſammelte alle 
Kräfte des Willens und des Geiſtes und konzentrierte ſie 
auf einen einzigen Punkt: er hielt Ruth wie ein Fürſten⸗ 
kind, das man nur mit dem Auserleſenſten beſchenkt. 

Er blickte ſie an, wie ſie, ſonnengebräunt und mit 
vornübergewehtem Haar, neben ihm ſtand, in einer rich— 
tigen ruſſiſchen Bauernbluſe von grobem, ungebleichtem 
Leinen, mit roter Stickerei auf den Achſelſtücken und Ober— 


— 15 — 


ärmeln, — fait wie ein Kind aus dem Volk. Aber fein 
Fürſtenkind war ſie doch. 

Er hatte ein Heft herangezogen, ohne Abſicht es 
durchzuſehen; nur mechaniſch glitten ſeine Augen über die 
Zeilen hin. Doch Ruth blieb neben ihm ſtehen, und nun 
beugte ſie ſich über ihn, um hineinzublicken. Von Sekunde 
zu Sekunde wurde Erik nervöſer. Und plötzlich, wegen 
eines geringfügigen Verſehens, das er fand, herrſchte er 
ſie ſo heftig an, daß Klare-Bel erſchrocken aufſah. 

Ruth zog Schultern und Augbrauen hoch und ſchüttelte 
entrüſtet den Kopf. 

„Es iſt nicht zu glauben. Wie kann man nur ſo 
kopflos ſein, — nicht wahr? Geradezu verdummt muß 
man ſchon dazu ſein!“ ſetzte ſie mit unverhohlener Selbſt— 
verachtung ſeine Vorwürfe fort. 

Erik war verblüfft und mußte über ſie lachen. 

Aber es berührte ihn wunderlich. Noch vor ein paar 
Monaten hätte etwas derartiges ſie ſcheu gemacht, — ſie 
verſcheucht. Jetzt weinte ſie nicht mehr darüber, daß er 
ſie ein dummes Kind nannte. Sie lachte. Lachte ſich 
aus. — Ihre Augen ſahen ihn ſo ſpottend an. Wen 
verſpottete ſie eigentlich? Sich ſelbſt, — daran war kein 
Zweifel. Sich ſelbſt nahm ſie als einen fremden Gegen— 
ſtand, den ſie nur noch von Erik aus beurteilte; ſie em— 
pfand, dachte und handelte nur noch wie aus ſeinem Weſen 
heraus. | 

Was war dieſe Selbſtentrückung, dieſes Uebermaß 
von Selbſtvergeſſen im Grunde? war das Liebe? war es 
das, worauf er, halbbewußt und wider ſeinen Willen, — 
wartete? 

Klare⸗Bel hatte mitgelacht. 


— 176 — 


„Es wird dir noch ſonderbar vorkommen,“ ſagte ſie, 
„wenn du mit dem Herbſt ſo viele Lerngenoſſen bei Erik 
bekommſt. Wenn du mit ihnen alles teilen mußt. Wirſt 
du nicht eiferſüchtig ſein, wenn nun eines von den Mäd— 
chen mehr kann als du?“ 

„Warum nicht?“ fragte Ruth, und der Schalk ging 
durch ihre Augen, „dann wollen wir die eine lieber haben - 
als mich. Wir haben Raum für viele da. Je mehr es 
ſind, deſto beſſer.“ 

Erik blickte auf. Am Ende würde ſie wirklich eine 
dritte im Bunde mit Begeiſterung empfangen? Aber wenn 
ſie ſo ſpitzbübiſch ausſah, konnte niemand wiſſen, was ſie 
bei ſich dachte. 

Er erhob ſich und ſchob den Stuhl ſeiner Frau dem 
Hauſe zu, um ſie vor Sonnenuntergang hereinzutragen. 
Jonas kam ihnen entgegen; den ganzen Nachmittag hatte 
er ſich draußen auf den gemähten Wieſen herumgetrieben, 
aber immer paßte er den Augenblick richtig ab, wo er 
Ruth in Beſchlag nehmen konnte. 

Als Erik wieder aus dem Hauſe trat, ſah er Ruth 
mit Jonas unter den Birken auf und ab gehen. Sie 
hielten ſich loſe umſchlungen und ſtießen ſich gegenſeitig 
an den grasbewachſenen Wegrand, wo der Frühherbſt das 
welke Laub angehäuft hatte. Es machte ihnen offenbar 
lebhaftes Vergnügen, mit den Füßen durch die Blätter 
hindurchzuraſcheln. 

Jonas hatte Ruths Hand gefaßt, die auf ſeiner 
Schulter lag, und von Zeit zu Zeit neigte er den Kopf 
ſeitwärts und fuhr mit ihrer Hand liebkoſend über ſeine 
eigene Wange. 

„Jonas!“ rief Erik den Knaben laut an. 


—. A 


Der ſchrak auf bei dem Ton. 

„Was ſoll ich?“ fragte er und kam betreten näher. 
„An deine Ferienarbeiten ſollſt du!“ ſagte Erik, und 
ſchämte ſich vor ſich ſelbſt. 

Ruth folgte Jonas ins Haus. 

Erik war im Garten ſtehen geblieben und ſah den 
beiden nach. 

Da war es wieder, — dies Kindhafte, Kindiſche, 
dieſes Unausgewachſene und ſonderbar Unreife, über das 
er in Ruths Weſen nicht hinwegkam. Es nahm nicht ab, 
es nahm zu, — es ſteckte ganz tief irgendwo, im Kerne 
ihrer Natur. Geiſtig hatte ſie ſich raſch und ſtark ent— 
wickelt, wie junges Laub in warmem Mairegen. Aber 
es war, als ob nun erſt auch alle kindlichen Elemente ſich 
entwickelten und zu immer vollerer Auslebung drängten, — 
und daneben andere, beinahe männliche, die er in ihr bis 
dahin nur geahnt. So ſchnell gewöhnte ſie ſich daran, 
ihre Gedanken zu logiſcher Schärfe zu formen und ihnen 
eine energiſche Richtung auf das Erkennen zu geben, als 
habe ſie nie in der Phantaſtik der Träume gelebt. Sicht— 
lich hatte das Unentwirrbare, Unklare und Wildſchweifende 
ihres Denkens nur mit den phantaſtiſchen Stoffen ſelbſt 
zuſammengehangen und fiel mit dieſen von ihr ab. 

Erik ging langſam in das Haus zurück, wo Jonas 
im Wohnzimmer mit reſignierter Miene über ſeinen 
Büchern ſaß und zu lernen ſchien; aber im ſtillen 
grübelte er darüber nach, wie er Ruth dem Vater am 
beſten abſpenſtig machen könnte, um ſie mehr für ſich zu 
haben. Morgen war ein Sonntag, da konnte man viel 
unternehmen; in dieſen Ferienmonaten wurde ſchon früh 


gegeſſen, und ſo bekam man einen reichlich ng Nach— 
Lou Andreas⸗Salomeé, Ruth. 


— 178 — 


mittag und Abend heraus. Aber Jonas fand es un— 
gerecht, daß auf ſechs Wochentage nur ein Sonntag fiel, 
und daß der Vater ſich gerade die Wochentage genom— 
men hatte. 

Ruth ſaß nicht mit im Wohnzimmer. Sie mußte in 
ihre kleine Giebelſtube hinauf gegangen ſein. 

Erik trat wieder in den Flur zurück und horchte, ob 
ſich oben nichts rege. 

Und dann ſtand er auch ſchon gleich darauf am Fuß 
der ſchmalen Holztreppe. 

Wie ein Dieb erſchien er ſich ſelbſt, als er da, in 
der Halbdämmerung, auf dem unterſten Treppenabſatz 
zögerte. 

Nur langſam nahm er die erſten Stufen, dann 
raſch die nächſten. 

Wie lange, lange war er nicht mit Ruth allein ge⸗ 
weſen, — ganz allein. — — 

Oben klopfte er kurz und laut an. Ruth antwortete 
mit heller Stimme. Sie ſtand vor dem geöffneten. 
Wandſchrank, in dem ſich ihre Sachen befanden, und 
kramte darin. 

Außer einem Tiſch und Stuhl am Fenſter enthielt 
das kleine Gemach nicht viel mehr als am erſten Tage. 
Aber das Fenſterbrett war mit Blumen gefüllt, mit ge— 
wöhnlichen Sommerblumen, wie die Straßenhändler ſie 
auf einem Kopfbrett vorübertrugen, und darunter ſtan— 
den, am Boden, Töpfe mit Ablegern aus dem Garten. 
Und die Tapetenwand war bedeckt mit Bleiſtiftzeichnungen, 
die einen breiten Tintenrand als Rahmen empfangen hatten. 
Sie rührten alle von Jonas Hand her und ſtellten alle 
irgend einen Winkel des Gartens oder des Hauſes dar. 


— 179 — 


Erik ſah auf den Tiſch nieder, auf dem Nähzeug und 
Papiere unordentlich durcheinander lagen. 

Es fiel Ruth nicht ein, zu fragen, weshalb er herauf— 
gekommen ſei, aber in der leichten Verlegenheit, die er 
ſelbſt empfand, ſuchte er nach einem Wort und zog eines 
der Papiere unter dem Nähzeug hervor. 

„Schreibſt du hier Verſe?“ fragte er überraſcht. 

Sie wurde dunkelrot. 

„Nicht mehr ſo oft,“ antwortete ſie faſt beſtürzt, „und 
ich will ja auch gar nicht! Aber manchmal, wenn — — 
manchmal muß ich es noch thun.“ 

„So Verborgenes thun. Verborgen vor mir. Und 
ich habe geglaubt, daß kein Gedanke unausgeſprochen, 
den ich nicht kenne, durch deinen Kopf geht.“ 

Sie machte ein ſo ſchüchternes Geſicht wie in alten 
Zeiten. 

„Nicht verborgen,“ ſagte ſie leiſe, „es ſind nur eben 
keine Gedanken. Und ausſprechen kann man ſie auch nicht. 
Und die kommen nun und drängen ſich, und dann muß 
man Verſe ſchreiben.“ 

Erik lachte. 

„O weh, die armen Verſe!“ bemerkte er, „alſo einen 
ſolchen ſtillen Winkel haſt du dir noch in deinem Kopf 
reſerviert, während es ausſieht, als ob du die ſchönſte 
Ordnung gemacht hätteſt. Die iſt wohl nur in den Staats— 
ſtuben, auf der Oberfläche. Dahinter liegt eine wunder— 
ſchöne, unergründliche Rumpelkammer. Was ſollen wir 
mit der machen?“ 

Sie ſah ihn ganz ernſthaft an. 

„Was Sie wollen,“ verſetzte ſie treuherzig. 

„Würdeſt du denn fraglos thun, was ich will? Auch 


— 180 — 


im geheimſten, was du für dich treibſt? Auch im Ver— 
borgenſten deiner Rumpelkammer? Immer?“ 

„Immer.“ 

Er nahm ihren Kopf zwiſchen ſeine Hände. 

„Und wenn ich ſie dir nun ausräumen wollte? und 
wenn es zufällig gerade dein liebſter Winkel wäre? und 
wenn es nun, irgend wann einmal, vielleicht keine bloße 
Rumpelkammer mehr wäre, ſondern dein glückliches gei— 
ſtiges Zu Hauſe? würdeſt du dann auch noch ebenſo ant— 
worten: ‚Was Sie wollen?“ 

„Ja!“ ſagte ſie einfach. 

Erik machte eine Gebärde, wie wenn er ſie in ſeine 
Arme ziehen wollte, dann aber ließ er ſie frei, trat zurück 
und ans Fenſter, neben welchem, an der Seitenwand, ein 
kleiner Bücherbort hing. 

Ein paar Minuten vergingen. 

Ruth ſah ihm zu, wie er anſcheinend die Titel der 
Bücher ſtudierte, die ſich in der langſam zunehmenden 
Dämmerung nicht mehr erkennen ließen. Aber Erik wußte 
ungefähr, was alles ſich hier auf das ſonderbarſte ein— 
trächtig zuſammengefunden hatte. Eine lateiniſche Gram— 
matik aus Jonas' Nachlaß und die Märchenwelt von 
Tauſend und eine Nacht, eine Auswahl aus Platos Wer— 
ken in deutſcher Ueberſetzung und ein zerriſſener Band alter 
ruſſiſcher Volkserzählungen, Ueberwegs „Syſtem der Logik“ 
und die franzöſiſche Ueberſetzung des Don Quixote mit 
den Illuſtrationen von Doré, und ſo fort. 

„Warum haben Sie nie ein Buch geſchrieben?“ fragte 
Ruth plötzlich vom Fenſter her. 

„Weil ich es nie gekonnt habe. Bücher zu ſchreiben 
verſtehe ich nicht, Ruth. Und mir ſchien wohl auch 


— 181 — 


immer: Bücher ſind tot, nur das geſprochene Wort lebt. 
Und ich fürchte, du wirſt es auch nie können, nie ver— 
ſtehen, mein armes Mädel.“ 

„Ich? Ich will auch nicht. Ich möchte etwas 
andres.“ 

„Was möchteſt du denn?“ 

„Ein Märchen erzählen. Ein einziges. Eines, in 
dem alles drin iſt. Aber nicht mit Worten.“ 

„Das würdeſt du ja auch ſchreiben oder ſprechen, 
malen oder meißeln müſſen, wenn du es mitteilen willſt.“ 

„Es muß noch auf beſſere Weiſe gehn,“ meinte Ruth. 

„Nicht, wenn es für alle ſein ſoll. Sonſt kann 
man es auch wohl einem lieben Menſchen an den Augen 
ableſen.“ 

„Das iſt ſchon beſſer,“ ſagte ſie und lehnte ihren 
Kopf gegen das Fenſterkreuz zurück. 

Kurze Zeit ſchwiegen beide. 

Die Dämmerung ſank tiefer. Ueber den Steinflieſen 
der Terraſſe unter ihnen blinkte es hell auf, im Wohnzimmer 
wurde die Lampe angezündet. 

Um den Wipfel der alten Ulme vor dem Fenſter 
ſpielten die Fledermäuſe. Lautlos huſchten ſie unter dem 
Dachfirſt hervor und flatterten hinter Ruths Rücken hin 
und her im Zickzack. 

Erik ſtand mit einemmal im Halbdunkel dicht neben 
ihr. Er hob die Hände und ſtrich leiſe über ihr Haar 
hin, ſo daß ſie ſich in den weichen, lockigen Wellen ver— 
loren, und dann blieben ſie auf ihren Schultern liegen, 
und er beugte ſich tief über Ruth. 

„Sage mir das nicht mehr, — was du vorhin ſagteſt: 
daß du immer und fraglos thun würdeſt, was ich will,“ 


bemerkte er mit geſenkter Stimme, „du ſollſt mir nicht 
in jedem Fall und blind folgen. — Ich könnte ja auch 
ein Unrecht von dir wollen. — Haſt du daran nicht ge— 
dacht?“ 

Sie legte ſich weit in feinen Arm zurück und ſchüt— 
telte den Kopf. 

Er umfaßte ſie feſter. 

„Und wenn es doch ſo wäre?“ fragte er faſt heftig, 
„was würdeſt du thun?“ N 

Nun erſt blickte Ruth auf und ſah ihn lange und 
ruhig an. Sie ſchien ſich den Fall ernſthaft zu überlegen. 

„Unrecht thun!“ ſagte ſie dann laut. 

Erik fuhr zuſammen. Er murmelte etwas, was ſie 
nicht verſtand. Sie lachte aber über das ganze Geſicht. 

„Für mich iſt immer das das Rechte, was Sie 
wollen, — niemals ein Unrechtes. Beſſer weiß ich es 
nicht. Ich brauche es aber auch nicht beſſer zu wiſſen.“ 

„Mein armes Kind,“ ſagte er leiſe. 

Sie richtete ſich in ſeinem Arm hoch. Ein lauſchen— 
der Ausdruck kam in ihr Geſicht. 

„Wer? ich? Warum ſagen Sie das?“ fragte ſie mit 
veränderter Stimme und machte ſich langſam frei. „Was 
iſt das? Warum ſagen Sie mir das alles? Ich bin 
kein armes Kind. Ich bin ja Ihr Kind!“ 

Und als er nicht gleich antwortete, faßte ſie ihn plötz— 
lich an beiden Armen und ſchüttelte dieſelben mit leiden— 
ſchaftlicher Kraft. „Bin ich es denn nicht?“ fragte ſie wild. 
„Warum ſoll ich nicht mehr thun, was Sie wollen? Bin ich 
denn nicht Ihr Kind? Nicht mehr?! Dann wäre es beſſer, 
tot zu ſein.“ 

„Ruth!“ rief er erſchüttert. 


— 183 — 


Sie ſuchte ſich zu faſſen. Ihre Hände ſanken von 
ſeinen Armen und ſchlangen ſich ineinander. Dann hob 
ſie den Kopf. 

„Ich will alles thun, — alles! Recht oder Unrecht, 
Gutes und Böſes, — alles! Ich will gehorſam ſein bis 
in den Tod. Stellen Sie mich auf die Probe. Aber 
gehorchen muß ich Ihnen dürfen, — Ihr Kind ſein 
dürfen, — zu Ihnen ſagen dürfen: ich will thun, was 
Sie wollen. Immer! Immer! Das muß ich — muß ich 
dürfen. — — Darf ich?“ 

Unwillkürlich hob ſie ein wenig die gefalteten Hände. 
Eine Gebärde unſäglicher Demut. Aber ihr Geſicht ſah 
dabei faſt finſter aus, und ihre Stimme klang wie Metall. 
Und nun ein ganz weicher, kindlicher Ton: „— Darf ich?“ 

Erik wurde zu Mute, als ſchaue er plötzlich, erſt in 
dieſen vorüberblitzenden Sekunden, mit weitem Blick hinein 
in die verhüllte Tiefe, aus der allein Ruths Liebe ge— 
boren werden konnte. Zum erſtenmal hinein in das Ge— 
heimnis ihres Weſens, — hinein in die ſtumme Einſam— 
keit und Sehnſucht vieler, vieler Jahre, aus der mit 
rückhaltloſer Gewalt die langgehemmte, lang aufgeſtaute 
Inbrunſt hervorgebrochen war, als er in ihr Leben trat. 
Ihn lieben dürfen, das hieß: endlich — endlich Kind 
ſein dürfen, gehorchen, ſich hingeben, ſich weggeben, — 
auf den Knieen noch. Es hieß ſammeln und ausſtürzen 
dürfen die ganze leidenſchaftliche Zärtlichkeit des Kindes, 
das noch keine Kindheit gehabt. Und das doch gerade 
deſſen — nur deſſen bedurfte. | 

Ruths Augen blitzten ihn durch die Dämmerung an. 

„Bin ich noch immer arm, — ein armes Kind?“ 
ſchienen ſie ihn unverwandt zu fragen. 


— 184 — 


„Du biſt nicht arm, — mein Kind biſt du, — und 
darfſt gehorchen, — mir folgen, — du ſollſt es immer 
dürfen,“ ſagte er heiſer. 

Und er öffnete die Thür nach der Treppe, über der 
hell das Lampenlicht aus dem Flurraum heraufſchien. — 

Dieſen Abend zog ſich Erik ſchon gleich nach dem 
Thee in ſein Arbeitszimmer zurück. Klare-Bel merkte 
recht wohl, daß er wieder die halbe Nacht aufblieb. Ob— 
gleich doch am andern Tag der Unterricht ausfiel. 

Den nächſten Morgen fragte Erik am Frühſtückstiſch, 
ob Briefe in die Stadt mitzunehmen ſeien. 

„Willſt du zur Stadt fahren? gerade heute? am Sonn— 
tag?“ fragte ſeine Frau erſtaunt. 

„Ja. Ich muß ſelbſt zwei Briefe, die dringend ſind, 
beſorgen und einen notwendigen Beſuch machen,“ ver— 
ſetzte er. 

Die beiden Briefe ſah Klare-Bel auf dem Nebentiſch 
liegen. Der eine an Römer nach Heidelberg, der andere 
an deſſen Frau nach Moskau. Beide doppelt frankiert. 

Sie wagte nicht, ihn zu fragen, was er denn an 
Frau Römer ſo viel zu ſchreiben habe? Er machte ein 
ſo ablehnendes, verſchloſſenes Geſicht. Aber als er fort— 
gegangen war, ſann Klare-Bel den ganzen Vormittag 
traurig und beſorgt dieſem Geſicht nach. 

Dies Wortkarge, Verſchloſſene kannte ſie als ein 
ſchlimmes Zeichen. Erik war offen und mitteilſam, wenn 
er froh war; wenn er ſchwieg, ſo litt er. Und gerade 
dann hätte Klare-Bel am liebſten alles mit ihm geteilt. 
Dem Glücklichen, Frohen gegenüber fühlte ſie ſich leicht 
ein wenig gedrückt, ein wenig überflüſſig. Dagegen er— 
ſchienen ihr immer Leiden und Kummer als die geeignet— 


— 15 — 


ften Zugänge, die wohl auch fie zu Eriks Innerem hätte 
finden müſſen, — um ihm nahe zu kommen, um ihm not⸗ 
wendig zu werden. Aber gerade wenn er litt, wurde er 


am unzugänglichſten, — wurde er ſtets abweiſend, bis 
zur Schroffheit. Nur in ſeinen frohen Stunden erſchloß 
er ſich ihr. 


So war es alſo wohl nichts für ſie: weder mit der 
Freude, die ſie ihm ſo gern bringen wollte, — noch auch 
mit dem Kummer, den ſie mit ihm getragen hätte. — 

Inzwiſchen befand ſich Erik in der Stadt bei Ruths 
Verwandten. Ganz gegen ſeine Vermutung fand er auch 
die Tante vor, die ſoeben von Wiesbaden zurückgekehrt 
war, um, nach kurzem Aufenthalt, zu den Ihrigen nach 
Livland zu reiſen, wohin ihr Mann ſie begleiten ſollte. 

„Vor Anbruch des Winters kommen wir von dort 
nicht mehr heim,“ ſagte der Onkel zu Erik, den er auf 
das herzlichſte wiederbegrüßt und erſt nach längerm, zwang— 
loſem Geſpräch zu zweien in das Empfangszimmer zu 
ſeiner Frau geführt hatte. „Aber alles, was Sie mir da 
erzählt haben, eilt ja auch nicht von heute auf morgen, 
denke ich mir. Wenn Sie Ihre Abſicht ausführen, Ruth 
ins Ausland zu ſenden, ſo ließe ſich dabei der Zeitpunkt 
unſrer Rückkehr ein wenig mit berückſichtigen, nicht 
wahr?“ 

„Nein!“ entgegnete Erik, „das, was ich von Ihnen 
erbitten wollte, war eben dies: mir auch hierin vollſtändig 
freie Hand zu laſſen. Und für Ruth an dem Reiſe— 
anſchluß feſtzuhalten, den ich im Auge habe. Auch wenn 
das ihre Abreiſe unberechenbar beeilen ſollte. Ich weiß, 
daß ich Ihnen damit viel zumute. Aber wenn Sie Ver— 
trauen zu mir haben, dann laſſen Sie mich noch einmal 


= a 


über Ruth entſcheiden, jo unbedingt wie damals, als ich 
ſie Ihnen fortnahm.“ 

„Ich weiß keinen Menſchen auf der weiten Welt, zu 
dem ich mehr Vertrauen faſſen könnte, als zu Ihnen,“ 
verſetzte Ruths Onkel, dem bei Eriks ſonderbar beſtimmtem 
Ton die Gemütlichkeit ſchwand, „und was Ruth betrifft, 
ſo habe ich von allem Anfang an das Gefühl gehabt, 
als ob ſelbſt ſo nahe Verwandte wie wir, Ihnen ein Recht 
auf die Kleine abtreten müßten. Wenn Sie alfo jo feit 
glauben, daß es gut an ihr gehandelt iſt, handeln Sie ſo! 
Ich meinerſeits will, — wenn ich ſie nicht wiederſehe, — 
ich will Weihnachten einen kurzen Urlaub nehmen und 
unſre kleine Studentin in Heidelberg beſuchen.“ 

„Aber ich bitte dich! nenne es doch wenigſtens nicht 
gleich beim ärgſten Namen!“ fiel die Tante ein, der die 
Nachgiebigkeit ihres Mannes unverantwortlich vorkam. 
„Ruth ſoll doch nicht wirklich ſtudieren? Ich meine, mit 
einem Studentenplaid und kurzen Haaren, wie es hier 
geſchieht? Bei uns in den Oſtſeeprovinzen wäre ſo etwas 
rein undenkbar.“ 

„Einſtweilen ſoll ſie lernen,“ antwortete Erik etwas 
ablehnend, „das Weitere wollen wir ruhig ihr ſelbſt und 
der Zeit überlaſſen.“ 

Sie ſah ihn prüfend und mißbilligend an. Wie 
konnte man ſo etwas der „Zeit“ überlaſſen? Hätte er noch 
geſagt „der Vorſehung“. Wenn er für das Frauenſtudium 
eintrat, dann war er auch ganz ſicherlich ein Atheiſt. Und 
ſolchen Leuten war doch wohl alles zuzutrauen. 

„Ich ſehe mit Verwunderung, daß mein Manns ſehr 
ſorglos darüber denkt,“ bemerkte ſie, als Erik ſchon auf— 
ſtand, um ſich zu verabſchieden, „aber um ſo mehr muß 


— 187 — 


ich ein Wort hinzufügen. Du ſprichſt ſo ruhig von 
Recht abtreten, Louis! Aber ein Recht kannſt du doch nie 
und nimmer abtreten. Ich meine das Recht der mora— 
liſchen Verantwortlichkeit. Das mag ja eine altmodiſche 
Anſicht ſein. Aber ich möchte doch wiſſen, wie Herr 
Matthieux darüber denkt.“ 

Erik ſah ihr ernſt und ruhig in die kampfluſtig auf 
ihn gerichteten Augen. Zum erſtenmal gefiel ſie ihm. 
Eben die Kampfluſt gefiel ihm. Obwohl der Onkel Ruth 
lieb hatte, war ſie doch ein beſſerer Wächter als er. 

„Wenn ich Sie recht verſtehe,“ ſagte er, „ſo fürchten 
Sie, daß ich mit meinem Recht an Ruth nicht zugleich 
auch alle Pflichten ihr gegenüber übernehmen würde. Wenn 
es etwas gibt, was Sie von dieſer Furcht befreien kann, 
ſo nennen Sie es mir.“ 

Der Onkel ſah faſt verlegen aus, aber ſie beachtete 
es nicht. 

„Ich antworte Ihnen als gläubige Frau,“ ent— 
gegnete ſie, die ſtolz war auf baltiſche Ueberzeugungstreue, 
„mir bedeutet moraliſche Verantwortlichkeit: ſchuld ſein 
wollen an einem Menſchen, — ſchuld an dem, was an 
ſeinem innern Menſchen geſchieht. Nicht zulaſſen, daß er 
Schaden daran nimmt. Wie ſollte man das ohne Gott, 
ohne religiöſen Glauben auf ſich nehmen können? Wenn 
Sie nun Ruth fortgeben, — können Sie eine ſolche Pflicht 
in dieſem Sinne übernehmen?“ 

Ueber Eriks Züge ging ein Ausdruck, den ſie nicht 
zu deuten wußte, der ſie aber wider ihren Willen ergriff. 

„Nun verſtehen wir uns,“ ſagte er mit unterdrückter 
Bewegung, „denn eben das ſoll mein Recht ſein: ich will 
ſchuld ſein an dieſem Kinde!“ 


— 188 — 


Sie fand, es klang arroganter als je. Es war nichts, 
das ihre religiöfen Bedenken beruhigen konnte. Aber ihr 
war dennoch, als habe er „Gott“ geſagt. — 

Erik ging dem Bahnhof zu. Faſt kein Menſch außer 
ihm in den leeren Straßen; auch die letzten, die den 
Sommer in der heißen, ungeſunden Sumpfluft der Stadt 
zubringen mußten, entrannen ihr am Sonntag. Nur hier 
und da taumelte ein Betrunkener aus der offenſtehenden 
Thür einer Kellerſchenke, oder raſſelte eine vereinzelte 
Droſchke holpernd über das ſchadhafte Holzpflaſter, das 
ſtellenweiſe noch weit aufgeriſſen dalag und darauf wartete, 
daß ſeine alljährlichen Löcher in ſchöner Moſaikarbeit zu— 
geſtopft würden. 

Verlorene Glockenklänge, die letzten von einer der 
zahlloſen Kirchen, zitterten über die ausgeſtorbenen Straßen 
hin, wie Grabgeläute über einer Totenſtadt. 

Erik ging langſam, müden Schrittes heimwärts. 

„Nicht zulaſſen, daß ſie Schaden nimmt,“ wieder— 
holte er die eben gehörten Worte. Ja, genau das wollte 
er doch. Noch war die Umpflanzung in einen neuen 
Boden möglich, wenn er ſeinen kleinen Baum behutſam, 
mit allen feinſten Würzelchen, dort eingrub. Nur ſo 
konnte er jetzt ſeine Gärtnerdienſte an ihm thun, damit 
derſelbe nicht Schaden nehme an ſeiner Entwickelung, die 
noch in hart und feſt geſchloſſenen Knoſpen vor ſich ging, 
— undurchſichtig von allen Seiten. 

Denn manchmal, da wachte etwas Gewaltthätiges 
in ihm auf, — im pflegenden Gärtner die verbrecheriſche 
Ungeduld des Knaben, der ſich am Frühling vergreift 
und die Knoſpen zerſtören möchte, um zu ſehen, ob eine 
rote oder eine weiße Blüte in ihnen ſchläft. 


189 


Aber er fiel ſich ſelbſt in die gewaltthätige Hand; 
er ſelbſt riß Ruth ſich aus der Hand. 

Verdirbt denn ein Vater ſein Kind, ein Mann ſein 
Weib, ein Künſtler ſein Werk? 

Und ihm ſchien: ſeine Liebe zu Ruth ſei alles dieſes. 

Zu Hauſe hatten ſie mit dem Eſſen auf ihn ge— 
wartet; als er kam, wurde es einſilbig eingenommen. 
Klare-Bels Hoffnung, Erik werde erzählen, bei wem er 
den Beſuch gemacht, erfüllte ſich nicht. 

Er wußte wohl, daß er nun davon ſprechen mußte. 
Mit ihr und mit Ruth. Es war ihm das Schwerite. 

Das dachte er, als er dann endlich am Fenſter 
ſeines Arbeitszimmers ſtand und wartend in den Hinter— 
garten hinausblickte, wo Ruth ſich mit Jonas erging: 
„Nur nicht ſprechen, — nur nicht grübeln, — handeln! 
Sie auf den Arm ſetzen und forttragen. Handeln! Wer 
es wortlos dürfte!“ 

Und nun ging Jonas ins Haus. 

Erik ſtieg zu Ruth in den Garten hinunter. 

Sie ſaß auf ihrem Lieblingsplatz, dem Steinrand 
des Springbrunnens. Dort ſaß ſie mit gebücktem Kopf 
und ſtocherte mit einem trockenen Aſt im Graſe. 

Wie ſie ihn kommen ſah, warf ſie ihren Zweig fort 
und lief ihm entgegen. Er hatte ſie kaum begrüßt bei 
Tiſch, zum verſpäteten Eſſen, und nun ſchlich ſich ihre 
Hand in die ſeine. 

Ohne recht zu bemerken, was er that, ſteckte er ſie 
mitſamt der ſeinen in die Seitentaſche ſeiner Joppe. 

Ruth lachte darüber und blickte zu ihm auf, aber 
als ſie den ernſten, beinahe ſtrengen Ausdruck ſeines Ge— 
ſichtes ſah, verſtummte ſie ebenſo plötzlich. 


— 190 — 


Sie gingen einige Schritte dem kleinen Gehölz zu. 

„Heute war ich bei deinen Verwandten, Ruth,“ ſagte 
Erik, „ſie waren beide da. Ich wollte ſie einmal etwas 
auf das hin ausfragen, was wir in den letzten Monaten 
ſchon öfters miteinander beſprochen haben. Weißt du 
nicht? Ich meine daraufhin, ob du nicht einmal im Aus— 
lande tüchtig weiterlernen könnteſt.“ 

Sie ſah ihn erwartungsvoll an. Dies da intereſſierte 
fie ſehr und ein wenig beunruhigte es fie auch. Denn es 
handelte ſich doch eigentlich erſt um ein ganz allgemein 
gehaltenes, unbeſtimmtes Zukunftsbild, — nicht um etwas, 
was ſchon erwogen und beſprochen werden mußte. 

„Nun? und was meinten ſie darauf?“ fragte Ruth 
geſpannt, als er ſchwieg. 

„Sie haben nichts dagegen einzuwenden, Ruth. Nichts 
Ernſtliches. Da iſt es denn Bernhard Römer geweſen, 
an den wir dabei gedacht haben. Dort wüßte ich dich 
im richtigen Hauſe geborgen. Es wäre faſt ſo, als wenn 
ich ſelbſt bei dir bleiben könnte.“ 

Ihre Hand, die er noch umfaßt hielt, erkaltete in 
der feinen. 

„Ja, — aber — das iſt ja noch ſo lange hin!“ 
meinte Ruth ganz langſam, und dann immer ſchneller, 
in wachſender Unruhe: „Es iſt doch noch lange hin? 
Sehr lange? Ich ſoll doch nicht — bald fortgehen? Von 
hier — — fortgehen!“ 

Er umſchloß ihre Hand feſter und ging auf die 
Bänke zu, die unter den Birkenbäumen ſtanden. 

„Komm zu mir,“ ſagte er ſanft, „ſetze dich zu mir 
her, mein Liebling, und laß uns ruhig darüber ſprechen. 
Ganz ruhig, — hörſt du?“ 


— 191 — 


Sie folgte ihm ſchweigend, aber ihre Augen hingen 
unverwandt, mit tauſend aufgeſtörten bangen Fragen, an 
ſeinem ernſten Geſicht. 

„Sieh, Kind,“ fuhr Erik fort, „wenn wir hier, wäh— 
rend unſrer gemeinſamen Arbeit, an deine Zukunft dachten, 
dann ſchwebte ſie dir wie ein erwünſchtes, lockendes Bild 
vor: Ich wollte, daß du dich ſpäter weiter entwickelſt, 
und du wollteſt es auch. Ich dachte oft bei mir, wenn 
ich dir zuſah: manches von dem, was ich ſelbſt einſt er— 
ſtrebt, könnteſt, in andrer Form, du einſt verwirklichen. 
Aber was ſo, als Zukunftsmöglichkeit, in der Ferne ſtand, 
wird doch näher rücken müſſen, bis es unwiderrufliche 
Wirklichkeit und Gegenwart geworden iſt. Und ich wünſche, 
daß du dieſem Gedanken jetzt nahe trittſt, mein Kind.“ 

„— — Wie nahe — — iſt es denn?“ fragte Ruth 
mißtrauiſch, aber kaum war es ihr entſchlüpft, als ſie 
ihre Hand aus der ſeinen riß und ihre beiden Hände flach 
gegen die Ohren preßte. 

„Nicht!“ murmelte ſie undeutlich, „ich will es nicht 
wiſſen! bitte, nicht! bitte, bitte, nicht weiterſprechen.“ 

Einen Augenblick ſchloß er die Augen. 

Dann faßte er ſanft nach ihren Händen und zwang 
dieſelben zu ſich nieder. 

„Es hilft nichts, mein Kind,“ ſagte er feſt, „es 
hilft nichts, ſich vor etwas Unwiderruflichem zu ver— 
ſchließen. Gerade hiervon werden wir weiterſprechen. 
Denn, je mehr du noch davor zurückſcheuſt, deſto dringender, 
deſto eher muß es geſchehen.“ 

Ruth war ſehr blaß geworden. 

Ein unbeſtimmtes Grauen ſtieg dunkel in ihr auf. 
Vor etwas, was ſie noch nicht faſſen, nicht deutlich be— 


— 192 — 


greifen konnte, was aber vor ihr empordämmerte, — un— 
erwartet, unverſehens, aus dem Nichts, — ſchattenhaft, 
gleich einem Rieſengeſpenſt. 

„Ich kann nicht!“ ſtieß ſie hervor. „Es kann ja ſo 
nicht ſein! Ich will nicht, daß es ſo iſt. Ich kann 
nicht!“ 

Er beugte ſich zu ihr und ſuchte ihren Blick. 

„Wirklich nicht?“ fragte er ruhig; „auch nicht, wenn 
du weißt: ich will es? Auch nicht, wenn ich ſelbſt es bin, 
der dich bei der Hand nimmt, dich vor etwas hinſtellt, 
das dir ſchwer fällt, damit du lernſt, es herankommen 
zu ſehen, ohne davor fortzulaufen?“ 

Sie ſchmiegte ſich an ihn und verſteckte den Kopf 
an ſeiner Schulter. 

„Ich fürchte mich,“ ſagte ſie, wie ein Kind im 
Dunkeln, „— irgend etwas Schreckliches iſt da, — ſeit 
geſtern iſt es da, — und kommt heran, immer näher, 
— ganz dicht heran, — ganz nahe. Wie ein Unge— 
heuer, das ſich um mich ringelt. — Iſt es etwas Schreck— 
liches — —?“ 

„Nicht das, was du geſtern fürchteteſt,“ ſagte er 
leiſe, „— nur das, was du geſtern ſelbſt wollteſt, ſelbſt 
forderteſt. Weißt du nicht, was du mir verſprachſt? 
Gehorchen wollteſt du — unbedingt. Ich ſollte dich auf 
die Probe ſtellen. Wenn ich es nun thue, Ruth, — 
ziehſt du dein Verſprechen zurück?“ 

„Nein!“ entgegnete ſie raſch und richtete ſich auf. 
Dagegen gab es keine Auflehnung. Nur Gehorſam. 

„Worin beſteht die Probe?“ fragte ſie entſchloſſen, 
„was ſoll ich thun?“ 

Er antwortete nicht gleich. Er hatte die Brauen 


— 193 — 


zuſammengezogen, und ſeine Zähne gruben ſich in die 
Lippe, als litte er körperlichen Schmerz. 

Ein paar Augenblicke verharrten ſie ſchweigend bei 
einander. ö 

Ein kühler Luftzug ſtrich durch die Bäume und warf 
ein rundliches gelbes Birkenblatt nach dem andern ihnen 
in den Schoß. Mühſam ſchien die Sonne durch breite 
weiße Wolkenmaſſen in den Garten, und aus den Vogel— 
neſtern ringsum unterbrach hin und wieder ein kleiner, 
ſatter Ton die Stille um ſie. 

Da antwortete Erik mit einer Stimme, die faſt rauh 
klang: „Du ſollſt dich in einer großen Sache ebenſo 
tapfer erweiſen, wie du dich einmal in einer kleinen er— 
wieſen haſt. Du ſollſt thun, was du ſchon einmal thateſt, 
als dir das langſame Herankommen, — Näherkommen 
von etwas Gefürchtetem bevorſtand. Es war damals, 
als Jonas uns die Schlange ins Haus brachte. Sie 
flößte dir ſolchen Schrecken ein. Weißt du nicht mehr, 
was für ein Mittel deine eigene Tapferkeit dagegen fand?“ 

„Nein!“ ſagte ſie ſtutzend und blickte auf, „was war 
das für ein Mittel?“ 

„Du ſagteſt: Dann lieber — gleich!“ 

Ruth ſprang jäh von der Bank auf und machte eine 
wilde Bewegung gegen ihn hin, als ob ſie ihn noch recht— 
zeitig an etwas hindern wollte. 

Dann, ohne einen Laut der Erwiderung, brach ſie 
vor ihm in die Kniee, in das welke Auguſtlaub, das zu 
ſeinen Füßen lag. 

„Ruth!“ murmelte er angſtvoll und breitete ſeine 
Arme um ſie, „mein Kind! mein Liebling! hörſt du 
mich?“ 

Lou Andreas-Salome, Ruth. 13 


— 194 — 


Aber ſie hörte nicht mehr. Ihr Kopf fiel zurück. 
Sie hatte das Bewußtſein verloren. 

Inzwiſchen kam Jonas in den Garten gelaufen, der 
vom Fenſter aus beobachtet hatte, wie der Vater mit 
Ruth in das kleine Gehölz hineingegangen war. 

Wie verſteinert ſtand er ſtill, als er jetzt Erik zwiſchen 
den Bäumen hervortreten ſah und Ruth mit geſchloſſenen 
Augen regungslos in ſeinen Armen. Ihre rechte Hand 
hatte der Vater um ſeinen Nacken gelegt, die linke hing 
ſchlaff herunter. 

„Geh voraus!“ gebot Erik dem Knaben, „ohne Lärm. 
Halte mir die Thüren offen. Ich muß Ruth auf ihr 
Bett tragen.“ | 

Jonas blieb jegliche Frage in der Kehle ſtecken; er 
rannte voraus, nicht ohne ſich fortwährend nach dem 
Vater umzuſchauen, und ins Haus hinein. Dort lief er, 
ohne die Mutter oder Gonne zu alarmieren, die Holz— 
treppe zu Ruths Giebelſtube hinauf. Als Erik mit Ruth 
in den Armen oben ankam, ſtand Jonas wartend an der 
weitgeöffneten Thür, durch welche man das ſchmale weiße 
Bett mit den zurückgeſchlagenen Decken ſehen konnte. 

Jonas blickte dem Vater ängſtlich bittend ins Ge— 
ſicht; er wäre ſo gern mit hineingegangen, um bei Ruth 
zu bleiben. Aber Erik ging ſchweigend an ihm vorbei 
und zog die Thür hinter ſich zu. 

Dieſer Augenblick prägte ſich ihm mit merkwürdiger 
Gewalt ein: wie der Vater, Ruth an der Bruſt, ſo ſtumm 
an ihm vorüberſchritt, während er zurückbleiben mußte. 

Im Blick und Ausdruck des Vaters empfand er 
etwas Außerordentliches, einen ſtarren, wortloſen Ernſt, 
— ſo, wie wenn Ruth ſchon ſo gut wie tot ſei. 


— 195 — 


Jonas überlief es kalt. 

Er klammerte ſich an den Thürgriff und lauſchte 
mit zurückgehaltenem Atem. Anfangs unterſchied er nichts. 
Dann hörte er Eriks Stimme, halblaut, kurz, ſehr be— 
ſtimmt im Ton. Sie wiederholte ſich. Darauf eine 
Pauſe, — und plötzlich ein Klagelaut drinnen, ein ein— 
ziger Laut, aber ſo ſchmerzlich, daß den Knaben Ent— 
ſetzen faßte. 

Was that man mit Ruth, mit ſeiner lieben Ruth? 
Was that der Vater ihr an? Etwas Furchtbares mußte es 
ſein. Etwas Furchtbares mußte heute im kleinen Gehölz 
vor ſich gegangen ſein. 

Und er durfte die Thür nicht aufſtoßen, er wagte 
es nicht. Aber eine raſche, wilde Empfindung, wie plötz— 
licher Haß, loderte unverſtanden in ihm auf: daß er ein 
Knabe war, und der Vater ein Mann! Daß er nicht 
eindringen durfte mit gleichem Recht, — mit Gewalt! 

Aber ebenſo raſch erloſch ſie wieder. Ruth konnte 
nichts geſchehen, wenn ſie bei ſeinem Vater war. 

Jonas ſchlich ſich hinunter, in das kleine Zimmer 
von Klare-⸗Bel neben der Wohnſtube. Er konnte nicht 
allein ſein. 

Dort ſetzte er ſich am Eingang auf die äußerſte 
Kante eines Stuhles und brach in Thränen aus. 

„Ruth iſt halbtot, Mama!“ ſagte er außer ſich, 
„ach Mama, ſie ſtirbt! Die Augen hat ſie ſchon zu— 
gemacht. Und Papa, — ich weiß nicht, was Papa thut, 
aber ganz beſtimmt thut er ihr weh. Sie darf aber nicht 
ſterben! Vorhin war ſie ja noch ſo vergnügt und raſchelte 
mit mir durch die Blätter im Garten!“ 

Klare-Bel war nach dieſem Bericht nicht weniger 


=. 96 


erſchrocken als er ſelbſt, und mit ängſtlicher Spannung 
warteten ſie darauf, ob Erik nicht bald herunterkäme. 
Aber es dauerte noch geraume Zeit, bis er kam. 

„Um Gottes willen, was iſt denn mit Ruth geſchehen?“ 
rief ſie ihm in großer Unruhe entgegen. 

„Sei nur ruhig; es war eine Ohnmacht,“ verſetzte 
Erik und gab Jonas einen Wink, hinauszugehen. Dann 
trat er an ſeine Frau heran und ſagte: „Ich mußte 
Ruth eine Mitteilung machen, auf die fie nicht genügend 
vorbereitet war. Jetzt mußt auch du es erfahren: Ruth 
geht ſchon in dieſen Tagen fort. Nach Heidelberg, zu 
Römer ins Haus.“ 

Klare:Bel erhob ſich ein wenig auf ihren Kiffen und 
ſah ihn voll tiefen Staunens an. 

„Iſt das dein Ernſt? Du gibſt Ruth aus der 
Hand? Aber was willſt du denn ohne Ruth machen? 
Kannſt du ſie denn entbehren?“ 

„Das muß ich doch können, Bel.“ 

Im beginnenden Zwielicht vermochte ſie nicht ſeine 
Züge genau zu erforſchen. Aber dieſelben kamen ihr vor 
wie aus Stein gehauen. Und dieſen Ausdruck kannte ſie. 

„Erik!“ ſagte ſie ängſtlich, „thu nur nichts ſo ge— 
waltſam. Du ſiehſt ja, daß es ſie krank macht. — 
Warum ſiehſt du ſo hart aus, Erik?“ 

„Hart?“ Er fuhr ſich mit der Hand über die Stirn; 
„für mein Ausſehen kann ich nicht. Aber ängſtige dich 
um nichts. Ruth wird morgen geſund ſein, und auch 
gefaßt. Für ihre Haltung ſtehe ich ein. Aber ſei gut 
und freundlich zu ihr. Ich muß auf ein bis zwei Tage 
verreiſen.“ 

„Verreiſen? Du reiſeſt fort, Erik? Wohin?“ 


— 197 — 


„Nach Moskau.“ 

„Zu Frau Römer?“ fragte ſie lebhaft. 

„Ja. Ihr ſoll Ruth ſich anſchließen. Und ſie wird 
ſich wahrſcheinlich hier nicht mehr aufhalten. Ich muß 
daher alles mit ihr verabreden und beſprechen. Mündlich.“ 

Klare-Bel ſchwieg. Es wurde dämmerig im Zimmer, 
und draußen im Flurraum hörte man Jonas unruhig 
auf und ab gehen. 

Da, ganz leiſe, fühlte Erik ſeine Hand von Klare— 
Bel erfaßt. 

„Erik!“ flüſterte ſie, „— laß mich dich bitten: laſſe 
ſie noch ein Weilchen bei uns. — — — Auch ich werde 
ſie ja vermiſſen, Erik!“ 

„Du — — — Bel?“ 

„Ja. Denn ſie hat dich ſo glücklich gemacht.“ 

Er zog ihre Hand an ſich, und an den Mund und 
küßte ſie voll Scham und Ehrfurcht. 

„Ich danke dir für dieſe Bitte. Ich danke dir, Bel. 
Aber es kann nicht ſein.“ — 

Er zog ſich zurück, um Ruths Onkel die definitive 
Entſcheidung mitzuteilen. Dann packte er eine Hand— 
taſche, und eine Stunde ſpäter war er fort. Er reiſte 
noch mit dem Nachtzuge nach Moskau ab. 

In dieſer Nacht lag Klare-Bel viel wach und dachte 
an Ruth und an Erik. Sie hatte beſtimmt geglaubt, 
Ruth werde bis zum Spätherbſt bei ihnen im Haus und 
dann, vom Hauſe ihres Onkels aus, nach wie vor in 
engſter Verbindung mit ihnen bleiben. Wie oft hatten ſie 
darüber geſcherzt, ob ſie dann, ſpäter, mit Jonas zuſammen 
auf die Univerſität abgehen ſolle? Erik hatte kein Wort 
davon geſagt, daß ſeine Abſichten wohl von Anfang 


— 198 — 


an andre waren. Ganz plötzlich kam er jetzt mit ihnen 
heraus. 

Aber Klare-Bel fiel es gewiß nicht ein, Kritik an 
dieſer Handlungsweiſe zu üben. Da er es ſo wollte, mußte 
es ſo wohl gut ſein. Gut für Ruth. Er liebte ſie ſo 
ſehr, er konnte nur ihr Beſtes dabei im Auge haben. Auch 
dabei, daß es ſo unerwartet über ſie kam. 

Aber gern wäre ſie jetzt zu Ruth hinaufgegangen 
und hätte ſie geliebkoſt und getröſtet. Sie nahm ſich vor, 
es den nächſten Tag zu thun. Zum erſtenmal fühlte ſie 
eine echt mütterliche Zärtlichkeit für Ruth, — nicht nur 
das indirekte Intereſſe, das durch Erik hindurchging und 
alles auf ihn bezog. — 

Der Morgen war herbſtlich und grau, die Terraſſe 
noch feucht von den kalten Nebeln der Nacht. Man mußte 
das Frühſtück im Wohnzimmer einnehmen. Ruth fand 
ſich zur gewöhnlichen Zeit dort ein; ſie war blaß und 
ernſt, aber geſund, wie Erik es geſagt hatte, und ganz 
gefaßt und ſtill. 

Als ſie, noch vor Jonas, hereinkam, ſtreckte Klare-Bel 
ihr die Arme entgegen: „Komm zu mir,“ ſagte ſie liebe— 
voll, „ſei nicht traurig, denke nicht an die Abreiſe. Noch 
biſt du hier!“ 

Ruth ſah auf, ohne daß ſich eine Miene in ihrem 
ſtillen Geſicht verändert hätte, und ſchüttelte den Kopf. 

„Ich bin ſchon fort!“ entgegnete ſie. 

Dieſe Antwort ergriff Klare-Bel ſehr. Ihr ſchien, 
es lag etwas Schmerzlicheres darin, als in Klagen und 
Thränen, — etwas, das die bloße Ankündigung der Tren— 
nung ſchon mit ganzer Wucht als Trennung empfand und 
nicht mehr davon los konnte. 


— 199 — 


Sie fühlte heißes Mitleid in ſich aufſteigen. Und jetzt 
kam Erik ihr doch hart vor. Wie konnte er nur wollen, 
daß Ruth ſo von Haus zu Haus, von Hand zu Hand ging. 
Unwillkürlich ſuchte ſie nach Worten, die wahrhaft tröſten 
könnten. Gab es keine ſolchen? In ihrer Ratloſigkeit 
griff ſie nach dem Höchſten, das ſie gekannt hatte. 

„Wir wiſſen alle nicht, wo wir bleiben, und was mit 
uns geſchieht,“ ſagte ſie zögernd, „wir wiſſen es nie. Es 
ſteht in Gottes Hand. Aber wir ſind auch nie allein, wo 
wir auch hingehen. Gott iſt allgegenwärtig.“ 

Ruth lächelte flüchtig. 

„Ja,“ verſetzte ſie traurig, „was kann es helfen, daß 
Gott allgegenwärtig iſt, wenn die Menſchen es doch nicht 
ſind? die Menſchen, von denen wir fortgehen.“ | 

Klare-Bel ſchwieg peinlich berührt. Sie gab es auf, 
Ruth tröſten zu wollen. Wenn dieſe ſo etwas ſagte, klang 
es kindiſch und vermeſſen zugleich. Wer mochte darauf 
antworten? ö 

Ueber Eriks Abweſenheit äußerte Ruth kein Wort; 
obgleich er ihr nicht davon geſprochen hatte, wunderte ſie 
ſich doch nicht darüber, ihn nicht zu ſehen. Es mußte 
wohl ſo ſein: war doch alles in Auflöſung begriffen. 

Jonas erfuhr nichts von der bevorſtehenden Trennung. 
Niemand teilte es ihm mit. Er hörte nur, daß Ruth 
wieder geſund ſei, aber das glaubte er nicht. Wie konnte 
ſie geſund ſein, wenn ſie doch ſo ganz verwandelt war 
ſeit geſtern. Und nicht nur Ruth, alles ſchien ihm wie 
verwandelt. | 

Gern hätte er fie gebeten, ihm zu jagen, was geſtern 
geſchehen jei, aber fie ging den ganzen Tag mit ſo in ſich 
gekehrtem, fremdem Blick an ihm vorbei, daß er es nicht 


=: 0 


herausbrachte. So begnügte er ſich damit, fo oft er nur 
konnte, neben ihr zu ſitzen, den Arm um ihre Stuhllehne 
gelegt, und von Zeit zu Zeit behutſam und zärtlich ihre 
Hand zu ſtreicheln. Manchmal bückte er ſich auch und 
küßte ihre Hand, ohne daß Ruth es beachtete. 

Daß Erik nicht zu Hauſe war, verſtärkte in Jonas 
noch die Empfindung, daß er über Ruth zu wachen habe, 
wie ein getreuer Wächter. Am liebſten hätte er ſie mit 
Leib und Leben verteidigt, aus Todesgefahr errettet, — 
wenn er nur gewußt hätte, wovor und vor wem. 

Spät abends, als ſie längſt in ihre kleine Stube 
hinaufgeſtiegen war, patrouillierte Jonas noch unermüdlich 
im Garten vor ihrem Fenſter auf und ab, und es that 
ihm leid, daß ſo abſolut nichts paſſieren wollte. Endlich 
verfügte er ſich mit einem krampfhaften Gähnen in ſein 
Bett, aber er ſchlief unruhig und erwachte bald wieder. 

Da ſah er deutlich im Garten vor der Terraſſe Ruths 
Fenſterkreuz auf einem hellen Lichtfleck abgezeichnet: bei 
ihr mußte jetzt, gegen Morgengrauen, noch Licht brennen. 

War ſie krank? unglücklich? 

Er hielt es im Bett nicht aus. Im Nu war er in 
ſeinen Kleidern und kletterte geräuſchlos aus dem Fenſter. 
Vor der Terraſſe ſtand die alte Ulme; ſie beſaß einen 
bequemen Sattel, von dem aus zwei mächtige Aeſte ſich 
gabelten. Wie eine Katze glitt Jonas am bemooſten, von 
den ſtarken Niederſchlägen der Nacht ſchlüpfrig gewordenen 
Stamm hinauf. 

Verlangend blickte er in den gelblichen Kerzenſchein, 
der aus der Giebelſtube fiel. 

Ruth ſaß auf dem Bett. Vollſtändig angekleidet, ſo 
wie ſie hinaufgeſtiegen war, ſaß ſie noch da; die Arme 


vor ſich hingeſtreckt, die Hände auf den Knieen gefaltet, 
kehrte ſie Jonas faſt voll ihr Geſicht zu. Den Kopf ein 
wenig erhoben, ſchaute ſie weit hinweg über die dunkeln 
Wipfel des Gartens. 

Sie ſchaute ſo geheimnisvoll, wie in eine unendliche, 
verklärte Ferne. Und um die feſtgeſchloſſenen Lippen lag 
ein ſtiller Ausdruck, — lag Ergebung. 

Jonas ſtaarte auf ſie hin mit weitgeöffneten Augen. 
Er war ſo im Bann des einen Bildes, daß er gar nicht 
mit Bewußtſein wahrnahm, was das flackernde Licht auf 
dem Tiſch ſonſt noch beleuchtete. Er ſah nicht, daß der 
Tiſch ſelbſt abgeräumt war, die Stühle zuſammengeſchoben, 
— nicht, daß auf ihnen ein offener, halbgefüllter Koffer 
ſtand, und daß die Wände, ohne den Schmuck ſeiner Blei— 
ſtiftſkizzen, kahl und leer auf Ruth niederblickten. 

Er ſah nur ſie, ſeine luſtige Ruth, wie in dem Bilde 
einer betenden Heiligen, und alles, was in dem geſtrigen 
Erlebnis ſeine ſchwerfällige Knabenphantaſie in mächtige 
Schwingungen verſetzt hatte, gewann erneute Gewalt über 
ihn. Ruth ſelbſt wurde zu etwas Geheimnisvollem und 
Leidendem für ihn; aus der fröhlichen Spielgefährtin zu 
einem Weſen, das ſeine Schwärmerei wachrief. 

In Gedanken hörte er wieder den leiſen Klagelaut 
von geſtern; er ſah ſie auf dem Bett daliegen, den Vater 
über ſie gebeugt, — und ſein Herz ſchlug beklommen. Er 
vermochte die Augen nicht vom Fenſter abzuwenden. 

Die Nacht war kalt; vom Raſen unter ihm ſtieg der 
Nebel auf. Schmal und blaß hing die kleine Mondſichel 
am öſtlichen Himmel, und aus dem Gehölz klang verſchlafen 
ein Rabenkrächzen. 

Jonas fror; er ſchob die Hände unter ſeine dünne 


Sommerjade und drückte ſich dichter gegen die breiten 
Aeſte, deren Feuchtigkeit ihn allmählich durchdrang. Dabei 
fiel ihm der eine ſeiner roten Pantoffeln klatſchend auf 
die Terraſſe nieder. 

Er zog den nackten Fuß unter ſich und überlegte 
ärgerlich, ob er hinunterſteigen ſolle, den verlorenen Schuh 
zu holen. Da bewegte Ruth ſich. Das Geräuſch draußen 
hatte ſie aus ihrer Traumverſunkenheit geweckt. 

Sie ſtand langſam auf und löſte ihre Bluſe von den 
Schultern. 

Ein Arm hob ſich heraus und, unter dem von keinem 
Schnürleib bedeckten Hemde, die zarte Wölbung der Bruſt. 

Einen Augenblick ſtand ſie mit geſenktem Kopfe ſtill. 
Dann hob ſie die entblößten Arme hoch über ſich, ſtürzte vor 
ihrem Bett auf die Kniee und warf ſich mit ausgebreiteten 
Armen darüber hin, den Oberkörper langgeſtreckt, in den 
Kiſſen vergraben. So blieb ſie regungslos liegen. 

Jonas verharrte unbeweglich und hielt den Atem an. 
Er hatte den Schuh, er hatte die Kälte vergeſſen. 

Vor ſeinen Augen flimmerte es. 

Weit vorgebeugt, die Finger hineingekrallt in die 
belaubten Zweige, um nicht zu fallen, ſtarrte er mit 
klopfenden Schläfen nach dem Bett. 

Ueber ihm glomm langſam der Morgen herauf. — 


Als Gonne früh morgens, beim Fegen der Terraſſe, 
den Pantoffel auflas, war Jonas längſt froſtbebend in 
ſein Bett gehinkt, halb bewußtlos vor Kälte und Er— 
regung. Er gab ſich den nächſten Tag große Mühe, ein 
ſtarkes Unwohlſein zu verbergen, konnte aber vor Heiſer— 
keit kaum ſprechen, und ſeine Augen glänzten im Fieber. 


= 008 


Auf Klare-Bels beſorgtes Drängen und Fragen bekannte 
er, die Nacht im Garten geſeſſen zu haben. 

Nach dem Eſſen warf er ſich angekleidet auf ſein Bett. 

Um dieſe Zeit kehrte Erik nach Hauſe zurück. Klare— 
Bel erwartete ihn erſt mit Einbruch der Nacht. Aber er 
hatte auch von Moskau den Nachtzug benutzt. 

Ruth ſtand in ſeinem Arbeitszimmer, bemüht, ihre 
Papiere und Hefte unter den ſeinen herauszuſuchen, um 
ſie einzupacken. Was war nun ſeines, — was ihres? 
Der ganze Inhalt ihrer Studien in Niederſchriften von 
ſeiner Hand, — der ganze Inhalt ſeiner Pläne und Arbeiten 
für den Winter, ſeiner Gedanken und Vorträge wieder— 
gegeben, niedergeſchrieben von ihrer Hand. 

Da vernahm ſie unerwartet im Flur einen raſchen, 
feſten Schritt. 

Die Thür von Eriks Zimmer in den Flur flog auf, 
und Ruth an ſeine Bruſt. 

Sie hatte über Zweck und Dauer ſeiner Reiſe nicht 
nachgedacht. Von der einen Gewißheit hypnotiſiert, daß 
ſie fort mußte, nahm ſie alles paſſiv hin. 

Um ſo mächtiger jedoch wirkte der plötzliche Anblick 
Eriks jetzt auf ſie. In dieſem einen Augenblick vergaß 
ſie alles, — in dieſem einen Augenblick ſiegte die Gewalt 
der Gegenwart über jeden Kummer, der bevorſtand, — 
leugnete ihn, vernichtete ihn, — in dieſem Augenblick wurde 
alles, — alles gut. 

Sie vermochte nichts zu denken, als daß er da war. 
Und daß ſie bei ihm war. 

Feſt, — feſt ſchlangen ſich ihre Arme um ſeinen 
Nacken, feſt barg ſich an ſeiner Schulter ihr Geſicht. 

So ſtehen bleiben, — für immer ſo ſtehen bleiben, 


— 204 — 


feſtgewurzelt für immer an dieſer Stelle, hineingeſchmiegt 
in die weiten, weichen Falten des geöffneten Reiſemantels, 
— nichts fühlen, nichts vernehmen, als den ſtarken, dumpfen 
Herzſchlag, der ihr entgegenpochte, — für das ganze Leben 
nichts — nichts mehr. 

Sie wechſelten kein Wort. 

Aus Eriks Hand war die Reiſetaſche auf den Boden 
geglitten; ſtumm hielt er Ruth an der Bruſt, ſchwer atmend 
und den Kopf niedergebeugt auf ihr Haar. 

Und plötzlich gruben ſich ſeine Hände hart in ihre 
Schultern, um ihre Hüften, und umſchloſſen fie mit fo . 
gewaltthätigem Griff, daß es wie Schmerz und Erſticken 
über ſie kam, — als müſſe er ſie nun zerbrechen. Zer— 
brechen unter ſeinen Händen und an ſeiner Bruſt, — 
ſterben, — nicht fortgehen, — dachte ſie, und es über— 
flutete ſie mit einem jauchzenden Glücksgefühl, wie ſie es 
nie gekannt. 

Erik ſah ſie lächeln. 

Er verlor die Beſinnung. 

„Wahnſinn!“ ſchoß es ihm wie Feuer durch den Kopf, 
„Wahnſinn! Wahnſinn, ſich zu laſſen, wenn man ſich 
liebt.“ 

Eine Sekunde lang, — dann ließ er ſie ſo jäh los, 
daß ſie zurücktaumelte. — 

„Erik!“ rief Klare-Bels Stimme durch das Neben— 
zimmer, „Erik, biſt du wieder da?“ 

Er hing den Mantel an den Ständer, dann öffnete 
er die Thür zu der Wohnſtube, in der ſie lag. 

„Denke nur, Erik, Jonas iſt inzwiſchen krank geworden, 
— ſo ſchwer erkältet, — hoffentlich iſt es nicht ſchlimm. 
Er hat — — aber was iſt dir?“ 


Er ſtand da wie ein Betäubter, das Blut in den 
Augen. 

„Nichts. Ein Schwindel,“ murmelte er, ſetzte ſich an 
den Tiſch und ſtützte den Kopf auf die Handflächen. 

„Das iſt dieſe übertriebene Eile!“ klagte ſie beſorgt, 

— daß es mit ſolcher Windeseile vor ſich gehen ſoll. 
Wann iſt es denn nun, daß ſie reiſt, Erik?“ 

„Morgen, — um Mittag,“ ſagte er leiſe. 

„Mein Gott, ſo ſchnell iſt es aber doch rein unmög— 
lich! Denke doch nur, was es für eine ſolche Abreiſe 
alles zu ordnen und zu überlegen gibt. Ruth braucht doch 
gewiß noch manches, was für ſie beſchafft werden muß.“ 

„Es kann alles in Heidelberg beſchafft werden.“ 

„Nun ja, Erik. Aber wenn du wüßteſt, wie tief es 
ihr geht. Wie blaß und elend ſie ausgeſehen hat, geſtern 
und heute. Sie iſt doch nur zart.“ 

„Hör auf!“ ſagte er zwiſchen den Zähnen. 

„Ach, Erik, ich widerſpreche dir ja nicht! Das thue 
ich ja niemals! Sie thut mir nur ſo leid. So allein 
iſt ſie, und ſo liebebedürftig. Und nun: von Haus zu 
Haus, von Hand zu Hand. Und wenn ſie nun erkrankt, —“ 

„Hör auf!“ unterbrach er ſie außer ſich und ſprang 
auf, und warf den Stuhl zurück, daß er zu Boden ſchmet— 
terte, „hör auf, Bel! Es iſt genug! Ich will es ſo!“ 

Damit verließ er das Zimmer. 

Mit erſchrockenen Augen ſah ſie ihm nach. Erik war 
faſt immer ſanft gegen ſie, obſchon — oder vielleicht weil — 
ihr Wille gegen den ſeinen nie recht in Betracht kam. In 
ſo heftigem Ausbruch hatte ſie ihn lange nicht mehr ge— 
ſehen, — wohl ſeit ihrem Krankenlager nicht mehr. Kranke 
ſind gute Lehrmeiſter! 


— 20 


Nur in den erſten Jahren ihrer Ehe. Da war ihm 
der raſche Zorn noch nicht verraucht, da ward er leicht 
heftig, wenn ſeine Frau nicht ganz dem entſprach, was 
er erwartet, was er mit ihr gewollt hatte. 

Seltſam: damals erſchreckte es ſie nicht, — nein, 
mehr noch, ſo wunderlich es auch ſein mochte: ſie liebte 
dieſen Zorn. So deutlich fühlte ſie, daß Eriks Liebe 
damit verknüpft war. Gegen einen ihm gleichgültigen 
Menſchen konnte er nie heftig werden. Mit dem Inter— 
eſſe an einem Menſchen wuchs in dieſer herriſchen Natur 
das Verlangen, ihn zu formen, zu geſtalten, nach ſeinem 
Willen umzuprägen. Liebe und Härte fielen zuſammen. 

Klare-Bel hatte ein ruſſiſches Geſchichtenbuch geſehen, 
da befanden ſich auf dem dazu gehörigen Titelbilde zwei 
Bauersfrauen: die eine, im roten Sarafan, auf die ihr 
Eheliebſter mit einem Weidenprügel dreinſchlug, lachte 
über das ganze Geſicht; die zweite, im blauen Sarafan, 
ſaß daneben am Weg auf einem Stein, ſah neidiſch zu 
und weinte ſich die Augen aus, indes ihr Liebſter mit 
einer andern ſpazieren ging. | | 

Das war gewiß eine dumme Geſchichte. Aber dieſe 
beiden Bauersfrauen konnte Klare-Bel gut verſtehen. 

Niemals ſollte ſein Zorn ſie ſchrecken: nur, daß er 
mit ſeinem Zorn ſeiner Liebe vergäße. 

Der Tag ſchlich langſam zu Ende. Es war ſo ſtill 
im Hauſe, als ob keiner darin anweſend ſei. Erik hatte 
lange bei Jonas geſeſſen, ihn genau angeſehen, alles 
kotwendige veranlaßt und den heftig Widerſtrebenden ge— 
zwungen, ſich ganz zu Bett zu legen. Es handelte 
ſich um eine ſtarke Halsentzündung mit beträchtlichem 
Fieber. 


— 207 — 


Ruth ſtand auf dem Flur, gegen das Treppen— 
geländer gelehnt. Sie wußte ſelbſt nicht, warum ſie 
dort ſtand. Wahrſcheinlich weil alle Thüren ſich in den 
Flur öffneten. Und aus einer der Thüren mußte doch 
endlich Erik kommen. Und wenn er kam, mußte er doch 
zu ihr treten. Sich nach ihr umwenden. Er mußte doch 
einſehen, daß es unmöglich war, ſo fremd aneinander 
vorüberzugehen, wie er es heute abend that. 

Sie wollte ſo wenig: nur ſeinen Blick auf ſich ge— 
richtet ſehen wollte ſie, — nur ſeine Hand fühlen, einen 
Augenblick lang. 

Seitdem Erik ſie an ſich geriſſen, und von ſich ge— 
ſtoßen hatte, war eine ratloſe Verzweiflung über Ruth 
gekommen. Die äußere Trennung, die nahm ſie ja hin, 
wie etwas Furchtbares, aber Unabwendbares, weil er es 
ſo forderte. Aber daß er ſie ganz plötzlich auch innerlich 
von ſich losriß, das konnte ſie nicht ertragen. Ihn den 
Blick abſichtlich fortwenden zu ſehen, — ohne ein Wort der 
Liebe für ſie, ihn wie einen Fremden daſtehen zu ſehen, — 
das konnte ſie ganz gewiß nicht ertragen. 

Zur Schlafenszeit trat Erik aus dem Wohnzimmer 
heraus. Als er Ruth an der Treppe bemerkte, ſagte er 
ihr gute Nacht. Sie machte eine Bewegung auf ihn zu, 
ihre Augen ſchauten dunkel und vorwurfsvoll zu ihm auf. 
Aber er ſah ihr nicht in die Augen. Er gab ihr nur 
flüchtig die Hand. Dann ging er an ihr vorüber, zu 
Jonas hinein. 
| Bald darauf ſiegte die Uebermüdung über ihn; wider 

Erwarten fiel er in einen ſchweren Schlummer. Aber auf— 
regende und häßliche Träume erfüllten ſeinen Schlaf, furcht— 
bare Träume, die ſeinen Körper mit kaltem Schweiß bedeckten. 


=. 208 


Er ſah Ruth vor ſich, gealtert, verwelkt, mit ge— 
furchten Zügen und gekniffenen Lippen, mit Lippen, wie 
ſie eine leere, liebeleere Jugend gibt; er ſah ſie in einem 
lächerlichen Bilde, wie in einer Theaterpoſſe, als tugend— 
ſame hyſteriſche alte Jungfer, mit der unerfüllten Sehn— 
ſucht nach Zärtlichkeit im erloſchenen Blick. Und da, als 
er in der Angſt des Traumes gewaltſam ſeine Augen 
von der Fratze wandte, — fort, einem andern Ruthbilde 
zu, — da wandelte es ſich vor ihm — zu nackter, ent— 
blößter Schönheit. Nackt ſah er Ruth, — und ſchamlos, 
fremden Männern preisgegeben, — einen weißen Körper, 
der nicht der ihre war, ein lachendes Antlitz, das nicht 
das ihre war, — und doch wußte er: es ſei Ruth. 

Er erwachte mit einem ſtöhnenden Laut. Und noch 
aus dem Traume heraus hörte er küſſen und lachen. 

Aber das leiſe Stöhnen wiederholte ſich, als habe 
es ein Echo an den Wänden des Zimmers gefunden, 
und ein unterdrücktes Weinen ſchlug an Eriks Ohr. 

Er richtete ſich auf und lauſchte. 

Das Weinen kam aus Jonas' Bett, welches neben der 
offenen Verbindungsthür beider Stuben ſtand. Man konnte 
deutlich hören, wie er es in den Kiſſen zu erſticken 
ſuchte. 

Erik ermunterte ſich völlig. Er machte Licht und 
näherte ſich Jonas' Bett. Als dieſer ihn kommen hörte, 
verkroch er ſich nur tiefer in ſeine Decken. 

„Haſt du Schmerzen?“ hörte er den Vater fragen, 
„biſt du kränker geworden?“ 

„Ich bin nicht krank!“ murmelte Jonas, „es iſt 
unnütz, mich mit Gewalt im Bette zu halten. Ich weiß 
doch alles! Ich weiß jetzt alles! Es hat nichts genützt, 


— 209 —7 


es vor mir zu verheimlichen! Und was ich noch nicht 
wußte, habe ich gehört! Ich habe gehorcht und habe es 
gehört!“ 

Erik ſchwieg einen Augenblick betroffen. 

„Du ſprichſt im Fieber,“ ſagte er dann, „was weißt 
du denn, was haſt du gehört?“ 

„Daß ſie fortgeht! Daß ſie morgen fortgeht!“ 

Und er wühlte ſich ſchluchzend in ſeine Kiſſen. 

Erik taſtete nach ſeinem Geſicht und legte ihm die 
Hand beſorgt an die trocken brennende Stirn. Aber Jonas 
ſtieß ſeine Hand zurück. 

„Nein!“ ſagte er faſt keuchend, — „du willſt es 
ja, — du biſt es ja — ſchuld, daß ſie fortgeht. Vor 
dir ſchützen muß ich Ruth, — ſchützen, denn was weißt 
du, — wie ihr zu Mute iſt. Du weißt nicht, haſt nicht 
geſehen, — wie fie daliegt die Nächte, — halb aus- 
gekleidet, an ihrem Bett, — wie geſtern.“ 

Erik preßte die fieberglühende Hand in der ſeinen 
zuſammen, ſo daß Jonas die Zähne mit Gewalt auf— 
einanderbiß, um den Schmerz zu beherrſchen. 

„Was haſt du — geſtern — geſehen?“ fragte Erik 

mit heiſerer Stimme. , 
| Jonas ſetzte ſich auf. 

„Sie kniete vor ihrem Bett,“ ſagte er traurig, „viel— 
leicht weinte ſie, — oder betete, — ſo geheimnisvolle 
Augen hatte ſie, — und ich habe mit ihr gewacht, — 
die ganze Nacht, heimlich, oben, in der alten Ulme vor 
der Terraſſe.“ 

Erik ſprach kein Wort. 

Aber nach einer langen Pauſe hob er die Hand, 


und leiſe ſtrich er Jonas über Stirn und i hin. 
Lou Andreas⸗Salomé, Ruth. 


Diesmal wurde die Hand nicht zurückgeſtoßen. Die 
ſanfte, liebkoſende Bewegung des Vaters, der ihn jo 
ſelten liebkoſte, empfand Jonas als ein wortloſes Ver— 
ſtehen und Mitfühlen, das ihn um die letzte Faſſung 
brachte. 

Und plötzlich warf er die Arme um den Nacken des 
Vaters. Und wie ein unaufhaltſamer Strom, fieberheiß, 
halbverſtändlich, brachen die Worte aus ihm hervor, über— 
ſtürzten ſich und verklangen in einem Stammeln: „Papa, 
lieber Papa, hilf mir! Ich kann es nicht aushalten, daß 
fie fortgeht! Ich war böſe auf dich, — nimm's nicht 
übel, — hilf mir! halte ſie, Papa! ſie bleibt da, wenn 
du es willſt. Früher war ich mal eiferſüchtig auf Ruth, 
ich glaubte, daß du ſie mehr liebſt als mich. Aber es 
ſchadet nichts, wie ſehr du ſie auch liebſt, Papa! Denn 
ich liebe ſie ja auch viel mehr als dich! Mehr als dich! 
Mehr als alles auf der Welt!“ 

Erik löſte leiſe die Hände von ſeinem Nacken und 
hielt ſie feſt. 

„Nimm dich zuſammen!“ ſagte er halblaut, aber 
mit der eindringlichen Stimme, der Jonas unbedingt zu 
folgen gewöhnt war, „du darfſt nicht hier liegen und 
dich ſo haltlos gehen laſſen. Selbſt nicht im Fieber. 
Nimm dich zuſammen.“ 

Faſt mechaniſch verſuchte Jonas zu gehorchen. Er 
atmete mühſam. 

Erik hatte ſich auf die Kante des Bettes geſetzt, 
ohne ſeine Hände los zu laſſen. 

„Lege dich nieder. Ganz ruhig. Unterdrücke die 
Unruhe. Komm, mein Junge! ſtrammer! Und nun höre 
mich: ich will dir helfen, wenn du mir folgſt, aber anders 


als du denkſt. Von Ruth mußt du dich jetzt trennen. Wir 
alle müſſen es. Denn morgen ſchon reiſt ſie fort, und 
bis dahin wirſt du nicht aufſtehen dürfen.“ 

Jonas fuhr empor. 

„Papa! das muß ich! ich ſpringe aus dem Bett! 
Ihr haltet mich nicht! Ich muß Ruth küſſen, — ich muß 
ſie küſſen, — wenn ſie geht!“ 

„Mit einem kranken, entzündeten Hals und Fieber 
wirſt du Ruth nicht küſſen wollen, hoffe ich,“ unterbrach 
ihn Erik in einem Ton, der jede Widerrede abſchnitt; 
„und du wirſt es nicht nur unterlaſſen, ſondern auch 
alles thun, was ich von dir verlange. Dich vollkommen 
beherrſchen, wenn ſie von dir Abſchied nimmt. Mit 
keinem Wort, keiner Heftigkeit, keinem einzigen klagenden 
Ton es ihr noch erſchweren. Alle Aufregung mit feſtem 
Willen niederzwingen. Das alles wirſt du thun. Ich 
muß mich unbedingt auf dich verlaſſen können, wenn ich 
ſie zu dir hereinführen ſoll. — Kann ich es?“ 

„Ja!“ ſtieß Jonas hervor, während ihm die Lippen 
noch zitterten. Er konnte nicht an gegen dieſen Willen, 
der den ſeinen in Bann hielt. ö 

„Gut. Und nun will ich dir einen helfenden Troſt 
geben für deinen erſten großen Schmerz,“ ſagte Erik mit 
ſo weicher Stimme, daß es Jonas war, als ſpräche er mit 
den Lauten ſeiner Mutter zu ihm, „wenn Ruth von dir 
gegangen iſt, blicke nicht zurück auf ſie, ſondern vorwärts 
in dein Leben; ſorge dafür, daß du dich tüchtig ent— 
wickelſt, arbeite daran, daß du bald ein ganzer Mann 
wirſt, — damit du ihr einſt ein ganzer Freund ſein 
kannſt, wenn ſie deiner bedarf. So kommſt du, in allem 
was du thuſt, zu ihr zurück, — ihr nahe. Dulde es 


— 212 — 


nicht, daß Sie dich jo ganz überflügelt und dich einſt 
weit — weit hinter ſich zurückläßt! Jetzt kannſt du zeigen, 
was du wert biſt, — und ob du's wert warſt, Ruth 
gehabt zu haben.“ 

Jonas lag ganz ſtill und lauſchte. 

„Ja!“ ſagte er begeiſtert, „das will ich! ach, Papa, 
das will ich!“ 

Und er hob den Kopf und küßte den Vater. Erik 
hielt ſeinen Kopf einen Augenblick lang an ſich. 

„Wir werden nie mehr hiervon miteinander 
ſprechen,“ ſagte er leiſe, — „nie mehr. Aber vergiß 
es nicht. Zwinge deine Gedanken auf die Arbeit, auf 
das, was vor dir liegt. Suche dich mit mehr Feſtigkeit 
zu beherrſchen. Ich werde darauf achten und dir nichts 
durchgehen laſſen. Streng mit dir ſein müſſen, mein 
Junge. Mache es mir nicht ſchwer.“ 

„Papa,“ verſetzte Jonas ſo zutraulich, wie er ſonſt 
nur mit Klare-Bel zu ſprechen verſtand, „ich will mich 
nie wieder vor dir fürchten. Sei ſo ſtreng du willſt gegen 
mich. Du hilfſt mir ja damit, nicht wahr? Tüchtig zu 
werden. So feſt und tüchtig wie kein andrer. Ausſtechen 
muß ich jeden andern! Hilf mir ſchnell, ein ganzer Mann 
zu werden! — Ein Mann für — für — ich meine: ein 
Freund für Ruth.“ 

Am liebſten hätte er ſich im Bett aufgeſetzt und 
geplaudert; Erik mußte ihm das Sprechen verbieten und 
das Zimmer verlaſſen. Nun ſchwieg er; er lag zufrieden 
im Bett und dachte angeſtrengt an die Zukunft. 

Erik war außer ſtande, ſich wieder ſchlafen zu legen; 
er kleidete ſich vollſtändig an. Er fühlte ſich frei; wie 
erfriſcht von einem langen, geſunden Schlaf, wie gekühlt 


— 213 — 


und geſtählt durch ein erquidendes Bad. Die ganze 
ſchwüle Beklommenheit vom Nachmittag und Abend, die 
noch auf ſeinen Träumen gelaſtet hatte, war verflogen. 
In der Einwirkung auf einen andern, deſſen Unruhe er 
bezwang, deſſen innerſte, widerſtrebende Gedanken er be— 
ſtimmte, — im kurzen Kampf mit dem Knaben, der zu— 
gleich ſich gegen ihn auflehnte und ihm vertraute, hatte 
er ſich ſelbſt zurückgefunden. Seine Kraft geweckt und 
geſammelt. Er wußte recht wohl, wie es damit ſtand: 
wenn er ſich am ſchwächſten fühlte, dann erſtarkte er an 
der Kunſt, andre in überlegener Behandlung zur Stärke 
zu veranlaſſen; an der gehobenen und mutigen Stimmung, 
die er von ihnen forderte und in ihnen hervorrief, — 
an ſeinen eigenen überzeugten, überredenden Worten 
kletterte er ſelbſt zu neuem Mute, neuer Zuverſicht empor, 
wie an einer langen Leiter, die ſich manchmal mitten 
aus ſeiner eigenen Verzagtheit erhob, aber bis ans Un— 
begrenzte zu reichen ſchien, — bis an ein unbegrenztes 
Selbſtvertrauen. 

Viele tauſend ſolcher Leitern, feſtgehalten von den 
Händen einer Menſchenmenge, die ihn umdrängte, die 
an ihn glaubte, die auf ihn angewieſen war, — und er 
hätte einen Himmel auf Erden erſtiegen. 

Nur kein Zuſammenbrechen der feſteſten dieſer Stützen! 
denn Stützen waren es, — wie ſehr auch er ſelbſt als 
der Stützende dabei erſchien. Niemand iſt abſolut ſtark. 

Erik wußte recht wohl, wo ſeine Gefahr lag, wo 
auch in ihm der Schwächling ſteckte: da, wo er ſich allein 
überlaſſen blieb. 

Draußen herrſchte noch dunkle Nacht. Es ſchlug 
drei Uhr. 


— 214 — 


Erik litt es nicht im engen, warmen Zimmer. Er 
öffnete leiſe die Hausthür und trat hinaus. 

Die Finſternis war ſo dicht, daß er nur langſam 
der Tiefe des Gartens zugehen konnte. Er empfand den 
aufſteigenden Nebel, ohne ihn zu ſehen. Das kniſternde 
Rauſchen der Birkenwipfel belehrte ihn über die Nähe 
des kleinen Gehölzes. Darüber glänzte am verhängten 
Himmel hie und da ein verlorener Stern. Das letzte 
Mondviertel, der ſchmale, blaſſe Vorläufer der Morgenröte, 
war noch nicht ſichtbar. 

Unweit der Bänke am Gehölz blieb Erik lauſchend 
ſtehen. Er vernahm abſolut nichts als das leiſe Rauſchen 
der Blätter. Aber er fühlte, daß er nicht allein ſei. 

„Ruth!“ murmelte er unwillkürlich. 

„Ja! was ſoll ich?“ fragte ſie ſchüchtern. 

Mit einem Schritt ſtand er neben der Bank; er 
taſtete nach ihr. 

„Was du ſollſt?! Im Bett ſein!“ 

Er riß ſeine Joppe von den Schultern und warf 
ſie ihr um. 

„Was thuſt du hier mitten in der Nacht? Weißt 
du nicht, daß Jonas ſich in dieſer gefährlichen, kalten 
Feuchtigkeit das Fieber geholt hat?“ 

„Ja, ich weiß es. Aber mir ſchadet das nichts,“ 
verſetzte ſie zaghaft, „das Fieber thut ſo gut; ich kenne 
es gut: da liegt man im Traum und hört auf zu denken. 
Und da dachte ich, ich könnte es auch ſo gut haben.“ 

Jetzt fühlte ſie ſeine Hand, die ſich feſt um ihr 
Handgelenk legte. 

„Was ſagſt du da?“ fragte er ganz langſam, „du 
ſuchteſt das Fieber?“ 


— 215 — 


„Nein! nein!“ rief fie flehentlich, „ich will es ja 
nur ein wenig, — ein klein wenig nur, — nicht ſo, daß 
es die Abreiſe hindern ſollte! Ganz gewiß nicht!“ 

Ein Laut brach von ſeinen Lippen, wie wenn er 
verwundet würde. Sie konnte hören, wie ſeine Zähne 
leiſe übereinanderknirſchten. 

Er beugte ſich über ſie. 

„Und das — das glaubteſt du zu dürfen,“ ſagte 
er matt. 

„Ja, ich durfte es; denn ich will ja thun, was 
ich verſprochen habe. Bin nicht ungehorſam. Nur ſo 
ganz allein bin ich. Niemand, der mir ein bißchen hilft. 
Da ſollte das Fieber mir helfen. Ich darf thun, was 
ich will, — wenn es nichts aufſchiebt,“ verſetzte ſie finſter. 

„So. Und wenn du nur rechtzeitig fortgekommen 
biſt, meinſt du, — dann könnteſt du thun, was du 
willſt? Auch vielleicht dich irgendwo hinſetzen und krank 
werden, wenn dir das ‚hilft‘? Du irrſt dich, mein Kind. 
Ich laſſe dich nicht los, indem ich dich fortlaſſe. Und 
aus der Ferne ſollſt du mir doppelt gehorchen. Dein 
Verſprechen geht auf dein ganzes Leben. Du biſt mein. — 
Biſt du es?“ 

„Ja!“ rief ſie inbrünſtig. 

„Steh auf und geh hinauf.“ 

„Ich kann es nicht ſo, — ich muß erſt wiſſen, — 
wann reiſe ich?“ 

„Ich werde es dir morgen ſagen. Heute nacht nicht. 
Du ſollſt dich hinlegen und zu ſchlafen verſuchen. An 
nichts denken als daran, daß du ſchlafen ſollſt. Wirſt 
du es?“ 

Sie war ſchon aufgeſtanden. 


— 216 — 


„Ja!“ murmelte ſie, „morgen! Ich muß morgen 
fragen, was ich will.“ 

„Das ſollſt du.“ 

Er gab ihr die Hand. 

„Geh voraus. Gehe nur. Ich folge ſchon. Warte 
im Hauſe nicht auf mich.“ 

„Gute Nacht!“ ſagte ſie gehorſam und ging. 

„Mein Liebling! gute Nacht!“ rief er ihr nach. 

Und im Klang ſeiner Stimme lagen alle die Lieb— 
koſungen, nach denen ſie den ganzen Tag, die ganze Nacht 
gehungert hatte. 

„Verzeih mir! Liebling,“ ſagte er reuig vor ſich 
hin, während er ihr langſam folgte. Allein gelaſſen hatte 
er ſie, allein ſtehen laſſen in dem Augenblick, wo ſie ſeine 
ganze Kraft und Liebe erwartete und ihrer bedurfte. Weil 
er ſich ſelbſt nicht traute, nicht vertraute, — aus Furcht vor 
ſeinen Sinnen, — und vor dieſem unwiſſenden Kinder— 
ſinn, der ihm mit einem Lächeln entgegenkam. 

Das war feige geweſen. Nicht durfte er aus ſolchen 
feigen Gründen in letzter Stunde ſeine Hand zurück— 
ziehen, nach der ſie ſehnſüchtig und gläubig griff, als nach 
der Hand des einzigen Menſchen, den für ſie die Erde 
trug. Nicht überlegen, nicht geizen, nicht einſchränken das, 
was er ihr gab, und wonach es ſie mit einer Inbrunſt ver— 
langte, — mit einer Zärtlichkeit, wie ſie auf der ganzen 
Welt nur das einſame, das nie geliebkoſte Kind kennt. 

Aus einer unendlichen Fülle heraus ſollte noch ein— 
mal ſeine Liebe ſie umhüllen, ſie umgeben, weich und 
ſchützend wie Mutterliebe, — aus einer ſo reichen, ſo 
kraftſichern Fülle heraus, daß er ſich aller Bedenken ent— 
ſchlagen konnte, — daß er ſein Liebſtes nur noch wie 


auf ſtarken Armen hob und trug, — es einem ſchlummern— 
den Kinde gleich in einem letzten Traum hinübertrug in 
die fremde, die kältere Welt. — 

Der Hausflur war ſchwach erhellt von dem Licht, das 
an der offenen Thür zu Eriks Zimmer ſtand. Ruth hing 
die Joppe über den Thürgriff, und ohne ſich nach Erik 
umzuſehen ſtieg ſie hinauf. 

Er löſchte das im Luftzuge flackernde, tropfende 
Licht und warf ſich ausgeſtreckt auf den Lederdiwan 
in ſeinem Arbeitszimmer, froh des Dunkels, der Ein— 
ſamkeit. | 

Seit der Stunde ſeiner Rückkunft geſtern verlangte 
ihn unbewußt nach dieſer Stille und Einſamkeit. 

In dem Augenblick, wo er geſtern aus dem Flur zu 
ſeiner Frau hineintrat, in dem Augenblick, wo Ruth an 
ſeiner Bruſt lag, und Bels Stimme ihn rief, war etwas 
Sonderbares in ihm vorgegangen. Sie rief: „Erik, biſt 
du wieder da?“ — Aber ihn durchgellte es wie: „Erik, 
gehſt du fort von mir?“ 

Und als er ſie wiederſah, ſie daliegen ſah in dem 
Zimmer, das er ſo gut kannte, genau ſo wie zwei Tage 
vorher, da kam es ihm vor, als läge eine lange, lange, — 
jahrelange Reiſe dazwiſchen, während der er ſeine Frau 
nicht geſehen, nicht mit ſich genommen, — ja, vergeſſen 
hatte. Es war faſt wie ein Moment der Geiſtesſtörung 
geweſen. 

Und die Erregung, in der alle ſeine Nerven noch 
zitterten, ließ keine Selbſtbeſinnung zu. 

Aber jetzt — jetzt ſtellte er ſich wieder dahin, auf 
die nämliche Stelle, Bel gegenüber und ihrer fragenden 
Stimme, und jetzt antwortete er ihr: „Es iſt eine lange, 


— 213 — 


lange Reiſe geweſen. Ich habe dich nicht wiedergeſehen 
all dieſe Zeit hindurch, — dahin nicht mehr geſehen, 
wo du biſt: dich vergeſſen. 

Nicht zufällig, nicht unabſichtlich, nicht im Rauſch des 
Augenblicks. Nein, bewußt und gewollt. Mit allen Sinnen 
und Gedanken wollte ich nur einen Punkt vor Augen haben, 
ihn durchſchauen, durchdringen, — in eine verhüllte Zu— 
kunft ſchauen und dringen. Unbeirrt von allem, was 
hindert und bindet. Frei, wie einer, der alles hinter 
ſich geworfen hat, und daſteht wie ein Bettler oder wie 
ein König, wollte ich meine Hände aufheben zu meinem 
Glück. 

Dann — einſt — iſt es an der Zeit, zurückzukehren 
zu den Fragen und Forderungen, den Pflichten und Feſſeln 
des täglichen Lebens, um ſich mit ihnen auseinanderzu— 
ſetzen. Zu dir zurückzukehren. Zum Kampf. Zum Kampf 
um mein Glück.“ 

Erik hatte die letzten Worte faſt laut gemurmelt: 
„Kampf — — — Glück.“ 

Er öffnete, wie erwachend, die Augen. 

Es war hell um ihn. Die Nacht vorbei. Glutrot 
ſtand der Himmel, wie in Flammen. 

Hinter dem Gehölz ging die Sonne auf. Purpurn, 
ſtrahlenlos wie ein ungeheurer Mond leuchtete ſie durch 
den Morgennebel. Und purpurner Glanz auf den Fenſtern, 
auf dem Fußboden. 

Noch war im Hauſe niemand zu hören. Nur die 
Schwarzdroſſeln ſchwatzten vor dem nahegelegenen Küchen: 
fenſter und unterhielten ſich darüber, ob Gonne ihnen 
wohl bald, beim Zubereiten des erſten Frühſtücks, ein paar 
Krumen zuwerfen werde? 


— 219 — 


Erik ſtand auf, ſtand ſtill angeſichts der Morgen: 
herrlichkeit. 

Er hatte Bel geliebt, — ſo ſehr, wie, nach ſeiner 
Meinung, der Mann bisher das Weib überhaupt lieben 
kann: nicht nur mit der Habgier der Sinne, nicht nur zu 
einem flüchtigen Liebesbündnis, das zufällig „Ehe“ hieß, 
ſondern zu einem wirklichen Lebensbündnis, das kein 
Staat, kein Prieſter, das nur der eigene, bewußte Wille 
beſiegelt. Es war geweſen, wie er damals, im ſcherzenden 
Geſpräche über die Ehe, zu Warwara geſagt: kein Pflicht— 
bewußtſein, ſondern das dauernde Glücksbewußtſein, 
ſeinem Weibe, auch nach dem Schwinden der Sinnenliebe, 
alles in allem zu ſein. Daran hatten weder Krankenlager 
noch Altern, weder Lebensenttäuſchungen noch Liebesver— 
ſuchungen jemals das Geringſte zu ändern vermocht. 

Wenn er ihr je untreu geworden in einer heißen 
Aufwallung des begehrlichen Blutes, — oder auch in 
einem bittern Rückblick auf die zerſtörten, für ſie hinge— 
gebenen Hoffnungen ſeiner Jugend, dann lehnte er ſich 
gegen ſich ſelbſt auf mit Kraft und Härte. Niemals hätte 
er es doch zugegeben, daß irgend eine Gewalt ſtärker über 
ihn werden könne als ſein Wille, ſeine Bürgſchaft. 

Und nun, wenn er alles ſammelte, was er an 
Scham und Selbſtvertrauen, an Stolz und Herzensgüte 
beſaß, — wenn er das alles ſammelte und zuſammen— 
raffte, war es nicht genug, um Bel, die Wehrloſe, gegen 
einen Kampf mit ihm zu ſchützen? Oder, wenn es denn 
in der Zukunft zu einem ſolchen Kampfe kam, gab es 
in ſeinem vergangenen Leben nichts, was ſtark genug, 
heilig genug, barmherzig genug war, um für Bel ein— 
zutreten und gegen ihn ſelbſt zu ſiegen? 


— 220 — 


Erik ſchaute geradeaus, hinein in das rote Flammen— 
meer am Himmel. Er wollte, — er mußte ehrlich ſein. 
And er ſagte ſich: „Nein.“ — — — 


Auf der Terraſſe wurde der Morgentiſch gedeckt. 
Eriks Platz am Tiſch blieb aber heute leer. Ganz früh 
hatte er ſich Thee auf ſein Zimmer beſtellt, dann ging er 
zu Jonas hinein, um nach ihm zu ſehen. 

Gleich nach dem Frühſtück ließ er Ruth zu ſich bitten. 

Als ſie kam, ſtreckte er die Hand nach ihr aus. 

„Du ſchlechtes Mädel. Biſt du geſund geblieben? 
Laß mich ſehen.“ 

Sie nickte und trat zu ihm an den alten Lederſeſſel 
am Fenſter. 

Aufmerkſam betrachtete er ſie. Ihre Augen waren 
dunkel umſchattet. Aber ſie blickten ſicher, — feſt. Es fiel 
ihm auf. Sie blickten beinahe kalt. 

Er ſtrich ihr das Haar aus dem blaſſen Geſicht zurück. 

„Weißt du auch noch, daß hier dein alter Platz iſt? 
Hier am Stuhl. Wo du zuerſt herkamſt. Wir haben ihn wohl 
faſt vergeſſen, draußen im Garten und — bei den andern. 
Monatelang. Aber der heutige Morgen gehört uns allein. 
Uns zuſammen. Und den wollteſt du krank zubringen.“ 

Sie antwortete nicht. 

Ganz leiſe nur beugte ſie gegen ihn den Kopf vor, 
ſo daß ſeine Hand durch die Haarwellen hindurchglitt, und 
ſchwieg ſtill. 

„Du biſt ein dummes Kind,“ ſagte er, „ſonſt hätteſt 
du gewußt: wenn ich etwas von dir verlange, ſo ſollſt 
du es klar und ſtill thun. Niemals in einem Fieber— 
rauſch. In keinem Sinn. Ich weiß, es iſt tauſendmal 


— 221 — 


ſchwerer. Aber niemals ſollſt du es dir erleichtern. Durch 
nichts. Nur war ich dieſes Mal ſelbſt nicht ohne Schuld, 
Ruth. Ich ſelbſt war wie krank, — nicht wie ich ſein 
ſollte. Siehſt du, nun beichte ich es dir auch — — — 
Iſt es nun gut?“ 

Sie blickte ihn unverwandt an. Dann ſchüttelte ſie 
den Kopf. 

„Eins fehlt noch,“ ſagte ſie. 

Ihm kam ein Lächeln. 

„Noch etwas? Was denn, mein anſpruchsvolles Fürſten⸗ 
kind?“ 

„Darf ich nicht anſpruchsvoll ſein?“ 

„Das darfſt du. Halte deine Hände offen, Liebling, 
und laß dich beſchenken.“ 

Da glitt ſie am Seſſel nieder, auf ihren alten Platz 
zu ſeinen Knieen, und hob ihr Geſicht auf zu ihm, — 
Trotz in den Augen. 

„Ich meine kein Geſchenk. Ein Recht.“ 

Erik ſtutzte. 

Er ſchaute forſchend in ihre Augen, mit dem feſt auf 
ihn gerichteten rätſelhaften Blick. 

„Nimm dir dein Recht, Ruth,“ ſagte er einfach. 

Sie flüſterte kaum hörbar: „Daß ich erfahre, war— 
um. Das plötzliche Fortmüſſen, — — — warum?“ 

Er legte ihr die Hand über die Augen. 

Eine lange Pauſe entſtand. 

„Du hatteſt vorhin ganz recht: eins fehlt noch,“ ant⸗ 
wortete er dann, „zwiſchen uns fehlt eins. Weißt du, 
was es iſt? Daß zwiſchen dir und mir ein zu großes 
Stück Menſchenleben liegt, — daß wir im Alter ſo weit 
voneinander entfernt ſind. Denke nur: du und noch ein— 


mal du, das gibt immer noch nicht: ich. Auf eine fo 
große Entfernung hin iſt es bisweilen ſchwer, manches 
miteinander zu teilen, — mitzuteilen. Aber nun ſieh das 
Wunder: dieſer Mangel, dieſe Lücke und Leere zwiſchen 
dir und mir, — ſie eint uns gerade. Nur ſie macht, 
daß ich dich leiten und dir befehlen kann. Sie macht, 
daß du da ſo vertrauensvoll knieen kannſt, wie eben jetzt, 
und mit deinen trotzigen Augen zu mir aufſchauen. Sie 
macht, daß ich den Weg beſſer kenne als du. Denn ich 
habe den halben Weg ſchon zurückgelegt. — Oder könnteſt 
du das miſſen? möchteſt du lieber, ich ſtände neben dir, 
von gleichem Wuchs wie du? noch ſuchend, irrend, eines 
Wegweiſers bedürftig, wie du?“ 

„Nein!“ ſagte ſie lebhaft, „das wäre wie zwei Kinder 
im Walde.“ 

„Dann nimm es hin, daß ich dir nicht antworte.“ 

Sie erwiderte nichts, aber er fühlte, wie ihr Herz 
wild zu ſchlagen begann. Sie gab nicht paſſiv nach, wie 
bis geſtern noch. — Sie war geſtern irre geworden. — 

Mit letzter Kraft mochte ſie ſich gegen ihn zuſammen— 
gerafft, — ſich eingeredet haben, ihm gegenüber noch Kraft 
zu beſitzen: Selbſtändigkeit. Im argloſen Schlummer er— 
ſchüttert, mochten ihre Gefühle in Gärung gekommen 
ſein, — mochte eine Welt von unverſtandenen Empfindungen 
in ihr ringen. 

Die feine, ruhige, gerade Linie, in der ſie ſich vor 
Eriks Augen ſo kindlich weiter entwickelt hatte, wurde ihm 
undeutlich, wurde unruhig, — ſie ſchien ſich zu biegen, — 
eine Wendung zu machen: eine Wendung zu ihm hin — 
oder von ihm fort. 

Ueber Erik kam eine Spannung, die alle ſeine ſeeliſchen 


Fähigkeiten aufs äußerſte jchärfte, fein ganzes Weſen er: 
wartungsvoll ſpannte, und jegliche ſinnliche Erregung 
vollkommen niederhielt. 

Er legte ſeinen Arm um Ruth und bog mit der 
Hand ihren Kopf zurück. Ihre Lippen zitterten. 

„Sieh mir in die Augen, du Trotzkopf!“ ſagte er, 
„was hat ſich da in dir geregt? Brich den letzten Trotz, — 
denn es war einer. Laß mich ihn brechen. Es ſchadet 
nichts, wenn es einen Augenblick ſchmerzt. Gib nach, laß 
es geſchehen. Wirf dein Recht von dir, mache dich recht— 
los. Um Kinderrecht zu haben: um folgen zu dürfen, ohne 
zu fragen. Um zu gehen, ohne ein Warum.“ 

„Wann — gehen?“ fragte ſie undeutlich. 

Er drückte ihren Kopf an ſich. 

„Heute,“ ſagte er mit bedeckter Stimme, „jetzt. Jetzt 
gleich. Nein, nicht zuſammenſchrecken. Sei mein mutiges 
Kind. Wir haben nur noch dieſe Stunde, Ruth. Dann 
bringe ich dich in die Stadt. Zum Zuge, der ins Aus— 
land fährt. Frau Römer wartet auf uns.“ 

Sie hatte ſich in ſeine Arme geworfen. Sie um— 
faßte ihn ſo feſt, als ſolle nichts ſie von da wegreißen. Doch 
wußte er: ſie widerſtrebte nicht länger. Sie gab nach, 
willenlos. 

Aber es war vielleicht nur die Angſt des Abſchiedes. 
Der Schreck davor, der ſie überfiel. Geſtern war ſie doch 
irre geworden an ihm, — und morgen? — — da beſaß 
er keine Macht mehr über ſie. Wußte nicht mehr, was 
in ihr vorging. 

Er ſagte ſehr ſanft: „Du gehſt nicht fort, weil ich 
dir weh thun will, ſondern weil ich dich lieb habe. So 
lieb, daß ich dir weh thun kann. Gib dich dieſer Liebe, 


— 224 — 


Ruth, — ohne Rückhalt, ohne Zweifel, — gib dich ganz. 
Denke täglich, daß ich es zu dir ſage, — des Morgens 
mit deinem Erwachen, des Abends mit deinem Einſchlum— 
mern: Ich hab' dich lieb.“ 

Sie ſah auf, ohne von ihm zu laſſen, — mit grenzen⸗ 
loſem Dank in den Augen ſah ſie auf. Ein kaum merk— 
liches Lächeln ſpielte ihr um den Mund, — ein wenig 
zaghaft noch. 

„Da gehe ich ja nicht fort, — da nehme ich Sie ja 
mit,“ ſagte ſie, faſt ſchelmiſch. 

Das Glück brach aus ihren Augen, — ja, der 
Schalk. 

Es berauſchte ihn. Aber anders als geſtern. Wohl 
hielt er ſie im Arm, wohl kniete ſie an ſeiner Bruſt, 
aber nicht ſeine Sinne wurden berauſcht. Etwas unend— 
lich viel Feineres, eine Wolluſt ſo fein, wie ſie ſich durch 
keine Sinne vermittelt, erfüllte ihn mit kraftvollem Ge: 
nügen. Er konnte Ruth nicht unbedingter zu eigen nehmen, 
nicht ſtärker ſich aneignen als in dieſem Augenblick, wo 
er ſie von ſich löſte, wo ſie auf ſein Geheiß von ihm 
ging, weil ſie ihm lieb war. 

Einigung und Trennung, ſelbſtloſes Verzichten und 
ſelbſtſüchtiges Eingreifen, Schützen und Vergewaltigen, 
Dienen und Herrſchen verſchlangen ſich ununterſcheidbar 
in einem einzigen Gefühlsknoten, in einem einzigen Augen— 
blick berauſchenden Erlebens. 

„Iſt es nun nicht gut, daß du mir gehorchen und 
vertrauen mußt? daß wir nicht find wie ‚zwei Kinder 
im Walde‘, die ſich verlaufen? Für die es ſchlimm wäre, 
wollte eines das andre aus den Augen verlieren, — ver— 
laſſen. Mir kommſt du aus den Augen, und doch nie 


— 25 — 


von der Hand. Ich bin mit dir wie jemand, den du 
nicht neben dir ſtehen ſiehſt, und doch um dich weißt — 
über dir walten, wo du auch gehſt und ſtehſt. Wie je— 
mand, den du nicht fragen kannſt, und der zu manchem 
ſchweigt, — der aber doch alles weiß, was dir not thut 
und gut thut wie —“ 

„Wie Gott,“ ſagte Ruth keck. 

Das Wort lief wie ein Schauder über ihn hin. 

Aus Geſpenſterfurcht? 

Nein. Aber wohl, weil er ahnte, was mit dieſem 
Wort in ihr ſelbſt aufwachen mochte, an unbewußtem, 
ungeheurem Fordern und Bewundern und Erwarten. 

Sie ſagte es, gar nicht in Ekſtaſe. Wie etwas Selbſt— 
verſtändliches. Wie ein Kind einen Kuß gibt. 

Aber er ahnte: nie, noch nie war ſie der Liebe, der 
vollen Liebe, ſo nah wie in dieſem kindlichſten Bekennt— 
nis, — dem vermeſſenſten. | 

Nein, keine Geſpenſterfurcht! vor nichts. 

Und er küßte ſie aufs Haar. 

„Nicht wie Gott, Ruth. Und doch für dich: wie 
dein Gott.“ — 

Im Wohnzimmer war Klare-Bel damit beſchäftigt, 
Ruths Koffer zu ſchließen und ihr eine kleine Reiſetaſche 
zu füllen. Gonne half, das Letzte zu ordnen und zu be— 
ſorgen. Am Gartengitter draußen ſtand ein leichtes Fuhr— 
werk, eine ländliche „Karfaſchka“, welche das Gepäck auf- 
nehmen ſollte. Erik wollte mit Ruth zu Fuß zum Bahn— 
hof gehen. 

Als das Gepäck aufgeladen wurde, kam er mit 
ihr aus ſeinem Arbeitszimmer heraus. Klare-Bel blickte 


erſtaunt auf. Weder er noch Ruth machten ein e 
Lou Andreas-Salomé, Ruth. 


— 226 — 


Geſicht. Und doch wußte ſie: erſt jetzt, dort im Zimmer, 
hatte er es Ruth mitgeteilt. 

„Wie er das nur zu ſtande gebracht hat? Er kann 
doch alles, was er will!“ dachte ſie bewundernd. 

Das kleine Fuhrwerk raſſelte davon, auf dem holpe— 
rigen Landweg in beſtändiger Gefahr, eines ſeiner 
wackelnden Räder zu verlieren. Erik ſcherzte darüber, 
und Ruth hatte ihre Schelmengrübchen in den Wangen. 

Es war eine Heiterkeit, wie wenn an einem großen 
ſtummen, dunkeln Gewäſſer ein Sonnenrand aufblitzt und 
die Oberfläche mit glitzernden Perlen überblitzt. 

Nur Gonne ſtand in der Küche und weinte mit einem 
mürriſchen, verſchämten Geſicht. 

Einige Minuten lang konnte Ruth noch bei Jonas 
im Zimmer verweilen. Dann trat ſie reiſefertig, die 
graue Wollmütze auf dem Kopf, heraus. 

Jonas horchte angeſtrengt. Er hörte ſie über den 
Flur gehen, — den letzten, grüßenden Zuruf ſeiner Mut— 
ter, — die Thüren gingen, — — dann eine Minute der 
Pauſe, — — und nun fiel, mit einem ſchwachen Knarren, 
die Gartenpforte ins Schloß. — — — 

Langſam, totenſtill ſchlichen die Stunden hin, eine 
um die andre. Am frühen Nachmittag kehrte Erik aus 
der Stadt zurück. 

Aber es blieb ſo ſtill wie zuvor. 

Jonas hielt es nicht länger im Bett aus; er ſtand 
auf, und ſeinen kalten Umſchlag um den Hals, einen 
dicken Wollſtrumpf darüber gebunden, ſtahl er ſich auf 
ſeinen roten Pantoffeln in das Zimmer des Vaters. 

Der Vater war nicht da. 

Jonas ſetzte ſich an den großen Schreibtiſch. Er 


— 227 — 


mußte machen, daß er fertig wurde, ehe der Vater ihn 
hier überraſchte. a 
Und ſeine Feder kratzte über das Papier. 
Er ſchrieb an Ruth: 
„Süße, liebe Ruth! 

Ich habe mich in Papas Zimmer hingeſetzt an den 
Tiſch, an dem du arbeiteteſt. 

So ungeheuer gern wär' ich zum Bahnhof mitge— 
gangen! Weinen wollte ich aber nicht, ich biß ins Kiſſen. 
Als aber in der Ferne der Zug lospfiff (vielleicht war es 
gar nicht dein Zug), da habe ich trotzdem ein bißchen ge— 
weint. Ich dachte: nun fährt ſie fort. 

Papa hat mir aber einen guten Rat gegeben. Ich will 
dir noch nicht ſagen, was für einen. Ich will ihn lieber erſt 
befolgen. Und ſolange ich ihn befolgen muß, was ziemlich 
lange dauern kann, werde ich dir nicht ſchreiben. Aber dann 
ſchreibe ich dir, daß du meine Frau werden mußt. Im Spiel 
haſt du es niemals ſein wollen, und das hat mich manchmal 
ſo ſchwer gekränkt. Aber das war dumm von mir. Denn 
erſt muß ich ein ganzer Mann für dich geworden ſein. 

Darüber habe ich Papa noch nichts zu ſagen gewagt. 

Jetzt muß ich ſchließen. Aber ich mußte es dir 
gleich ſchreiben, damit du es weißt. Vergiß mich nur 
nicht, wenn du dort einen andern Jungen findeſt. Am 
Ende ſogar einen fertigen Studenten? Dann würde ich 
mich ja hier ſo ganz umſonſt anſtrengen. 

Aber vielleicht findeſt du keinen. 

Ich küſſe dich mit tauſend Küſſen. 

Dein Freund, 
(dein zukünftiger Mann,) 
Jonas. 


— 228 — 


Pst. Scr.: Ich weiß nicht, wo Papa jetzt iſt, ich 
bin heimlich auf. Sonſt würde er dich ſicher grüßen 
laſſen.“ 


Erik war oben in der leeren kleinen Giebelſtube. 
Er ſtand am Fenſter und weinte. 


Y% 


Unfluggem Vöglein gleich, dem bangt, 
Wo's flatternd eine Zuflucht fände, 
So bin ich, flüchtend nur, gelangt, 
Ein armes Kind, in deine Hände. 


Kam ſcheinbar wohl in trotz'gem Sinn, — 
Doch nur von Einſamkeit getrieben, 
Und kniete ſchweigend bei dir hin, 
Und wollte nichts, als Etwas lieben. 


Und wollte nichts, als, kurze Zeit, 
Gleich einem Kind mich wieder wiſſen, 
Nichts, als ein wenig Zärtlichkeit 
Ganz ſcheu, von ferne, mitgenießen. 


Nichts, als von kindlich tiefer Qual 
Auf einen Augenblick nur raſten, 
Nichts, als die junge Bruſt einmal 
In heißer Hingebung entlaſten. 


Wie ward mir wohl, da ich dich fand, 
Als müßte jeder Wunſch ſich ſtillen, 
Seitdem du mich, mit ſanfter Hand, 
Geborgen ganz in deinem Willen. 


Als würde plötzlich alles klar, 
Als müßten alle Wirren weichen, 
Seit über das verwehte Haar 
Mir deine lieben Hände ſtreichen. 
Bis daß ein jeder Schmerz hinfort 
Verſank vor zaubermächt'gem Troſte, 
Seit, mit dem erſten Liebeswort, 
Dein Blick mich zwang und mich liebkoſte; 


=. 330. = 


Bis ganz die Welt um uns verſank, — 
Und nichts von allem mehr geblieben, 
Als nur ein grenzenloſer Dank, — 

Und nur ein grenzenloſes Lieben. 


Ruth hatte das nicht gedichtet. Erik hatte es ge— 
dichtet. Aber Ruth hatte es geſtammelt. Ungezähltemal. 
Vielleicht auch in ungezählten Verſen. 

Er wußte es nicht. Aber oben in der Giebelſtube, 
unter fortgeworfenen Papieren und verwelkten Blumen, 
hatte das durchgeriſſene Blatt mit den geſtammelten Verſen 
gelegen. 

Und ſeitdem dichtete er dieſe Verſe, er ſah vor ſich 
hin und dichtete an ihnen. 

Ruth hatte ſie nicht gedichtet. Erik hatte es gethan. 

Aber ſo, — ſo in jedem Worte würde ſie ſie ge— 
dichtet haben, — ein wenig ſpäter, — im Rückblick. 


— — — — — — — — — — — — — — — 


Sie ſaßen alle zuſammen. 

Klare-Bel im Hintergrunde der Wohnſtube, in einem 
großen, bequemen Lehnſtuhl. Jonas am Eßtiſch; er hatte 
die Lampe dicht herangerückt, um beſſer ſehen zu können, was 
er in ſein Schulheft ſchrieb. Erik am Kamin, in welchem 
mächtige Holzkloben brannten; von Zeit zu Zeit bückte er 
ſich und warf aus einem blankgeputzten Kohlenbehälter, 
der mit Tannenzapfen gefüllt war, ein paar von den 
braunen, harzigen Zapfen in die Glut. 

Das Zimmer hatte ein ganz winterliches Ausſehen 
bekommen. An Stelle der leichten Sommergardinen 
ſchwere, ſchützende Fenſtervorhänge, am Kamin zwei Seſſel 


— 231 — 


aus der Stadtwohnung, unter denen ein mächtiger Bär 
ſeine Tatzen vorſtreckte. 

Schon im Anfang des ruſſiſchen März, noch ehe der 
Winter zu Ende ging, war dieſes Jahr die Ueberſiedelung 
vor ſich gegangen. Klare-Bels wegen. Hinter ihr lag 
der Leidensweg eines halben Jahres, der ſie langſam zur 
Geneſung führte. 

In der Ecke lehnten zwei ſtarke Stöcke mit Krüd- 
griffen. An dieſen Stöcken mußte ſie täglich einige 
Schritte thun. „Laufen lernen,“ wie Jonas lachend ſagte, 
der ihr am liebſten die Stöcke erſetzte. Und dieſe Schritte 
ſollte ſie in friſcher Luft thun. ö 

Sie ſaßen alle zuſammen und ſchwiegen zuſammen. 
Klare⸗Bel ſaß in halb liegender Stellung und ſann vor ſich 
hin; die Handarbeit, die ſie vorgehabt, entglitt ihren 
Händen. Sie fühlte ſich müde von ihren wenigen Schritten. 

Jonas, der war wie verrannt in ſeine Arbeit. Mit 
den ſchmalen Schultern, lang aufgeſchoſſen, ein wenig 
weichen, blonden Flaum an Kinn und Lippe, bückte er 
ſich über die Bücher. Der Sicherheit halber hatte er 
auch noch in jedes Ohr einen Finger geſteckt. Das war 
unnötig. 

Und Erik blickte in die Glut — — 

„Bis ganz die Welt um uns verſank —“ 

Gonne war es, die endlich die Stille unterbrach. 
Sie brachte den Abendthee herein. Klare-Bel ließ ſich 
hinter den Samowar rücken: ihre täglich neu genoſſene 
Freude, wenigſtens in ſolchen kleinen Dingen wieder 
Hausfrau zu ſein. 

„Heute warſt du gewiß froh, Erik, ein ſo langer 
Brief von Ruth,“ bemerkte ſie dabei, „man muß ſagen: 


— 232 — 


ſie ſchreibt treulich, — regelmäßig. Aber manchmal einen 
Zettel, manchmal ein Buch!“ 

„Ich möchte wiſſen, warum du ihr noch nie ge— 
ſchrieben haſt, Jonas?“ fragte der Vater, „ſie will oft 
von dir wiſſen.“ a 

Jonas wurde ſehr rot. 

„Wovon ſoll man ſich denn ſchreiben? Ich habe 
genug zu thun,“ murmelte er über ſeinem Theeglas. 

„Für ſo junge Menſchen iſt das Briefeſchreiben auch 
nichts,“ meinte Klare-Bel, „Ruth iſt doch ſicherlich begabt, 
nicht wahr? Und ſind ihre Briefe nicht ganz entſetzlich 
nüchtern, Erik?“ 

„Nun ja. Wenn ſie nicht etwas zu erzählen oder zu 
beſchreiben hat.“ 

„Beſchreiben? was denn? wie ein Berg ausſieht, 
oder was für Wetter es iſt, — ein Schneetreiben im 
Winter, kann ſie das nicht ſeitenlang erzählen? Aber ich 
finde, dabei erfährt man recht wenig von ihr ſelbſt.“ 

Erik ſchwieg. Er fand es auch. Dies Entzücken an 
der Schilderung, ſelbſt des geringſten, die Hingebung in 
der Wiedergabe deſſen, was fie umgab, und was unmittel- 
bar von ihr aufgenommen wurde, — das alles lag neben 
einer ſpröden Wortkargheit, wo es ihre Gefühle betraf. Es 
war nicht Verſchloſſenheit, — es war Haß gegen das Wort, 
das ungenügende. Schlechte Verſe kritzeln, ſingen, ſtammeln, 
die Augen aufheben, — ehe er das nicht wiedergeſehen, 
nicht wiedergehört, war Ruth für ihn wie begraben. 

Und wieder ſchwiegen ſie. 

Der Theetiſch wurde abgeräumt. Nur eine Frucht— 
ſchale mit Aepfeln blieb darauf ſtehen. Jonas machte 
Miene, ſeine Bücher und Hefte wieder auszubreiten. 


— 233 — 


Erik hinderte ihn daran. 

„Genug!“ ſagte er, „es iſt ganz unmöglich, daß du 
mit deinen Schularbeiten noch nicht fertig ſein ſollteſt.“ 

„Ich bin es ja auch, Papa. Aber ich wollte jetzt abends 
noch Ruſſiſch treiben. Einer von den Jungens hilft mir 
in der Freiſtunde darin.“ 

„Ich ſehe nicht ein, zu welchem Zweck? Schon im 
Herbſt gehſt du ins Ausland. Du wirſt ja nicht hier 
ſtudieren. Wozu alſo?“ 

„Es iſt ſehr nützlich, Papa. In Deutſchland kann 
man jetzt mit ruſſiſchen Stunden Geld verdienen.“ 

Erik war unangenehm berührt. „Geld? Mit Stunden⸗ 
geben? Ueberlaß mir das doch.“ 

„Erlaube es mir, bitte. Thue ich nicht genug für 
die Schule?“ 

„Ja, aber du biſt ein entſetzlicher Stubenhocker ge— 
worden, Jonas! Bleibſt mir zu ſchmalbrüſtig, mein 
Junge. Flaum am Kinn, aber keine Kraft in den Knochen. 
Nicht genug.“ 

„Geſundheit iſt der Güter höchſtes nicht,“ behauptete 
Jonas mit einem Ernſt, der ihm drollig genug ſtand. 

„Aber der Uebel größtes iſt die Schuld, ſie ver— 
ſcherzt zu haben,“ ergänzte Erik und fuhr ihm liebkoſend 
über den Kopf; „wenn du öfters mit ſolchen Citaten 
kommſt, dann werde ich dich noch ganz von den leidigen 
Büchern fortnehmen. Zu einem Bauern in die Lehre.“ 

Damit ging er hinüber in ſein Arbeitszimmer. 

Ein Stoß Schulhefte mit blauen Deckeln lag ſchon 
bereit. Auch allerlei andres, das drängte. 

Ihn drängte es nicht. Er ſchob es zurück. 

Darunter lagen Ruths alte Hefte, auch neue Ar— 


— 234 — 


beiten; ſie ſchickte ſie ihm alle. Ihren Studiengang leitete 
er vollkommen. Aber alles das war immer noch nicht 
„Ruth“. 

Er nahm eine Mappe vom Schreibtiſch, in der 
ſämtliche Briefe aus Heidelberg lagen, vom vorigen 
Auguſt bis zum heutigen April. 

Anfangs lauter Briefe von Frau Römer. Ruth 
konnte nicht ſchreiben, ſie lag im Fieber. Ein ſchleichendes 
Fieber, fürchteten ſie. Erik war zur Abreiſe vollſtändig 
fertig geweſen, er depeſchierte bereits ſeine Ankunft. 

Da traf ein Telegramm ein, das ihn zurückhielt. 
Drei Tage ſpäter ein kurzer Brief von Frau Römer: 

„Ihre Anweſenheit iſt nicht erwünſcht. Die Tren— 
nung würde dasſelbe noch einmal ergeben. Ruth muß 
es lernen, ohne Sie zu leben. Daher dürfen Sie unter 
keinen Umſtänden herkommen. Mein Mann meint es 
als Arzt, ich meine es aber auch — als Frau. Ich 
habe Ruth lieb wie mein Kind; wollen Sie mir helfen, 
wie eine Mutter über ihr zu wachen, ſo entfernen Sie 
auf immer aus Ihren Briefen alles, — auch das Geringſte, 
was Sehnſucht wecken könnte.“ 

Nach einer Woche ſchrieb Frau Römer: 

„Mit unſrer Ruth geht es beſſer. Aber geſtern hat 
ſie uns ſehr erſchreckt. In ihrem Zimmer ſteht mein 
Lehnſeſſel, mit braunem Leder bezogen; ſie wollte ihn 
durchaus haben, als ſie ihn bei mir ſah, und ſagte dabei 
bedauernd: ‚Wie ſchade, daß er nicht grün iſt!“ 

Dieſen Seſſel hatte ſie geſtern nacht mitten ins 
Zimmer, ihrem Bett gegenüber, gerückt. Als mein Mann 
noch einmal leiſe hereintrat, um nach ihr zu ſehen, ſieht 
er im Schein der kleinen Nachtlampe Ruth aufrecht im 


— 235 — 


Bett, — den Oberkörper weit vorgebeugt, die Augen 
ſtarr auf den Seſſel geheftet, das Geſicht verzückt. 

Als fie meinen Mann ſah, fiel fie in die Kiffen 
zurück. „Ach, — nun iſt er fort!‘ ſagte fie traurig. Sie 
war in einer halben Ohnmacht, am ganzen Körper kalt. 

Wir haben den Lehnſtuhl aus ihrem Zimmer ent— 
fernen müſſen. Mit den andern Stühlen „geht es nicht', 
verſichert ſie. 

In aufrichtiger Freundſchaft 
Irene Römer.“ 

Bald darauf kam der erſte, noch mit Bleiſtift aus 
dem Bett gekritzelte Zettel von Ruth ſelbſt. Wenige 
Zeilen nur, darunter ein Poſtſkriptum: 

„Ich glaube, daß die Menſchen zaubern könnten, 
wenn ſie wollten.“ 

In der Mappe befand ſich neben dieſem kleinen 
Zettel ein Schreiben von Eriks Hand, — ein voll— 
ſtändiges Briefkonzept, welches anfing: 

„Mein Herzenskind! 

Außer den bekannten zehn Geboten gibt es noch ein 
elftes, ſpeziell für Dich: „Du ſollſt nicht zaubern.“ 

In ururalten Zeiten nahmen die Menſchen, wenn 
ihre Götter die Wünſche einzelner nicht erfüllten, mitunter 
ihre Zuflucht zu fremden und böſen Geiſtern, die ſich 
durch Zauberkunſt und Zauberformeln beſchwören ließen. 
Das mögen die Menſchen aus zweierlei Urſachen gethan 
haben: aus Kleinmut oder Hochmut; aus dem mangeln— 
den Glauben, daß im Willen ihrer Götter auch wirk— 
lich eine weiſe, gute Macht über ihnen waltet, — oder 
aus dem Trotz, der es müde geworden iſt, zu gehorchen 
und zu vertrauen. 


— 236 — 


Du machſt es doch nicht ebenſo, — gleichviel aus 
welchem dieſer beiden Gründe? Nimmſt Dir doch nicht 
hinter dem Rücken und aus eigener Machtvollkommenheit, 
was Dir vorenthalten bleiben ſoll? Rufſt doch nicht, wie 
damals, in der letzten Nacht, einen fremden, böſen Geiſt, 
das Fieber, um Dir zu helfen und Dich in eine Wirk— 
lichkeit zu entführen, die keine iſt? 

Du ſollſt nicht zaubern. Sollſt Dich an die Wirk— 
lichkeit hingeben, die um Dich iſt, — ganz, voll Glauben 
und voll Vertrauen, daß Du in ihr zu Hauſe biſt —“ 

Hier brach das Briefkonzept ab; die nächſten Zeilen 


waren ausgeſtrichen, — wiederholt, und wieder aus— 
geſtrichen. Sie waren ihm ſichtlich ſchwer von der Hand 
gegangen. 


Aber die Konzepte mehrten ſich; hinter jedem Briefe 
Ruths folgte eines; Erik blätterte ſie ungeduldig beiſeite: 
daß ſie da lagen, das beſagte genug. 

Sein Blick verweilte nur länger, wenn er wieder 
auf die feine, charakteriſtiſche Handſchrift Frau Römers 
traf. Er konnte das Gefühl nie ganz los werden, als 
ob er mit ihr — oder ſie mit ihm? — in einem ge— 
heimen, unbewußten Kampf ſtände; und doch erquickten 
ihn dieſe Briefe. Wenn ſie wider Wiſſen und Willen ein 
Feind war, ſo war's ein herrlicher. Einer, wie man 
ihn ſich wünſchen ſoll, um ſich mit ihm zu meſſen. 

Um dieſe Frau wehte es wie helle, reine Luft, — 
man mußte ſich wohl darin fühlen. Und jedes ihrer 
Worte ein ſo klarer Ausdruck deſſen, was ſie warm em— 
pfand. Während man las, glaubte man ihre Stimme 
zu vernehmen: eine heitere, entſchloſſene Stimme. 

Schon wollte Erik die Mappe ſchließen und an ihren 


— 237 — 


frühern Platz legen, als ihm noch ein Brief Ruths in 
die Augen fiel. Vor vielen Wochen geſchrieben und 
durchaus nicht gefühlsmäßigern Inhaltes als die übrigen, 
— auch, gleich den übrigen, ohne Anrede und ohne andern 
Abſchluß als „Ruth“. Aber auf der letzten Seite, da 
hatte ſie ſich verſchrieben: da ſtand einmal „Du“, anſtatt 
„Sie“. 

Sie hatte den kleinen Verräter energiſch ausgeſtrichen 
und das ihm beigefügte Zeitwort umkonjugiert. Aber am 
Rande der Seite war's treuherzig bekannt: „Ich habe 
‚Du‘ gejagt, ich wollte aber ‚Sie‘ ſagen.“ 

Erik ſchaute nie in die Mappe hinein, ohne an dieſer 
Stelle hängen zu bleiben, — und er ſchaute oft hinein. 

Dieſe eine Silbe war ihr einziger wirklicher Gruß 
an ihn. Mündlich würde ſie ſich ſchwerlich je verſprochen 
haben. Sie bedurfte deſſen nicht. Sie hatte „Du“ zu 
ihm geſagt, an jedem Tage, in jeder Stunde faſt, mit 
Blick und Ton und Miene. Jetzt erſt ward es zum ver— 
ſtändlichen Wortlaut, unwiderſtehlich: ein Erſatz für alle 
wortloſe Nähe. 

Erik ſchob die Briefe von ſich; er wollte arbeiten. 
Arbeiten, — nur nicht dieſes unnatürliche, vollſtändig 
entnervende Hinleben in Gefühlen und Gedanken, — 
dieſes unſichere Taſten ins Blaue, in die Ferne, mit dem 
Verzicht darauf, zu handeln. Wie leicht war dagegen ſelbſt 
die Trennungszeit für ihn geweſen: innerſte, angeſpann— 
teſte Aktivität bis zur letzten Sekunde, aufs höchſte ge— 
ſammelte und geſteigerte Kraft: für Ruth. 

Nun der Rückſchlag. Nachlaſſen, — gehen laſſen. 
Es machte ihn faſt krank. 

Und er arbeitete Stunde um Stunde, bis eines der 


— 238 — 


blauen Schulhefte nach dem andern mit den notwendigen 
roten Tintenſtrichen durchſetzt war. 

Dann erſt lehnte er ſich müde in ſeinen Stuhl zurück. 
Und wieder las er, mit immer neuen Kommentierungen, 
an der einzigen Silbe „Du“. — 

Der nächſte Tag brachte draußen die erſte echte Früh— 
lingsſtimmung. Ein tiefblauer Sonnenhimmel ſtrahlte 
über den kahlen Bäumen. Noch zog ſich am Rande der 
Kieswege, ſchmal und vergraut, eine durchlöcherte Schnee— 
kruſte hin, aber aus dem toten Gras hoben ſich ſchon 
friſch die ſaftgrünen Hälmchen, und an den Birkenzweigen 
hingen ſeit Wochen, geduldig wartend, längliche braune 
Knoſpenzipfel. Der Wieſengrund hinter dem Garten ſtand 
ganz unter Waſſer und ſpiegelte blinkend Himmel und 
Sonne wieder; vereinzelte zerſplitterte Eisſchollen trieben 
darin umher. 

Erik hatte, wie jetzt faſt immer, den ganzen Tag in 
der Stadt zu thun; neben ſeinem Schulunterricht noch 
den freiwillig erteilten, den er, mit ſich daran anſchließenden 
Vorträgen, in dieſem Winter durchführte: teils in ſeiner 
Stadtwohnung unter Beteiligung Erwachſener, teils in 
einem leerſtehenden Klaſſenzimmer der Mädchenſchule. 

Diejenigen, die ſich hier einfanden, gehörten ebenfalls 
der Schule nicht mehr an, oder doch faſt nicht mehr. Man 
konnte es den Geſprächen entnehmen, mit denen ſie ihn mei— 
ſtens erwarteten. Es wurde nicht mehr von Phantaſieereig— 
niſſen geſprochen, ſondern von Bällen und Geſellſchaften und 
von Anbetern, die wohl nicht mehr in der bloßen Einbildung 
exiſtierten. Von Schulangelegenheiten niemals, wenn nicht 
etwas ganz Senſationelles vorfiel, wie heute morgen, wo ein 
kleines Mädchen beim Frühgebet im großen Schulſaal um— 


gefallen und liegen geblieben war, — ein Fall von Epilepfie. 
Es hieß, das bloße Anſehen wirke anſteckend, nichtsdeſto— 
weniger hatten die meiſten, wie gebannt, auf die Zuckende 
hingeſtarrt, welche, Schaum an den Lippen, vor ihnen lag. 

Mitten in das Geſpräch darüber kam, als die Späteſte, 
und mit einem unterdrückten Gähnen, die hübſche Wjera 
mit den kecken dunkeln Augen. Sie war ſeit der Zeit 
ihrer Backfiſchſtreiche noch hübſcher geworden. 

„Biſt du auch wieder da?“ rief Eriks fleißigſte 
Schülerin ſie an, „ich möchte wiſſen, wozu? Ob es 
dir wohl angenehm iſt, daß er immer nur Spott für 
dich hat?“ 

„Und Lob für dich; da ziehe ich mein Teil vor,“ 
erwiderte ſie mit Ueberzeugung; „laß ihn nur ſpotten, 
das thut ihm gut, er iſt bei ſchlechter Laune. Glaubſt 
du, daß dein Fleiß ihn beglückt, mein geliebtes Gänschen?“ 

„Mehr als fleißig ſein kann niemand,“ bemerkte 
eine, die in Erwartung des Kommenden auf dem Fenſter— 
brett ſaß und häkelte. 

Wjera lachte boshaft: „Nun, er könnte noch allerlei 
andres ſchmerzlich vermiſſen, — zum Beiſpiel Verſtand. 
— — Lieber Gott, was kann es nützen, ſich jo anzu— 
ſtrengen?“ 

„Warum bleibſt du denn nicht weg? Du wollteſt 
ja haben, was Ruth hatte, — du am meiſten.“ 

Wjera ſaß nachläſſig hingegoſſen, die Arme längs 
der Banklehne ausgeſtreckt, und ſchielte ſeitwärts in den 
kleinen Handſpiegel, den jemand in der Nähe des Fenſters 
angebracht hatte, und der immer umſtanden war. 

„Ich glaube nicht daran, daß er mit uns ſo iſt 
wie mit Ruth,“ murmelte ſie; „es wäre der reine Be— 


— 240 — 


trug. Entweder hat Ruth uns gefoppt, — oder wir ſind 
— dumm. Glaubt ihr etwa, Ruth meinte das, als 
ſie ſo außer ſich vor Entzücken ſagte: O — — dahinter 
gibt es das ganze Leben?‘ Wir ſtehen noch vor der 
Mauer, — wie eine Hammelherde.“ 

„Na, ſo geh doch hinüber.“ 

„Ich werd' auch,“ verſetzte Wjera kurz, — „noch 
heute. Wollt ihr? Mit einem Satz! Aber daß ihr nicht 
ſchreit! Ihr könnt ja nachſpringen.“ 

Im Nu drängten ſie ſich um ſie, brennend vor 
Neugier. | 

„Was wirft du thun?!“ 

Sie erwiderte nichts. Sie hob nur das Geſicht ihnen 
entgegen und ſpitzte den Mund ein wenig. 

„Ein Kuß?!“ 

Sie ſchrieen jetzt ſchon. 

Da trat Erik herein. Er bemerkte, daß ſie zerſtreut 
waren, beachtete es aber nicht. Wjera las vielleicht ganz 
richtig in ſeinen Augen: „Wie eine Hammelherde.“ Er 
vermißte Ruth unter ihnen, nicht weil er ſie liebte; er 
vermißte ſie, weil ſie ihn fortwährend angeregt, fort— 
während ſeine Geiſtesgegenwart verlangt hatte. Für ſie 
mußte er auf der Höhe ſeiner ſelbſt ſtehen, um niemals 
fehlzugreifen. 

Das war hier unnütz. 

Nach kurzer Zeit erhob ſich Wjera und ging, ein 
Blatt Papier in der Hand, auf Erik zu. 

„Sollte es möglich ſein?“ fragte er ſarkaſtiſch, in— 
dem er annahm, ſie wolle ihm eine Arbeit vorlegen, 
„es wäre das erſte Mal.“ 

Sie ſtieg die beiden Stufen zum Katheder hinauf und 


— 241 — 


beugte ſich zu ihm, — ſo tief, daß er aufſah. Bei dieſer 
Bewegung ſeines Kopfes berührten ſich faſt die beiden 
Geſichter. 

Da durchgellte ein Schrei die Klaſſe, einſtimmig. 
Sie hatten's nicht aushalten können. 

Aber gleich darauf folgte ein zweiter, ganz anders 
im Ton: Wjera war, kaum daß der Schrei erſcholl, 
hintenübergeſtürzt. 

Erik ſelbſt gingen Urſache und Wirkung durchein— 
ander, ob der erſte Schrei vorherging, ob er folgte, 
— ob ſie ſich niedergebeugt, weil ſie im Stürzen war. 
— Er hatte auch vom Fall im Schulſaal gehört, und 
jetzt ergriff die Erinnerung daran die Mädchen mit kopf— 
loſem Entſetzen. 

Die meiſten ſprangen auf, einige ſprangen im plötz— 
lichen Schreck auf die Bänke, — auf das Fenſterbrett. 

Erik brach ſich Bahn. Er hatte die wie leblos Da— 
liegende auf ſeine Arme gehoben und trug ſie hinaus. 

Als er raſchen Schrittes den Gang entlang dem 
nächſten leeren Zimmer zuging, kam Leben in ſie. Der 
ganze weiche, geſchmeidige Körper bewegte ſich, als ſtrebe 
er, erzitternd, ſich an ihn zu ſchmiegen; ihr Atem flog; 
wie um ſich zu halten, ſchlang ſie den Arm um ſeinen 
Nacken, und jetzt — jetzt fühlte ſie EAN) wie es ihn 
heiß überlief. 

Blitzſchnell, eh' er's nur gewahr wurde, hatte ſie 
ihren Mund auf ſeine Lippen gedrückt. 

Aber in der nächſten Sekunde fand ſie ſich ſchon 
auf ihre Füße geſtellt — hart, ſo plötzlich, daß ſie faſt 
zuſammengeſtürzt wäre. Eine ſinnloſe Wut überfiel ihn. 
Wie ein Bild ſtand vor ihm der Augenblick, wo a Ruth, 


Lou Andreas⸗Salomé, Ruth. 


Pa‘ 


— 242 — 


wie ein lebloſes Kind, in ſeinen Armen auf ihr Bett ge— 
tragen. 

Er ergriff die verblüffte Spitzbübin beinahe brutal 
beim Handgelenk und zwang ſie die wenigen Schritte bis 
an die hohe Flügelthür, die den Hallengang gegen das 
Treppenhaus hin abſchloß. Er ſtieß die Thür auf. 

„Hinaus. Ohne Wiederkehr,“ ſagte er kurz. 

Sie errötete und erblaßte. Sie ging nur langſam 
hinunter, Stufe für Stufe, und hielt ſich am Geländer. 
Was würden die andern in der Klaſſe wohl denken, wenn 
ſie nie wieder kam? Daß er ihr über die Mauer geholfen 
habe? Ja, gründlich. Mit einem Satz. 

Und das Schlimmſte: ſie hatte eine gehörige Beule 
weg, gerade vorn an der Stirn. — 

Erik gab ſich Mühe, bei der Rückkehr in ſeine Klaſſe, 
der Stimmung Herr zu werden, die ihn peinigte und 
niederſchlug. Er hatte ſich jedesmal gewundert, den bild— 
hübſchen Nichtsnutz mit unbegreiflicher Hartnäckigkeit noch 
auf ihrem Platz daſitzen zu ſehen, und dennoch feſt ent— 
ſchloſſen, nichts zu lernen. Er hatte ſich auch ein wenig 
gefreut. Weil ſie ein kluges Ding war, voll Mutterwitz 
und Phantaſie. Er wußte jetzt, von was für einer Art 
von Phantaſie. 

Aber lag es nicht an ihm? War es nicht an ihm, 
allen dieſen jungen Menſchen unausweichlich die Richtung zu 
geben? Auswüchſe auszuſchneiden, Fehlendes zu ergänzen, 
Schlummerndes zu wecken? Er hatte ſich ſeiner Aufgabe 
wohl mit ſeinem Willen hingegeben, aber nicht mit ſeinem 
Herzen. Und kein noch ſo guter Wille vermochte ſein mäch— 
tigſtes Erziehungsmittel zu erſetzen: das war die Friſche 
und Fülle der Stimmung, deren immer bereites Intereſſe 


— 243 — 


ſich auch noch in das Geringſte eingrub, ſuchend, lockend, 
verſtändnistief. Und er bedurfte deſſen ganz beſonders. 
Denn ſeine Vorzüge wie ſeine Schwächen als Lehrer be— 
ſtanden darin, daß er ſeine Perſönlichkeit und ſeinen 
Unterricht nicht zu trennen wußte; gelang es ihm nicht, 
ſich ſelbſt zu geben, ſo mißlang ihm alles. — 

Am Thorweg des Schulgebäudes wartete Jonas auf 
den Vater. Sie fuhren zuſammen nach Hauſe aufs 
Land. 

Im Eiſenbahnwagen ſagte Jonas: „Mama ſpricht 
jetzt immer davon, daß ſie bald verreiſen muß. Sie 
kann doch nicht ſo früh im Jahr ins Bad reiſen?“ 

„Ich weiß noch nicht. Vielleicht wird es wünſchens— 
wert ſein. In Deutſchland iſt es ja nicht mehr ſo früh 
im Jahr. Dagegen ſpricht nur, daß ich ſie jetzt noch 
nicht ſelbſt hinbringen kann. Das müßteſt du dann thun, 
Jonas. Und ſie würde Gonne mitnehmen.“ 

„Wenn ich Medizin ſtudieren werde,“ bemerkte Jonas 
nach einer Pauſe, „dann wird es mir immer vor Augen 
ſtehen, das Wunderbare, daß es mit Mama beſſer ge— 
worden iſt. Ich denke mir: Arzt zu ſein, und ein einziger 
ſolcher Fall, — das muß auf alle Lebenszeit einen glück— 
lichen Menſchen machen.“ 

„Du biſt ein guter Kerl, Jonas. — Ich hätte übrigens 
nicht gedacht, daß du ſpeziell ‚Medizin‘ wählen würdeſt. 
Ich dachte: Naturwiſſenſchaften.“ 

„Ja, ich ſelbſt auch, — früher. Am liebſten Zoologie. 
Aber es iſt eine ſo ungewiſſe Zukunft damit. Ein Arzt 
findet überall ſein Brot.“ 

„Das iſt richtig. Aber das allein Ausſchlaggebende 
dürfte es nicht ſein. Es kam immer noch auf die Stärke 


— 244 — 


der beſondern Neigung und Befähigung an. Wenigſtens 
für dich. Das andre war dann meine Sache.“ 

„Ich möchte aber ſo früh als es geht unabhängig 
werden, Papa. Selbſtändig.“ 

„Iſt es dir ſo unangenehm, dich von mir abhängig 
zu wiſſen, mein Junge? Es iſt nur dein gutes Recht. 
Noch lange. Ich will nicht, daß dir deine Studien durch 
irgend etwas verkürzt oder eingeſchränkt werden.“ 

Den Reſt der Fahrt ſchwiegen ſie. Jeder blickte, in 
ſeine eigenen Gedanken vertieft, zu einem andern Fenſter 
hinaus. 

Zu Hauſe, über dem Garten, dunkelte es ſchon. Aus 
dem Wohnzimmer blinkte Licht. Der ſpäte Mittag, der 
jetzt in den Abend fiel, wartete auf ſie. 

Erik legte beim Eintreten eine Handvoll blaßblauer 
Fliederzweige auf den Tiſch. Er hatte ſie in einer Hülle 
von Seidenpapier mitgebracht. 

„Aber, Erik!“ ſagte Klare-Bel vorwurfsvoll, während 
ſie doch vor Freude errötete, „etwas ſo Koſtbares und 
Ueberflüſſiges! Im ruſſiſchen April!“ 

„Ueberflüſſig?“ Er ordnete die langen Stiele ge— 
ſchickt in einem geſchliffenen Kelchglas. „Der Frühling 
iſt doch nicht überflüſſig. Und ich meinte: in einem Land— 
hauſe müßte er wenigſtens drinnen ſein, wenn er ſchon 
nicht draußen iſt.“ 

Ihre Augen füllten ſich langſam mit Thränen; ſie 
ſchlug ſie nieder, damit er es nicht ſähe. Der Frühling 
war ja drinnen eingekehrt, ihr Frühling, auf den ſie 
gewartet hatte, wie auf eine Lebenserneuerung gerade 
für Erik. Aber dieſer Frühling war blumenlos und 
froſtig geblieben. 


— 245 — 


Nein, das war ungerecht. Ungerecht gegen ihn, dem 
ſie ihre Geneſung dankte: abbittend blickte ſie Erik ver— 
ſtohlen an. Aber das mußte ſie ja ſehen: er ertrug kaum 
die Trennung, — die Trennung von Ruth. Solange 
Bel ihn glücklich geſehen, war ſie arglos und ſorglos 
geblieben. Jetzt aber lag es auf ihr, bei Tag und bei 
Nacht. 

„Haſt du Ruths geſtrigen Brief ſchon beantwortet?“ 
fragte ſie nach einer Pauſe. 

„Ja. Noch nicht völlig beendet,“ erwiderte er. 

Sie zog den Flieder zu ſich heran und vergrub ihr 
Geſicht in den duftenden Dolden. 

„Da war doch, — iſt der junge Ruſſe noch immer 
da, den ſie ſo gern haben?“ 

„Jurii? Ja. In den jetzt angehenden Ferien ſollte 
er ſogar, glaub' ich, eine kurze Zeit bei ihnen wohnen, — 
draußen am Schloßberg. Sie wollten allerlei zuſammen 
unternehmen. Römer hält viel von ihm.“ 

Eine kleine Pauſe entſtand. 

„Wie alt iſt er eigentlich, Erik?“ 

„Ungefähr zweiundzwanzig Jahre, glaub' ich.“ 

„Und gänzlich unabhängig, nicht wahr? Es handelt 
ſich für ihn nicht um ein Brotſtudium?“ 

„Nein.“ 

Erik blickte auf, ein flüchtiges Lächeln um den Mund. 
Auf den jungen Ruſſen eiferſüchtig, — nein, das war er 
unter keinen Umſtänden. 

„Eine echt weibliche Kombination, Bel. Du dachteſt 
ſchon an Brautkranz und Schleier, nicht wahr? Aber 
dafür, daß Ruth raſch mit ihm vertraut geworden iſt, 
liegt ein andrer Grund vor: er iſt ihr nicht fremd. Er 


— 


. 


— 246 — 


kennt ihren Onkel hier. Hat einmal früher mit ſeinen 
Eltern dort verkehrt, — mit ihr geſpielt, als ſie acht und 
dreizehn Jahre alt waren.“ 

Sie lehnte den Kopf zurück. 

„Es iſt nichts,“ dachte ſie, „es kann nicht ſein. 
Sonſt müßte — müßte er eiferſüchtig ſein. Trotz ſeinem 
ſtarken Selbſtvertrauen. Jugend ſucht Jugend.“ 

Nach einiger Zeit ſagte ſie bittend: „Erik! Du mußt 
nicht böſe ſein. Ich habe einen fo großen Wunſch.“ 

„Einen ſo ſchlimmen, Bel? Nun, heraus mit ihm.“ 

„Ich wünſche ſo ſehnlich, — ich möchte ſo ſehr gern, 
nur ein einziges Mal, — leſen, was du an Ruth ſchreibſt.“ 

Er antwortete nicht. Er ſtand auf und ging aus 
dem Zimmer. Gleich darauf kehrte er zurück, den faſt 
beendeten Brief in der Hand. ö 

„Du kannſt es jedesmal leſen, Bel, wenn du willſt.“ 

Ihre Augen ſtrahlten ihn ſo dankbar und beglückt 
an, daß er den Blick nicht aushielt. Er ſah hinweg. 

Es war ihm eine Pein, ſie daſitzen zu ſehen, — 
leſen zu ſehen. Am liebſten wäre er hinausgegangen. 

Er trat an das Fenſter und ſchaute in die Dunkelheit. 

Aber das Fenſterglas höhnte ihn. Was es wieder— 
gab, war noch einmal das Zimmer, mit der Lampe auf 
dem Tiſch, den zarten Fliederzweigen und der leſenden 
Frau im Lehnſtuhl. 

Klare-Bel ließ den Brief ſinken. Sie ſah betroffen aus. 

„Wie ſeltſam, Erik,“ ſagte ſie, „— ich kann mir 
gar nicht vorſtellen, daß du ſo an Ruth ſchreibſt.“ 

„Ich glaube ihr nicht anders zu ſchreiben, als ich 
zu ihr geſprochen habe,“ entgegnete er. 

„Es mag ja ſein. Aber dann kam wohl noch allerlei 


— 247 — 


hinzu, was nur im Mündlichen liegt. Dein ganzes Weſen 
kam hinzu. Du biſt ja ſo jung und friſch im Weſen, 
Erik.“ 

„Nun, — und?“ 

Er wandte ſich um. Gewiß fand Ruth ſeine Briefe 
ebenſo „entſetzlich nüchtern“, wie er die ihren. Nur aus 
einem andern Grunde: ſie konnte nicht ihr Inneres aus— 
ſprechen, — und er durfte nicht. 

„Ja, — nun, — ich weiß nicht, wie ich es be— 
ſchreiben ſoll, Erik. Aber in dem Brief da biſt du wie 
ein ehrwürdiger alter Mann, mit langem weißem Bart 
und Haar, — ungefähr ſo, wie die Kinder ſich den lieben 
Gott vorſtellen.“ 

Es durchzuckte ihn. Er mußte an Ruths Wort denken: 
„Wie Gott.“ 

Eine Fülle widerſtreitender Empfindungen wühlte es 
in ihm auf. Was für ihn wie für Ruth dieſen Briefwechſel 
nüchtern machte, — im lebhafteſten Plauderton noch kalt 
und ſtumm, — das mochten wohl zwei ganz entgegen— 
geſetzte Gefühle beim Leſen der Briefe ſein. 

Für ihn war's ein Abzug am Vollen, Menſchlichen 
ihrer Perſönlichkeit, ihres innerſten Weſens, das in Worten 
nur ſeine Oberfläche zu zeigen vermochte. Für ſie war's 
vielleicht ein Zuſatz zu ſeiner menſchlichen Perſönlichkeit, 
eine Verklärung derſelben: er hatte ihr ja auch mündlich 
ſein innerſtes Weſen verſchweigen müſſen, und gerade das 
idealiſierte ſie ſich nun vielleicht aus ſeinen geſchriebenen 
Worten, — „ungefähr ſo, wie die Kinder ſich den lieben 
Gott vorſtellen.“ 

Daher war ihm auch nie von ſelbſt das Bedenken 
gekommen, ſie könne an ſeinen Briefen ebenſoviel aus— 


— 248 — 


zuſetzen haben, wie er an den ihren. Denn er hatte ge— 
fühlt: in ſeinen Briefen ergriff ſie ſeine Hand und ging. 
an derſelben vertrauensvoll ihren Weg. Gehorſam — froh. 
Denn ſie litt doch nicht? Nein, das that ſie gewiß nicht. 

Man hatte ſie dort mit einem Leben umgeben, das 
ſie unausgeſetzt anregen, bereichern, entwickeln mußte, — 
ſie beglücken und ſie erfüllen. Und mit ihrer unbegrenzten 
Empfänglichkeit ſtand ſie mitten in dieſem Leben, — wie 
mit weit ausgebreiteten Armen. 

Nein, ſie — ſie litt nicht. 

Auch Klare-Bel war verſtummt. Wieder hing jeder 
ſeinen eigenen Gedanken nach, und wieder wurde es heute 
ein ſchweigſames Abendeſſen. Wie ſie da zu dreien bei 
einander ſaßen, eng zuſammen, in herzlicher Neigung ver— 
bunden, blieben ſie doch einander ſo weltenfern entrückt, 
daß keiner von ihnen teil hatte an der ſtummen Welt 
des andern. 

Als nach dem Eſſen Erik ſein Zimmer nicht wieder 
verließ, ſetzte Jonas, ohne Schularbeiten, ſich zur Mutter. 

„Wenn Papa nicht da iſt, muß ich ihn erſetzen,“ 
verſicherte er, „kann ich dir nicht ſchon bald faſt dasſelbe 
ſein wie Papa? Einen guten Kopf größer als du bin 
ich doch ſchon, meine kleine Mama.“ | 

Sie ſah ihn mit einem tiefen, ſtillen Blick an, den 
er nicht verſtand. Dann ſtreckte ſie ihm über den Tiſch 
ihre Hand hin. 

„Mein lieber Junge. Ja, mir kannſt du bald — 
viel ſein. Wirſt du es auch nicht vergeſſen, ſpäter, über 
all dem Studieren? Du mußt mir viel — viel Freude 
machen, Jonas.“ . 

„Ich werde dir ganz ungeheuer viel Freude machen, 


— 249 — 


4 


Mama,“ erklärte er treuherzig, „das werde ich ganz be: 
ſtimmt. Denn ich werde etwas ganz Ausgezeichnetes 
werden. Das muß ich.“ 

„Freuſt du dich ſehr auf das ungebundene, neue 
Leben draußen?“ 

„Auf draußen, — ja. Aber das mit dem ungebun— 
denen Leben finde ich gar nicht ſo ſchön. Ich finde es 
viel ſchöner ſo, wie Papa es gehabt hat.“ 

„Wie denn, mein Kind?“ 

„Nun, doch ſo ganz gebunden, Mama. Mit dir zu— 
ſammen. Das kann ich mir nämlich ſo wunderſchön aus— 
malen. Faſt als ob —. Eine Studentenſtube, — ganz 
klein braucht ſie ja nur für den Anfang zu ſein, und an 
den Wänden Bücher, und auf dem Tiſch eine Kochmaſchine 
zum Selbſtkochen. In der Ecke ein ſchönes Skelett und 
am Fenſter viele Blumen. Da ſitzt die Frau mit dem 
Nähzeug. Und bei den Büchern, da ſitze ich, — ich 
meine: ſitzt Papa.“ 

„Ganz ſo war es wohl nicht. Nicht ſo eng. Für 
Blumen und Kochmaſchinen und Nähzeug ſchwärmte Papa 
nicht ſehr. Und wenn er bei den Büchern war, dann 
mußte er in ſeinem Zimmer allein ſein. Da warſt nur 
du bei mir. In einer kleinen Wiege.“ 

„Eine kleine Wiege?“ 

Jonas wurde ziemlich rot. An dieſes Stück der 
Zimmereinrichtung hatte er noch gar nicht gedacht. Er 
ſagte etwas befangen: „Nun ja. Aber wenn du auch 
nur nebenan geſeſſen haſt, ſo war es doch das, was ihn 
fleißig machte. Und eben das denke ich mir ſo herrlich 
beim Studieren, wenn man's für jemand thut, den 
man ſo über alles lieb hat.“ 


— 250 — 


„Das ſage du Papa lieber nicht. Das würde ihm 
vielleicht mißfallen. So hat er es mit ſeinen Studien 
und Plänen wohl nie gemeint. Er war ſo ganz anders, 
als du biſt, Jonas. Aber unendlich gut und klug war 
er. Und als er anfangen mußte, ſich ums Brot zu 
plagen, und es mich grämte, da lachte er mich ſo herzlich 
aus und ſagte: ‚Laß gut ſein, Bel, ich hab' ein Mittel, 
ein Zaubermittel, um friſch zu bleiben, — mag es noch 
ſo viel Plage geben, — friſch für meine Ziele: das Mittel 
biſt du, Bel‘. Ja, jo ſagte er.“ 

Jonas ſchwieg. Er wollte den Vater nicht vor ſeiner 
Mutter herabſetzen, aber in dieſem Punkte fühlte er ſich 
ihm weit überlegen. | 

„Man kann noch tauſendmal mehr lieben!“ dachte 
er im ſtillen. 

Klare⸗Bels Gedanken aber träumten ſich, ſchmerz— 
lich und beglückt, in die Zeit ihrer Studentenehe zurück. 
Sie ſah alles vor ſich, als habe ſie es eben erſt ver— 
laſſen, und durchwanderte jeden Winkel, der ihr Glück 
beherbergt hatte. Sie ſah auch die Stube, wo er über 
ſeinen Arbeiten ſaß, und ſie ihn leiſe, — ganz leiſe mußte 
es ſein, — umſorgte. Aber gerade dieſes Bild verwiſchte 
ſich ihr, wurde undeutlich wie vor Thränen. An Eriks 
Stelle ſaß ein andrer, — ſaß Jonas; — und immer 
wieder, mit einem dumpfen Zukunftsgrauen, erblickte ſie 
ſich allein, — allein mit dem Sohn. 

Die Nacht lag Klare-Bel wach, und als ſie gegen 
Morgen einſchlummern wollte, ſchreckte der Gedanke ſie 
auf, als müſſe ſie über irgend etwas angeſtrengt und mit 
Schmerzen nachgrübeln. 

Am folgenden Tage fielen die Schulſtunden aus; 


— 251 — 


irgend einer der zahlreichen griechiſchen Kirchenheiligen 
wurde gefeiert. Erik ſetzte ſich am Vormittag mit einigen 
Büchern und Papieren ins Wohnzimmer, wo, in der Nähe 
des Kaminfeuers, ein Schreibtiſch für ihn improviſiert 
worden war. Draußen ſtöberte ein ganz feines Schnee— 
wetter aus ein paar finſtern Wolken, hinter deren blau⸗ 
ſchwarzem Rande die Aprilſonne neckend bereits wieder 
hervorlachte. Hell und dunkel glitt es über das Zimmer hin. 

Klare-Bels Augen hingen mit einem wehmütigen 
Ausdruck am Arbeitenden. Heute morgen wollte ſie ihn 
fragen. Sie hielt es nicht länger aus. Wie hatte ſie 
nur denken können, ſeine Briefe würden ihn ihr verraten? 
Denn Ruth war ja noch ſo ganz unbewußt geweſen. Zu 
ihr konnte er nicht offen ſprechen. Daher gerade der 
auffallend zurückhaltende Ton. Vor ihr verbarg er ſich 
— befangen und mühſam. 

„Wo ſteckt Jonas eigentlich?“ fragte Erik, über ſeine 
Ausarbeitungen gebeugt. Ä 

„Jonas iſt nun doch wieder zur Stadt gefahren. Er 
wollte ſo gern ſeinen Freund beſuchen.“ 

„Hoffentlich doch nicht, um wieder zu arbeiten, — 
mit dem Freunde?“ 

„Vielleicht. Laß ihn, Erik. Iſt er nicht ausgezeichnet 
geworden?“ 

„Ja. Höchſtens zu ausgezeichnet. Er hat viel vor 
ſich gebracht, das muß man dem Jungen laſſen. Sowohl 
was ſeine Fähigkeiten wie ſeine Ausdauer betrifft, hat er 
meine Erwartungen im letzten Halbjahr weit übertroffen.“ 

„Nicht nur das. Er iſt dabei ſo verſtändig ge— 
worden. Ihm ſteckt kein Unſinn im Kopf. Keine 
Kindereien.“ 


= 250 2 


„Ja. Gerade das mißfällt mir. Dafür ift er zu 
jung. Wenn er nur nicht eng wird. Mit ſiebzehn Jahren 
muß man nicht Philiſter ſein.“ 

„Ach, Erik, wenn er nur brav wird.“ 

„Das kann er immer noch. Zunächſt ſoll ſein Tem— 
perament heraus! Heidelberg wird ihm gut thun, denke 
ich, und Römers Einfluß. Man muß ſorgen, daß er 
ſich frei bewegen kann. Weder Zeit noch Geld darf ihm 
knapp zugemeſſen werden.“ 

„Wie gut er iſt!“ dachte Klare-Bel, „ja, in ſolchen 
Dingen iſt er immer unendlich gut geweſen. Würde ſich 
plagen für den Jungen, damit der lernen kann, zu genießen.“ 

Mehrere Minuten vergingen in Schweigen. Eriks 
Gedanken liefen voraus, dem Herbſt entgegen, wo Jonas 
nach Heidelberg abging. Allerſpäteſtens dann mußte er 
Ruth wiederſehen, ſie ſprechen. Vielleicht aber ſchon früher. 
Wenn Klare-Bel ſo ins Bad reiſte, daß er ſie mit Be— 
ginn der Sommerferien in Deutſchland abholen konnte. 

„Erik!“ ſagte eine Stimme neben ihm. 

Er ſah zerſtreut auf. Seine Frau ſtand am Schreib— 
tiſch — ohne ihre ſtützenden beiden Stöcke. Sie hatte 
ſich ſelbſtändig erhoben und war durch das ganze Zimmer 
zu ihm hingegangen, — allein. 

Sie hatte es heimlich geübt, mehrere Tage. 

Erik vermochte nicht gleich aus ſeinen Gedanken 
herauszukommen. Er blickte ſie nur fragend an, ohne zu 
beachten, was ihn überraſchen ſollte. 

Er bemerkte es nicht. 

Auf Klare-Bels Lippen erſtarb ein Lächeln. 

„Ich wollte dir nur zeigen, was ich kann,“ ſagte ſie, 
mit einer gewaltſamen Anſtrengung, es unbefangen zu ſagen. 


— 253 — 


Aber es mißlang. Sie erblaßte. Und plötzlich 
ſchwankte ſie und glitt dem erſchrocken Aufſpringenden 
in den Arm. 

Er führte ſie langſam zu ihrem Lehnſtuhl, beſorgt, 
über ſie gebeugt. Jetzt war er ganz bei ihr. 

„Iſt dir beſſer?“ fragte er herzlich und zog ſich einen 
der niedrigen Polſterſeſſel vom Kamin heran, „die Selb— 
ſtändigkeit bekommt dir ſchlecht, meine arme Bel.“ 

Sie ſah den Scherzenden mit einem langen, ſtillen 
Blick an. 

„Ich muß ſie doch lernen, Erik!“ entgegnete ſie 
doppelſinnig. 

Sie lehnte den Kopf müde zurück und ſchloß die 
Augen. Und ſo, mit geſchloſſenen Augen, während er 
ihre Hand feſthielt und leiſe ſtreichelte, ſagte ſie: „Siehſt 
du, — ach, Erik, es war ja gewiß recht kindiſch. Aber 
ſiehſt du, — hierauf hab' ich mich ja ſchon ſo lange ge— 
freut. Auf deine Freude, — wenn ich einmal ſo zu dir 
käme, — ohne Stütze, auf eigenen Füßen. Es war ſo 
kindiſch. Aber nun iſt mir aller Mut abhanden gekommen, 
dich zu fragen, Erik.“ 

„Wonach wollteſt du mich fragen, Bel?“ Er ſprach 
mit gepreßter Stimme, gedämpft, wie immer, wenn er 
eine Erregung niederhielt. 

„Ja, Erik, ich dachte: wenn du dich nun ſo freuteſt, 
und mich in die Arme ſchlöſſeſt, — nicht wie jetzt, weil 
ich fiel, ſondern weil ich ſtand, aufrecht neben dir ſtand, 
— dann wollte ich dich fragen, — ganz leiſe wollte ich 
dich fragen, — ach, Erik! ich kann es nicht mehr.“ 

Er faßte ihre beiden Hände in die ſeinen und blickte 
durchdringend, mit geſpannteſter Aufmerkſamkeit in das 


— 254 — 


erblaßte Geſicht mit den feſt geſchloſſenen Augen. Sein 
Herz ſchlug hart gegen die Bruſt. 

„Ich will es dir ſagen, Bel!“ erwiderte er feſt, ohne 
den Blick von ihr zu laſſen, „wenn es dich gequält hat, 
dann muß es ſein. Haſt du den Mut, es zu hören? Willſt 
du es?“ 

Sie ſchlug ihre Augen auf, — hilflos, thränen— 
geblendet, — hilflos wie ein geſtelltes Wild vor dem Schuß. 

„Erik!“ ſtieß ſie flüſternd heraus, und das Entſetzen 
vor ſeiner Antwort vergrößerte ihre Augen, „— Erik, 
liebſt du ſie?“ 

Da beugte er den Kopf tief nieder auf ihre Hände. 

„Ja, Bel,“ ſagte er laut. N 

In demſelben Augenblick durchflutete ein ſo breiter 
Sonnenſtrom das ganze Zimmer, daß Klare-Bels Lider 
ſich unwillkürlich davor ſchloſſen, in einem abergläubiſchen 
Erſchrecken, wie wenn der Himmel ſelbſt Zeugnis ablegen 
wollte für Eriks Liebe. Blau lachte es herab, und wie 
ein blitzendes Goldnetz von Tauperlen blinkten die raſch 
zerronnenen Schneefederchen über dem Garten. So warm 
ſpielten die hellen Sonnenſtrahlen über den Fliederſtrauß 
am Fenſter hin, als ſei er draußen vom Strauch ge— 
ſchnitten. 

„Dunkel,“ bat Klare-Bel leiſe, „— ich möchte auf 
mein Bett, — mach's dunkel.“ 

Er hob ſie aus dem Stuhl und legte ſie in ihrem 
anſtoßenden kleinen Gemach auf ihr Bett, hinter welchem 
er die Fenſtervorhänge aus den Klammern löſte und 
zuzog. 

Sie ſuchte nach ſeiner Hand. 

„Die Briefe, Erik, — wie du ihr geſchrieben haſt, — 


war es lauter Verſtellung? Oder halt du ihr — haft du 
nicht auch anders geſchrieben? Niemals?“ 

„Ich habe ihr auch anders geſchrieben, Bel. Ganz 
anders. Jedes einzige Mal, daß ein ſolcher Brief an ſie 
abging. Aber es war nur für mich allein. Sie hat's 
nie geleſen.“ . 

„Du haſt es nicht abgeſchickt? — Haſt du dieſe Briefe 
noch, Erik?“ 

„Nein. Ich habe ſie jedesmal, ſobald ſie geſchrieben 
waren, vernichtet.“ 

„Wozu haſt du es dann nur gethan, Erik?“ 

„Es half mir.“ 

Faſt hätte er hinzugefügt: „Ich liebe ſie ja, Bel! 
Ich liebe ſie! Ich mußte zu ihr ſprechen.“ 

Nach einer Weile ließ Klare-Bel ſeine Hand los und 
ſagte leiſe: „Und ich hatte keine Ahnung, — nein, keine 
Ahnung hatte ich, daß du ſie um deswillen von dir gabſt. 
Nun erſt weiß ich es.“ 

Er richtete ſich betroffen auf. Mißverſtand ſie ihn 
jetzt nicht? Meinte ſie nicht, er habe Ruth von ſich ge— 
geben um ihretwillen? um Herr zu werden ſeiner Liebe? 

Mußte er ihr die letzte, die tödlichſte Kränkung zu— 
fügen: „Nicht an dich habe ich dabei gedacht.“ 

Ja, einmal mußte auch das ſein. Aber mußte es 
heute ſein? Alles heute? Litt ſie nicht genug, — maßlos? 

Er vermochte es nicht. 

Da Klare-Bel nicht mehr zu ihm ſprach, trat er 
von ihrem Bett zurück, an die offene Thür des Wohn— 
zimmers. 

Gräßlich war es, einen Wehrloſen niederzuſchlagen 
mit der Fauſt. Das Mitleid überfiel ihn mit nie gekannter 


— 256 — 


mitleidsloſer Macht, — mit einem nie gekannten wehen, 
elenden Gefühl umkrallte es ihn. | 

Das Kaminfeuer knatterte hoch auf unter kurzen Wind: 
ſtößen; der Himmel hatte ſich längſt wieder verfinſtert. 
Von neuem ſtäubte ein feiner Schneeſchauer um das 
Fenſter, — dasſelbe Aprilſpiel wie zuvor. 

Erik warf gedankenlos eine Handvoll Tannenzapfen 
in die rote Glut, und ein ſchwacher Duft, den er liebte 
wie keinen andern, — ein Duft nach Wald und Weih— 
nachten verbreitete ſich in der Stube. Unwillkürlich dachte 
man ſich den kahlen, kalten Garten im Winterfroſt und 
einen geputzten Chriſtbaum in der Zimmerecke. 

Weihnachten, — — — auch in dieſem Winter hatten 
ſie den Baum geſchmückt und ſich um ihn geſchart, aber 
zum erſtenmal hatten ſie ſich wie drei arme Erwachſene 
gefühlt, die am Feſt der Kinder leer ausgehen. Erik, der 
zu beſchenken wußte, wie nur ein Knecht Ruprecht, und 
ſich zu freuen, wie nur ein Kind, war karg, — war 
wortkarg geblieben. 

Es kam ihm ſelbſt ſonderbar vor, daß ſich ſein Mit— 
leid an lauter ſolche kleinen, kleinlichen Rückerinnerungen 
heftete. ö 

Langſam begann er im Zimmer auf und ab zu gehen. 

Nicht daß ſie jetzt dalag und litt, — aber daß ſie ſo 
lange — lange umſonſt auf ſeine Freude gewartet hatte, 
in ſeinen Zügen nach Freude geſpäht, all dieſe Monate 
hindurch, — das erſchütterte ihn ſo tief. Geneſen war 
ſie, — wie ein ſtrahlender Weihnachtsbaum hätte das mitten 
unter ihnen ſtehen ſollen zu jeglicher Stunde, lichterblitzend, 
mit tauſend neuen kleinen Freuden geſchmückt. Und ſie 
hatten ſich nicht wie frohe Kinder darum geſchart — —. 


Klare-Bel lag noch immer und ſchwieg. Er mochte 
nicht zu ihr hineingehen, er mochte nicht fortgehen. Noch 
immer ging er auf und ab, wie ein Verurteilter. 

Endlich kam Jonas. Die Stufen zur Terraſſe ſprang 
er herauf und hielt ſchon am Fenſter zwei Briefe in der 
Hand hoch. Beim Eintreten in das Wohnzimmer warf 
er ſie auf den Eßtiſch. 

„Wo iſt denn Mama? Mehr war nicht in der Stadt⸗ 
wohnung im Briefkaſten. Zwei an dich.“ 

„Mama iſt nicht ganz wohl. Sie liegt auf ihrem Bett.“ 

Während Jonas ans Bett trat, leiſe, auf den Fuß— 
ſpitzen, griff Erik nach den Briefen. Der eine von Frau 
Römer, der andre von Warwara. Ohne zu wiſſen, warum, 
erbrach er Warwaras kurzes Billet zuerſt: die Bitte, 
morgen bei ihr zu ſpeiſen; ſie bäte um Nachrichten über 
Bels jetziges Befinden und wünſche auch, ihm eine Mit— 
teilung zu machen; in etwa einer Woche verreiſe ſie bereits 
ins Ausland. 

Erik ſetzte ſich an das Fenſter und öffnete Frau Römers 
Brief. Ein längerer als ſonſt. Acht Seiten. 


„Lieber Freund! 


Heute ſchreibe ich in einer beſondern Angelegenheit, 
die unſre Ruth betrifft. Aber erſchrecken Sie nicht, denn 
erſtens iſt es nichts zum Erſchrecken, und dann iſt es auch 
noch keine Wirklichkeit, ſondern vorläufig nur eine Mög— 
lichkeit. 

Sie erraten wohl, daß es ſich um Jurii handelt. 
Ich wußte wohl von ſeiner jugendlichen Schwärmerei für 
Ruth, ohne ſie beſonders zu beachten. Dergleichen iſt am 
Ende kein Unglück für einen jungen Menſchen. Jetzt aber 


Lou Andreas⸗Salomé, Ruth. 


— 258 — 


glaube ich, daß er Ruth ernſthaft liebt, und daß er im 
Begriff ſteht, um ſie zu werben. Dies iſt nun von ge— 
ringem Intereſſe für Sie, es ſei denn, daß Ruth ihn 
wiederliebt. Dafür habe ich keinerlei ſtichhaltigen Beweiſe. 
Aber das Wunderliche iſt, daß man nie ganz ergründen 
kann, was in Ruth vorgeht, und wie ſie in ihrem innerſten 
Herzen denkt. Nie ſah ich einen Menſchen, der offener, 
nie einen, der verborgener geweſen wäre als ſie. Offen: 
bewußt; verſchloſſen: unbewußt. Es iſt, als führe ſie, 
noch hinter allem andern, was ſichtbar wird, ein geheimes 
Eigenleben für ſich, von dem ſie ſelbſt nicht recht weiß, 
aus dem aber dennoch alle entſcheidenden Gefühle und 
Gedanken bei ihr kommen. So könnte ſie recht gut ein— 
mal ſich ſelbſt zur Ueberraſchung handeln, — ihrer ganzen 
klaren, friſchen, heitern Unbefangenheit zur Ueberraſchung, 
— und gerade damit ihr eigentlichſtes Selbſt erſt zum 
Ausdruck bringen. — 

Aber nun zu Jurii. Ich kann über ihn nur Gutes, 
ja Vortreffliches mitteilen. Ich kann es nur in die Worte 
faſſen: hätt' ich eine Tochter, — mir ſollt's recht ſein. 
Er iſt brav, ſympathiſch, ſehr begabt, ernſt in der Rich— 
tung ſeines Weſens und ſeiner Intereſſen. Gänzlich un— 
verdorben. Dazu kerngeſund und ein bildhübſcher Junge. 
Das iſt viel auf einmal. Ueber Familie und Verhältniſſe 
wurde Ihnen ſelbſt ſchon das Beſte bekannt. Seine große 
Jugend iſt kein Fehler, da Ruth denſelben mit ihm teilt, 
und da die Zeit ihn ſo gründlich heilt. 

Aber glauben Sie, bitte, trotzdem nicht, daß meine 
Wünſche Ruth vorauslaufen, — auf Kupplerfüßen laufen. 
Ich wünſchte nur, Sie rechtzeitig vorzubereiten, damit Sie 
überlegen, wie Sie ſich zur Sache ſtellen wollen. Denn 


— 259 — 


gegen Ihren Willen, — nein, auch nur ohne Ihren vollen 
Willen, — würde ja wohl Ruth nie etwas thun —“ 

Erik las nicht weiter. 

Er überflog die nächſten Seiten: ſie handelten nicht 
mehr hiervon. 

Ruths Schweigſamkeit, — war ſie doch gewollt, be— 
wußt? Abkehr von ihm, eine ſtille Wandlung? 

Er glaubte ſeinen eigenen erwachenden Zweifeln nicht. 
Aber ſie kamen wieder. Hell und dunkel, Licht und Schatten 
glitt es über ſeine Gedanken hin, wie draußen. 

„Aprilwetter, — in mir! um einen Knaben!“ mur— 
melte er im Zorn über ſich; „in Angſt um eine April— 
laune, — in Angſt, in den April geſchickt worden zu ſein!“ 

Er war ſo zornig, ſo ungerecht als , gegen 
ſie, gegen ſich ſelbſt. 

Beim Heraustreten aus dem Zimmer der Mutter ſah 
Jonas den Vater über die Terraſſe in das Schneegeſtöber 
hinausgehen. 

Und Klare-Bel wollte ruhen, wollte allein ſein. 

So ſchlich er ſich in ſeine Stube. 

Als Erik nach ein paar Stunden nach Hauſe kam, 
bemerkte Gonne gegen ihn, die Frau habe ſich zur Ruhe 
begeben, ſie ſei krank. 

Erik ging zu ihr. 

Sie ſaß aufrecht im Bett; auf dem Tiſchchen daneben 
lagen Bücher. Im Nachtjäckchen, ihre kleine Haube auf 
dem, wie zur Nacht, glatt zurückgeſtrichenen blonden Haar, 
ſah ſie ihm verwirrt und angſtvoll entgegen. Als fürchte 
ſie ſich vor ihm. Als ſchäme ſie ſich vor ihm. 

Er ertrug es nicht. Er beugte ſich über ſie, das 
Geſicht auf ihren Händen, und küßte dieſe. 


— 260 — 


„Bel, — Bel, — verzeihe mir.“ 

Sie gab ſich Mühe zu lächeln; es war ein merk— 
würdiges, ſchwaches, kleines Lächeln, das dabei herauskam. 
Und nun wurde ſie dunkelroth. 

„Ach, Erik, — nicht ſo. Es iſt mir zu — es iſt mir 
ſo ungewohnt. Schrecklich iſt es mir. Sprich nicht ſo 
zu mir.“ 

Er ſetzte ſich neben ſie, auf den Stuhl an ihrem Bett. 

„Laſeſt du, Bel?“ fragte er zerſtreut, gepeinigt. 

„Ja, Erik. Du mußt nicht böſe darüber ſein. Es 
find jo alte Bücher, — die alten, weißt du? Aber neu: 
lich fand ich einmal etwas, und das machte mich ſo glück— 
lich. Das ſuchte ich mir heute auf. Es iſt ſo ſchön zu 
leſen, Erik.“ 

Sie ſprach raſch, befangen, wie ein verlegenes Mädchen. 

Er blickte nieder auf die Bücher. Ein goldenes Kreuz 
auf dem einen. Und das andere: P. A. de Geneſtets 
„Laiengedichte“, — dieſe echt holländiſchen Lieder, in denen 
Trotz und Glaube, Troſt und Zweifel ſich ſeltſam genug 
miſchen. 

„Ich hatte ſie ſo völlig vergeſſen, alle beide. Weiß 
ſelbſt nicht, wie nur. — Wie gut, daß ſo etwas dableibt, 
ob man es auch vergißt. Sie waren ſo verkramt, und 
ganz ſtaubig, als ich ſie neulich fand. — Willſt du mir die 
‚Laiengedichte‘ herreichen, Erik? Ein Leſezeichen liegt drin.“ 

Er ſchlug das Buch auf und reichte es ihr. Das 
Leſezeichen fiel dabei heraus. 

„Höre nur, — Erik, — nur einige Verſe, magſt 
du? Auch du mußt es ſchön finden. Es heißt ‚Peinzens- 
moede‘. Es ſollte wohl heißen: „Ich glaube, Herr, hilf 


wu 


meinem Unglauben‘. 


— 261 — 


Und ſie las mit ihrer ſanften Stimme: 


„Wo — wo ſind die Prieſter, 
Die dich erklärten? 
In Rätſeln wandelt 
Der Menſch auf Erden. 
Geheimnis — das Leben, 
Geheimnis — der Tod, 
Die Schöpfung, ſie predigt 
Keinen liebreichen Gott. 
Natur nur umgibt dich, 
Die nicht auf dich hört, 
Gleichviel ob ſie wohlthut 
Oder ob ſie zerſtört. 


Und doch, — niſten Zweifel 
Mir auch in der Bruſt, — 
An dich, meinen Vater, 
Glaub' ich unbewußt. 

Nicht weil deine Schöpfung 
Dein Lieben enthüllt, — 
Nein! nein! nur trotz allem, 
Dem Zweifel entquillt! 
Trotz jeglichem Rätſel, 

Trotz jeglicher Not, 

Trotz Angſt und Verderben, 
Trotz Schmerzen und Tod! 


Ich ſchmachte, vom Schickſal 
Zu Tode getroffen, 
Meine Hoffnung iſt Wehmut, 
Meine Wehmut iſt Hoffen. 
Ich will's — will es glauben, 
Daß ich deine Hand 
Im Leben wohl ſpürte, 
Nur ſie nicht erkannt; — 
Will's glauben, was Kirche 
Und Prieſter mich lehrten: 
Daß niemand umſonſt dich 
Geſucht hat auf Erden.“ “) 


) Frei nach dem Holländiſchen. 


Sie jaß da und las, den Kopf mit dem weißen 
Nachthäubchen andächtig geſenkt, die Hände auf der Bett: 
decke gefaltet. Die Röte der Befangenheit, der verlegene 
Ausdruck wichen langſam von ihrem Geſicht; rührend und 
vertrauensvoll ſah ſie aus, wie ein Kind, das ſeiner 
Mutter ein Gebet nachſpricht. 

Und ſo nackt legte ſie auch jetzt noch ihre Seele, — 
in all ihrer Hilfloſigkeit und zagenden Hoffnung, vor ihn 
hin, — ohne jeden falſchen Stolz. Sie kannte es nicht 
anders. | 

Erik hielt noch immer das Leſezeichen in der Hand 
und betrachtete es geiſtesabweſend. Ein recht unpaſſendes 
hatte ſich da ins Buch hinein verirrt: ein nackter Amor 
mit einem großen Roſenbouquet. 

Während er aber ſtumm darauf hinſchaute, ſprach 
er in Gedanken zu Klare-Bel, unterbrach ſie im Leſen, 
nahm ihr das Buch aus der Hand. Er war ganz ein— 
genommen von dieſem wortloſen Zwiegeſpräch: „Dieſer 
Titel gehört ſicher nicht über deinen Glauben und deine 
Zweifel, Bel; ‚Peinzensmoede‘ bedeutet ja: des Sinnens, 
des Grübelns müde. Wann hätteſt du das gekannt? 
Ein vom Zufall der Erziehung läſſig dir übergeworfenes 
Kleid, — ein durch einen Zufall deiner Ehe läſſig von 
dir abgeglittenes Kleid: das war in deinem Leben der 
Glaube.“ 

Und in Gedanken hörte er Klare-Bel: „Woran ſoll 
ich denn aber noch glauben, Erik? An dich? Doch nicht 
an dich? Von wo einen Halt nehmen? Du warſt mein 
Halt. Ach, der hält nicht! Er biegt ſich unter meiner 
Hand hinweg, und läßt mich ſtürzen. Soll ich mir ſelbſt 
ein Leid anthun? Dich ermorden? Sie vergiften? Ich 


— 263 — 


bin keiner von den Menſchen, über denen die Leiden— 
ſchaften vernichtend zuſammenſchlagen. Bin ich dadurch 
nicht nur hilfloſer? Meine tiefſte Verzweiflung heißt Hilf: 
loſigkeit; — das Taſten nach einer Stütze: mein letzter 
klarer Gedanke. Warum verwehrſt du es mir?“ 

„Weil ich dieſe Stütze haſſe, — dieſen Halt, der 
mich erſetzen ſoll. Nein, weil ich mich deſſen ſchäme, — 
daß er mich erſetzen muß. Weil ich kein Mitleid mehr 
mit dir habe, — nur noch Zorn und Haß und Scham 
vor mir ſelbſt.“ — — — — — — — — — — — 

Klare-Bel ſchaute von ihrem Buch auf, unſicher ge— 
macht durch ſein Schweigen. 

„Iſt es nun nicht ſchön, Erik?“ fragte ſie leiſe, 
beinahe bittend, „— mich macht es glücklich.“ 

„Dann iſt es ſchön, Bel!“ ſagte er ſanft. — 

Aber ſeine Stimmung war nicht ſanft. Den ganzen 
Abend ſchlug er ſich mit einer ihm fremden Pein herum. 
Schon am Vormittag, — als er ſeine Frau nicht ſofort 
über ihr Mißverſtändnis aufklärte, ſondern ſich edler 
nehmen ließ, als er war, — und jetzt wieder, wo ſeine 
Lippen anders redeten, als ſeine beſchämten, zornigen 
Gedanken, — hatte er gegen ſeine innerſte Natur gehandelt, 
ſich paſſiv verhalten, die Dinge gehen laſſen. Nicht aus 
einer Weichlichkeit des Mitleids, — aus gerechter Ueber— 
zeugung: ob es ihm ſympathiſch oder widerwärtig war, 
durfte nicht in Betracht kommen gegenüber dem, was 
Klare-Bel durch ihn erleiden mußte. 

Er hatte ſich unausweichlich in die Lage gebracht, 
gegen ſeine eigenſte Natur handeln zu müſſen. 

Den nächſten Tag bedurfte Erik einer gewaltſamen 
Willensanſtrengung, um ſeine Gedanken von allem los— 


— 264 — 


zureißen, was ihn quälte, und auf ſeine Arbeit zu richten. 
Bald ſah er Bel als Betſchweſter vor ſich, bald Ruth 
als Braut; Hohn und Erbitterung erfüllten ihn. In 
beiden Fällen war er der entthronte König. 

„Einen neuen Gott die eine, — einen neuen Mann 
die andre, — es iſt faſt dasſelbe!“ dachte er und erſchrak 
ſelbſt vor der Häßlichkeit ſeiner Gedanken. 

In einer Pauſe zwiſchen ſeinen Schulſtunden, während 
welcher er in der Stadtwohnung vorſprach, zog er Frau 
Römers Brief aus ſeinem Taſchenbuch. Er hatte ihn nicht 
einmal ganz geleſen, — nur durchflogen, — und jetzt kam 
ihm das Gefühl: es müſſe wohl thun, dieſe Frau reden zu 
hören, bei ihr Ruhe zu finden vor all dem Häßlichen, was 
in einem Menſchen aufgewühlt werden kann. 

Und er las weiter: 

„Es iſt ja nicht notwendig, daß Ruth ſich ſchon ſo 
jung bindet. Vielleicht wird ſie ſich erſt viel ſpäter ver— 
heiraten, — vielleicht nie. Nun ſehen Sie, dies wäre 
nicht wünſchenswert. Ich weiß nicht, wie Sie darüber 
denken. Ich ſpreche als glückliche Frau naturgemäß für 
die Ehe. Aber ich habe gut reden: ohne meinen Mann 
wäre ich wohl ein nichtsnutziges Ding geblieben, — mit 
etwas Intereſſe für Tand und einer großen Leere im 
Herzen. Ich glaube, Sie legen einen Hauptwert auf 
Ruths geiſtige Entwickelung. Ich auch. Aber dazu ver— 
hält ſich ein frühes glückliches Liebesleben nicht als Gegen— 
ſatz, ſondern als die einzige geſunde, natürliche Grundlage 
auch des Geiſtesſtrebens im Weibe. Nicht nur damit ſie 
Gehilfin des Mannes ſei. Häufig langt es ja gar nicht 
zu mehr. Wo es aber langt, — deſto beſſer. Von meinem 
Mann glaube ich beſtimmt, daß er mich im Ergreifen 


eines jeden Berufes unterſtützt hätte, zu dem eine ent— 
ſprechend große Befähigung vorhanden war. Nicht aus 
reiner Selbſtloſigkeit natürlich. Liebe iſt nicht ſelbſtlos. 
Wohl aber, um den ganzen friſchen Duft, die ganze Fülle 
und Freude um ſich zu haben, die nur derjenige Menſch 
auf ſeine Umgebung ausſtrahlt, der voll erblüht. Und 
daß zwei Blüten bei einander ſtehen wollen: das bedeutet 
ja wohl ‚Ehe —.“ 

Erik ſprang auf und warf den Brief auf den Tiſch. 
Etwas ganz andres, als er geſucht, hatte er darin gefunden, 
— etwas ganz Unerwartetes: einen unbewußten Vorwurf. 

Seine Ehe mit Bel, das waren keine zwei ſelb— 
ſtändigen Blüten, die zuſammenſtanden: das war eine 
Blüte, die einen Tautropfen aufgeſogen, der unvorſichtig 
in ihren Kelch gefallen war. 

So würde es wohl Frau Römer ausdrücken. 

Römers ſtanden eben von vornherein anders zu 
einander. Sie bewunderten ſich gegenſeitig, — eigentlich 
war es rührend. Man konnte nicht recht darüber lächeln: 
man mußte dieſe beiden Menſchen achten. 

Bel konnte aber nicht mit Frau Römer verglichen 
werden. Als er ſie fand, ein Jahr älter als er ſelbſt, 
ſinnbethörend ſchön, bereits fertig mit ihrer kurzen Ent— 
wickelung, — ein in gewiſſer Weiſe viel fertigerer Menſch 
als er, — was hätte er da wohl andres thun können, 
als dürſtend in ſich aufzuſaugen, was, nach Selbſtunter— 
gang ſehnſüchtig, ſich ihm darbot? 

Aber wenn man einen ſchwächern Menſchen ſo abſolut 
in ſeinen Beſitz nimmt, ſo fühlt man die furchtbare 
Verpflichtung: ihn nicht wieder von ſich zu löſen. Man 
ſtellt ſich für das ganze Leben in einen Kampf hinein 


— 266 — 


zwiſchen Scham und Mitleid, bei jedem leiſeſten Ver— 
ſuch, ſich dieſer Verpflichtung zu entziehen. 

Wahrſcheinlich würde das Frau Römers Meinung 
ſein. — Auch — Ruths Meinung? Ruth grübelte nicht 
über ſolche Fragen. Aber was täglich, ſtündlich auf ſie 
wirkte, ſie beeinfluſſen mußte, mächtiger als alle Worte, 
alle Grübeleien, — das war Frau Römers Ehe. Eine heilig 
gehaltene, glückliche Ehe. 

Sobald ſein Unterricht ihn freiließ, ging Erik zu 
Warwara. Mehr, als er es ſich ſelbſt geſtehen wollte, 
war es ihm recht, jetzt noch nicht nach Hauſe zu fahren. 

Als Erik gemeldet wurde, entfernte ſich eine lange, 
hagere Engländerin, Warwaras Geſellſchafterin, aus dem 
Zimmer. 

„Sie ſehen ganz beſonders ernſt aus,“ bemerkte er 
bei der Begrüßung zu Warwara, „es iſt Ihnen inzwiſchen 
doch nichts Unangenehmes paſſiert?“ 

Sie mußte hell auflachen. 

„Etwas paſſiert, — ja. Aber man zählt es nicht 
zum Unangenehmen.“ 

„— Verlobt?! — war das die Mitteilung?! — Mit 
wem?“ 

Sie ſetzte ſich in ihre Plauderecke. „Gleichviel, mit 
wem. Ein Ihnen ganz Fremder. Im Auslande. Sie 
werden es auf einer ſchön geſtochenen Verlobungskarte leſen.“ 

„Und darf ich Ihnen Glück dazu wünſchen, Warwara?“ 

„Wie meinen Sie das?“ 

„Ich meine natürlich, ob Sie das Geringſte für den 
Mann fühlen, den Sie heiraten wollen.“ 

„Daran zweifeln Sie?“ 

Er ſchwieg. 


„Ich will es Ihnen jagen. Dazu rief ich Sie ja 
her. Ich hab' ihn gern. Sehr gern. Aber mir wird 
nicht heiß und kalt, wenn ich an ihn denke.“ 

„Und das ſcheint Ihnen zu genügen. Es genügt 
nicht, Warwara.“ 

„So will ich Ihnen noch mehr eingeſtehen. Was 
ich in der Ehe ſuche, — das Glück, das ich ſuche, — iſt 
nicht der Mann.“ 

„Sondern?“ 

Sie ſtand auf und trat an ihren Blumentiſch, mit 
deſſen Pflanzen ſie ſich zu ſchaffen machte. 

„Das Kind.“ 

Erik ſchwieg überraſcht. 

Nach einer kurzen Pauſe ſagte ſie: „Es iſt ein ſehr 
vertrautes Geſtändnis. Aber ich bin mit Ihnen ſehr 
vertraut, — mehr, als Sie wiſſen. Hab' Sie oft ſo im 
ſtillen bei mir ſelbſt um allerlei Rat gefragt. Sie zum 
Beichtvater und Seelſorger gehabt. Wir hätten öfter, 
als wir gethan, ernſte Dinge miteinander teilen ſollen.“ 

„Das hätte mich ſehr froh gemacht, Warwara. Schon 
das, was Sie da ſagen, macht mich froh. Ich bedurfte 
gerade deſſen.“ 

„Nun, ſehen Sie, das iſt gut. So will ich's auch 
ruhig bekennen. Daß ich wirklich nur ein ganz armes 
Weltkind bin, voll von allerlei Tand und Plunder. Und 
daß ich gern mehr ſein möchte. Vielleicht dank Ihnen, — 
dank den ſtillen Unterhaltungen, die ich da mitunter mit 
Ihnen geführt habe. Und ſo will ich mir denn nun den 
einzigen Erzieher und Meiſter erſehnen und erwünſchen, 
der aus mir noch das Beſte machen kann, — das Beſte, 
was in mir iſt.“ 


„Das alles erwarten Sie von einem Kinde.“ 

„Von der Mutterſchaft — ja. Von der Mutterliebe. 
Dem Mutterglück. Der Mutterpflicht. — Und dann,“ 
ſie wandte ſich lebhaft zu ihm, „irgend wann einmal, 
wenn ich wirklich ſo glücklich ſein ſoll, dann gebe ich 
mein Kind in Ihre Hand, damit Sie es zu einem tüch— 
tigen Menſchen heranziehen helfen, Sie Menſchenlehrer.“ 

„Hätten Sie das Vertrauen zu mir? Ein ſo feſtes? 
Einen ganz feſten Glauben an mich? Ich danke Ihnen, 
Warwara.“ 

„Ja. Ich traue Ihnen und Ihrer Kraft unendlich 
viel zu. Unter der einen Bedingung: daß Sie Ihre Auf— 
gabe ſehr lieben.“ 

„Mit andern Worten, keine Kraft zur Pflichttreue.“ 

„Das weiß ich nicht. Ich glaube nur, trotz allem, 
daß Sie im Grunde Gemütsmenſch ſind. Und das heißt 
doch nur: ſehr lieben können, — Menſchen oder Ideen, — 
und da, wo man ſehr liebt, ſich rückhaltlos verſchenken 
können. Hingegen all das andre, was Sie bisweilen mit 
ſolchem Selbſtvertrauen zu behaupten pflegen, — all die 
Sicherheit und Unfehlbarkeit außerhalb dieſer leitenden 
und entſcheidenden Gefühle, — nein, — daran glaub' ich 
auch für Sie nicht.“ 

„Sie ſind eine große Philoſophin geworden,“ be— 
merkte er halblaut. 

„Wie? Sie geben's mir zu?” fragte fie überraſcht, 
„welch ein fremder, guter Geiſt der Nachgiebigkeit iſt 
denn nur über Sie gekommen? Aber es iſt wahr, warum 
ſollten auch Sie es nicht einmal fühlen, wie abhängig 
wir alle vom Glück find, — wir armen Weltkinder 
alle? Vom fruchtbaren Erdfleckchen, auf dem auch für 


u, Do 


uns noch ein ganzes Glück, eine ganze Liebe, — und 
dadurch allein! — auch eine ganze Pflicht und Heiligkeit 
wachſen kann.“ 

„Und wenn wir dies Erdfleckchen, gerade dies, nicht 
bebauen dürfen?“ 

„Dann verdorren wir, — oder verſchleudern uns. 
Wenigſtens ich. Und Sie auch.“ 

Ein Diener erſchien in der Portierenthür und bat 
zur Tafel. 

Warwara ſtand auf. 

„Geben Sie mir den Arm. So ernſt? Ich habe 
Sie doch nicht verletzt?“ 

„Nein. Sie haben ganz recht. Hatten recht, als 
Sie einmal vor langer — ſehr langer Zeit zu mir ſagten: 
„Wir haben eine gemeinſame Verſuchung.“ Es erkennen, 
heißt hart werden, — gegen alles, was uns hindert, uns 
fruchtbar auszuleben.“ — 

Auf dem Lande ſaßen Klare-Bel und Jonas neben— 
einander bei Tiſch. Jonas fand: einander gegenüber, 
das ſei zu feierlich. Es machte ihm Spaß, dabei die 
Mutter zu bedienen und ihr vorzulegen, von allem das 
Beſte. Er war bemüht, ſie zu unterhalten. 

Klare-Bel hörte nicht recht hin; ihre Blicke hingen 
an einem Brief, den Jonas mitgebracht hatte. Er war 
erſt nach Eriks Anweſenheit in der Stadtwohnung dort 
eingelaufen. 

Von Ruth. Ganz außer der Zeit. Klare-Bel konnte 
eine ſchwache, thörichte Hoffnung nicht unterdrücken, die 
mitten in Jonas' harmloſes Geplauder hineinredete. 

Als Erik, bald nach dem Abendthee, zu Hauſe ein— 
traf, bemerkte er ſofort den Brief, der für ihn bereit lag. 


— 270 — 


Sein Blick ſtreifte Jonas, — flüchtig nur, — aber Jonas 
ſtand ſofort auf, um hinauszugehen. Der Vater wußte 
doch ganz gut, wie ſchwer ihm das fiel, — aber er ſollte 
ihm nicht noch einmal, wie in jener Nacht vor Ruths 
Abreiſe, Mangel an Selbſtbeherrſchung vorwerfen. Jonas 
gehorchte ihm jetzt immer blind, — auf den Wink; denn 
ſchickte er ihn auch aus dem Zimmer: er führte ihn ja 
doch den Weg zu Ruth. 

Klare-Bels Augen hingen mit unausſprechlicher Span— 
nung an Erik, während er den Brief erbrach. Eine 
einzige Sekunde, — die Seite umgeriſſen, — eine zweite, 
blitzſchnell, — und er ballte das Papier in der Hand. 

Er war grau im Geſicht. 

„Erik! was iſt es? — etwas Schlimmes, — für 
dich Schlimmes, — Erik!“ 

Sie entſetzte ſich vor dem veränderten Ausdruck in 
ſeinen Zügen. 

Er entfaltete das Papier wieder, nur die Hand ballte 
er. Vor ſeinen Gedanken ſchwirrten vier Worte: „Ich 
habe ihn lieb“, und, am Schluß, etwas wie „den Kuß 
gab ich ihm“, — mehr hatte er nicht geleſen. Er biß 
die Zähne aufeinander. 

Das zu leſen, jetzt, vor den Augen ſeiner Frau. 

Er las es, aufrecht ſtehend, hell beleuchtet, vor der 
Lampe. 

„Am Schloßberg. Dienstag. 

Ich ſoll Ihnen von Jurii ſchreiben, ſagt Frau Römer. 
Ob ich ihn lieb habe. Ich habe ihn lieb. Und ich ſoll 
alles ſo erzählen, wie es geweſen iſt. Es iſt ſo geweſen: 
Um den Schloßberg ſtürmte und regnete es. Ich durfte 
nicht in die Stadt hinuntergehen, weil ich mit Huſten zu 


= DI 


Bett gelegen hatte. Ich ging aber doch hin, um mir ein 
Buch für meine Arbeit zu holen. Unten fand ich Jurii, 
und er brachte mich nach Hauſe. Wir gingen unter einem 
Schirm und mußten uns gut zuſammendrücken. Es war 
aber ſehr glatt, und Jurii mußte immer nur achtgeben, 
daß ich mit den Galoſchen nicht ins Rutſchen kam. Da 
ſagte Jurii zu mir: Ich liebe Sie. Ich liebe Sie jo 
ſehr. Werden Sie, bitte, meine Frau.“ Das ſagte er 
aber ruſſiſch, und darüber fing ich an zu lachen, denn 
wir ſprechen ja immer deutſch. Da ſagte er noch: Ich 
weiß jetzt, daß Sie mich nicht wiederlieben. Dann gibt 
es kein Glück mehr auf der Welt. Sterben möcht' ich.“ 
Darüber, daß er ſterben wollte, wurde ich ganz traurig, 
und er wurde es auch. Wir achteten nicht mehr auf 
den Schirm und auf die Galoſchen, ich verlor einen, und 
der Regen lief uns in den Rücken. Frau Römer ſchalt 
ſehr, als wir pudelnaß ankamen, ſteckte mich ins Bett 
und kochte heißen Thee auf. Ich lag und weinte, denn 
ich wußte nicht, wie ich es anfangen ſollte, damit wir 
wieder vergnügt ſein könnten. An derſelben Wand ſtand 
aber im Nebenzimmer ein Diwan, und da lag jemand und 
that dasſelbe. Frau Römer kam herein, und horchte, 
ob nebenan auch jemand weinte, und lächelte etwas und 
ſagte, wir wären rechte Kinder. Darauf ſetzte ſie ſich an 
mein Bett und ſtreichelte mein Haar zurück (das thut ſie 
gerade ſo wie Sie) und fragte: ob ich Jurii denn nicht 
ein wenig lieb hätte. Ich ſagte: „Ja.“ Da ſagte ſie: 
Ich meine es anders. Denke einmal nach, was dir 
das Schönſte auf der ganzen Welt iſt? gehört Jurii dazu?“ 
Ich dachte nach und ſagte, das Schönſte auf der ganzen 
Welt ſei ja, daß ich Ihr Kind ſei. Darauf ſagte ſie: 


— 272 


„Vielleicht jetzt noch. Aber kannſt du dir denn nicht denken, 
daß es ſpäter noch viel, viel ſchöner wäre, einem andern 
zuliebe Braut zu jein? Das konnte ich mir nicht denken. 
Da fragte ſie nichts mehr. Sie küßte mich und ging fort. 
Heute iſt Jurii fortgereiſt. Er will nicht mehr hier 
ſtudieren. Ich ſtand gerade bei meinen vielen Schnee— 
glöckchentöpfchen, die ich im Februar unten in der Gärtnerei 
gepflanzt habe. Ich ſchnitt die aufgeblühten ab für Frau 
Römers Glas, damit ſie wieder gut ſein ſollte. Da kam 
Jurii in mein Zimmer. Er wollte die Blumen haben 
und einen Kuß. Er ſah ſo blaß und verweint aus. Ich 
gab ihm die Blumen. Und den Kuß gab ich ihm auch. 
So iſt es geweſen. Ruth.“ 


Klare-Bel hatte ihre Augen vom Leſenden abgewendet. 
Sein Geſicht verriet alles, was im Brief ſtand. Allzu 
deutlich verriet es, daß ſein Schreck umſonſt geweſen war. 

Erik in dieſer Abhängigkeit zu ſehen von dem, was 
Ruth that oder unterließ, — das war gräßlich. Das 
wollte ſie nicht ſehen. 

Sie hatte gemeint, das Schwerſte ſei über ſie ge— 
kommen: geſtern. Aber nicht, es zu wiſſen, war das 
Schwerſte, — nein, es mit wiſſenden Augen zu beob— 
achten, täglich, ſtündlich, es beſtätigt zu finden in ſolchen 
kleinen Vorgängen. Dieſes Lieben und Schwanken mit 
anzuſehen, — das war ſchwerer. Nicht nur ſchwerer, — 
unmöglich war es. 

Und dann, — wenn Ruth einen andern abwies, — 
dann liebte wohl auch ſie Erik. Und wenn ſie ihn liebte, 
— dann erſt war er für Bel verloren. Auf ſein Glück 
konnte er vielleicht verzichten — für Bel; auf Ruths Glück 


ze U 


nie. Nicht, wenn er fie wirklich liebte. Wo die ftärfere 
Liebe blüht, da wächſt auch das ſtärkere Pflichtgefühl: da 
ſorgt man nur noch um das Glück des andern. 

So empfand Klare-Bel. 

Am nächſten Tage fehlte ſie beim Morgenfrühſtück. 
Gonne hatte es ihr auf ihr Zimmer bringen müſſen. 

Erik ſuchte ſie ſofort auf. Er war ſchon in aller 
Frühe aufgeſtanden und hatte, nach mehreren vergeblichen 
Verſuchen, Ruth geſchrieben. Aber diesmal gelang es ihm 
ſchlecht, — ein gequälter Ton klang durch. 

Klare-Bel lag im Morgenrock auf ihrem früheren Ruhe: 
ſtuhl, eine Felldecke über den Knieen. Sie ſah nicht krank 
aus. Vielmehr klar und geſammelt. 

„Du biſt doch nicht leidend?“ fragte er dennoch, mit 
ehrlicher Sorge. 

„Ich bin nicht leidend, Erik. Aber ich mußte dich 
bei mir haben. Allein — ganz allein, — ohne Jonas.“ 

Und ſie umfaßte ſeine Hand mit ihren beiden Händen. 

„Um dich zu bitten: laß mich jetzt abreiſen! Jetzt 
ſchon. Es ſollte ja doch bald fein. Laß es jetzt fein!” 

Er ſchwieg einen Augenblick. Dieſe Bitte war beredt. 

„Wenn du es durchaus willſt, Bel. Dann ſoll es 
beeilt werden. Ich will alle Sorge dafür tragen. Ich 
bin jetzt gebunden. Aber Jonas ſoll dich hinbringen.“ 

„Ach nein, Erik! Laß mich allein hin. Nicht mit 
Jonas. Gonne genügt. Ich bitte dich ſo ſehr darum. 
Mit Jonas bin ich nicht allein. Er hat ſo feine Augen. 
Vor ihm will ich nicht —“ 

Sie brach ab; aber der einzige Stolz, den ſie beſaß, 
ihr Mutterſtolz, ſchrie in ihr: „Vor ihm will ich mich nicht 


in meiner Schwäche zeigen, in meinem Elend!“ 
Lou Andreas⸗Salomé, Ruth. 18 


u TE. 


„Nun gut. Auch das. Dann ſoll er dich nur bis 
über die Grenze bringen. Darauf beſtehe ich, Bel.“ 

„Ich danke dir. Und nun muß ich dir noch das 
andre ſagen, Erik.“ | 

„Was denn?“ 

Er ſchritt unruhig ein paarmal durchs Zimmer und 
lehnte ſich ans Fenſter. Sie ſprach ſo klar und ſo ruhig 
bewußt. Er kannte ſeine Bel vollkommen, — jede leiſeſte 
Regung in ihr kannte er, — und beeinflußte er. Und 
nun ging von ihrem Weſen ein ihm Unbekanntes, ihm 
Entrücktes aus, — etwas Fremdes. Er fühlte es, ohne 
es ſich noch erklären zu können, wie einen Druck auf die 
Nerven. Ein ganz ſeltſames Gefühl: als ſei noch ein 
Dritter im Zimmer. 

„Ich will es nur lieber ſchnell herausſagen, Erik. 
Das andre iſt, daß auch du verreiſen ſollſt, — ſo bald als 
möglich. Nicht erſt zum Sommer, um mich abzuholen. 
Bald, — eher, — in den Oſtertagen. Wo du zwei Wochen 
Zeit haſt. Um ſie wiederzuſehen. Um dich zu überzeugen, 
ob wohl auch ſie — —. Ganz gewiß, das mußt du thun. 
Denn ſonſt biſt du zeitlebens unglücklich, Erik. Und das 
— ſiehſt du — das könnt' ich ja nicht aushalten.“ 

Die Röte war ihm übers Geſicht geſchoſſen. Dunkel— 
rot bis über die Stirn. Er warf den Kopf zurück gegen 
das Fenſterglas. 

Das war es: eine neue Stütze beſaß ſie, die ſie ſelb— 
ſtändig gehen und handeln lehrte! Einen neuen Herrn: 
ſchon handelte ſie auf ſein Geheiß! 

Wie hatte er nur an Kampf denken können — mit 
Bel! Kampf? Nein, ausrauben, ausplündern wollte er 
ſie! Aber ſie ließ es nicht zu: ſie beſchenkte ihren Räuber, 


— 275 — 


— freiwillig, überreich beſchenkte ſie ihn: „Nimm, du Armer, 
vom Glück Abhängiger, — ich kann's entbehren, bin die 
Stärkere, — ich kann entſagen, — du — nicht.“ 

Und glühend brannte in ihm die Scham empor, — 
glühende Scham, — und Auflehnung als einzige Antwort: 
„Tauſendmal lieber ein Räuber als ein Beſchenkter!“ 

Klare⸗Bel ſah den Schweigenden, Wortloſen nicht an. 
So ganz ergriffen und benommen war ſie von dem Schweren, 
das ſie vorhatte, daß ihre Blicke ihn nicht ſuchten, nicht 
befragten, wie ſonſt wohl. 

„Heut nacht lag ich immer und dachte: wenn es anders 
möglich wäre! Aber das iſt es ja: es iſt nicht möglich. 
Du kannſt nicht aufhören, an ſie zu denken, und ich, — 
wie ſollte ich, — wie ſollte ich nicht anfangen, ſie zu haſſen? 
Und ſo verſündigen wir uns aneinander, Erik. Das ſoll 
nicht ſein. Es iſt immer alles ſchön geweſen zwiſchen uns. 
Es kann traurig werden, — ſterbenstraurig. Aber nicht 
häßlich. Das ſoll es nicht. Ich ertrüg's nicht.“ 

Ein halber Laut entfuhr ihm. Sie, — was wußte 
ſie wohl von „Haß“. Von Häßlichem. Nein, nichts! Es 
erfüllte ihn mit einem faſt andächtigen Staunen: in ihr 
wurden die Gedanken nicht häßlich, nicht bitter und un: 
gerecht, im Kampf und Zweifel, im Aufruhr und Schwanken 
der Seele. Sie dachte nichts Häßliches. 

„Und nun hab' ich auch verſtanden, — heut nacht, — 
warum ich geſund geworden bin,“ ſagte Bel leiſer, als er 
noch immer ſchwieg, „und warum wir doch deſſen nicht 
froh werden konnten. Nicht froh, obgleich ich auf meinen 
Füßen ſtehen und gehen konnte. Gott ſprach darin zu 
mir: ‚Geh!“ 

„Bel!“ ſtieß er gequält heraus. Dieſe religiöſe 


— 276 — 


Exaltation war ihm entſetzlich. Aber Klare-Bel ſagte 
ruhig, beinahe freundlich: „Ja, Erik. Und ich gehe. Gott 
ſelbſt wollte es ſo. Er wollte es. Aber Jonas mußt du 
mir ſpäter laſſen. Bei mir laſſen. Jonas gehört mir 
mehr als dir.“ 

Höchſtes und Alltägliches ging durcheinander. Erik 
fand: nun redete ſie von der Trennung und Scheidung 
wie von einem Hausumzug; „dies iſt mehr mein, — dies 
mehr dein.“ 

Er trat an ihr Bett. 

„Höre mich jetzt an, Bel. Du faſſeſt keinen Entſchluß 
— über nichts, — ehe ich jetzt zu dir geſprochen habe. 
Offen. Offener als bisher. Denn du weißt nicht alles.“ 

„Ach, Erik, — ſage nichts! Es iſt ſchrecklich, es zu 
hören! — Nichts, — nein! Nur eines — hätt' ich von 
dir erbeten!“ 

Er ergriff die Hände, die ſie gegen ihn vorſtreckte, 
und hielt ſie ſanft feſt. 

„Es muß ſein, Bel. Du mußt mich hören.“ 

„Warte noch. Bitte, nicht! Erik, — ſage mir nur 
haſt du — ihr ſchon geſchrieben?“ 

„Ja,“ verſetzte er erſtaunt. 

„Ich meine — den andern Brief?“ 

„Ja, — auch den andern.“ 

„Und du haſt ihn vernichtet. Nicht wahr, — das 
haſt du doch?“ 

In dieſem Augenblick wußte er es ſelbſt nicht. Un— 
willkürlich griff er an die Taſche ſeiner Joppe. Es 
kniſterte leiſe unter ſeinen Fingern. 

„Erik! — das iſt das Einzige, — was ich von dir 
erbitten wollte.“ 


erſt: 


— 277 — 


Seine Hand krampfte ſich zuſammen um das dünne, 
zerknitterte Papier, — wieder ſtieg eine Blutwelle ihm ins 
Geſicht, — wieder die Röte der Scham, einer feinen, empfind— 
lichen Scham. Nein, — nur das nicht! Das konnte er 
nicht! Vor Bels Augen das Innerſte, Geheimſte bloßlegen, 
— ſein Heiligſtes und ſein Unheiligſtes, — den Aufruhr 
der wildeſten Stunde, — die Andacht der ſtillſten —. 

Aber nur einen Augenblick lang zauderte er ſo. Sie 
hatte recht, — tauſendmal hatte ſie ein Recht darauf! Und 
was ſie daraus erfuhr, war, was ſie erfahren mußte, 
— ſich zu erfahren ſcheute. Und wenn es mehr war, als 
ſein Bekenntnis hätte ausſprechen können, — wenn er 
ſelbſt es war, mit allem, was in ihm tobte, gärte, ſchluchzte, 
kämpfte, — mit allem Häßlichen auch, und dem Aufſchrei 
nach Glück, — dann war es gut ſo. 

Vor ſeinen Worten ſcheute ſie ſich, — vor der end— 
gültigen Klarheit: und in dieſes Dunkel griff ſie ver— 
langend, — vermeſſen. Wer ergründet wohl einer Frauen: 
ſeele Furcht und Neugier! 

Er reichte ihr das zerdrückte Blatt, — zuſammen— 
geballt war es zu einer Kugel. 

„Du haſt es gewollt.“ f 

Dann verließ er ſie. 

Nebenan im Wohnzimmer ſtand der Frühſtückstiſch 
noch unabgeräumt. Jonas hatte vergeblich auf den Vater 
gewartet und zur Schule gehen müſſen. 

Erik blieb in der Mitte der Stube ſtehen und ſtarrte 
ins Leere. 

„Nicht entſagen!“ war ſein einziger deutlicher Gedanke. 
„Nicht entſagen! nicht in der Verſuchung des Mitleids, — 
nicht in der ſchlimmern: der Verſuchung der Scham.“ 


— 278 — 


Ihm war, als handle es ſich gar nicht um einen ein— 
zelnen Menſchen, noch weniger um ein Weib, — nein, 
um alles, was Menſch hieß, was ihm Menſch ſein konnte, 
— um alles, was er überhaupt berühren konnte, ſchaffend, 
wirkend, liebend, — um ſein eigenes Menſchſein. 

Es konzentrierte ſich alles in dieſen zwei kindlichen, 
gläubigen Augen, die auf ihn warteten und zu ihm empor— 
ſchauten. 

Entſagen hieß: in die Wüſte gehen, — nicht nur mit 
ſeiner Liebe, — auch mit ſeiner Thatkraft, — mit ſeiner 
Kraft überhaupt, — ins Unfruchtbare, in die tote Einſamkeit. 

Gab es eine Kraft auch für die Wüſte? Die in ſolcher 
Einſamkeit ſtandhielt? Ja, in ihr vielleicht erſt erſtand? 
Die nicht mehr eines andern bedurfte, um ſtark und 
ſchön zu bleiben, — keiner Augen, die da glaubten, und 
warteten, und an ſie appellierten? | 

Ja vielleicht! für Reflexionsmenſchen, die fich ſelber 
über die Schulter gucken, ſich in ſich ſelbſt beſpiegeln, — 
ſpottend oder genießend! Oder für Gefühlsmenſchen, die 
in ihren eigenen Erregungen ſentimental zu ſchwelgen und 
zu ſchwimmen wiſſen, — auch ſie ihr eigenes Publikum! 

Aber nicht für ſolche, die in ſich ſelber unteilbar eins 
ſind und daher auch hilflos in ſich ſelber, — wenn ſie 
ſich nicht dadurch helfen können, daß ſie handeln, aus ſich 
heraus wirken, — und ſich ſelbſt erkennen, wiedergeſpiegelt 
im Auge eines andern. 

Aber Bel? Warum konnte ſie entſagen? ſie, die 
weder in Reflexionen noch in Gefühlen ſchwelgte, ſie, die 
vielmehr naiv und nüchtern war und keineswegs ihr eigenes 
Publikum? Aber ſo ging es auch: mit dem großen ſug— 
gerierten Zuſchauer, — mit dem da oben, der alles ſah. 


— 279 — 


Auch ſie hatte ihren Spiegel, für den ſie ſich ſchön erhalten 
mußte, — das Gottesauge, den blauen Himmelsſpiegel! 

Ein ſchwacher Laut, wie ein Stammeln oder Stöhnen, 
drang aus Klare-Bels kleinem Nebengemach. Es war, 
als wolle ſie Erik in ſeinen bittern Gedanken unter— 
brechen, — widerlegen. 

Er trat zur offenen Thür. 

Bel hatte den Brief von ſich geworfen, weit van auf 
den unteren Rand der Felldecke. Sie lag da, das Antlitz 
glutrot, in den Händen vergraben. 

„Lieber Gott!“ betete ſie, „großer, barmherziger Gott, 
der du im Himmel biſt, und in die Herzen der Menſchen 
hineinſiehſt, nimm mir meine Liebe aus meinem Herzen!“ — 


Warwara war ſehr überraſcht, als ſie am nächſten 
Tage Erik auf der Straße traf und von der bereits jetzt 
bevorſtehenden Abreiſe ſeiner Frau hörte. Sie redete auf 
das lebhafteſte zu, noch eine einzige Woche zu warten und 
Klare-Bel dann mit ihr zuſammen hinausreiſen zu laſſen. 
Aber es fruchtete nichts. Schon den folgenden Morgen 
konnte ſie der Fortfahrenden, der ſie baldigen Beſuch im 
Bade verſprach, einen mächtigen Roſenſtrauß in das 
Waggonfenſter ſtecken. Warwara war außer Erik die 
einzige, die Mutter und Sohn das Geleit gab, und ſie 
fand, daß die Gatten ſich nicht ganz unbefangen gegen— 
einander verhielten. 

Nach Abfahrt des Zuges verabſchiedete Erik ſich nur 
kurz und haſtig von ihr. Sehr nachdenklich fuhr ſie nach 
Hauſe. 

Ihre klugen Gedanken mißverſtanden ihn vollkommen. 
Sie glaubte ihn eigentlich als Mann in ſeinem eigenen 


— 280 — 


Heim befriedigt, aber als Menſch in ſeinem Wirkungs— 
kreiſe unbefriedigt. Und wenn ſie, ſcherzend oder ernſt, 
von „Verſuchungen“ für ihn ſprach, ſo meinte ſie damit 
gelegentliche Verſuche, die hungernde Thatkraft durch 
Näſchereien und Tändeleien zu betäuben. War jetzt jo 
etwas im Spiel? Jetzt, wo Erik ſo völlig zurückgezogen 
lebte, — ſchon ſeit einem Jahr? Wo er ganz aus der 
glänzenden, leichtlebigen Welt der Geſellſchaft verſchwunden 
war, die ihn einſt feſſelte, und die er gefeſſelt hatte? War 
eine Frau im Spiel? — 

Wenige Tage ſpäter, an einem Sonntag vormittag, 
wollte Warwara eine notwendige Beſichtigung ihres Land— 
hauſes zum Anlaß nehmen, um bei Erik vorzuſprechen 
und zu erfahren, ob Jonas mit guten Nachrichten von der 
Grenze heimgekommen ſei. 

Beim Einſteigen in die erſte Klaſſe des finnländiſchen 
Zuges erſtaunte ſie darüber, ſich nicht allein zu finden. In 
der Ecke ihr gegenüber ſaß eine ganz junge Dame und blickte 
mit großen, erwartungsvollen Augen zum Fenſter hinaus. 

Warwara betrachtete ſie mit flüchtigem Intereſſe. 
Wie immer, fielen ihr zuerſt und hauptſächlich lauter ein— 
zelne Aeußerlichkeiten auf. 

Ein zarter, geſchmeidiger Wuchs; das eng anliegende 
dunkelblaue Tuchkleid mit offenem Jackenteil, auf tief— 
rotem engliſchen Flanell abgefüttert, zeigte nur hoch am 
Halſe einen kleinen weißen Linnenſtreifen. Ein ſchmaler 
Fuß guckte, in ungeduldiger Bewegung, unter dem Rock 
hervor. Aſchblondes Haar, von einer ſtarken Schildpatt— 
nadel im Knoten zuſammengehalten, drängte ſich um Stirn 
und Schläfen in feinem Gelock aus einem weichen Barett 
von dunkelblauem Sammet hervor. 


In Warwara ſtieg eine unbeſtimmte Erinnerung auf, 
ſie wußte nicht, an wen. Eine junge Engländerin? So 
eindringlich blickte ſie auf ihr Gegenüber, daß dasſelbe 
ſich ein wenig befremdet nach ihr umwandte. 

Ein paar Sekunden lang erwiderte das junge Mädchen 
feſt und forſchend ihren Blick. Dann grüßte ſie mit einem 
ſchwachen Lächeln. 

Das Lächeln half Warwara plötzlich auf die Spur. 

„Ruth!“ entfuhr es ihr. Sie verbeſſerte ſich ſofort, 
lachend: „Verzeihen Sie nur. Die Zudringlichkeit erſt 
und jetzt. Aber ich ſuchte und ſuchte, und was ich fand, 
war, was mir im Gedächtnis geblieben: Ihr Vorname.“ 

„Er genügt ja vollkommen,“ ſagte Ruth. „Ich nehme 
an, wir haben Einen Weg?“ 

„Nein!“ verſetzte Warwara mit raſchem Takt, denn 
ſie wollte nicht ſtören, „ich fahre nur zu einer Beſichti— 
gung meines reparaturbedürftigen Landhauſes hinaus. 
Aber unſre Freunde erwarten Sie?“ 

Ruth errötete und ſchüttelte den Kopf. 

„Nein; ich bin ſehr — ganz unerwartet von Heidelberg 
abgereiſt,“ entgegnete ſie mit auffallender Befangenheit. 

Warwara durckzuckte blitzähnlich ein Verdacht. „Das 
iſt fie, — die ‚Verſuchung“,“ dachte fie, „ſehr jung, aber 
ich argwöhnte ſchon damals hinter ihren geübten Formen: 
ſehr durchtrieben.“ 

„Da wird es Ihnen leid thun, eine Lücke zu finden,“ 
bemerkte ſie laut, „denn Sie wiſſen wohl noch gar nicht, 
daß Sie Klare-Bel nicht treffen? Sie iſt ſchon abgereiſt.“ 

„Nein!“ rief Ruth betroffen, „das konnte ich ja noch 
nicht wiſſen! Es hat doch keinen ſchlimmen Grund? Ja, 
das thut mir leid!“ 


Sie ſah ſo ehrlich aus mit ihren ungeduldig fragenden 
Augen, daß Warwara ſich ſchämte. „Sie wußte wirklich 
nichts davon; es war nicht verabredet; was bin ich für 
ein häßlicher Menſch!“ ſagte ſie ſich, und wandte ſich in 
herzlichem Tone zu Ruth: „Nein, kein ſchlimmer Grund. 
Klare:-Bel iſt jo geſund, wie man es nie hat erwarten 
dürfen, und nun geht es ſtetig bergauf. Im Anfang des 
Winters hat fie freilich noch viel aushalten müſſen. Ein: 
mal ſagte ſie zu mir in trübem Scherz: Erik muß mich mit 
Gewalt dazu zwingen, geſund werden zu wollen.“ Eine 
Operation hat er ſelbſt gemacht, weil die Aerzte es nicht 
wollten — ohne Betäubung. Der Mann hat Eiſen im 
Blut. Aber es hat ihn gehörig geſchüttelt. Ich hab' ihn 
ein paarmal geſehen: blaß wie ein Tuch.“ 

Ruth lauſchte ſtumm, ihre Hände verſchlangen ſich 
in ihrem Schoß, die Lippen öffneten ſich halb, die Augen 
ſagten immer nur: „Mehr!“ Als Warwara ſchwieg, 
atmete ſie tief auf. 

„Das ſchrieb er nicht, daß er ſelbſt, — — daß er 
ihr eigentlich ſelbſt die Geſundheit wiedergegeben hat. 
Aber ſo mußte es ſein! Er kann alles, was er will! 
Und das wollte er ſo aus voller Seele, daß ſie wieder 
geſund und glücklich ſein ſollte. Er hat dafür gelebt. 
Wie grenzenlos froh müſſen ſie jetzt ſein! Nun, wo er 
alles zum Guten geleitet hat! Nun, wo es iſt, wie er 
will: wo ſie glücklich iſt.“ 

Sie ſprach hingeriſſen; ihre Augen blitzten. 

Warwara betrachtete ſie nachdenklich. Sie kam ihr 
gar nicht mehr, wie damals, ſo formell abgeſchliffen 
und gewandt vor, ſondern im Gegenteil wie ein 
Weſen, an dem alles Beſeelung und nichts mehr Form 


— 283 — 


iſt. Eine Seele, bis zum Rande gefüllt mit Hingebung 
und Gläubigkeit, — — und Liebe? Dann konnte ſie nicht 
mit ſo kindlicher Unbefangenheit und Freude ſprechen. 
Keine Liebe? Dann konnte ſie nicht mit dieſem Blick 
und dieſem Ton ſprechen. 

Der Zug hielt. Sie ſtiegen aus. 

Warwara bequemte ſich dazu, eines der kleinen 
raſſelnden Fuhrwerke zu benutzen, die am Stationsgebäude 

bereit ſtanden, und deren Kutſcher ſie ſofort umſchrieen. 

Ruth hatte einen andern Weg. So trennten ſie ſich. 

Warwara ſah ſich im Fortfahren noch wiederholt 
nach ihr um. 

„Es iſt etwas an ihr, das nicht in das Leben ge— 
hört, — Poeſie. Poeſie im Konflikt mit dem Leben, — 
was ergibt das wohl?“ dachte ſie; — „es iſt, wie wenn 
man die erſte Seite eines Romans aufgeſchlagen hätte; 
— o pfui, nein! — oder: die letzte eines Märchens.“ 

Ruth ging langſam hin, zwiſchen den kahlen Birken 
am Wegrande; nicht in Haſt, ein paar Minuten früher 
anzukommen. Mit einem lauſchenden Geſichtsausdruck 
atmete ſie den Frühling um ſich her ein, als ob er in 
tauſend Blüten um ſie ſtände. Noch war er nicht da, 
man ſah ihn nicht, — und doch war er da, in der Luft, 
in alles erfüllender unſichtbarer Gegenwart. Man hörte 
ihn: in einzelnen feinen kleinen Singſtimmen ſang er von 
den blattloſen Zweigen. 

Der Himmel hatte ſich ſchwach bedeckt, die Sonne 
ſchien nur in verhaltenem Glanze nieder, — Ton, Licht, 
Farbe wirkten gedämpft, verhüllt, und wie eine Verheißung. 

Und nun ſtand Ruth am alten Lattenzaun mit der 
knarrenden Gitterpforte. Sie öffnete, durchſchritt den 


— 284 — 


Garten und ſtieg, zaudernd, leiſe, ein paar Stufen zur 
Terraſſe hinauf. 

Vorſichtig vornübergebeugt ſpähte ſie von der Seite 
her in das breite Fenſter des Wohnzimmers, ob jemand 
darin anweſend ſei. 

Der Tiſch war zum zweiten Frühſtück gedeckt; hinter 
den Tellern mit kaltem Fiſch und fleiſchgefülltem Gebäck 
dampfte der Samowar. 

Jonas ſaß allein am Kamin. Er hielt eine lange 
Bratengabel in der Hand, an deren Zinken ein Brot— 
ſcheibchen klebte, und ließ dasſelbe an der roten Holzglut 
röſten. Wie er ſo daſaß, einen Arm nachläſſig um die 
Stuhllehne geſchlungen, in wartender Haltung, den Kopf 
mit den etwas zu feſt geſchloſſenen Lippen hell vom 
Feuer beſtrahlt, erinnerte er ſtark an Erik. 

Das Scheibchen geriet zu nah an die Flammen; es 
glitt plötzlich von der Gabel und fiel hinein. 

Jonas ſah verdutzt aus. Er wandte ſich um, und 
ſpießte ein neues auf; diesmal gelang es beſſer. 

Dann ſpülte er einen Theetopf kunſtgerecht mit 
heißem Waſſer aus und machte einen Aufguß. Dabei 
kamen ſeine Finger ungeſchickt genug unter den geöffneten 
Hahn des Samowars, und ein ſiedender Strahl verbrühte 
ihm die Hand. 

Jonas machte den Mund weit auf und fing an auf 
einem Bein im Zimmer zu tanzen. 

Vom Fenſter erklang helles Gelächter. 

Er blieb ſtehen, wie wenn ein Blitz von der Zimmer— 
decke vor ihm niedergefahren wäre. Mit einem ungläu— 
bigen Ausdruck, als trauten ſie ſich ſelbſt nicht, richteten 
ſich ſeine Augen nach dem Fenſter. 


Er ſtreckte die Hände aus nach dem Bilde hinter 
der geſchloſſenen Scheibe, das ihn auslachte, und das wie 
Ruth ausſah; er wußte nicht, ob er Ruth träumte, oder 
ob er Ruth ſah. 

Aber im nächſten Augenblick ſchon hatte er das 
Fenſter aufgeriſſen, daß es dabei faſt in Splitter ſchlug, 
und heraus ſtreckten ſich die Hände nach dem lachenden 
Kopf und hielten ihn feſt. 

„Aber, Jonas! laß mich nur erſt zur Thür hinein— 
kommen!“ 

„Nein, — nicht!“ murmelte er, als könne ſie ihm 
doch noch wieder wie ein Traumbild plötzlich entſchwinden, 
„nicht abwenden, ich laß dich nicht! Zum Fenſter herein! 
Es muß gehen. Setz den Fuß auf die Rampe, — ganz 
feſt, — hörſt du? Ich hebe dich.“ 

Sie ſah ihn an: das da ſagte er nun ganz ſo 
wie Erik. 
| Das Klettern hatte fie noch nicht verlernt. Mit einem 

Satz ſtand ſie im Zimmer. 

Er ließ ſie los. Er trat zurück. Nun, wo ſie da 
vor ihm ſtand, nicht mehr hinter einer geſchloſſenen 
Scheibe, ſanken ihm die Arme. Eine grenzenloſe Be— 
fangenheit überkam ihn plötzlich. 

„Wie iſt es nur möglich, daß du da biſt, — von 
wo biſt du nur gekommen?“ Er ſtarrte ſie an, als ſei 
er überzeugt, daß fie vom Himmel gefallen ſei. 

„Mit dem Blitzzug. Geſtern abend. — Und — 
dein Papa?“ 

„Er müßte hier ſein. Aber jetzt vergißt er die Zeit. 
Stundenlange Gänge macht er, allein, — ſeit Mamas 
Abreiſe.“ 


286 — 


„O Jonas, — daß Mama geſund geworden iſt, — 
nicht wahr? Iſt es nicht wie ein Wunder, — immer noch?“ 

„Ja. Und jetzt werde ich auch Arzt. Weißt du es? 
Für den Fall, daß du ſpäter einmal krank wirſt.“ 

Sie hatte ſich an den Kamin geſetzt und betrachtete 
ihn mit freudigen, übermütigen Augen. 

„Hoffentlich werde ich ſpäter einmal krank. — — 
Wie iſt es dir nur ergangen, Jonas? Du ſchriebſt nie.“ 

Er ſah rot und verwirrt aus. 

„Nie? Mir? Ja, ich mußte doch, — ich dachte ja, 
— — Du! willſt du nicht eine Taſſe Thee haben?“ 

„Nein, danke,“ ſagte ſie lachend; „aber die Haupt— 
ſache iſt: bald kommſt du nach Heidelberg, nicht wahr? 
Wie herrlich, Jonas. Da ftudieren wir zuſammen.“ 


„Ja,“ verſetzte er tiefatmend, „— endlich: — bald! 
endlich! endlich zuſammen! Ja, — ſiehſt du: lang 
wär's ſo nicht mehr gegangen. — — Hab' gelebt wie 
im Grabe,“ fuhr er mit plötzlich ausbrechender Heftigkeit 
fort, „— muß in deiner Nähe ſein, Ruth. — Bei dir. 
Ja, — du! — ich liebe ja nur dich. Nur dich lieb' ich, 
— — nimm mir's nicht übel, — aber ich lieb' dich 


wirklich. Kann ja nichts, hab' nichts, bin nichts, — muß 
mich eben erſt durchbeißen, — aber bei dir ſein will ich 
wenigſtens, — jedem die Fauſt zeigen, der's auch will, — 
der dir nahe kommen will! Jedem! Hüten ſoll er ſich! 
Niederſchlagen jeden — —“ 

„Jonas! Du raſeſt!“ 

Sie war aufgeſprungen, blaß vor Schreck. 

Er kam zu ſich, verſuchte zu lächeln, einzulenken, — 
und plötzlich ſtürzte er vor ihr in die Kniee, das Geſicht 
in den Falten ihres Kleides. 


— 287 — 


„Ach, Ruth! ſei nicht böſe! Du weißt nicht, — es 
war ja ſo ſchrecklich für mich, — all die Zeit, — ſo 
ſtumm in mich hineingewürgt, alles. Sieh mich an, ſei 
nicht böſe! Nie wieder, — es kommt nie wieder, bis —. 
Ich weiß, — ich darf noch nicht. Aber einmal, — ein: 
mal mußt' ich, — ich wär' erſtickt ſonſt. Ach, liebe Ruth! 
Ich bin ja ſo grenzenlos unglücklich, bis — bis du mein 
— mein — geworden biſt!“ 

„Jonas!“ flüſterte ſie, „— Jonas, ich bitte dich, — 
ſteh auf, — laß mich los, — Du biſt wahnſinnig, Jonas! 
Das kann ja nicht —“ 

Er klammerte ſich an ihrem Tuchrock feſt, den ſie 
aus ſeinen Fingern löſen wollte, — er umklammerte 
ihre Hand, ihre Hüfte. 

„Es kann nicht?!“ ſchrie er faſt drohend, und als 
ſie ſich mit einer unerwarteten Bewegung freiwand, ver— 
grub er wie beſinnungslos ſeine Zähne in ihren Handrücken. 

Dunkel drang das Blut vor. 

Sie hatte den Kopf zurückgeworfen und ſchwieg. 

Er ſtand langſam auf, zur Beſinnung gekommen. 
Er küßte ihre Hand. 

„Verzeih mir!“ ſagte er leiſe und brach hilflos in 
Thränen aus, „Ruth! — haſt du mich denn gar nicht 
lieb? Nicht ein kleines bißchen? Was — was find wir 
uns denn? was — in Zukunft?“ 

Sie faßte ihn an beide Schultern; — angſtvoll 
und liebevoll ſah ſie ihm ins verſtörte Geſicht. 

„Jonas! Jetzt, — und in Zukunft, — und immer, — 
Geſchwiſter!“ 

Er nahm ihre Hände von ſeinen Schultern, ging 
langſam die wenigen Schritte bis zur Thür, öffnete ſie, — 

4 


— 288 — 


und ſtürzte hinaus, über die Terraſſe, die Stufen hinab, 
und verſchwand im Garten. N 

Totenſtill wurde es plötzlich im Hauſe. Nur die 
Funken kniſterten und lohten hell auf im Kamin. 

Ruth lehnte am Tiſch und blickte nieder auf die 
Blutstropfen auf ihrer Hand. Langſam errötete fie, 
immer tiefer, bis ihr das ganze Geſicht in Flammen ſtand. 

Was that ſie hier, — allein, — im Hauſe, — ein 
Eindringling, — der Jonas hinausgetrieben? 

Die Thür war weit offen geblieben. Als ſagte ſie: 
„Geh wieder!“ 

Ruth ſah ſich um. Nein, niemand ſagte es. Auch 
Klare-Bel nicht. Nur ihr großer Stuhl ſtand da, mit 
einem hohen Schemel davor, — leer. — — — 

Als kurze Zeit darauf Erik die Gartenpforte öffnete, 
ſaß in der Tiefe des Gartens, den die kahlen Bäume 
weithin überſchauen ließen, Ruth auf der Bank unter 
den überhängenden Birken. 

Erik blieb ſtehen, blickte ſchärfer hin, und kam langſam 
näher. Sie bewegte ſich nicht. Wie hingezaubert von 
ſeiner Sehnſucht, in den grauen Frühling hinein, ſo ſaß 
ſie da, — in unſichern Umriſſen, — dann immer lebens— 
wärmer, — immer beſeelter vor ſeinen Augen, kein blaſſes 
Gedankenbild mehr: Wirklichkeit. Weich hob der blonde 
Kopf ſich ab von den weißlichen Birkenſtämmen und dem 
Gehölz dahinter, das die Sonne matt durchdrang, in 
einem Schattenſpiel von roſigvioletten Farben. 

Ruth überfiel es wie eine Schwäche, lähmend, je näher 
Erik ihr kam, je näher die Wirklichkeit ſie umfing, die un— 
ſäglich erſehnte. „Zu Hauſe! jetzt erſt zu Hauſe!“ dachte ſie 
wie im Traum, und ihre Hände hoben ſich ihm entgegen. 


— 289 — 


Dieſes ſeltſam Stille, dieſes Unfähige zu jedem Aus— 
bruch, jeder lauten Bewegung, hielt auch Erik davon 
zurück, — als fürchte er zu verſcheuchen, was er endlich 
wieder ſo beredt, ſo wortlos beredt und überzeugend vor 
ſich ſah: Blick, Ausdruck, Gebärde. 

Ueber Ruths Kopf ſaß in der Birke ein Rotkehlchen, 
ſchaukelte ſich auf ſchwankendem Zweig und ſang hell. 

Wie Erik vor der Bank ſtand, flatterte es erſchrocken 
auf und flog davon. 

Er hatte Ruths Hände ergriffen, er hielt ſie feſt in 
den ſeinen, er zog ihre Hände feſt an ſich. 


„Lieb' — Liebling!“ murmelte er, den Blick auf 


ihrem Geſicht. 

„Ich, — — der Brief, — er machte mir angſt,“ 
ſagte ſie matt, „etwas Fremdes, — Zweifel war darin. 
Ich mußte fort.“ 

Er hörte nur ihre Stimme; er mußte ſie wieder hören. 

„Mit dem Rotkehlchen — hergeflogen?“ fragte er. 

Sie ſah ihn an, — etwas zaghaft, etwas ſchelmiſch: 
„Durchgebrannt,“ ſagte ſie. 

Er ſetzte ſich neben ſie, ohne ihre Hände aus den 
ſeinen zu laſſen. 

„Von Römers?!“ 

„Ich mußte. Sie ließen mich nicht. Römer half 
mir. Aber ſie — ſie blieb unerbittlich. Wie entſetzt 
war fie. Nur jetzt nicht!" ſagte ſie immer. Da brannte 
ich durch. Noch bei Nacht, — heimlich. Telegraphierte 
unterwegs. Ich mußte kommen. — Durfte ich?“ 

Sie fragte es ſchüchtern, um ſeine nachträgliche Er— 
laubnis bange, wie ein Kind. Vor Frau Römer hatte ſie 
bittend auf den Knieen gelegen, — aber das ſagte Ne uicht. 


Lou Andreas⸗Saloméèé, Ruth. 


* 


— 290 — 


Er nahm ihr das mützenartige Barett ab und ſtrich 
ihr das Haar aus dem Geſicht zurück. Ganz wiederſehen 
mußte er ſie. 


„Ob du durfteſt? — Heimkommen, — ja! Bei 
Tag und bei Nacht; heimlich und offen. Es war Zeit. 
Zwei Wochen ſpäter wäre ich gekommen — zu dir. 


Vergiß den Brief, — alle Briefe, — das Fremde, den 
Zweifel, — vergiß alles — alles. Sei nur bei mir.“ 

Ja, da war es: das Gefühl der Geborgenheit, ſüß, 
zwingend, Heimatsgefühl, — nein, mehr als nur das, 
noch etwas andres, — dieſes Unbedingte und Ausſchließ— 
liche, das keine Macht im Himmel und auf Erden ihr 
gab: nur er ganz allein. 

„Was haſt du an der Hand? verletzt? laß es mich 
ſehen,“ bemerkte er und wollte das Taſchentuch löſen. 
Sie zuckte zurück. „Thut es ſo weh?“ 

„Nein. Nichts. Bitte nicht,“ ſagte ſie haſtig, und 
ein Schatten glitt über ihr Glück. 

Erik ſtand auf. 

„Komm hinein. Komm, Liebling. Zu Hauſe biſt 
du erſt in meinem Zimmer, — im alten Lederſeſſel, — nicht 
wahr? Und hier iſt es noch zu kalt für dich, zu windig.“ 

Während ſie dem Hauſe zugingen, ſagte Ruth: 
„Unterwegs erfuhr ich durch einen Zufall von der be— 
ſchleunigten Badereiſe. Iſt es nicht ſchlimm, daß ſie 
noch in die Schulzeit fiel? nicht in die Ferien? Mir 
thut es ſo leid, daß ich nicht mehr rechtzeitig — —“ 

„Laß das,“ unterbrach er ſie halblaut, „— ich werde 
dir ſpäter alles erzählen, — ſpäter.“ 

Ruth wandte aufhorchend den Kopf nach ihm. Etwas, 
das ſie fremd berührte, klang aus ſeinem Ton. Es war 


r 


nur ein einzelner durchklingender Ton, aber er gehörte 
nicht zu Erik. Er ſelbſt kam ihr in dieſem Augenblick 
fremd vor. Er ſah unverändert aus, — wie vorhin, — 
bis auf den Blick. Der Blick war verändert, unſicher. 

Erik ließ ſie unbemerkt einen Schritt vorausgehen. 

Als ſie die Stufen zur Terraſſe hinaufſtieg, folgten 
ſeine Augen aufmerkſam jeder Bewegung ihrer Geſtalt. 
Sie war ziemlich ſtark gewachſen, gleichzeitig hatte ſich 
aber ihr Körper kräftiger, weiblicher entwickelt. Die dunkle 
Tuchkleidung zeichnete die feinen, weichen Formen ab. 

Daß Ruth ihr Haar aufgenommen trug, ſtörte ihn. 

„Der Knoten nimmt dich mir fort, — den duld' 
ich nicht,“ ſagte er beim Eintreten in den Flur, und ehe 
ſie es gewahr wurde, hatte er mit geſchicktem Griff die 
breite Schildpattnadel aus ihrem Haar gezogen. In dichten 
lockigen Wellen fiel es nieder bis zum Gürtel, wie einſt. 

„Ach nein, — nicht, — wo haben Sie die Nadel?“ 
fragte ſie verdutzt und griff nach dem Rücken. 

„In meiner Joppentaſche. — Aber wiederhole das noch 
einmal. Nun? „Sie? oder ‚Du? Im Brief ſtand ein— 
mal ‚Du‘. Nur einmal? Oder eigentlich — immer?“ 
fragte er leiſe. 

Sie errötete verwirrt. 

„Sie — — du — — ich —“ 

Die Hand noch in ihrem Haar, bog er ſanft, un— 
widerſtehlich ihren Kopf nach rückwärts, ſo daß ſie das 
ganze in Glut getauchte Geſicht zu ihm aufheben mußte. 
Sie ſchloß unwillkürlich, erſchauernd, die Augen und gab 
ſeiner Hand nach. 

Leidenſchaftlich, tiefernſt forſchten ſeine Blicke in ihren 
Zügen. 


— 292 — 


„Mein. Mein Fürſtenkind, meine Königin, “flüſterte er. 

Und er beugte ſich, und ſeine Lippen küßten den leiſe 
bebenden Mund. 

Ruth zuckte unmerklich. Er gab ſie ſofort frei, und 
öffnete die Thür zu ſeinem Arbeitszimmer. 

„Hier wartet dein alter Platz auf dich,“ ſagte er 
und ging dem Fenſter zu. Aber ſie war nicht gefolgt. 
Dem Fenſter gegenüber, am Ofen, blieb ſie ſtehn, den 
Kopf mit dem aufgelöſten Haar gegen die weißen Kacheln 
gelehnt, die Hände auf dem Rücken verſchränkt. Ganz 
verſonnen ſah ſie hinauf zur Zimmerdecke mit fragenden 
Augen und träumeriſchem Geſicht. 

„Was iſt dir?“ fragte er unruhig, „— Ruth! — 
was iſt dir?“ | 

Es drängte ihn, fie in die Arme zu ſchließen, — 
ſie wachzuküſſen: „Du liebſt mich, — du liebſt mich ja! 
Du weißt es noch nicht, aber ich weiß es für dich! Weiß 
es gewiß, — fühle es, ſehe es, daß ſie da iſt, — daß 
deine Liebe, die Liebe des Weibes, da iſt!“ 

Aber er ſchwieg. 

Ja, ſie war da, — und doch konnte er ſo nicht 
handeln, ſo nicht ſprechen, ohne ſie zu verſcheuchen. Sie 
war da, — wie das Rotkehlchen auf dem ſchaukelnden 
Zweig, das aufflog bei ſeinem Nahen. Sie war da, — 
aber greifen konnte er ſie nicht. 

Erik blickte einen Augenblick ſchweigend in den Garten 
hinaus, dann ſetzte er ſich in den alten Lederſeſſel am 
Fenſter. 

„Du biſt alſo doch nicht heimgekommen, Ruth,“ 
ſagte er, „nicht ganz zurückgekommen zu mir. Irgend 
etwas in dir verſchließt ſich vor mir, — will mich nicht 


— 293 — 


einlaſſen. Nicht bis in den geheimſten Winkel deiner 
Seele. Nicht in alles. Ich bin dir fremd geworden.“ 

Da löſte ſie ſich vom Ofen, ſie flog zu ihm, ſie glitt 
nieder zu ſeinen Knieen, — ganz blaß. 

„Ja!“ ſagte ſie außer ſich, „— fremd, — etwas 
Fremdes, — ich kann es nicht verſtehn und quäle mich.“ 

„Was iſt es? Sage es mir.“ 

„Ich kann nicht,“ murmelte ſie. 

„Doch, doch! Du kannſt. Mußt es wieder lernen, 
— zu ſprechen, oder auch nur zu ſtammeln, aus dem 
Innerſten heraus, — noch aus dem Unklarſten, Unver— 
ſtandenſten —. Es iſt nur Scheu. Ueberwinde ſie.“ 

„Es iſt, — im Kuß war es,“ ſagte ſie leiſe. 

„Hat es dich verletzt, — daß ich dich geküßt habe?“ 

„Mich?! verletzt? mich?! nein! — was liegt an mir?“ 

„— Für mich — alles, Ruth. — Aber warum quält 
es dich dann?“ 

Sie verbarg ihr Geſicht in ihren Händen. 

„— Weil, — es iſt dasſelbe, was im Brief war, nur 
in dieſem einen, — als ob er gar nicht von Ihnen kam, — 
und dann: wie ich von Ihrer Frau ſprach, im Garten, 
— und dann: im Kuß, — da fühlte ich es ganz deut— 
lich, das Fremde darin, und daß es — —“ 

„Daß es —?“ 

„Daß es nicht ſein ſoll,“ flüſterte Ruth, „weil es 
iſt, als ob Sie es nicht ſind. Ein Fremder. Ein 
Schlechterer.“ 

Er antwortete nicht. 

Wie ſie aufblickte, ſchüchtern, fragend, da hatte er 
die Augen geſchloſſen. 

Nach einer Pauſe ſagte er mit gedämpfter Stimme: 


* 


„Du täuſcheſt dich. Es iſt nichts Fremdes, — nichts 
Schlechtes. Ich bin es ſelbſt, — und in dir ſelbſt iſt 
es, — du erkennſt es nur nicht, — mit deinen Kinder— 
augen.“ 

Er ſtrich ihr über das Haar hin, und ſah hinweg 
über ſie, die, den Kopf unter ſeiner Hand gebeugt, er— 
wartungsvoll lauſchte. 

„Weißt du noch, — als du das erſte Mal hier warſt, — 
was wir da an dieſer Stelle miteinander ſprachen, und 
was ich dir verſprach? Ich wollte dich aus der Welt der 
Phantaſie, in der du träumteſt, in die Welt des wirk— 
lichen Lebens führen. Das iſt damals geſchehen, Ruth, 
und du biſt nicht das Kind mehr, das träumt, ſondern 
ein voll erwachender Menſch, der lebt, — lebt mit allen 
ſeinen jungen Kräften. Aber weißt du, wodurch das ge— 
lang? wodurch ich dich ſo in deinem ganzen Weſen habe 
beſtimmen und entwickeln können? Nur weil es einen 
einzigen Punkt gab, wohin ſich alle vertriebenen Traum— 
geiſter, alle verſtummten Märchen, alle Mächte der zaubern- 
den und dichtenden Phantaſie flüchteten. Dieſer Punkt 
war dein Verhältnis zu mir. Da ging dein Blick noch 
nicht auf die Wirklichkeit, ſondern, über jede Wirklichkeit 
weit hinaus, auf alles, was einem Kinderherzen anbetungs— 
würdig iſt. Da lebteſt und gehorchteſt du nicht einem 
Menſchen, ſondern einem über alle Menſchen empor: 


gehobenen Bilde, — in deinem Innern. Aber dieſe 
ganze Traumſchönheit, Ruth, in der dein Verhältnis zu 
mir noch ſteht, — ſie iſt dennoch nur eine glänzende, 


ſtrahlende Form, eine kindliche Umhüllung, — nicht das 
Weſentliche daran. In ihr ſchläft, wie in einem Märchen, 
die dir unbekannte Wirklichkeit und Menſchlichkeit und 


— 295 — 


wartet darauf, daß ſie erwachen darf. Erwachen aus dem 
Traum zum Leben, wie dein ganzes übriges Weſen.“ 

Er brach ab. 

Sie ſah aufmerkſam und ernſthaft auf, bemüht, 
ſeinen Worten genau zu folgen. 

„Deine ſchönen Märchengeſchichten,“ fuhr er nach 
einer kurzen Pauſe fort, „habe ich dir zerſchlagen müſſen, 
weil ſie dein volles Leben aufhielten. Das ſchmerzte nicht 
ſehr, denn die ſaßen ja nur in deinem Kopf. Wenn ich 
nun die Phantaſiewelt zerſtören muß, die mit deinem 
ganzen Herzen verwachſen iſt, — und dir Schmerz damit 
zufüge, — wirſt du dein Vertrauen behalten, Ruth, — 
deine Liebe — zu mir?“ 

Sie verſuchte aufzuſtehn, ein Gefühl der Angſt über— 
kam ſie plötzlich. Er hielt ſie zurück. 

„Höre mich, Ruth. Wenn ich dir nun ſagen würde: 
der Brief, daß der dir fremd klang, war, weil ich ſelbſt 
in Zweifel und Zwieſpalt und Angſt war; — daß ich 
dich küßte, war, weil ich nach Glück durſtig war und 
mein Glück länger nicht entbehren kann; — daß ich es 
nicht ertrug, dich von meiner Frau ſprechen zu hören, 
war, weil — ich keine Frau mehr habe, — weil ſie ſich 
von mir trennen wird.“ 

„Nein!“ ſagte Ruth atemlos, „das würd' ich nicht 
glauben. Nicht glauben, auch wenn Sie es mir — —. 
Nie und nimmer kann das ſein. Kann nicht. Denn ſie — 
ſie war ja ſo glücklich — bei Ihnen.“ 

„Sie?“ antwortete er ſchwer, „— ja, Ruth, — ſie 
war es wohl, — früher. Nicht ihretwegen muß es ſein. 
Meinetwegen. Deinetwegen.“ 

Ruth hatte ſich langſam erhoben. Auf ihrem Ge— 


— 296 — 


ſicht prägte ſich ein grenzenloſes Befremden aus, — 
Zweifel, Unglaube, ja, Entſetzen prägte ſich darauf aus. 
Ihr war, als müſſe ſie nach einem Entfernten, — nach 
Erik rufen, — ihn zu ihrer Hilfe rufen, vor einem Un— 
verſtandenen, Unbekannten. Aber er — er war es ja 
gerade, der da vor ihr ſtand —. 

Erik ſah den Wechſel in ihren Zügen, die Selbſt— 
beherrſchung verließ ihn. Er fühlte nur noch Angſt, — 
die Angſt, ſie zu verlieren. 

„Ruth!“ rief er, „verzeih, daß du vor mir gekniet 
haſt. Ich will es thun, vor dir. Nur ſei mein! Nicht 
nur mein Kind mehr, — du biſt kein Kind mehr, — ein 
Weib, — mein Weib!“ 

In dieſem Augenblick wurde die Thür vom Flur 
aus aufgeriſſen. Jonas erſchien auf der Schwelle. Er 
trat nicht ein. Er warf die Thür wieder ins Schloß. 
Man hörte ihn ſich entfernen. 

„Jonas!“ murmelte Ruth, halb bewußtlos, „— wir 
müſſen, — er hat gehört, — wir müſſen nach Jonas 
ſehen.“ 

Während ſie es ſagte, ertönte ein dumpfer Fall. 
Erik ſprang auf. Ruth war ſchon bei der Thür. Sie 
öffnete ſie. 

Im Flur lag Jonas am Boden, — lang hingeſtreckt. 
Mit dem Kopf war er im Fallen gegen den Mantelſtänder 
geſchlagen. Ueber ſeine linke Schläfe träufelte Blut. 

Ruth ſtieß die Mittelthür auf. Sie half Erik, ihn 
hineinzubringen in das anſtoßende Zimmer, auf ſein Bett. 
In den nächſten Minuten ſprachen ſie kein Wort. Sie 
waren ſtumm um ihn beſchäftigt. 

„Die Wunde iſt gering,“ ſagte Erik nach einer kurzen 


— — 
—— —u—d— - 


— 297 — 


Weile halblaut, — und dann, über ihn gebeugt: „Er 
kommt zu ſich.“ 

Ruth fuhr zuſammen. Sie trat vom Bett zurück; 
ihre Augen richteten ſich auf Jonas mit einem Ausdruck 
des Grauens, daß er ſie erkennen, — daß er ſie ſehen 
könnte. 

Sie machte Erik ein ſtummes Zeichen, und ging leiſe 
in ſein Arbeitszimmer zurück. 

Dort blieb ſie verwirrt ſtehn. 

Hier? Hier konnte ſie noch weniger bleiben. Wo 
denn? Nirgends konnte ſie bleiben, — nirgends. Im 
ganzen Hauſe nicht. Sie mußte alſo fort. Fort, ehe 
Erik kam. Fort, ehe Jonas kam. 

Und unwillkürlich wandte ſie ſich wieder der Thür 
zu, durch die ſie ſoeben aus dem Schlafzimmer einge— 
treten war. 

Nein, — wohin? Dorthin durfte ſie nicht! Ab— 
ſchiednehmen? von wem? Ohne Abſchied mußte ſie fort. 
Heimlich. Unbemerkt. — Für immer? 

Sie trat in den Flur hinaus, — wie hinaus⸗ 
getrieben von ihren eigenen verwirrten Gedanken. Dort 
blieb ſie von neuem zaudernd ſtehn. 

Auf dem Boden, wo Jonas mit dem Kopf hinge— 
ſchlagen war, ſah man ein paar kleine hellrote Flecke. 
Darüber, am Ständer, hing Eriks Mantel. 

Der weite, dunkle Reiſemantel, den er damals trug, — 
als fie fort ſollte, — und er heimkehrte, — und als fie 
ihm an die Bruſt fiel. — — 

Ruth ſtand und ſtarrte den Mantel an. Mit klopfen⸗ 
dem Herzen und verhaltenem Atem. 

Und plötzlich, da wachte es auf in ihr und riß alle 


— 298 — 


ihre Gedanken mit ſich fort, — wild, glühend, unerträg— 
lich, — das Trennungsweh. 

Mit den Händen faßte fie in den Mantel, fie ver— 
grub ihr Geſicht in ſeine loſen, weichen Falten, mit ge— 
ſchloſſenen Augen atmete ſie den ſchwachen Duft in ſich 
ein, der ſie an Erik erinnerte, mit bebenden Lippen küßte 
ſie den Saum. 

Damals, — wenn er ihr befohlen hätte, ihm zu folgen, 
wohin es ſei, wozu es ſei, — bis in den Tod, bis in 
das Verbrechen hinein, — hätte ſie es nicht blind gethan? 

Sie drückte die Zähne zuſammen; ſie ſtöhnte, und 
ihr war, als müßte ſie gleich laut ſchreien. ö 

O Gott, auch jetzt, — wenn er ihr befohlen hätte, 
ihm zu folgen, wohin es ſei, wozu es ſei, — ſie hätte es 
blind gethan! Blind gehorchend, — gegen allen Augen: 
ſchein, gegen alles eigene Wiſſen und Verſtehen! Mit ihr 
durfte er thun, was er wollte. Was ihr auch durch ihn 
geſchehen mochte, — was lag an ihr? Er aber mußte 
für ſie da oben bleiben, wo ſie ihn geſehen, — ſein Leben 
und ſein Haus mußten bleiben, was ſie geweſen, — an 
ihm lag Alles! 

War es ſonſt noch Erik? 

Sie ſah ihn vor ſich, wie in weiter Ferne, wie er 
im vergangenen Mai im Mittagsſonnenſchein daſtand, 
lichtüberſtrahlt, die kranke Frau in ſeinen ſtarken Armen. 
So hatte Ruth ihn zuerſt mit ihr geſehen, — ſo ihn ge— 
liebt und angebetet, daß ſelbſt das Mitleid darüber verflog. 
„Du allzuleichte Laſt!“ ſcherzte er, und Klare-Bel lachte 
dazu und ſchlang vertrauend die Hände um ſeinen Nacken. 

Aber nun — nun riß er ihr die Hände vom Nacken, 
und das glückliche vertrauende Lachen verſtummte, — und 


— 299 — 


ſie, die ſich an ihm feſtgehalten, ließ er fallen, — er 
öffnete die Arme und ließ ſie, die Hilfloſe, zu Boden 
fallen, — denn eine Laſt war ſie, eine allzuſchwere Laſt 
für ſeine Kraft. Frei haben mußte er die Arme, die 
ſich ausbreiteten nach Ruth. 


Ruth richtete ſich auf; ſie ſtrich das Haar aus ihrem 
Geſicht und ſchlich langſam zurück in Eriks Arbeits— 
ſtube. Auf dem Schreibtiſch lag ein Haufen weißer 
unbeſchriebener Blätter. Sie beugte ſich darüber und 
fing an zu ſchreiben. „Ich muß fortgehen!“ ſchrie es in 
ihr. Aber Eriks Bleiſtift formte die Buchſtaben ganz 
anders. So kam heraus: „Ich gehe nicht fort. Ich gehe 
und bleibe Ihr Kind.“ 

Sie blickte auf die zitternden Bleiſtiftſtriche nieder wie 
auf eine fremde Schrift. Das wollte ſie alſo thun? Ja, 
das wollte ſie. Er hatte ja heute geſagt, das alles ſei 
nur in ihrer Phantaſie geweſen, in ihrer Einbildung, daß 
ſie ſich als ſein Kind gefühlt habe, — ſo ganz als ſein 
Kind. Aber es konnte doch noch eine Wirklichkeit werden. 
Wenn ſie ſelbſt es verwirklichte. Es in ihrem ganzen 
künftigen Leben verwirklichte. Wenn ſie ganz das wurde, 
was er ſie gelehrt, was er mit ihr gewollt, als er ſie zu 
ſich nahm. Ein Stück von ihm, ein Werk von ihm. Sie 
hatte ja alles von ihm, — nur von ihm allein. Sie kannte 
alle ſeine Gedanken, alle ſeine beſten. Die ſollten lebendig 
werden, nicht nur geträumt: gelebt. Von ihr für ihn. 

Ruth nahm das Papier vom Schreibtiſch und legte 
es auf den Lehnſtuhl. 

Aber trotz dieſer kühnen Vorſätze war ihr gar nicht 


— 300 — 


kühn zu Mut, ſondern elend und hilflos. Sie hatte ein 
einziges namenloſes Verlangen: ſich auf den Boden zu 
werfen und zu weinen. Erik herbeizuweinen. 

Aber da vernahm ſie in ihrem Herzen ſeine Stimme, — 
ſeinen eindringlichen, kurz überredenden Ton: „Den eigenen 
Willen feſthalten! Haltung! Sich ſelbſt gehorchen, — 
hörſt du?“ 

Das war doch ſonderbar. Klarer, ſicherer, weſen— 
hafter denn je ſtand er ihr bei: Erik gegen Erik. 

Leiſe ſchlich ſie ſich aus dem Hauſe. 

Unten erſt, an der Gartenpforte, blieb ſie ſtehn und 
blickte zurück. 

Nein, dafür konnte er nichts, — Erik konnte nichts 
dafür, daß er anders war, und daß das Leben anders 
war, als ſie es ſich ausgedacht hatte. Im wirklichen 
Leben gab es nun einmal ihre Phantaſiegeſchichten gar 
nicht. Die mußte man erſt hinzuthun. 

Und hatte ſie alles das nicht nur geträumt, — das 
ganze verfloſſene Jahr? Wie ſie ſo daſtand im Sonnen— 
ſchein und Vogelgeſang, da mochte es ihr wohl ſcheinen, 
als ſei ſie zurückgekehrt zum vergangenen Mai, wo ſie 
bange und allein, arm und einſam, hier an der Pforte 
lehnte und in den Garten ſah. Damals meinte ſie: von 
hier ginge der Frühling aus, der ganze wunderſchöne, 
der draußen blühte. Und da träumte ſie ſich ein Märchen, 
das „allerſchönſte von allen“. 

Ja, das allerſchönſte von allen. 

So ſchön, daß ſie es nie wieder vergeſſen konnte. 
Nein, niemals. 

So ſchön, daß ſie es nie hergeben konnte für etwas 
andres, was ihr das Leben bot. Niemals. 


— 301 — 


So ſchön, daß es nichts mehr geben konnte, — im 
ganzen Leben nichts, — was ſie nicht immer daran meſſen, 
immer damit vergleichen, — und zu gering befinden würde. 


— — — — — — — — — — — — 


Ruth öffnete die knarrende Pforte und trat auf die 
Straße hinaus. Ohne es ſelbſt zu wiſſen, hob ſie ihre 
Hand und ſtrich leiſe, liebkoſend über die kahlen harten 
Fliederzweige hin, die den Zaun in dichtem Buſchwerk 
umwuchſen. 

Dann ging ſie, ohne ſich noch umzuwenden, mit ge— 
ſenktem Kopf den Landweg zwiſchen den Birken zurück 
zur Station, und ihr langes loſes Kinderhaar flatterte 
im Frühlingswinde. — 


= * 
* 


Erik ſtand noch bei Jonas am Bett. Jonas hatte 
die Augen aufgeſchlagen, den Vater neben ſich erblickt, 
war zuſammengezuckt und hatte von neuem die Augen 
geſchloſſen. Kein Wort fiel zwiſchen ihnen. 

Erik begriff nun den ganzen Zuſammenhang, begriff 
vieles, wofür ihm wohl eher das Verſtändnis hätte auf— 
gehen müſſen, wenn er Gedanken dafür übrig behalten 
hätte. Der atemloſe Fleiß von Jonas, ſeine Begierde 
nach Selbſtändigkeit, ſei es auch im engſten Leben, — 
dieſer Anſtrich von Philiſtroſität, dieſe Abkehr von aller 
fröhlichen Unbeſonnenheit und Thorheit wurden Erik jetzt 
verſtändlich. Nicht Mangel an Temperament, an Jugend— 
feuer war das geweſen, — ſondern eiſerne Ausdauer, 
Selbſtbeherrſchung. 

Kinderei oder nicht, — es lag Kraft darin. Er 
achtete ſeinen Jungen. 


Aber der — — achtete ihn nicht. 

Jetzt, in dieſer Stunde nicht. Ein ganz neues Ver— 
hältnis zu ſeinem Sohn, ein ganz neuer Kampf erwartete 
Erik jetzt, und er mußte nun ſeine volle Kraft zuſammen— 
nehmen, um darin zu ſiegen. 

Ein leiſes Knarren der Gartenpforte weckte ihn aus 
dieſen Gedanken. Bei dem kaum hörbaren Geräuſch durch— 
blitzte ihn ein plötzlicher Schreck. 

Er öffnete die Thür zu ſeinem Arbeitszimmer. Ruth 
war nicht darin. Er ging über den Flur in das Wohn— 
zimmer. Ruth war nicht da. 

Erik ſtieg in den Garten hinunter. Eine furchtbare 
Beklemmung drückte ihm die Bruſt zuſammen. 

„Ruth!“ rief er laut, und erkannte ſeine eigene 
Stimme nicht. 

Alles blieb ſtill. Es blieb ſtill, wie weit er auch 
hineinging, bis an die Bank vor dem Gehölz. 

Nur ein Rotkehlchen ſaß auf dem Birkenzweig über 
der Bank und ſang. 
| Es ließ ſich nicht einmal durch die Menſchenſchritte 

ſchrecken; ganz regungslos ſaß es da, mit erhobenem 
Köpfchen, ganz ſelbſtvergeſſen, — und ſang und ſang in 
den grauen Frühling hinein —. 


0 


Digitized by Google 


And Na R8 1895 c1 


een 


5 040 063 4 


STANFORD UNIVERSITY LIBRARIES 
CECIL H. GREEN LIBRARY 
STANFORD, CALIFORNIA 94305-6004 
8880 723-1493 


G50 
All books may be recalled after 7 days 
DATE DUE 
80 MAY 10 150 


A 


A 85 280 1 


ub e 


+ eh 


— — 


„ r * 

* — 0 . 
“vn 2 
rd — Dach I: 


* — — s . x + . rn 
> lat u 3,3 — „ Pe) wer a er 
— —. . A ⅛ : 2 ͤ — nn ie 
I — e - UL ee —Uä—ä—— EN Ba SZ Een a — — 
er en — Ba N — = —̃ ———— m be 
* 2 55 — 542 — — — 989932 — „p 2 „ 1 
* a. a en H)ꝛ-. l 22 et nn UT—— — 
1 er > k K 7 — En — — . — u a ri 
3 . n „„ 
NN 
— 8 
2 - r 
8 — 2 2 
A ö - — 
** „ * 
— 24 2 FR 22 * — 
Z — WERE — 
v— — un “wi 8 
. * 
- — — „ 88 1 
—— - ne Bass 
y-- — ne — 
— * . — — —ä—4ũä4 —— — 
— — —— - —— — — 
1 — 8 — 1 . . 2 f — el — — — — —— — rr 
DER ne R — u 4 Eu | u —— — —— ̃ —— — — — — 2 — en — — —ũ—— — 2 
r * — Hl — ee en —ͤ——— — —— uv — R N ce — — — = = —— — ̃ 
— e — — — = — gr. - — ͤ—y—-— — ——— — — — — — — — —— —— u —— ¶ — 
ne + er - > BU — — = — — — — — „ + en * Pr 122 Pr 2 = —— 
— — — dr we — fñ K L — —— — ů[D ů ¶ — — — — — ln N. -e 1 — ——— —— 
— Se * * * W ² 4 —2— — — — — — — — - — - 
u — — 2 — — „ — ne é⁵ ⁸ 2x ̃⅛ÜrN—2— — — — en — 7 * * —— — — — — u 
3 — — — r —— — . — un — — — * BO EN — — EEE — 
— er — 2 —3ub . — 1 . „ „ — en —— — — ——— — — — De — >, uch — 
— Duty > —— —— H— — 9543 . 8 — — — — — Mn — — — - - 
nn an — ——ů — · * — — 1 ²ĩ˙ͤ—————k k ĩ „ > I Ant De — — 
— Apr — — — —ͤ—'m — — 4 > Ar „%%% „„ 23 — — Ze 1 . w — . . 
3 — ee ae . — 2. ATE EEE — — . — Pam — 
2 — — m . A * ee —— — 2 — a — 4 au — 2 — —— 
———— — — — — ˙— rr under — (—ę— — 1 — . — — - 
— 1 — — — 2 augen —— . % . . — 2 — Pr 1 
2 ——ů— — —— —„—— —— ee — Zus 1 2 — A d — — — 
- » * 5 . — 4 — — - — 
— — 7 — — — * — — — — — — “ 2 
2 £ — — — — z 2 * - 
— — —— 33 — 22 — — er — 
3 — on —— ir — > — - ” 
u Pe — - . 1 - * « 
2 ut mr, — — a — — . 
— _ 5 une — — — — — — va: 999 8— > —— — — — — - 
ui . ae A — — — u. — - 7 *r 3 - — 
Be u — a ei R = a CD 7 5 - — r * * 
— * u ne. » — — 


— — 


— 1 82 we u * - — - 
. 4 r — 2 3 re ee 8 r —ͤ — —— ——ä4ö— ͥ 1 is 
ee A — — 1 * * 412 Bw * RT — 


* — 9869! —ͤ 
v— — —— — u 
2 —ů—ů— 222 Pine